Der totalitäre Typus

Freitag, 23. Oktober 2009

Nun noch die Zwiebeln. Schneidest du sie mir bitte in kleine Würfel? Mir wäre es ganz recht, wenn du das übernimmst, zumal du eh erkältet bist, dir ohnehin schon die Augen laufen.
Achso, meine laufen sowieso. Wäre es nicht angebracht gewesen, meinen Augen Ruhe zu gönnen, weil sie ohnehin tränen, weil meine Nasenflügel nicht unter noch mehr Sturzbächen erodieren sollten? Das wäre jedenfalls kollegialer gewesen, menschlicher, fürsorglicher.
Nimm es nicht persönlich, ich habe nur rational abgewogen, habe mir vorher schon Gedanken gemacht, wie es wohl am zweckdienlichsten zu bewerkstelligen sei. Und schau, deine Augen tränen, dem Katarr sei Dank, doch ohnedies; meine sind noch gut zu gebrauchen. Warum beide Augenpaare schwächen, wenn wir mit einem schwachen Paar auskommen können?
Analytisches Denken! Das habe ich ja besonders gerne. Und darüber das Menschliche vergessen, zum Nebenfaktor machen! Weil du jeden Energieschub, jeden Impuls in deinem Schädel der ratio überstellst, vergisst du darüber, dass deine Brüterei nicht im sterilen und abstrakten Idyll des Abwägens stattfindet, sondern im Fleisch und Blut, hauteng an deinen Mitmenschen.
Es schadet nicht, sich seine Welt zu abstrahieren, sie ein klein wenig zu generalisieren, damit das Begreifen und Verstehen innerhalb dieser Realität planbar wird, damit man Schlüsse ziehen, Entscheidungen ableiten kann. Wie sonst, außer in den Räumen der abstrakten ratio, dem Idyll, wie du es nennst, soll man die Welt denn sonst erfassen?
Immer wenn mir jemand mit so einem kühlen Weltbild die Aufwartung macht, ahne ich dahinter Feigheit. Nämlich die Feigheit, mir nicht offen und ehrlich erklären zu wollen, dass man keine Lust hat Zwiebeln zu schälen, sie zu würfeln. Da kramt man dann mutlose Analysen hervor, erzählt was von sachlicher Vernunftmäßigkeit, nur damit die eigene Abneigung ein scheinbar vernünftiges Postament erhält. Sag' doch einfach, dass du das Arbeiten an der Zwiebeln hasst. Aber verschone mich mit deiner halbgaren Vernünftelei.
Und du geh' mir weg mit dieser Romantik vom Mitmenschen, an der ich mich zu orientieren hätte. Außerdem ist es nicht Lustlosigkeit, die mich von der Zwiebel abhält, sondern Kalkül, wie ich dir ja schon eben erklärt habe. Aufgaben sind dazu da, dass sie erledigt werden, ob es einem gefällt oder nicht, hat für die Bewertung der Situation keine Folgen. Wenn dir jemand seine Vorlieben und Abneigungen derart brühwarm unter den Schnabel reiben würde, fändest du das nicht unpassend? Also wenn mir jemand das Würfeln von Zwiebeln mit der Begründung überließe, seine Augen wären ihm zu schade: ich würde das als Angriff begreifen, als Respektlosigkeit an meiner Person.
Aber ich nicht, denn ich kalkuliere nicht so wie du es tust. Ich denke, fühle, empfinde, natürlich ziehe ich auch da und dort meinen Geist heran, aber er dominiert mich nicht. Wenn mir jemand erklärte, er möchte sich einer unliebsamen Aufgabe entziehen, einfach, weil sie ihm unangenehm ist, dann freut mich das vielleicht nicht, aber es ist ehrlich und respektabel, hat was von Freiheit. Mir aber mit vernünftigen Plänen zu kommen, die meine verschnupften Augen beinhalten, das finde ich unverfroren, verlogen, unsäglich frech. Mal abgesehen davon, was du mich indirekt damit wissen läßt. Du sagst ja verklausuliert nichts anderes als: du bist momentan sowieso schon am Boden, da kann man dich auch gleich noch mit der Nase in die Erde drücken. Das macht dann ohnehin nichts mehr aus.
Es war nur zweckdienlich gedacht, und du machst eine Staatsaffäre daraus. Warum doppeltes Leid, wenn einfach genügen würde? Warum dieses falsche Gerechtigkeitsempfinden, nach dem jeder genausoviel Qualen erdulden soll? Es ist schlicht irrational, in dieser Frage falsche Rücksichtnahme von mir zu verlangen. Sachlich betrachtet kannst du mir keine Vorwürfe machen.
Kann ja sein, ich habe nie behauptet, nicht irrational zu sein. Aber verdammt, ich bin ein Mensch mit allen Facetten, habe Ideale, die ich nicht einhalten kann, obwohl ich es möchte; tue meinem Körper Schlechtes, obwohl ich weiß, dass ich irgendwann die Rechnung begleichen muß, kurz, ich bin ein Mensch, in sich zerrissen und nicht logisch sezierbar. Was ich dir anlaste ist, dass du dich so unmenschlich benimmst, analytisch-zynisch, ohne Bedacht auf Gefühle und Wünsche, rücksichtslos wie eine Rechenapparatur.
Eine Hymne auf die Unausgewogenheit, auf den haltlosen Menschen - na fein, mir kommen die Tränen, ganz ohne Zwiebelschneiden. Und weil der Mensch eben so ist, weil er keiner geraden Linie aufrichtig folgen kann, ohne ab und zu einen Schritt vom Strich abzugleiten, braucht es die Abstraktion, braucht es den kühlen Kopf des Vernunftmenschen, einen ordnenden Kopf.
Gelegentlich schon. Aber bei dir hat das Methode; du liebst nicht, du schusterst dir eine Liebe vernunftgemäß zurecht. Jede Absage an deine Mitmenschen begründest du mit vernunftuntermalten Ausreden, statt salopp zu erklären, ich hab' keine Lust. Du kommst mir vor wie einer jener Philanthropen, die laut erklären, man müsse den Armen helfen, die aber auch gleich seriös und sachlich nachschieben, dass die Kassen leer seien, womit die Hilfe aus Vernunftgründen, aus Gründen trauriger Kassenlagen, zurückgestellt werden müsse. Das ständige Kalkül erwürgt die Gesellschaft, entfremdet uns immer mehr, hebt jede ethische Kategorie auf. Die totale Vernunft zimmert sich eine eigene Moral zusammen. Eher eine Unmoral; eine Unmoral der Verwertbarkeit, der Zweckdienlichkeit. Jedes Mittel ist recht, wenn es nur den Zweck heiligt. Wer dazu bereit ist, kennt keine Barrieren mehr, der verkauft seine ethische Allergie auch noch als Moralkodex, direkt abgeleitet aus den Tiefen der Vernunftbegabung.
Was für Geschütze für zwei Zwiebeln! Für mich ist es unbegreiflich, dass du aus jeder Bakterie einen Blauwal basteln mußt.
Und genau da zeigt sich dein uferloses Vertrauen auf die ratio, diese ultima ratio deines Wesens. Selbst wenn ihr dir darzulegen versuche, wie ich das Leben sehe, vernünftelst du durch deine Welt. Was heute bei zwei Zwiebeln beginnt, endet letztlich immer in einer Katastrophe. Denn heute erklärt die Vernunft, ich sei der beste Mann zum Zwiebelschneiden, morgen wird ihr aber zu der Auffassung geraten, dass Randgruppen des Gesellschaft, solche die ganz unten stehen, aufgrund ihres tiefliegenden Status', auch noch einen halben Meter weiter absinken können, weil es nun eh keine Rolle mehr spielt. Die fromme Gemeinde der totalen Vernunft nickt dann verständig, so wie sie dabei nickte, als sie Küchenhilfen zur unliebsamen Arbeit verdonnerten. Ich möchte fast behaupten, wer mit einem heuchlerischen Unterton an die Vernunft appelliert, wenn es ans Zerlegen von Gemüse geht, der gibt auch seine Zustimmung, wenn es wieder heißt, es sei am vernünftigsten, ein besonnener Akt geradewegs, unliebsame Menschen in Lager zu sperren. Damals hat man auch irgendwelche kruden Thesen herangezogen, Scheinwissenschaften betrieben, daraus Mord und Totschlag abgeleitet. Die Vernunft war zu allem fähig. Und sie ist es noch. Wenn sie als absolutes Mittel angewandt wird, wenn man sie wie einen Hammer nutzt, nicht wie ein filigranes Skalpell,wie ein hochempfindliches Besteck, dann vermag sie zu morden, ohne Reue zu verspüren. Daher sind mir Vernunftreiter suspekt, sie sind leicht manipulierbar, sind nicht Herr über sich selbst, denn der Vernunfthammer knallt auf jene Stellen im Gehirn, die für das Gefühl, den Instinkt, die Intuition verantwortlich wären. Wegen zwei Zwiebeln, meinst du, mache ich diesen Aufstand, diesen rhetorischen Spagat? Glaub' mir, bei den Zwiebeln geht es los, es endet aber früher oder später unter den Radieschen. Dieser Menschentypus von heute, dieser kühle, berechnende, abwägende Hominidenschlag, der die Welt nur noch als großes Kaufhaus wahrnimmt, in dem zwischen Angeboten rein rational entschieden werden muß, ist zu allem fähig. Natürlich ist es ein Segen, wenn die Vernunft uns lehrt, dass alle Menschen gleich sind, weil die über Jahrhunderte bahnbrechende Vernunft uns bis an die Schwelle der mitochondrialen DNS geführt hat, die uns ihrerseits bewiesen, vernünftig unterbreitet hat, dass wir alle von einer einzigen Urmutter abstammen. Hier hat die Vernunft ihre Aufgabe erfüllt, hat den Wissensdrang befriedigt. Doch wenn die Vernunft das einzige Mittel ist, mit dem man die Welt wahrnimmt, dann blüht uns eine keimfreie Welt, eine Welt wie ein gekacheltes, kaltes Schlachthaus. Wie schnell wird aus der Urmutter die banale Einsicht, wir alle seien letztlich nichts weiter, als wandelnde Säureverbindungen - was nicht mal gelogen wäre. Wer es schafft, der Vernunft einzuimpfen, es habe nicht weiter zu kümmern, wenn Säureverbindungen andere Säureverbindungen in Zwangsarbeit, Lager oder Gaskammern stecken, der hat die treuesten Mitläufer geschaffen. Wer fanatisch glaubt, wer der Religion der totalen Vernunft verschrieben ist, der hinterfragt nicht mehr, der betet und klammert sich ans Dogma. Dies vermögen nur Götzen! Die Vernunft klärt auf, schafft aber auch Atomwaffen, Repressionsmittel, genmanipulierte Lebensmittel; sie läßt uns die Welt klarer sehen, fügt der Klarheit aber Kühle hinzu, manchmal Todesahnung. Wenn man dem nicht entgegenwirkt, wenn man das Gefühl, den Bauch nicht als gleichberechtigten Antagonisten hinzufügt, dann ist die reine Vernunft und nichts als die Vernunft, so vernünftig sie uns helfe, ein ansehnliches Mordinstrument. Die heutige Sachlichkeit ist ein repressiver Witz! Diese beliebigen Spaßvögel, die auf Bühnen steigen, dort in aller Erhabenheit ganz sachlich Mißstände breitklopfen, die die Sache selbst nicht touchieren, wissen vom Gefühl eines im Mißstand Gefangenen gar nichts. Gefühle sind für solche Debatten nicht vorgesehen, Gefühle hegen solche Possenreißer nur für ihr eigenes Fortkommen - wobei deren Gefühle nichts weiter sind, als die vernünftelnde Freude an der eigenen Karriere; man erklärt vernunftvoll, das eigene Aufsteigen diene allen Menschen, man sei ja mit Herzblut engagiert, weswegen es die Vernunft gebietet, ausgerechnet diesen Gecken Karriere machen zu lassen. Solche Kerle hauchen heute großkotzig ins Mikrofon, dass der Verschnupfte sich ans Zwiebelwerk machen soll, weil ihm ohnedies schon Tränen aus den Augen rinnen, er keinen weiteren Schaden dabei erleide - vom Brennen und Zwicken in den Augenwinkeln, wird nicht gesprochen; den Schmerz sieht man nicht, die Augen laufen so oder so, der hinzugekommene Schmerz jedoch ist unsichtbar. Und morgen laufen sie zur Bestform auf, wenn sie mit gleicher Stimmfärbung, mit der gleichen seriösen Gesetztheit, leidenschaftslos phrasierend, liebevoll ihre ach so grandiose Vernunft tätschelnd, auf Arbeitslose, Ausländer oder Moslems losgehen. Für Gefühl ist da kein Platz mehr. Es würde nur stören, denn in der durchrationalisierten Welt herrscht die ratio, das Gefühl ist eine terroristische Untergrundbewegung, anarchistischer Bombenlegerverband, fanatisches Querulantentum. Eine solche Welt ist totalitär, weil sie anders geartete Lebensphilosophien in die Illegalität zwingt; die eine, die einzige Lebensweise, die überdies als Unphilosophie die Geschichtsbücher bereichern wird, ist also letztes Ideal für jedermann erkoren. Hör' mir also damit auf, mir das Zwiebelschneiden mit rationalen Unterton schmackhaft zu machen. Die Vernunftzwiebel ist nur der Einstieg. Wenn selbst schon an der Zwiebel rational herumgedoktort wird, dann ist auch bald der Mensch Gegenstand kühlen Kalküls. Ist er ja heute schon! Am Anfang stand ein Wort: Zwiebel!

13 Kommentare:

Anonym 24. Oktober 2009 um 00:39  

Roberto, Deine Sprache ist so gewaltig - ich würde fast sagen gewalttätig, dass ich - ein Internet-Junkie, immer auf der zwanghaften Suche nach der neuesten, noch unglaublicheren und moralisch völlig inkompatiblen Information - körperlich die Wucht Deiner Aussagen spüre. Ich zucke auf meinem Bürostuhl vor dem Monitor wie ein Boxer im Ring beim vernichtenden Schlag. Und das schlimmste - Du hast so recht. Ist die ganze Welt verrückt geworden - wieso sehen so viele nicht was Du (und ich) sehen ? Wie kann man sich der Erkenntnis verweigern und vor allem, wie kann man mit der Erkenntnis leben ? Ich würde mich selbst als sozial-liberal einstufen. In den 70ern hätte ich wohl FDP gewählt - nach heutigen Maßstäben bin ich wohl linksradikal, weil ich katholisch bin und die katholische Soziallehre ernst nehme (deshalb habe ich auch - obwohl ich in Sachen familienpolitische Vorstellungen der Linkspartei diametral anderer Meinung bin - die einzig christliche Partei gewählt - die Linke !).

Ich weiß nicht mehr weiter ! Deine Texte regen mich seelisch so furchtbar auf und andererseits bin ich süchtig danach und empfinde sie als Trost.

Calwer-Wildnis 24. Oktober 2009 um 01:31  

Vernunft paradox - denn, wenn die Zwiebeln mit tränenden Augen geschnitten werden, siehst du ja fast nichts,- wie sollen die Zwiebelwürfelchen da fein werden? Ausserdem, wenn ädu nichts siehst, könntest du Dich am scharfen Messer verletzen, und alles wird übersät mit den Blutspuren. Zudem läuft Deine Nase, also Deine Nasentropfen samt Bakterien will ich ja auch nicht auf den Zwiebeln haben.

Wenn es meine eigenen wären - Bakterien meine ich, aber ich habe ja keinen Schnupfen, also. Nein, lass mal, das mache ich schon selber...

Zugegeben, diese Variante ist auch nicht von Charme gekrönt, aber weitaus gesünder für alle Beteiligten.

Abgesehen von Deiner und meiner Kurzvariante - bei gesundem Zustand meines Mannes darf er die Zwiebeln schneiden, weil er noch besser sieht als ich, und es auch schlicht besser kann...
In den letzten Tagen habe ich sie wieder selber geschnitten. Nein, er hatte keinen Schnupfen, sondern ein entzündetes Fussgelenk mit tierischen Schmerzen. Vernunft bringt da nicht weiter, sondern Anteilnahme, und mal wieder etwas selber machen - auch wenn es der andere könnte...

Kalte Vernunft ist nichts, genauso wie alles andere auch isoliert vom Gefühl nichts Gutes ist. Aber, das dressieren denen nach uns gewiss vollends ab.

Daisy 24. Oktober 2009 um 02:15  

Du hast da einen wunden Punkt getroffen. Ich fürchte, ich war auch recht gewandt mit solchen Argumenten (vielleicht kein Wunder, wenn man Wirtschaftswissenschaftler ist). Manchmal geschah das im Großen, auch wenn mich irgend etwas vom allerschlimmsten Zynismus zum Glück wohl immer abgehalten hat, aber manchmal auch im Kleinen. Folgendes kam mir bei Deinem Zwiebel-Beispiel sofort in den Sinn: Ich hasse Putzen, ich hasse es abgrundtief, und ich habe mich immer damit gerechtfertigt, es sei ja unfair und unwirtschaftlich, dass ich nach meinen langen Arbeitszeiten auch noch putzen müsse, ich könne meine Zeit doch gewinnbringender einsetzen. Und außerdem sei es ein Wettbewerbsnachteil für mich, denn die meisten männlichen Kollegen hätten daheim eine Hausfrau, die diese zeitraubende Arbeit für sie übernimmt. Eine Putzfrau mochte ich allerdings nie haben. Mir hat die Vorstellung nicht gefallen, dass jemand anderes gegen schlechte Bezahlung meinen Dreck wegmachen sollte, und dann auch noch in Schwarzarbeit, weil zu legalen Konditionen nicht bezahlbar.

Eigentlich hat mich die ganze Zeit die Panik geplagt, dass andere Menschen mich ablehnen, weil es bei mir zu Hause immer etwas staubig ist, niemals blitzsauber. Dabei habe ich als Kind doch eingetrichtert bekommen, dass Sauberkeit im Kern das einzige ist, was den Wert und die Tugend einer Frau ausmacht! Unbewusst habe ich mich gegen diese Haltung meiner Familie aufgelehnt, die ich als demütigend empfand, ich wollte sie nicht akzeptieren, weil ich glaube, dass es menschliche Eigenschaften gibt, die sehr viel wichtiger sind als das. Aber ich habe nie gewagt, das offen zuzugeben und darauf zu vertrauen, dass mich andere Menschen auch noch mögen, wenn sie wissen, dass ich ein bisschen schlampig bin. Im Grunde genommen wage ich es bis heute nicht. Deswegen habe ich das Effizienzargument als praktischen Ausweg gesehen. Es passte ja so gut zum Zeitgeist! Glücklich habe ich mich dabei aber nie gefühlt.

Frank Benedikt 24. Oktober 2009 um 05:31  

Amüsant und treffend. Mehr muß ich Dir wohl nicht mehr dazu sagen ;-)

Liebe Grüße
Frank

Maverick 24. Oktober 2009 um 11:17  

Für Gefühl ist da kein Platz mehr. Es würde nur stören, denn in der durchrationalisierten Welt herrscht die ratio, das Gefühl ist eine terroristische Untergrundbewegung, anarchistischer Bombenlegerverband, fanatisches Querulantentum. Eine solche Welt ist totalitär, weil sie anders geartete Lebensphilosophien in die Illegalität zwingt...

... also quasi eine Welt aus der Tube.

Daisy 24. Oktober 2009 um 15:59  

Ach, es gibt ja so viele Fälle, in denen dieses rationale Denken als angeblich zwingende Begründung für ein Verhalten vorgeschoben wird, das sensiblen Menschen schwer im Magen liegt. Ich denke da zum Beispiel an all die evolutionsbiologisch-fortpflanzungstheoretischen Rechtfertigungen dafür, warum sich so viele 60-jährige Männer mit 30-jährigen Frauen zusammentun, oder dafür, dass es angeblich in der Natur des Menschen eingepflanzt sei, dass Männer Frauen nur nach ihrem Aussehen und Frauen Männer nur nach ihrem Geldbeutel beurteilen (hatten die Steinzeitmenschen eigentlich schon Geldbeutel???). Unter den meisten Frauen wird das mittlerweile ja als Selbstverständlichkeit hingestellt, es werden Witzchen gemacht, die das als Fakt voraussetzen etc. etc. Wenn man das nicht mag, es im Grunde abstoßend findet, sich selber nicht nach diesem Muster verhalten kann (einen Partner nach seinem Geld auszuwählen, würde ich nicht zustande bringen, ich wäre in so einer Beziehung todunglücklich), dann drängt man sich selbst ins Abseits, muss sich vorwerfen lassen, sich gegen jegliche Vernunft und zusätzlich noch gegen die "wissenschaftlich erwiesene" biologische Natur zu stemmen.

Michel 24. Oktober 2009 um 17:07  

Tja, dabei ist das doch kein totalitärer Typus, sondern lediglich "erfolgreich".

Jedenfalls wird das heute so definiert. Im Grunde genommen nicht anders als zu Zeiten der Aristokratien (= Herrschaft der Besten), die sich ja auch per se zu fein sind für bestimmte Drecksarbeiten, und je nachdem dann Sklaven, Leibeigene, Kriegsgefangene, Lohnsklaven, Fronarbeiter, Proletarier oder "gemeine Menschen" zu sowas zwingen.

Und die Haltung ist ja heute nicht nur in gewissen Monarchien (England, Niederlande) vertreten, komischerweise akzeptiert sogar die Bevölkerung dieser Länder diese Monarchien, sondern vielfach auch in Ex-Monarchien wie Deutschland, oder was gab es bei Gutenbergs Amtseinführung für ein "Eliten-Abstammung-Adel-Rassismus-Leistungs-"Gewäsch, gelle!

philgeland 25. Oktober 2009 um 09:27  

Obwohl ich den sprachgewandten Inhalt des obigen Posts schätze und nachvollziehen kann, hat das Wort "Vernunft" für mich auch weiterhin einen positiven Klang. Gerade weil der "totalitäre Typus" sich seiner annimmt, als Vorwand, Erklärung oder Rechtfertigung für sein Verhalten und Handlungen missbraucht, ist sie, die Vernunft, geboten, um "ihn" zu entlarven. Was Du ja oben auch gut hingekriegt hast, indem Du Dich ihrer bedient hast. Daran ändert auch nichts die Tatsache, dass Du zu Recht auf die positiven Eigenschaften ehrlicher, gefühlsmässiger Regungen hinweist, die Dich dazu brachten (motivierten), Deinen Text zu verfassen.
Einig sind wir uns wohl, dass unsere ach so rationale Welt in ihrem Wesen zu tiefst irrationalier Natur ist.
Ein Beispiel in puncto Medien: was, bitte schön, soll an den Börsen-Nachrichten vernünftig sein? Die Zahlen, die am unteren Rand auf einem Balken vor unseren Augen vorbeiziehen oder die Nummer des Moderators, der das Ganze "frisch und motiviert" kommentiert?

Kassandra 25. Oktober 2009 um 18:47  

War es denn nicht immer schon so? Und wird es nicht so bleiben? Und wird es irgendwann, vielleicht nach einer Pause, z. B. einer Rebellion, einer sog. Krise, einem Krieg im Innern oder Außen oder ähnlichem, in der nächsten Generation nicht wieder so werden?

Waren wir denn nicht immer schon so? Und werden wir nicht so bleiben? Und werden wir irgendwann, vielleicht nach einer kurzen Unterbrechung, nicht wieder so werden?

Und waren die wenigen Ausnahmen, die die Regel bestätigen, nicht immer schon so? Und ein Teil des Stückes? Und werden sie es nicht bleiben? Und werden sie irgendwann, vielleicht nach einer Phase des vermeintlichen Dazugehörens, nicht wieder so werden?

Anonym 26. Oktober 2009 um 11:47  

Es ist! vernünftig, andere für sich die Zwiebeln schneiden zu lassen. Täten sie das nicht, müssten sie sich vergegenwärtigen, gar empfinden und (aus)halten, dass sie -wenn sie selber Zwiebeln schneideten-:

- als nun geistig-seelisches Freiwild von jedem zu hören bekämen, wer alles im Städtle zu faul sei zu erwerbsarbeiten oder das Gras am Bürgersteig zu stutzen

- als nun geistig-seelisches Freiwild von jedem zu hören bekämen, dass jedeR, der will, auch Arbeit fände (auch wenn diese existentiell nicht ausreichend bezahlt würde und objektiv gesehen längst nicht ausreichend bezahlte VollErwerbsarbeitsplätze vorhanden sind)

- von vielen Personalern (in)direkt zu hören bekäme, dass die Konkurrenz für die geeignete Position zu groß sei, der Auswählende evtl. sogar die Kompetenz und angenommene Konkurrenz des Bewerbers fürchtet oder auf Grund anderer Qualifikation oder Präferenz die spezielle Kompetenz des Bewerbers gar nicht erkennen kann oder aber andere für „niedrigere“ Positionen einfach mehr Erfahrung mitbrächten

- sie die Genugtuung und das (meist ungerechtfertigte) Nachtreten ihrer Familie zu spüren bekämen, die sie selber anderen (nicht) angedeihen ließen als diese oder Andere Zwiebeln schneiden mussten

- sie lernen müssten, dass viele ihrer FreundInnen angesichts der Erwerbsarbeitslosigkeit des bis dahin über alles geschätzten Freundes die eigene Hilflosigkeit ob der andauernden Erwerbsarbeitslosigkeit auf Dauer nicht aushielten und sich von demjenigen zurückzögen

- sie von (Gut)Menschen die Hilfe bekämen und stets -so die Erwartung- annehmen müssten, die nach dem Dafürhalten der (Gut)Menschen angemessen sei, es de facto aber gar nicht wäre

- sie z. B. beim ALG, der nicht ausreichenden Rente, u.ä. die wässrige Zwiebelsuppe auslöffeln mussten, die sie anderen auf die Speisekarte gesetzt hatten

- keine Schwarzarbeit zu finden wäre, weil
a) die eigenen Fähigkeiten in Schwarzarbeit nicht nachgefragt würden oder die Konkurrenz zu groß wäre und durch die anhaltende Mangelernährung auch die Kraft hierzu irgendwann nachließe;

b) weil es zu viele Erwerbstätige bzw. KurzarbeiterInnen gibt, die nebenher noch schwarzarbeiten

- sie in den Genuß verderblicher oder auf halben Wege bereits verderblicher "Lebens"mittel kämen, die sie früher großzügig und zur Kostensenkung bei der betrieblichen Abfallentsorgung wie auch privat für den eigenen Platz im Himmel an die Tafel(n) gespendet haben

- sie zahlreiche Rezeptvorschläge (z. B. nur Kartoffeln o.ä. essen) erhielten, um die Mangelernährung
durch regelmäßige Nichterreichung des Mindestkaloriensatzes auszugleichen und sich durch die Einsparungen? gleichzeitig noch eine gepflegte und gesunde Erscheinung und einen stets voll funktionsfähigen Hausrat zu erhalten … und das obwohl sie keine TrinkerInnen sind und nicht rauchen und keinem übermäßigen Fernsehkonsum frönten

- weil sie erführen, wie der behördliche Verwaltungsapparat und entsprechende private Unternehmen funktionieren

- weil sie irgendwann erlebten, dass ihr Schonvermögen auf Grund der Zahlung für wirksame Medikamente oder Heilmittel sowie Fachliteratur (um auf dem Laufenden zu bleiben) schmilzt und sie irgendwann nicht einmal mehr dem Amt die Fahrkosten zum Vorstellungsgespräch vorstrecken könnten
- sie als naturbestimmt eher barockerer Körpertyp trotz Mangelernährung und regelmäßigem
Sports an Gewicht zunähmen und kein Geld für neue Kleidung hätten (z. B. für Vorstellungsgespräche)

- sie die Arbeitsplätze (mit oder ohne Erwerb) annehmen müssten, die andere nicht wollten

... Fortsetzung siehe nachfolgend:

Anonym 26. Oktober 2009 um 11:48  

... Fortsetzung:

- ihnen die Unfähigkeit, Faulheit, vorgeworfen würde, die sie zuvor anderen oftmals unberechtigt vorgehalten hatten

- sie einfach nur das ernten, was sie auch durch ihr politisches Wahlverhalten zuvor gesät hatten

- sie ständig damit beschäftigt wären, sich den geistig-seelischen Müll anderer nicht allzu nah an
sich ranzulassen.

Es ist nur allzu vernünftig!! Der Mensch hat sich zum einzig vernünftigen Wesen auf Erden postuliert, um nicht gewahr werden zu müssen, dass er im Grunde genommen ein Tier ist und bliebt, das allerdings ein freien Willen besitzt. Der Mensch will sich mittels Vernunft die eigene Sterblichkeit, die eigene Erbärmlichkeit auf Abstand halten, so als könnte man sie kontrollieren. Er möchte sich nicht ändern, liebgewonnene Gewohnheiten aufgeben, das unter ‚Blut, Schweiß und Tränen‘ in Schule oder Studium Gelernte als häufiges Fehllernen oder mindestens zu einseitiges Lernen erkennen, die verkleidete Lieblosigkeit in seiner direkten Umgebung erkennen, usw..
Der Preis dafür, dass andere dabei über die Klippe springen, wird vom Wolf im gefälschten Schafspelz gerne bezahlt, weil dieser Preis, nämlich die fahrlässige, still und leise ablaufende fahrlässige Tötung, die eigene Angst im Zaum zu halten und das eigene physische Überleben zu sichern scheint.
Der Mensch, mit seinem ganzen Wissen, ist längst wieder zum Tier geworden. Der Kaiser ist und bleibt nackt, Möchtegern-Götter mit Ärschen.

Anonym 26. Oktober 2009 um 12:24  

Korrektur zu

- sie in den Genuß verderblicher oder auf halben Wege bereits verderblicher "Lebens"mittel kämen, die sie früher großzügig und zur Kostensenkung bei der betrieblichen Abfallentsorgung wie auch privat für den eigenen Platz im Himmel an die Tafel(n) gespendet haben

Es muss korrekterweiße natürlich heißen "verdorbener" LM.

Anonym 30. Oktober 2009 um 15:04  

Das Gefühl ist so wichtig, da hast du recht. Könnte man Regelsatzentscheider fühlen lassen wie 330 euro im monat an der seele nagen, wären wir beim grundeinkommen. Würde man auch nur den kleinen Finger von Oberst Klein anzünden, würde er wohl nie wieder Dorfbewohner verbrennen lassen. Würde Sarrazin in ein libanesisches Exil gezwungen um sich dort zu integrieren dann fühlt er sich wohl nach 2 monaten fremdenhass auch genetisch dumm. Es fehlt an der Kommunikation dieser Gefühle wie Nächstenliebe, Solidarität. Die Vernunft wurde schon lange verdrängt weil die medien an den emotionalen schaltern drehen und gerade die Irrationalität so fördern. Die Fantasiewelt, die globale Halluzination schafft doch nur Angst, Unruhe, Hilflosigkeit und Distanz zu allem was lebt und fühlt. Deswegen wird dieser Faschismus erst möglich. Aber das Gefühl macht stark dagegen. Wenn mir mal wieder ein studierter Mensch Mord und Krieg gutheisst und meinen Glauben an das Gute im Menschen und die Gleichheit, den Kollektiven Wunsch nach Frieden als DDR Kindermärchen kleinredet - da übersteht dieses gefühl die schlimmsten Angriffe auf die Würde. Das stimmt mich zuversichtlich dass auch Entscheider und selbsterkorene Eliten dieses Gefühl nicht zerstören können. Tief im Herzen spüren sie die Widersprüche. Liesse man ihnen die Freiheit, alles zu Ende zu denken (fühlen), dann kämen Sie über sehr viel aufwühlung, wut und angst letztendlich doch zu denselben schlüssen. Aber geopolitisch strategische irrationalität, herrenmenschendenke und kontinuierliche entfremdung durch das Fernsehen verhindert diese freiheit. Lasst die Leute einfach mitfühlen, macht es ihnen einfach den mensch in sich zu entdecken. Brecht vor ihnen in Tränen aus über das was sie anrichten.

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