Kopflos

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Mit den Kopf unter dem Arm, das Haupt streng in die Armbeuge geflochten, betritt man das Kämmerchen. Grüßt aus Brusthöhe hinüber, grüßt den Herrn seiner Sache, diesen Junker der Sachlage, tischt sein aufreizendstes Lächeln zum anderen Schreibtischufer hinüber. Man wird gebeten Platz zu nehmen, bekommt den unsanften Stuhl gewiesen, worauf man seinen abgetrennten Kopf zwischen beide Handflächen stemmt, um ihn in die gedeutete Richtung zu halten, um zu prüfen, wohin das Dorsale zu wenden ist. Tastend schiebt man sein zittriges Hinterteil auf das Möbel, mit dem Arsch befühlend, wo der Stoff sich von der Leere des Raumes scheidet. Man findet Halt, seufzt kurz darauf erleichtert unter dem Arm hervor, klebt an des Junkers Lippen, harrt dem behördlichen Ritus.

Woran man sei, wird man gefragt; kopflos sei man, gibt man zurück, müsse sein Haupt umhertragen wie eine speckige Aktentasche, hört man sich wie unterm Galgen spotten. Das sei nicht gemeint, wird erwidert, man meine eher die Situation, wie habe sie sich denn entwickelt. Sie ginge schleppend vonstatten, herumschleppend, sich schlapp schleppend. Die Lage, die Lage, schallt es ungeduldig aus dem behördlichen Äther, ob man fleißig Beschäftigung suche, Herrgottnochmal. Beschäftigt sei man, ausreichend und mit Elan, der Kopf beschäftige, man sei Kopfarbeiter. Unter der Achsel zwinkert es, erklärt, man wisse genau, was eigentlich gemeint war, rechtfertigt sich, dass man schon suche, immerhin verlange es das Gesetz, nur fände man keine Beschäftigung, nirgends, überall dasselbe Nichts. Einen, der mit seinen Kopf unter dem Arm reist, nehme man nicht unter Vertrag.

Mit dieser Einstellung fände man niemals Arbeit, da verbliebe man ewig im Leistungsvollzug. Das ist doch keine Einstellung! Kopflos hält man dagegen, man könne nichts dafür, es sei nicht die eigene Schuld, dass die Mitmenschen wenig Freude an Kopflosen entwickeln wollen. Außerdem hätte man mit vier zertrümmerte Fingern und einen zerschlagenen Oberschenkel zu kämpfen, die Funktion des Schließmuskels sei zudem am Unfallort abhanden gekommen. Ein Wunder sei es, dass man noch lebe, darüber sei sich sogar die Schulmedizin einig. Man wäre eigentlich tot, müßte tot sein, wenn nicht dies unerklärliche Wunder geschehen wäre. Aber das ist doch keine Einstellung!

Wunder hin oder her, wird erklärt, es sei nun an der Zeit, wieder ein geregeltes Leben zu ergreifen. Ein Bewerbungslehrgang könnte ein abermaliges Wunder bewirken. Es sei eindeutig, dass bewerbungsrelevante Mängel vorhanden seien. Dies sähe man auf einem Blick, man erkenne prompt, dass der Bewerber sich nicht auf Augenhöhe zu seinem möglichen Brotgeber stellen will. Eine Umkehrung des depressiven Zustands sei nun angebracht. Man müsse lernen seine Vorzüge hervorzuheben. Lernen, aus Nachteilen Gewinnsituationen zu schöpfen.

Man müsse endlich wieder lernen, dass vier ruinierte Finger auch bedeuten können, noch sechs gesunde Exemplare davon zu haben; lernen, dass es nur der abgängigen Schließmuskelfunktion in Tateinheit mit einer Windel zu verdanken sei, dass zeitaufreibende Toilettengänge während bezahlter Arbeitszeit hinfällig seien. Mag alles zutreffen, schallt es aus der Armbeuge hervor, mag ja alles sein, aber betritt man das Büro eines Personaldisponenten, Kopf in den Dunst schwitzigen Achselmilieus geklemmt, habe sich letztlich noch jede Bemühung zerschlagen. Dann heißt es, man sei für den Arbeitsmarkt nicht mehr tauglich, soll doch in den Krankenstand gehen. Jemand, der die Kraft besitzt, dauerhaft eine schauerliche Fratze durch die Gegend zu wuchten, maßregelt es von der anderen Schreibtischseite, der habe auch genug Kraft, einen Erwerb zu erwerben.

So kraftvoll fühle man sich allerdings gar nicht, gibt man zu bedenken. Eher müde, meist total erschlagen von der Last, außerdem habe man oft Kopfschmerzen, der Schmerz befände sich genau dort, genau unter dem Arm. Zerdepperte Finger machten die Situation nicht leichter, man wäre eigentlich ganz froh, nicht arbeiten zu müssen. Das ist doch keine Einstellung! Sowas wolle man im Kämmerchen nicht gehört haben, heißt es brüsk, schließlich sei Arbeitsbereitschaft ein wesentlicher Punkt der Fürsorge. Mit sechs gesunden Fingern könne man auch noch sechs leuchtende Knöpfchen bedienen, gleichwohl seien mindestens noch ein Bein und einige andere intakte Körperteile verwertbar, könnten Arbeit leisten und den Lebensunterhalt wenigstens teilweise sichern. Außerdem sei Gesundheit kein Kriterium, selbst aus siechen Hunden, sofern sie erstmal friedlich eingegangen sind, würde man ja Seife herstellen können.

Ratlos hockt man vor dem Junkertum, sich mit einem Handgriff die Büsche der Achselgegend und das Haupthaar kratzend, dabei nach Beteuerungen forschend, die die Aufrichtigkeit des Arbeitswillens unterstreichen, emphatisch herauskehren sollen. Auf dem Bau habe man gearbeitet, wirft man pflichtschuldigst als Antwort in den Ring. Man traue es sich nicht mehr so richtig zu, sei aber arbeitswillig und werde deshalb keine Sperenzchen machen. Für die Zukunft verspreche man, neben dem Kopf auch noch die Füße in die Hände zu nehmen, um allerlei Baustellen abzuklappern. Man beteuert scheu, wenn man sich was in den Kopf setze, könne man es auch erreichen. Der behördliche Lautsprecher quietscht, kratzt, wiehert, was als Zufriedenheit gedeutet werden kann. Wenn man auch keine Leitern mehr emporsteigen kann, quietscht es hervor, am Erdgeschoss könne man sicher noch restnutzend verwertet werden, man brauche dort sicherlich jedes gesunde Fingerglied, jedes Fitzelchen gesunde Körperzelle.

Man rätselt, weshalb man dem Junker bis heute noch keine Gliedmaßen entrissen hat, könnte er doch auch mit weniger Firlefanz gleichen Dienst tun; man fragt sich verhohlen, weshalb dessen Beine noch anschlüssig, dessen Arme noch als Paar auftreten. Des Herrn Körper ist ein geradezu verschwenderischer Apparat, für jene Beschäftigung reichte auch die halbe Funktionalität, ein beträchtliches Weniger an organischem Plunder. Säbelte man mit einem Hieb dessen Schädel vom Rumpf, ersetzte man die Birne durch eine klaffende, tief hinabreichende Halswunde, man dürfte sich sicher wähnen, die behördliche Beschäftigung würde nach wie vor zur vollsten Zufriedenheit erfüllt. Man sitzt dem Verschwender gegenüber, presst sein Haupt gegen die Flanke, malt sich aus, wie eine zweckdienlichere Variante Dienst im Kämmerchen tun könnte. Würden es nicht auch weniger körperliche Extremitäten tun? Man malt sich aus, wie ein bloßer Rumpf auf dem pompösen Thron sitzt, aus dessen rechter Seite ein dürres Ärmchen erwächst, worauf wiederum ein mageres Händchen sprießt, aus dessen Ende zwei dreigliedrige und zwei zweigliedrige Fingerstummel hervorkriechen. Ein Kopf läge zu Füßen, dort wo die Füße stattfänden, wenn nicht Rationalisierung Gebot des Moments wäre, lägen also zu verlorengegangenen Füßen in einem Schuhkarton, darin von Wange zu Wange kugelnd, hin und her wippend, jedoch fähig des Sprechens, um sein besserwisserisches Geistessekret abzusondern. Augen hätte jenes Haupt nicht, wären sie doch pure Verschwendung, Luxus den sich die Evolution nie leisten konnte, zumal sich doch auch mit dem beschriebenen kärglichen Aufwand der Dienst an der Sache tun ließe.

Im hysterischen Tagtraum malt man sich diesen Typus aus, baut ihn sich langsam vor dem geistigen Auge in die Höhe, will mit der Flamme des heiligen Rationalisierungsgeistes entzündet werden, erhebt sich, platziert den Kopf auf dem Schreibtisch, dreht ihn mit Blick zum Junker, nimmt den perplexen Blick des Gegenüber wahr, kramt ein antiquiertes Taschenmesser aus der Hosentasche, steht einen Augenblick neben sich, sieht sich aus der Lage des Zuschauers zum Angriff bereit, wirft sich auf den Kerl, rammt die rostige Klinge in den Hals, zieht sie gleich einem Dosenöffner rundherum, zerreißt Haut, Fleisch, Adern, trennt fetzenhaft das Fleisch vom Fleische, reißt Glieder heraus, pflückt kurz gesagt den Korpus gesund, rationalisiert ihn durch, macht ihn schlanker, wendiger, effizienter und bemerkt erst spät, zu spät, dass man selbst einem Wunder das Leben in zwei Stücken verdankte, überlebt hat, wo andere bereits gestorben wären. Gestorben wie jener Herr im Kämmerchen, zerrissen, zerschnitten, zerfleddert wie eine Götterspeise in der Waschmaschine.

Man flüchtet stolpernd vom Hort der vielen Kämmerchen, wird noch auf dem Heimweg aufgegabelt, festgehalten, fixiert, um den losen Kopf erleichtert, der im Kofferraum des grünen Taxis landet, wird verhört, ausgequetscht, nach Motiven durchleuchtet. Man weiht die Grünjacken in die hohe Schule der Rationalisierung ein, macht schrittweise klar, dass jede halbwegs gesunde Körperzelle noch Arbeit leisten kann, verschwindet dann mitsamt Kopf in einer dunklen Zelle. Die Zellenwärter treten vor die Kamera, legen dar, dass wieder einmal einer den Kopf verloren hat, in seinem Wahn lynchte, kopflos flüchtete, in Gewahrsam zusammenhanglose Geschichten feilbot. Man wird erklären, dass jener nur einer von vielen sei, einer von vielen Kopflosen, einer von vielen bald kopflos Gewordenen, die sich anders als durch unkalkulierten Wahn nicht mehr zu helfen wissen. Man wird nicht berichten, dass der kopflose Wahn am anderen Ufer der Schreibtische seinen Anfang nahm, dass das Kopflose in den fest verankerten Köpfen seinen Beginn erlebte.

13 Kommentare:

Gordon 29. Oktober 2009 um 00:52  

Ich befürchte, dass Frau Müller ihren soeben erst erworbenen Nobelpreis an Sie, Roberto, abtreten muss. Toller Text, auch wenn man ob dieser Sprachgewalt schon fast Angst bekommen könnte.

Kassandra 29. Oktober 2009 um 09:22  

EinE KönigIn rechtfertigt sich nicht. Niemals.

Tut er/ sie es dennoch, liefert er seelisch-gierigen - weil angstvollen-, aber aus verschiedensten objektiven und subjektiven Gründen ausgelaugten Vampiren die Energie zum leben.

Wie machen es denn so manche unserer Politiker vor Untersuchungsausschüssen?

Anonym 29. Oktober 2009 um 11:00  

Woher kennst du meine Lebensgeschichte Roberto? Durch die staatliche gesundheitsfürsorgene 30jährige Vergiftung meines Körpers und die dadurch auch bedingte häufige und langjährige Arbeitslosigkeit, traue ich mich nicht mehr in das Arbeitsamt, nachdem ich kaum noch meinen drang unterdrücken konnte das junge dumme rhetorisch geschulte Mädchen aus dem Fenster zu schmeißen. Nun bin ich 45 habe mittelschwere Depressionen und will einfach nicht mehr leben in dieser solchen Gesellschaft. Ich suche seit Jahren nach einem Ausweg und finde einfach keinen.
Ich vergleiche diese Zeit mit den des dritten Reiches! Es ist einfach Menschenverachtend was heute wieder geschieht. Hätte es die Deportation und Menschenvernichtung damals nicht gegeben wäre heute der Zeitpunkt dafür gegeben. Einzig dies Erinnerung hält die da oben noch zurück.
A.

Anonym 29. Oktober 2009 um 11:35  

@A

Es ist traurig, aber leider wirklich so, die Zustände heute erinnern immer mehr an einen totalitären Staat. Nicht nur an die Nazis, die für Neoliberale ja heute wir sind, weil wir für den Wohlfahrtsstaat, und gegen Hartz IV, eintreten. Diese orwellsche Sprachverhunzung mußten damals - lt. dem jüdischen Sprachforscher Victor Klemperer - nur die Juden erleben. Heute trifft es, was genauso schlimm ist, alle.

Ich denke mal so etwas wie Auschwitz gibt es für Arbeitslose nicht - Wie du schreibst, die Erfahrung haben wir bereits hinter uns.

International sieht man ja übrigens, dass die heutigen Rechtsextremisten keinen Völkermord mehr benötigen, oder eine Einsperrung von Oppositionellen wie uns - z.B. in Italien. Da ist die Presse mittlerweile so von Berlusconi abhängig, dass die Menschen sich freiwillig "auf Linie" trimmen lassen.

Ich seh auch schon für Deutschland eine solche Berlusconisierung voraus, nicht allein für Arbeitslose und andere "Unterschichtler".

Der Neoliberalismus ist schizophren, denn einerseits verspricht er "Freiheit" für alle aus der Ober- und Mittelklasse, aber die Normalbürger und Unterschichten leben in einem quasi totalitären Staat.

Da unsere Medien diese Tatsache aber weitgehend ignorieren, dass schon mit Bevormundung erwachsener Menschen die Vorstufe zum Faschismus erreicht ist, kommen die eben damit durch - die selbsternannten "Eliten", und zwar ganz ohne über KZs und andere Lager entscheiden zu müssen.

Die heutigen Rechtsextremisten sind eben schlauer als die Dumpfbacken von damals, und haben aus deren Fehlern gelernt.

Die Gegner dieser Faschisten müssen das selbe tun....

...meine ich....

Fängt schon damit an, dass wir entlarven müssen was die unter Nazis verstehen....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

landbewohner 29. Oktober 2009 um 12:38  

ja lieber nds leser, denke mal,seh das genauso wie du. und interessant ist auchdas, was ein gewisser werner bräuner, der nun leider getan, was robert so angedacht hat, dazui so sagt.
http://www.labournet.de/diskussion/arbeit/aktionen/braeuner.htmlich

Anonym 29. Oktober 2009 um 12:47  

Carl Amery hat dieses schon vor über zehn Jahren erkannt. Nachzulesen in "Hitler als Vorläufer".

Anonym 29. Oktober 2009 um 14:46  

@Landbewohner

Ja, der Fall spricht Bände über unsere asoziale Gesellschaftsordnung, die ja nun - zynisch gesehen - dank CDU/CSU/FDP noch asozialer wird.

Und wer gegen diese Parteien, und die neoliberale Opposition aus SPD/GRÜNEN votiert, der ist eben ein Nazi - Man erinnere sich an die Vorwürfe an Lafontaine und Gysi in diese Richtung, die Bände sprechen - über diese neoliberale Strategie der Ausgrenzung, und der Ablenkung, dass der wahre Rechtsfaschismus bei Neoliberalen zu finden ist. Nicht allein in Deutschland, sondern weltweit.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 29. Oktober 2009 um 14:48  

"[...]Carl Amery hat dieses schon vor über zehn Jahren erkannt. Nachzulesen in "Hitler als Vorläufer".[...]"

Ich kenne das Buch auch sehr gut, aber Carl Amery hat leider nicht erkannt wie Neusprech funktioniert, oder das Verdrehen von Tatsachen (siehe mein Dauerhinweis auf die Strategie der Neoliberalen alle Kritiker, und Wohlfahrtsstaatbefürworter - auch international - als Nazis zu bezeichnen).

Die echten Nazis, die es leider wieder in .de gibt lachen sich über diese Strategie, die ihnen zuarbeitet ins Fäustchen - kann man auch nicht oft genug erwähnen.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 29. Oktober 2009 um 18:30  

Das Gedicht über die RAV-"Beratungs"-Sitzungen hat mich sehr berührt ("Gedicht" schreibe ich, weil es mich irgendwie an Ingeborg Bachmann erinnert, sie hat auch fast immer Gedichte geschrieben, unabhängig von Form und Textlänge).
Aber als Direktbetroffener (nach einer schweren Hirnblutung deklarierte ich mich damals selbstbewusst zu 30% arbeitsfähig als geistig behinderter Software-Entwickler und musste prompt die üblichen 12 Bewerbungen pro Monat belegen - haha, die RAV-BeraterInnen glaubten tatsächlich, die "strategischen" HR-Abteilungen würden *nicht* aus Prinzip keine Behinderten anstellen, auch *vor* der Wirtschaftskrise), als jetzt 50% produktiver Hirnverletzter treibt mich die sehr körperbetonte Sprache fast in den Wahnsinn, daher möchte ich an dieser Stelle ein Gedicht loswerden, das ich vor gut zwei Jahren (damals 100% arbeitsunfähig) an einem heissen Sommernachmittag geschrieben hatte.
Niemand sieht uns an, was wir durchgemacht haben und immer noch durchmachen, manchmal wünschten wir uns, uns würden Hände und Füsse fehlen, dann sähen die Leute wenigstens, wie es uns geht.
Eine Quelle dieser übermenschlichen Kraftanstrengung, mit der ich mich wieder arbeitsfähig gemacht habe, ist die nackte Ansgt, wieder diesen Reha-Psycho-BetreuerInnen mit Leib und Seele ausgeliefert zu sein - zur Illustration: Als die Absetzung der mir ohne mein Wissen verabreichten Antidepressiva bewilligt wurde, hörten endlich diese Scheiss-Depresssionen auf: ich ging (verbotene weit) spazieren, und als ob ich ein zweites mal mit Kiffen begonnen hätte, hörte ich die Vögelein, roch das Gras, spürte die Fliegen, die mich umschwirrten, war ich plötzlich glücklich...



Der Glaspalast

Grell blendet die Sonne,
messerscharf zerschneiden ihre Strahlen
die sensible Konstuktion meines Gedankengebäudes,
gewachsen wie eine schöne Pflanze in meinem Kopf,
eine Pflanze, geblasen aus glühendem Glas,
schwimmend im heissen Blutmeer des Gehirns.

Ich schliesse die Augen,
versuche zu schützen das Glashaus,
das taumelt in den Wogen.
Es klirrt das haarfeine Gebälk,
es brechen Streben, fliegen Splitter,
eine Spitze sticht mir in die pulsierenden Adern.

Die Sonnenstrahlen zerschneiden die Augenlider,
ich wehre mich mit den Armen,
halte sie vors Gesicht.
Doch sie schützen nur wenig
vor den gleissend scharfen Strahlen,
die mir schneiden ins warme Fleisch.

Eine Scherbe fällt auf den Boden,
glitzernd schaut sie mir ins Gesicht.
Ich hebe sie auf und drehe sie mit den Fingern,
sehe ein Auge, mein Auge ist es, nicht das Sonnenauge,
das verwundert mich anschaut aus dem Spiegelsplitter.
Ich wende das Auge, halte es gegen die Sonne,
schiesse zurück den Sonnenstrahl mit mächtiger Kraft,
die ich leicht wie einen flatternden Schmetterling
halte zwischen den Fingern.

Der Himmel verfinstert sich plötzlich.
Höher als Berge türmt sich die Gewitterwolke,
dunnkel rumpelt der Donner im Himmelsgebälk.
Hell klingelt die Glaskonstruktion in meinem Kopf,
wie Weihnachtsschmuck am Tannenbaum.

Da schiesst ein Blitz vor meine Füsse,
der Knall wirft mich auf den Rücken in die Dunkelheit.
Zur Ruhe kommt der Glasplast endlich,
ich liege ruhig, fast schlafend
und sehe, träumend, klar wie noch nie.

maguscarolus 29. Oktober 2009 um 18:34  

@nds-Leser

wirklich lässt sich die Methode der sprachlichen Umwertung, die V.Klemperer mit seinen Anmerkungen zur LTI entlarvt, ganz gut auch in der heutigen neoliberalen "Amtssprache" der Meinungsmacher wiederfinden.

Erstaunlich, dass man sich da "alter Instrumente" bedient, wo doch sonst alles gar nicht reformiert genug sein kann.

Anonym 29. Oktober 2009 um 21:08  

"[...]Erstaunlich, dass man sich da "alter Instrumente" bedient, wo doch sonst alles gar nicht reformiert genug sein kann.
[...]"

Es ist ja nicht direkt Victor Klemperers "LTI" - Dies bezog sich, wie "LTI" sagt auf die Sprache der Nazis, aber die neoliberale Sprachumwandlung ist durchaus vergleichbar - Albrecht Müller, Autor von "Meinungsmache" und Gestalter von Nachdenkseiten, vergleicht die sogar mit George Orwells "1984"s Newspeech.

Es ist wohl eine Ironie der Geschichte, dass die Sprache immer wieder zur Tarnung von Menschenfeindlichkeit herhalten muß?

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 1. November 2009 um 23:05  

Werter Herr de Lapuente,
Sie machen Kafka Konkurenz - und das sehr lesenswert. Danke für Ihre Texte !

Hans

flavo 3. November 2009 um 08:05  

Danke für den Beitrag zur Differenzierung. Der Neoliberalismus mag zwar Unmengen an Euphemismen verwenden, aber die Möglichkeit dazu gewinnt u.a. durch notorische Undifferenziertheit, der nicht auf den Leim zu gehen wir Wohl oder Übel alle Acht geben müssen.
Mit Undifferenziertheit hat man von vorn herein schon nur mehr die halbe Ideologiearbeit zu leisten. Punkt eins einer Ideologie, nämlich ein halbwegs abgeschlossenes Weltbild zu vertreiben, wird hierdurch stark erleichtert. Die Gewöhnung daran zeitigt ihre Folgen: die Zurückwendungsvollzüge auf das Erlebte und Erfahrene (Reflexion) treiben in ein flaches Einerlei, ein Puzzle von Welt erscheint vor einem, das sich nicht auflösen läßt, weil man nicht dahinter kommt, dass es ein 3D-Puzzle ist. Damti kommt der zweite Punkt der Ideologiearbeit zur Befriedigung: die Vertuschung der Interessengebundenheit der ideologischen Erklärung/Leitung der Welt. Die durch die verbreitete Undifferenziertheit schwach entwickelte Zurückwendungsfähigkeit greift bei allen ihren zitternden Versuchen jedesmal in die Mausefalle und landet beim status quo als Ergebnis der Prüfung. Stolz sind die Sachzwänge dann wirklich Sachzwänge. Mit einem Kichern, einem stolzen Beleg für die gerade geleistete Durchschauung der Welt, wird ihr status quo besiegelt. Der zur freien Entnahme verfügbare ideologisierte Stolz stellt sich nach erbrachter Erkenntnisleistung ein. Die Undifferenziertheit hat gestochen. Schmerzvoll seufzt die Differenziertheit und schlummert hinter einem Schleier, wartet auf eine Berührung, auf einen lichten Geist. Sie hätte Hoffnung zu verschenken.

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