Den Tätern auf der Spur

Samstag, 5. September 2009

Privatermittler, die in sogenannten Reality-Dokumentationen, auf offener Straße Taschen durchsuchen, die Vorlage des Personalausweises fordern, nicht selten Freiheitsberaubung folgen lassen. Detektivserien, in denen Kamera- und Mikrofonüberwachung von privaten Detekteien eingesetzt wird, Schmiergelder bezahlt werden, damit der Hausherr eines Ladens solche Überwachungen duldet, Menschen gegängelt und erpresst werden, um gefügig zu werden. Vorabendliche Polizeiserien, in denen bei Vernehmungen scharfe Sprüche an den Kopf des Gesprächspartners geschleudert, Pauschalverdächtigungen ungeprüft hinausposaunt, repressive Ermittlungs- und Räubermethoden angewandt werden.

Der Rechtsstaat ist im deutschen Fernsehen verstorben. Die schnelle Serie des Vorabends, die im Stundentakt abgedreht, mit Laiendarsteller billig fabriziert wird, hämmert es den Konsumenten in täglicher Regelmäßigkeit in den Kopf, dass Verdächtige kaum noch Rechte in Anspruch nehmen dürfen, dass von der Polizei vernommene Personen sich jede Verfehlung am Rechtsstaat gefallen lassen müssen. Unmut äußert sich freilich auch, der billige Vorabend hat nicht nur Freunde. Aber man entrüstet sich insbesondere über schlechte Plots, unterirdische Darsteller und haarsträubende Tatmotive. Dabei gibt es an der qualitativen Umsetzung doch eigentlich keinen Diskussionsbedarf: Sie ist grottenschlecht, wahrlich erbärmlich. Jedes bäuerliche Laientheater im hintersten Bayerischen Wald bringt mehr Elan, mehr Professionalität auf die Bühne, als diese Geschmacksverirrungen des Vorabends. Über die Bedenklichkeiten im Bezug auf Rechtsstaatlichkeit, auf demokratische Wahrnehmung des Lebens, wird aber kaum gesprochen. Wenn das Storyboard spannend, die Darsteller annehmbar, die Regie als solche zu erkennen wäre, dann wäre auch ein täglich erpressender Kommissar, ein Recht selbst in die Hand nehmender Privatschnüffler oder der willfährige Zeuge, der sich dem Druck zweier grober Kriminaler ergibt, tolerierbar.

Es ist eine müßige Frage, ob nun Serien dieser Art, einerlei ob Reality- oder Drehbuchformate, nur die herrschende Zersetzung des Rechtsstaates aufgreifen und zum Sujet machen, oder ob nicht solcherlei Formate selbst dazu beitragen. Anders gefragt, bildet Kunst - wir wollen diesen Produktionen mal augenzwinkernd künstlerischen Wert unterstellen, auch wenn die dortige einzige Kunst die unbegabte Künstlichkeit der Schauspieler ist - die Realität ab, oder befruchtet die Kunst die Realität? Ist Kunst Folge oder steht sie in Wechselwirkung mit dem wahren Leben? Im Jahr 2007 fand die Jury des österreichischen Big Brother Award darauf ihre eigene Antwort. Sie prämierten Anthony E. Zuiker, den maßgeblichen Autor der C.S.I.-Serien. In der Laudatio hieß es unter anderem:
"Die C.S.I.-Serien präsentieren Rasterfahndung, DNA-Analysen und die Aushebelung von Bürgerrechten unkritisch, verharmlosend und gefährlich einseitig. (...) Die C.S.I.-Beamten zeigen, wie smart sie ihre Arbeit erledigen, in dem sie all diese Rechte links liegen lassen bzw. systematisch umgehen. (...) Die Ermittler benutzen des Weiteren alle Tricks, um heimlich und an den Schutzrechten der Bürger vorbei, DNA- und Fingerabdrücke von Verdächtigen zu besorgen. In einem sensiblen und oft hochemotional gehaltenen Kontext werden im Kampf gegen Terror und Verbrechen Bürgerrechte zu einem lästigen Anhängsel des letzten Jahrhunderts degradiert und die Mittel durch den Zweck gerechtfertigt. Diese Indoktrination hat dementsprechend fatale Effekte in der politischen Diskussion über den Kampf gegen den Terror."
Gerade jene Serien, die im C.S.I.-Format gehalten sind, und derer gibt es mittlerweile viele, auch wenn die Blütezeit dieser technologisierten Verbrecherhatz bereits hinter uns liegen dürfte, gerade also jene Serien sind es, die Sicherheit vorgaukeln. Terroranschläge ebenso wie kleine Verbrechen können verhindert, mindestens aber lückenlos ermittelt werden. Diesbezüglich sprechen Gerichtsmediziner vom sogenannten C.S.I.-Effekt, der in die Ermittlungsarbeit von Justiz und Gerichtsmedizin Einzug gehalten hat. Innerhalb der Bevölkerung, aber auch innerhalb des Polizeiapparates selbst, entsteht eine hochtrabende Analysengläubigkeit. Was sich nicht in Allele oder Säuren ausdrücken läßt, ist nicht mehr wahr. Gerade in den USA, in denen Urteile von Zivilbürgern gefällt werden, in denen also Geschworene laienhaft und emotional geleitet bewerten und Recht sprechen sollen, entsteht aus dieser absoluten Gläubigkeit kritikloses Denken und Schlussfolgern. Nur weil ein Haar eines Verdächtigen an einem Tatort war (oder in dessen Nähe), muß daraus doch nicht Schuld konstruiert werden. Aber Haare und deren DNS lügen bekanntlich nie - das sagen doch Gil Grissom oder Horatio Caine, zwei Hauptcharaktere aus C.S.I.-Serien, unentwegt.

Überhaupt entsteht ein falsches Bild von Ermittlungsarbeit. Forensiker beklagen, dass die Ermittlungen in den Serienkonzepten unrealistisch sind. Meist werden Fälle innerhalb eines Tages aufgelöst. Nicht weil der Verdächtige sofort geständig wäre, sondern weil innerhalb eines Ermittlungstages DNS- und Stoffanalysen, Zeugenaussagen und Bilder diverser Überwachungskameras ausgewertet werden. Der reale Ermittleralltag sieht wesentlich zeitaufwendiger aus (DNS-Analysen dauern teilweise Wochen), zudem finden sich längst nicht so viele Ermittlungsansätze an jedem Tatort, wie es diese Serien suggerieren wollen. Hervorzuheben ist außerdem, dass Forensiker keine polizeilichen Ermittler sind. Sie werten Proben aus, die sie am Tatort aufnehmen, befragen aber keine Zeugen und stehen schon gar nicht bei der aktiven Erfassung oder gar Verfolgung eines Tatverdächtigen hilfreich zur Seite. Das schnelle, effiziente und gerechte Handeln der Serienermittler projiziert ebenso das Trugbild der Absolutheit forensischer Ermittlung. Das fiktive Universalgenie fördert den Primat der Unfehlbarkeit der Forensik. Weil Grissom und Caine umfassend ermitteln, über jede Kompetenz verfügen, Sprengstoffexperte, Entomologe und juristische Instanz in einem sind, nährt sich der Glaube, die absolute Ermittlung, die hundertprozentige Auflösung wäre machbar.

Diese Hundertprozentigkeit setzt aber den guten Willen derer voraus, die von der Ermittlungsarbeit dieser Universalgenies betroffen sind. Es findet sich in diesem Serienkonzepten auch kaum ein Dialog, in denen Kritik an der DNS-Analyse, der Überwachungsmentalität oder den intimen Befragungen geäußert würden. Solche, die nichts zu verbergen haben, sind gemeinhin sehr kooperativ dargestellt, Täter sind ungehalten, ziehen aber normalerweise auch mit, äußern ebensowenig Bedenken. Wehrt sich doch mal jemand, weil er die Ermittlungen an seiner Person als eklatanten Eingriff in seine Privatsphäre wahrnimmt, so kommt hernach meist heraus, dass er kleine Kavaliersdelikte, einen Seitensprung etwa oder eine kleine Aufwertung seines Kontos, zu verstecken versuchte - wer sich also von Anfang an wehrt, hat etwas auf den Kerbholz, soll uns diese Darstellung zeigen. Die Gläubigkeit, gefüttert durch den C.S.I.-Effekt, setzt den einverstandenen Bürger voraus, einen Bürger, der den Eingriff in sein Privatleben zwar nicht lieben muß, jedoch verstehen und tolerieren. Es gibt im C.S.I.-Kosmos keine oppositionelle Ansicht. Die Ermittlung ist das Absolut, Gegenmeinung gibt es nur in der echten Welt - und dort immer weniger, weil Sendekonzepte dieser Machart darauf hinarbeiten, den kritischen Verstand abzuschalten.

Man darf also getrost davon sprechen, dass Kunst nicht abgebildete Realität sein muß. Sie inspiriert sich am wahren Leben, holt sich dort Anreize und Ideen, baut diese aber aus, erweitert sie. Was C.S.I.-Formate, aber auch deutsche Serien im Vorabendprogramm - die sich ja auch an C.S.I. orientieren - aufzeigen, ist nicht die Realität in gekünstelter Form, Nachstellung und Abbild. Beide gehen einen, zwei oder drei Schritte weiter. Sie postulieren den gefügigen Bürger, der sich nicht an seinen Bürgerrechten aufhalten, sondern willfährig Absegnen soll, was man ihm aufzwingt. Ob Blut- und Speichelanalyse ohne konkreten Verdacht, installierte Mikrofone zur akustischen Überwachung, die Bereitschaft sich auch mal unbegründet auf der Straße durchsuchen zu lassen, die Kooperation, intimste Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten, wenn nötig unter repressiven Befragungsklima, die der weißen Folter alle Ehre machen - nicht denken, über sich ergehen lassen!

Der Rechtsstaat hat in solchen Serien keinen Platz, er würde hemmen, er wäre nicht spektakulär genug. Langsam entsteht daraus ein neues Lebensgefühl der Konsumenten, ein täuschendes, vorgetäuschtes Lebensgefühl, denn sie meinen Polizei- und Ermittlerarbeit genau zu kennen, sie haben es ja im Fernsehen gesehen. Dies projizieren sie ins reale Leben, demjenigen, der dann beispielsweise auf seine Rechte pocht, unterstellen sie dann - weil es im TV immer so ist -, er hätte etwas zu verbergen, müsse daher noch härter angepackt werden, vielleicht bringt ja eine zwangsweise durchgeführte DNS-Entnahme ein Resultat. Freilich drängen Menschen mit C.S.I.-Rechtsempfinden auch in den Polizeiapparat und enthemmen auch diesen vom rechtsstaatlichen Gutmenschentum. Der Rechtsstaat wird sicherlich von den Schäubles dieser Republik gefährdet. Aber nicht nur, er hat willige Helfer, die unterhaltend einen neuen Zeitgeist speisen, einen Zeitgeist, in dem der Bürger zum strammstehenden Zivilsoldaten werden, in dem der Bürger keine allzu große Liaison mit seinen Menschen- und Bürgerrechten eingehen soll.

24 Kommentare:

Anonym 5. September 2009 um 10:32  

So ist es, leider! Ich sehe solche Sendungen im Privatfernsehen nicht, die Werbung dafür reicht mir schon als Abschreckung.
Aber auch die angeblichen unterbezahlten und schlecht ausgerüsteten Kommissare im manchen GEZ-Krimi nerven.
Mein Tipp, bitte nicht lachen, auf 3sat werden Sonntags alte Kommissar-Sendungen gezeigt. Da geht es viel langsamer zu, richtig erholsam! Dazu den Zeitgeist von damals und bekannte Schauspieler in jungen Jahren, finde ich unterhaltsam.

potemkin 5. September 2009 um 10:38  

Wenn Jugendliche vor Gericht den Vorsitzenden unbefangen mit 'Euer Ehren' anreden, dann weiß man, wie stark die (durchaus beabsichtigte) Wirkung solcher Serien ist. In den Sendungen ab 20 Uhr geht es dann weiter mit 'täterä, bum, Tor', also Volksmusik, Krimi und Sport. Erst nahe der Geisterstunde, wenn 90% der Republik sich schon im Tiefschlaf befindet, gibt es bisweilen Beiträge, die noch nicht vom Konsensvirus befallen sind.

jallah 5. September 2009 um 10:55  

ha!

nicht nur bei csi auch der tatort erzieht den glauben an den "büttel" als "freund und helfer"

aber es geht auch anders.. KDD..
eine krimi serie aus dem ZDF , korupte böse bullen ,alles sehr real,
wollte aber keiner sehen .

Sephi 5. September 2009 um 12:23  

Sehr feiner Artikel! Es sind so ziemlich die gleichen Gedanken, die mich seit Jahren davon abhalten solche Serien zu schauen. Das Kunst )bzw. ich würde so etwas eher in den Medienbereich einordnen) eine Wirkung auf die Realität hat und auch haben soll, ist denke ich unstrittig. Letztendlich schaffen sich derartige Serien ihr eigenes sog. entmündigtes Publikum - könnte man fast als Glanzleistung bezeichnen, wenn's nicht so bitter wäre.

Allerdings darf man eines in Bezug auf Bürgerrechte nicht vergessen. Wer als Individuum seine eigenen wahrnehmen möchte, der muss sie auch anderen zugestehen. Und ich habe das dumpfe Gefühl, dass dies immer seltener passiert. Nicht nur durch Medien etc., sondern auch weil es den meisten Menschen schlichtweg zu anstrengend ist darüber mal nachzudenken, welche Rechte man denn eigentlich hat. Man muss meiner Meinung nach kein Jurist sein, um mal einen Blick in die Verfassung zu werfen.

Daher würde ich den Erfolg der Entmündigung nicht nur den Serien und Medien zuschreiben, sondern unsere Mitmenschen tragen entschieden dazu bei.

antiferengi 5. September 2009 um 12:46  

Tolle Analyse, - danke dafür.

Ist Kunst Folge oder steht sie in Wechselwirkung mit dem wahren Leben?

Gibt es noch Kunst? Ich meine, -ich jedenfalls höre nur noch Kunstmarkt.

Willi 5. September 2009 um 13:30  

Guter Hinweis auf die versteckten Inhalte, die in vielen Serien "gratis" mitgelifert werden. Ein besonders krasses Beispiel war die Serie 24, in der in schöner Regelmäßigkeit Gefangene gefoltert wurden, weil Jack Bauer immer wieder mal präventiv Gewalt anwenden musste, um "Terroristen" davon abzuhalten, eine amerikanische Großstadt in die Luft zu sprengen. Es soll sich später gebessert haben, was ich nicht beurteilen kann, weil ich mir diesen brutalen Quark nicht noch einmal antun wollte.
Wie auch immer. Mittlerweile mache ich mir aber große Sorgen um das Genre Krimi insgesamt, wenn ich mir vorstelle, dass statt eines kantigen Kommissars, der irgendwie versucht, mit all dem Bösen um sich herum fertig zu werden, der blasse langweilige Dataminer tritt, der eigentlich nichts anderes mehr macht als Datenbanken abzufragen, die vorher mit allen Daten von potentiellen Verdächtigen -heute sind das ja alle- via Überwachungskamera, Bundestrojaner, Handy- und Telefonverbindunsdaten, RFID etc. pp. gefüttert worden sind. Derzeit ist es noch so, dass die Forensiker aus dem Fernsehen die "Sicherheit" nur vorgaukeln. Sollte aber der Abbau von Bürgerechten im Zuge des "Kampfes gegen den Terrorismus" in dem Tempo weitergehen, wird es bald soweit sein, dass nur noch IT-Experten eine echte Bedrohung darstellen, weil der Rest der auf dem Leimstreifen der Datensammler kleben bleibt.
Schönes WE Roberto und allen die hier mitlesen

Geheimrätin 5. September 2009 um 13:40  

Sind wir süchtig nach Alpträumen?

Anonym 5. September 2009 um 13:42  

"[...]Aber nicht nur, er hat willige Helfer, die unterhaltend einen neuen Zeitgeist speisen, einen Zeitgeist, in dem der Bürger zum strammstehenden Zivilsoldaten werden, in dem der Bürger keine allzu große Liaison mit seinen Menschen- und Bürgerrechten eingehen soll.[...]"

Ein Horrorszenario - man stelle sich vor, die Ereignisse von 1933 hätten sich nie ereignet, und ein Adolf Hitler würde heute agieren - Der reinste Horror, wenn man deine Analyse teilt - Bei den technischen Möglichkeiten von heute wäre Adolf Hitler noch totalitärer als damals, und evtl. unbesiegbar :-(

Übrigens, dass sich Gerichte, auch bei Todesurteilen, irren, dass konnte man erst kürzlich hier:

"[...]Skandalöse Hinrichtung

Fatale Fehler der Sachverständigen

Von Dietmar Ostermann

Hinrichtungskammer (Bild: dpa)

Als Todd Willingham am Abend des 17. Februar 2004 in der Todeszelle von Huntsville auf der Pritsche liegt, Arme und Beine fixiert, die Giftnadeln in den Adern, gewähren ihm die Henker Gelegenheit für ein paar letzte Worte. "Die einzige Erklärung, die ich abgeben will, ist, dass ich ein unschuldiger Mann bin, verurteilt für ein Verbrechen, das ich nicht begangen habe", sagt Willingham. Kurz darauf schießt das tödliche Gift durch die Schläuche, verlangsamt den Herzschlag, lähmt die Atmung. Minuten später ist Willingham tot.[...]"

Quelle und kompletter Text:

http://www.fr-online.de/in_und_ausland/panorama/1920852_Skandaloese-Hinrichtung-Fatale-Fehler-der-Sachverstaendigen.html

...nachlesen.

Es paßt übrigens haargenau zu deiner Beschreibung lieber Roberto J. de Lapuente, incl. irren der Ermittler....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Frank F. 5. September 2009 um 14:12  

Mein Kenntnisstand - was das Fernsehen mit all seinen Möglichkeiten der Manipulation betrifft - liegt 'eingefroren' auf dem Niveau von 1997. In dem Jahr hatte ich für mich endgültig den TV-Stecker gezogen...

Nun - es macht mich nicht unbedingt unglücklich, dass ich mich über die Jahre zu einem Fernseh-Analphabet zurückentwickelt habe.

Am Rande (und weil soeben angeschaut) möchte ich jedoch auf eine interessante Kurzdokumentation (22min.) von Andreas Hauß hinweisen, die etliche Ungereimtheiten bei den Ereignissen in & um Winnenden vom März'09 aufzeigt...

Jutta Rydzewski 5. September 2009 um 15:06  

Und wenn dann, um Ihren Gedanken, lieber Herr De Lapuente, eine ergänzende Variante hinzuzufügen, man den Tätern sozusagen erfolgreich auf der Spur war, Selbige gefasst, dingfest und überführt hat, ihre (natürlich gerechte) Strafe verkündet wurde, werden sie dem Strafvollzug zugeführt. Was dann in einschlägigen Tatorts und ähnlichen Aufführungen bei den Öffentlich-Rechtlichen, den (Fern)SeherInnen an Knast"intentionen" angeboten wird, spottet mitunter jeder Beschreibung. Dabei ist der Rechtsstaat, vertreten durch ein vorzügliches Strafvollzugsgesetz, auch immer öfters abwesend. Das Strafvollzugsgesetz, seit dem 01.01.1977 in Kraft, ist in der Tat eines demokratischen Rechtsstaates würdig, wenn es ... richtig angewendet werden würde. Schon die normierten Grundsätze im ersten Abschnitt der Anwendungsbereiche (§1-4) lassen jedes rechtsstaatliche Herz höher schlagen. Die grundgesetzlich garantierte Resozialisierungsverpflichtung kommt z.B. in Artikel 2 (StVollzG) in voller Blüte zum Ausdruck, wo das Vollzugsziel formuliert wird: Im Vollzug der Freiheitsstrafe soll der Gefangene fähig werden, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen. ... Gem. Strafvollzugsgesetz soll es auch keinen Verwahr- sondern einen Behandlungsvollzug geben, an dem der Gefangene ausdrücklich mitwirken soll. Es würde hier sicher zu weit führen, auf die über ... achthundert Seiten des StVollzG näher eingehen zu wollen, deshalb zurück zum eigentlichen Thema, der medialen Volksverdummung. Im Zeitalter des hundert- oder gar tausendjährigen Krieges gegen den Terror, der natürlich auch noch nach der verbrecherischen Bush-Administration unbeirrbar weiter gelogen, gefälscht und gemordet wird, passt ein Strafvollzug, wie im deutschen Strafvollzugsgesetz niedergeschrieben, einfach nicht mehr in die Landschaft. Und genau das wird bei den Tatorts, aber nicht erst seit gestern und vorgestern, sondern bereits seit einigen Jahren, deutlich bzw. immer deutlicher. Allerdings ist das eine schleichende Entwicklung, die dem Normalbürger gar nicht auffällt, auch gar nicht auffallen kann. Aber sie (die schleichende Entwicklung) hat Ausirkungen auf das Volk und soll sie natürlich auch, wie beabsichtigt, haben. Wer im Knast sitzt, gehört da rein, und hat gefälligst das Maul zu halten, zeichnet sich als "Grundhaltung" immer mehr ab, und so soll es dem (Fern)SeherIn auch vermittelt werden. Schließlich wird nicht ohne Grund, von namhaften Strafrechtlern (z.B. der deutsche Rechtswissenschaftler, Philosoph und emeritierte Professor für Strafrecht, Strafprozessrecht und Rechtsphilosophie, Günther Jakobs), immer wieder der Gedanke des Feindstrafrechts in die Diskussion gebracht, in diesen "Terrorzeiten" bietet sich das sogar regelrecht an. Was das ist, ist ganz einfach. Gewisse Menschen werden nicht mehr als Menschen behandelt, auch nicht in einem Rechtsstaat. Sie werden schlicht und ergreifend aus der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen, sind vogelfrei, zum Abschuss frei gegeben. Übrigens, diese schleichende Entwicklung findet nicht nur in den Fernseh-Tatorten der Öffentlich-Rechtlichen statt, sondern ist seit Jahren Regierungspolitik, sozusagen schleichende Regierungspolitik. Die Öffentlich-Rechtlichen waren schon immer Erfüllungsgehilfen der Regierungspolitik, und mit jedem Tag werden sie es mehr. Die vor- und auch spätabendlichen Verunstaltungskrimis sind also nicht nur Geschmacksverirrungen und Ähnliches sondern "handfeste" Politik. Jeder an seinem Platz, zum "Wohle" des Ganzen, ob nun Schröder, Fischer und andere Lobbyisten, oder die Öffentlich-Rechtlichen mit ihrem Tatort und sonstigem Müll. Trotzdem ein schönes Wochenende, inclusive eines spannenden Tatorts, versteht sich.;-)

mfg
Jutta Rydzewski

Geheimrätin 5. September 2009 um 15:25  

Zu dem Amoklauf in Winnenden -
von einem Freund meiner Tochter, der zum Zeitpunkt die Nachbarschule besucht hat, weiss ich dass Tim K. erkannt worden ist weil er nicht maskiert war. Zu allem anderen - keine Ahnung....da gibt es viele Widersprüche

Anonym 5. September 2009 um 17:08  

Der Rechtsstaat ist im deutschen Fernsehen verstorben.

Herr Lapuente, wie recht Sie haben!

Frank F. 5. September 2009 um 17:25  

@ Geheimrätin

Ich hätte natürlich meinem Kommentar anfügen müssen, dass ich mich mit meinem Hinweis auf diesen Film nicht gleichzeitig auch mit allen dort gemachten Aussagen identifiziere.

Meine kleine Botschaft sollte eigentlich lauten, dass es objektiv so oder so oder anders gewesen sein könnte.

Eine gesunde Portion Zweifel ist in der heutigen Zeit fast immer angebracht. Die Frage ist, wo fängt der Zweifel an gesund zu sein ... wo hört er auf? Es gibt Tage, da ergeben meine Zweifel einen kompletten Rundumschlag...

Politik wird letztendlich immer nur mit der als offiziell geltenden Version eines Ereignisses gemacht. Propagandistisch mißbraucht lässt sich mit gesteuerten Sichtweisen auf Ereignisse bzw. Personen die öffentliche Meinung hervorragend lenken. Das reicht nicht selten bis hin zum Einfluß auf die Gesetzgebung oder Gesetzesänderung.

Der Beispiele gibt es mehr als genug ... sowohl in der Geschichte als auch aktuell.

Peter Hallonen 5. September 2009 um 18:51  

Eine gute Analyse der massenpsychologischen Wirkungen des Fernsehens. Die Konditionierung der Bevölkerung durch Fernsehen und andere Medien, bestimmte Verhaltensweisen zu zeigen, ist so professionell, dass man dahinter strategische Planung vermuten kann. Das Fernsehen ist eines der zentralen Elemente zur Aushöhlung der Freiheit: einerseits dient es der Ablenkung (siehe Wikipedia: Tittytainment), da die Wirklichkeit dort nur selektiv erfasst wird. Andererseits dient es aber auch zur gezielten Konditionierung, dem Akzeptieren des repressiven Staats, dem Akzeptieren ungerechter Politik, dem Teilen und Herrschen über die Etablierung eines Konkurrenzdenkens.

Hier verwischen die klassischen Grenzen zwischen Freiheit und Unfreiheit. Ist es wirklich Freiheit, den Fernseher anzuschalten, wenn man doch zu dessen Gebrauch gezielt konditioniert wurde? Es zeigt sich, dass das unterstellte Vorhandensein einer Demokratie eine ganz große Schwäche hat. Weil die Leute denken, dass es eine freie und plurale Presse und freie Meinungsäußerung gibt, vertrauen sie einfach den Medien als Ganzes bzw. vermuten jedenfalls keine gezielten Manipulationen. In einer Diktatur wüsste jeder, dass er den Medien nicht trauen könnte. In einer (Schein)Demokratie mit Scheinpluralität können folglich die Menschen in gewissem Maße noch besser kontrolliert werden als in einer offenen Diktatur.

Anonym 5. September 2009 um 18:53  

"[...]Der Beispiele gibt es mehr als genug ... sowohl in der Geschichte als auch aktuell.[...]"

Nicht verzagen, "Schwarzbuch Deutschland" von Gabriele Gillen, und anderen Autoren, lesen.

Es ist eine Schande, aber ich dachte - bis zu dem Moment wo ich dies Buch las - das Deutschland zwar einen Bananenrepublik ist, aber nicht so schlimm wie ich dachte, leider lag ich falsch - Es ist höchste Eisenbahn, dass mal etwas geschieht, sonst gibt es keine Hoffnung mehr für die Menschen in der Mega-Bananenrepublik namens Deutschland.

Marcel 6. September 2009 um 03:06  

Welcher "Rechtsstaat" ?
Ein Staat, als Mittel einer Klasse zur Niederhaltung einer anderen, kann niemals ein "Rechtsstaat" für alle sein.

Anonym 6. September 2009 um 11:57  

Hallo Roberto,

danke für diesen Beitrag - eine überfällige Diskussion.

Aber ich denke, dass dies keine neuer Effekt ist! Es nimmt zu - aber es war schon lange (ich bin versucht, 'schon immer' zu schreiben) da!

Seit ich Krimis/Western sehe (JG56), gibt es den Archetyp des Guten (mal ein Kommissar im Tatort (z. B. Schimanski), mal -noch älter- ein Revolver"held" (Sheriff) wie 'Cole Thornton'). Die Kommissare (oder ihre Helfer) bedrängen, bedrohen, schlagen, beschimpfen die Befragten. Oder der Sheriff (oder sein Ersatzmann) jagt einen (vermeintlichen) Bösewicht in den Kugelhagel seiner Kumpanen.

Der Zuschauer weiß natürlich, dass der vermeintlich "Gute" selbstverständlich "den richtigen Riecher" hat und nur die "wirklich Bösen" so - rechtsstaatlos - behandelt. (Auch wenn das (s. Art 1 GG) nichts entschuldigt...)

Oder nimm 'Gorki Park' wenn der Hehler zum Schein damit bedroht wird aus dem Fenster geworfen zu werden ... oder ...

Die Filme/Serien sind seit "Ewigkeiten" so gestrickt und sprechen tatsächlich das (leider weit verbreitete) Rache-Empfinden der Menschen an.

Einzig der Effekt der Häufigkeit, mit der die Zuschauer so berieselt werden (in Serien mehrmals die Woche), hat sich geändert. Und damit auch die zwangsläufige Akkumulation der Indoktrination.

Ich denke, wir müssen vorsichtig sein, wenn wir "neue Formate" verteufeln, aber auf dem Auge der Vergangenheit blind sind, nämlich dass diese Indoktrination schon sehr viel länger an der Arbeit ist...

Die Frage ist also: Warum reagieren wir so, dass wir offenkundiges Unrecht akzeptieren, wenn der Betroffene ein (uns Zuschauern bekannter) Drecksack ist? Die Bedienung dieser Rachegelüste ist IMO nicht die Ursache, sondern "besten"falls eine Verstärkung.

Schönen Sonntag noch!


Omnibus56

pillo 6. September 2009 um 12:15  

In einigen Krimis setzt sich der Kommissar in Rambo-Manier über alle Regeln hinweg (was ihm natürlich zum Erfolg verhilft), während in anderen Serien ein paar Ermittler anhand von einigen Spuren auch die kompliziertesten Fälle lösen. Diese mediale Gehirnwäsche zielt besonders auf die junge Generation. Wer von Kindesbeinen an mit den heute üblichen Krimis, Gerichtsshows und Detektivsendungen aufwächst, bekommt zwangsläufig ein völlig verqueres Bild von der Arbeit der Polizei und Justiz bzw. von Recht und Gesetz im Allgemeinen. Im Zusammenhang mit diversen Internetplattformen, die die Jugendlichen dazu konditionieren, ihr Privatleben öffentlich zur Schau zu stellen, ergibt dies eine gefährliche Mischung in den Köpfen der Betroffenen.

Die Privatssphäre und deren Schutz werden so zu antiquierten Ansichten der älteren Generationen. Zudem "beweisen" Fälle wie der des Herrn Tauss ja ohnehin, daß alle, die ihre privaten Daten schützen wollen, dies nur tun, weil sie Dreck am Stecken haben.

Flankiert wird dies durch die in den Medien und der Politik immer wieder aufkeimende Debatte um härtere Strafen. Der konservative Rollback der vergangenen Jahrzehnte führt eben auch zu Diskussionen (Folter, Todesstrafe, etc.), die man eigentlich für längst überwunden hielt.

Geheimrätin 6. September 2009 um 15:40  

@ omnibus 56

Das greift zurück auf die alte Struktur der Märchen, die ja auch in Gut und Böse aufteilt. Der Unterschied ist eben, dass es sich bei den Märchen (die ja ursprünglich für Erwachsene geschrieben wurden) um Aspekte der menschlichen Seele handelt (was Kinder m.E. sehr gut verstehen!) und im Krimi um den äußeren Kampf eines guten Helden gegen einen bösen Bösewicht - Freund und Feind - die dann eben auch im Kontext der entsprechenden, zeitgeistlichen Agenda ihren Einsatz finden. Hollywood ist meines Erachtens in der Tat der beste Spiegel und die beste Kristallkugel, die sichtbar macht, wohin die zeitgeistliche Reise gehen soll, an welchem Realtiätsdesign gerade gestrickt wird, welche Ängste und Begierden stimuliert werden sollen, um diese dann wiederum durch entsprechende Angebote stillen zu können - das können dann sowohl Produkte als auch gesellschaftliche Normenverschiebungenen, Gesetzesänderungen, Kriegslegitimationen etc sein.

Es gibt aber auch durchaus gute Krimis, die das politische Treiben kritisch begleiten.Jetzt fällt nur gerade keiner ein, hab aber schon welche gesehen.

Peinhard 7. September 2009 um 12:15  

"Es gibt aber auch durchaus gute Krimis, die das politische Treiben kritisch begleiten.Jetzt fällt nur gerade keiner ein, hab aber schon welche gesehen."

Man hat manchmal sogar den Eindruck, dass Krimis und Thriller fast die letzten Formate sind, in denen 'Gesellschaftskritik' im Fernsehen überhaupt noch geleistet wird. Solche gibt es auch im Reigen von 'Tatort' und 'Polizeiruf', oder in einem Thriller wie 'Das Konto', in dem ein Nahrungsmittelgroßkonzern und sein 'Sicherheitsdienst' weitaus mehr Tote nach Mafia-Manier produziert als die ebenfalls thematisierte Mafia selbst...

Die Interessen der Regierenden... 7. September 2009 um 15:45  

Man muss sich nurmal überlegen, wem die Sender gehören, die solche Serien ausstrahlen.
Und diese Leute haben schlicht kein Interesse an Bürgerrechten, weder an denen anderer noch an den eigenen.
Die anderen sind nämlich diejenigen, die sich ohne Bürgerrechte besser ausbeuten lassen, während man selber kein Anrecht auf Bürgerrechte braucht, weil man Geld, Spitzenanwälte, Politiker, Wirtschaftsbosse und Bodyguards zur eigenen Verteidigung aufmarschieren lassen kann.

Krimis und Fernsehserien sind Auftragskunst, für Fernsehsender produzierte und von denen gekauft und genau wie die gemalten Auftrags-Portraits der Aristokraten gegenwärtiger und vergangener Jahrhunderte dienen Krimis den Zwecken des Auftragsgebers / Käufers, denn ob Monarch oder Vorstandsvorsitzender eines Fernsehsenders, beide haben Interessen und setzen diese durch.
Monarchen wollten sich bekanntlicherweise als von Gottes Gnaden eingesetzt, mächtig, stark, gerecht, reich und weise darstellen und taten das i.d.R. auch.

Bei den Öffentlich-Rechtlichen dauert es nur länger, bis die Interessen der Auftraggeber, also der Politik, auch bis in die Krimiserien voll durchschlagen. In der mangelnden Kritik, der oft unvollständigen Darstellung und der ausgelassenen Informationen der Nachrichtensendungen kann man die Interessen der Regierungspartei ja schon recht gut nachzeichnen, gelle.
Oder wie wurde der zusammengeschossene Tanklaster in Afghanistan kommentiert? Dass da ein paar Dorfbewohner nicht wiederstehen konnten und sich Benzin beschaffen wollten, dürfte ja wohl logisch sein.
Dass die Taliban Dorfbewohner zur Mithilfe beim Flottmachen des Tanklasters gedrängt haben, dürfte wohl auch noch logisch sein.
Aber wie man Dorfbewohner und Taliban direkt neben einem Tanklaster mit FEUERwaffen angreifen kann, erschließt sich mir nicht. Gabs eigentlich keine Warnung wie "Haut da ab oder wir schießen!"? Selbst dem dümmsten Dorfbewohner und Taliban dürfte doch wohl klar sein, dass Benzin bei Schießereien auch gerne mal in die Luft fliegt.
In dem Dorf gibts mit Sicherheit jetzt mehr Witwen und Waisen, als wenn man den Dorfbewohnern/Taliban den verdammten Tanklaster gelassen hätte.

otti 9. September 2009 um 21:42  

'Rechtsstaat' im Fernshen orientiert sich am Ergebnis, der Lösung.
Rechtsstaat im wirklichen Leben (Mannesmann-Verfahren, Zumwinkel etc.) orientiert an den Machtverhältnissen.
Oder, ganz unzweideutig: Was hat Folter in einem Rechtsstaat verloren?
Nicht im Fernsehen stirbt der Rechtsstaat, sondern im richtigen Leben.

Anonym 10. September 2009 um 14:36  

Diese Sendungen haben zu einem enormen Run auf die Ausbildungszentren geführt. Ich entsinne mich einen Artikel dazu gelesen zu haben. Es wurde als Beispiel Zahlen genannt, vorher und nachher. Während die normalen Anmeldungen für passende Studiengänge wirklich überschaubar war, folgte eine (wenn ich die Zahlen noch in etwa im Sinn habe, tut mir leid an die Quelle erinner ich mich nicht mehr) Vervielfachung der Anmeldungen. Dabei sind die angehenden Studenten mit eben jener falschen Erwartung aufgelaufen, die im Beitrag hier geahnt wird. So beklagte es ein Mitarbeiter des Ausbildungszentrums.

Internet ist schon prima ;-D Zwar nicht der Artikel, aber guter Ersatz

http://www.fsf.de/fsf2/pruefung/bild/beispiele/freytag068_tvd34.pdf

Anonym 10. September 2009 um 16:56  

"...
In dem Dorf gibts mit Sicherheit jetzt mehr Witwen und Waisen, als wenn man den Dorfbewohnern/Taliban den verdammten Tanklaster gelassen hätte."

Und der Blutrache folgend werden diese Überlebenden jetzt gegen die Besatzer kämpfen wollen.
So etwas freut die Taliban, wegen des Zulaufs und diejenigen, die diesen Konflikt wollen.

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