Sind Sie ein Kochemer?

Montag, 10. August 2009

Heute schon über sozialverträglichen Personalabbau gelesen? Sich schon um das Nullwachstum gesorgt? Oder sind Sie, werter Leser, Mitglied der bildungsfernen Schichten, so dass Sie gar nicht erst über solcherlei Dinge lesen wollen? Sie sehen, heute spreche ich Sie direkt an, ganz persönlich, um Ihnen, als potenziell Bildungsfernen, einen Leseanreiz zu verschaffen. Diese persönliche Nähe schließt womöglich auch diverse Vermittlungsprobleme aus. Ich tue das nicht aus freiheitlicher Überzeugung, es ist ein unausweichlicher Sachzwang, der mich in dieser Weise zur Flexibilität verdonnert. Man lernt eben nie aus, man darf nie auslernen, wenn man sein Leistungsniveau halten möchte.

Wie? Sie verstehen zwar die Worte, finden aber, es sei recht banales Geschwätz? Dann haben Sie Ihre Hausaufgaben nicht ordentlich gemacht, dann haben Sie die Sprache der herrschenden Banden, den Soziolekt des Räubertums nicht ausreichend erlernt. Natürlich haben Sie alles verstanden, die Vokabeln haben Sie ja gebüffelt. Aber das reicht nicht aus, Sie sehen ja selbst, wie Sie der törichten Anschauung verfallen sind, Sie hätten nur nichtssagendes Geschwafel verfolgt. Dabei war es das gerade nicht, es war nicht nichtssagend, es war sagend - und wie! Steht doch alles drin. Erkennen Sie die ganze Menschenverachtung nicht? Diese geballte Kraft an Hass und Gier? Das Höchstmaß an Egozentrismus? Wenn doch, dann will ich Sie gar nicht weiter züchtigen, dann haben Sie Ihre Lektion ja doch gelernt.

Dann sind Sie ein ganz ausgebuffter Kochemer, am Ende selbst ein Tschor oder Kaffer? Ich sag' ja, ein ganz abgebrühter Kober, sitzen womöglich auf Ihrer Sore, machen einen auf Platte und spielen den Galach. Bitte? Eine Kreuzspanne? Wie kommen Sie darauf, wieso sollte ich mir eine Zwangsjacke, dieses enge und wenig kommode, kreuzspännerische Utensil anlegen? Sie verstehen also schon wieder nichts. Keine Angst, diesmal mache ich Ihnen keine Vorwürfe. Ich bin selbst kein Gelehrter auf den Pfaden dieses Soziolekts, einige Begriffe kennt man halt, andere erliest man sich. Was ich da von mir gab? Rotwelsch nennt sich das, war lange Zeit eine subkulturelle Geheimsprache, benutzt von Vaganten, Räubern und anderen unehrlichen Gesellen. Was damals eben als unehrlich galt. Barbiere und Straßenfeger gehörten ebenso zu dieser Gilde wie der gemeine Büttel. Ja, ich weiß, letzterer ist immer noch unehrlich, gilt aber heutzutage besonders viel, gilt als besonders ehrlicher Charakter. Sehen Sie, des modernen Räuberjargons sei Dank, kann der Büttel sich heute sprachlich verklären lassen, ganz unehrlich auf seine Ehrlichkeit aufmerksam machen.

Rotwelsch nannte man jenen Sprachkosmos, der sich aus einzelnen Worten zusammensetzte, der bestimmte Floskeln kannte, die niemand sonst außer der Kochemer, der Weise und Gelehrte, der Rotwelschkundige eben, verstehen sollte. So schützte man sich vor Übergriffen der Staatsgewalt, konnte geheime Absprachen treffen, den Großteil der Mithörer und -leser ausschließen. Bitte! Lesen Sie doch bitte sorgfältiger! Ich spreche vom Rotwelschen, nicht von jener Sprache, die sich in unseren gegenwärtigen Zeitungen ergießt. Achso? Sie meinen, beide Sprachkonstrukte hätten den gleichen Zweck? Oh, sind Sie böse - aber nicht dumm, dass muß ich Ihnen schon lassen. Die Rückkehr des Rotwelschen - soll das Ihre These sein? Hätten Sie mich mal ausführen lassen, denn darauf wollte ich nämlich hinaus. Sie haben mir nun die Show gestohlen. Das hat man davon, das ist der Dank, wenn man mal zu persönlich wird.

Es sei Ihnen gegönnt. Es freut mich ja, dass Sie selbst erkannt haben, dass das Rotwelsche wieder gesprochen wird. Ein wenig abgewandelt zwar, aber deshalb nicht für einen anderen Zweck bestimmt. Nach wie vor sollen Außenstehende damit gefoppt, im Dunkeln belassen werden, immer noch geht es darum, etwas zu reden, aber nicht viel zu sagen. Was im Rotwelschen schinageln hieß, also Zwangsarbeit, dass nennt der Spitzbube unserer Zeit eben Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung. Kein Vergleich? Und warum bitteschön? Seien Sie mal nicht so voreilig! Sie meinen, weil die damaligen Begriffe der Räuber so niedlich klangen, während das zeitgemäße Räuberische so großtuerisch und seriös wirkt? Aber bedenken Sie doch, damals war hierzulande alles niedlicher, sogar die Staatsgebilde waren lauter süße Fliegenschisse auf der Landkarte, eine Ansammlung niedlicher Hosentaschenreiche. Und dann kam die Weltgeltung ins Spiel, der Fliegenschisszusammenschluß, langsam wurde man größer und pompöser, verlor seine Niedlichkeit, wurde seriös. Nun residierte nicht mehr der drollige Duodezfürst, jetzt herrschte ein Regent von Weltformat. In so einem ernsthaften Reich, ob dort Kaiser oder Kanzlerinnen mit Hunnenreden glänzen ist dabei einerlei, kann man nicht mehr niedliche Bescheide und Verwaltungsakte zum Schinageln durch die Gegend schicken, da muß zur Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung gerufen werden. Da streichen sich die Empfänger von Zwangsarbeit auch keinen goldigen Schmuh ein, sondern seriöse und bedeutungsschwangere Profite.

Wissen Sie, wir könnten jetzt darüber streiten, ob das Rotwelsche wiedergeboren wurde oder ob es nur besonders anpassungsfähig war, immer praktiziert wurde, nur pragmatisch angepasst werden mußte. Was ich meine? Na, hören Sie mal, das war doch Ihre These! Ja, ich weiß, meine war es auch. Vorher fielen Sie mir ins Wort und haben voreilig meine These entblößt. Und nun wollen Sie sich nicht vordrängeln. Wie galant! So galant bin ich schon lange und lasse Ihnen den Vortritt. Nur eines noch: aus bildungsfernen Schichten stammen Sie jedenfalls nicht. Wie hätten Sie sonst Thesen dieser Güte aufstellen können? Da hätte ich auch sachlicher und distanzierter bleiben können. So wird es zukünftig wieder gehandhabt. Haben mir ganz schön was vorgemacht. Am Ende sind Sie ein Puhler, der mich nur aushorchen wollte...

15 Kommentare:

plebejade 10. August 2009 um 02:43  

nee, ich bin kein kochemer. ich bin kess.
der vergleich hinkt nämlich.

war doch das rotwelsch eine sprache der gewisser kreise, sich gegenüber der obrigkeit unverständlich auszudrücken. unverständlich in dem sinne, dass die benutzten wörtern im weiteren sinne (insbesondere übersetzungen aus anderen sprachen heranzuziehen) ähnlichkeit zum eigentlich gemeinten sachverhalt hatten.
heute wäre es vielmehr die obrigkeit, die sich unverständlich gegenüber den unteren ausdrückt. unverständlich in dem sinne, dass sie mit anderen, sinnbehafteten worten die wahren sachverhalte kaschieren.

Geheimrätin 10. August 2009 um 03:01  

Oh Mann, Roberto, mach mal ein Paypal oder wie det heisst uff, ick spende dir meinen letzten Harz Groschen für deine Texte! Essn schmeckt mir eh nimmer. Schlafen hab ick mir och abjewönt,

lesen tu i noch, und s rauchen hob i a wieda ogfanga. Aber dofür wird no reicha, also, bidde, immer heiter weiter und DANKE!

Roberto J. De Lapuente 10. August 2009 um 07:56  

Geh Annette, bhoit dei Geyd, sGeyd soi doch ollawei zum Geyd. I hob ja koans, drum konnst dei Geyd bhoitn. Schicks hoit soichane Leit, de ebs a braucha kennan. Dene, de jetza so vui valorn hom in da Krisn, moan i. De kenna oam ja a gewies leidtoa.

endless.good.news 10. August 2009 um 07:59  

Sehr schöner Text. Indem man angenehmer Worte nimmt, um schlechte Sache auszudrücken mildert man die Schlechtigkeit ab. Es geht ja noch weiter Generationengerechtigkeit für Rentenkürzung finde ich sehr schön.

Anonym 10. August 2009 um 08:30  

Lieber Roberto,

lese Deinen Blog oft und werde zum
Nachdenken gebracht.

Hier noch ein Beispiel für das Wort
"freistellen" für kündigen.

Im online-Duden findet man folgende
Erklärung:

1. frei|stel|len : 1. jmdn. zwischen mehreren Möglichkeiten entscheiden lassen; jmdm. die Wahl .

Einen schönen Tag wünscht
Elke Bonacker

romano 10. August 2009 um 08:51  

de walschn zoggler!

landbewohner 10. August 2009 um 09:54  

finde auch,daß der vergleich hinkt - aber welcher tut das nicht. rotwelsch wurde ja von gewissermassen ausgegrenzten gesprochen, um übergriffe der herrschenden abzuwehren. neudeutsch hingegen ist ja nun von den ausbeuterkreisen und ihrem hofstaat in die welt gesetzt worden, um den "pöbel"- sprich dumme masse - zu verarschen. aber ich finde: man kann nicht oft genug auf diese sprachkosmetik hinweisen, die übelstes verniedlicht und zwangsarbeit lässt die menschen eben doch an nazizeiten denken, arbeitsgelegenheit mit mehraufwandsentschädigung eben nicht.

epikur 10. August 2009 um 10:54  

Zunächst einmal: die große Verlinkungsaktion gefällt mir ;-)

Ich befürchte Rotwelsch als Vergleich ist hierbei noch zu harmlos. Die heutige Herrschaftssprache kommt der Sprache des Nationalsozialismus leider immer näher. Wie damals verschwindet zunehmend der Mensch aus der Sprache, auch Naturvergleiche nehmen rapide zu sowie die Herabsetzung der Menschlichkeit durch Begriffe und Formulierungen.

Jutta Rydzewski 10. August 2009 um 17:41  

Unter keinen Umständen darf der "Renner" bei den Begriffsverunstaltungsverrenkungen vergessen werden: Sozial Schwache. Eine Begrifflichkeit, deren Verwendung schon inflationäre Ausmaße angenommen hat. Besonders beliebt ist dieser Terminus natürlich im schwarzen Lager, wird aber mittlerweile bundesweit von Hinz und Kunz bedenkenlos mit- bzw. nachgeplappert. Ich finde es immer sehr witzig, wenn z.B. ein Laurenz Meyer (CDU) von DEN sozial Schwachen spricht, denen einerseits doch (Pathosplatte an) geholfen werden müsse, die aber andererseits (Pathosplatte aus) auch gefälligst mitzuarbeiten haben und so. Übrigens, es gibt eine ganze Menge Meyers, nicht nur in der Politik, sondern auch in den Medien, der Wirtschaft sowieso, der Wissenschaft usw.. Eigentlich lauern die Meyers überall, um ihren Phrasenmüll abzulassen. Es meyert sozusagen an allen Ecken und Kanten, wohin das Auge auch blickt.

Was sind denn nun wirklich sozial Schwache? In Zeiten der tausend Krisen wächst die Zahl der sozial Schwachen ohnehin rasend schnell an. U.a. gehören natürlich diverse Vorstandvorsitzende von Banken oder sonstigen Konzernen dazu. Erinnert sei an die Zumwinkels, Middelhoffs, Mehdorns usw. usw.. Es sollten aber auch schamlose Lobbyisten wie Schröder und Fischer, die mal in höchsten Staatsämtern waren, nicht vergessen werden. In der Tat, das sind nicht nur sozial Schwache, sondern Abzocker, Schmarotzer und Gierlappen der übelsten Sorte. Gegen diese Herren ist so mancher Hartz IV-er ein leuchtendes Vorbild an sozialer Kompetenz, obwohl er (der Hartz IV-er) sicherlich zu den Einkommens-Schwachen gehört.

mfg
Jutta Rydzewski

Robert Reich 10. August 2009 um 17:58  

Wenn ein Land Krieg gegen ein anderes Land und dessen Bevölkerung führt und die Obrigkeit von Friedensmission spricht, ist das kein Rotwelsch - das ist Volksverdummung! Und wenn irgendwelche Fernsehsender "Das Leben ist Hartz" ausstrahlen, dann muss derjenige, der den Inhalt für bare Münze nimmt, als bildungsfern bezeichnet werden.

Grüße von Robert

Roberto J. De Lapuente 10. August 2009 um 19:06  

Es ist das Rotwelsch unserer Zeit, Verdummung ja sicherlich, aber auch die Sprache von Verbechern...

Rainer 10. August 2009 um 22:11  

Jetzt hab ich meine Frau zum Übersetzen geholt...
Ich denke, der Grad der Offenheit und Unverholenheit der herrschenden Kaste ist ein Messinstrument ihres Glaubens.

antiferengi 10. August 2009 um 22:26  

Na, ja das Prinzip funktioniert ja.
Wer nix mehr versteht, greift dann zur Bild-Zeitung.
Vom Regen in die Traufe, ...
und ersaufe.

otti 11. August 2009 um 09:46  

Das Rotwelsche der Politik (Abwrackprämie als Umweltprämie) oder der Finanzmärkte (CDO, CDS, MBO) kann durchaus als Weiter- und Fortentwicklung einer früheren Gaunersprache verstanden werden.
"Entsorgen" (Gift- und Atommüll) wir doch diesen Dreck aus Lug und Trug!
Sagen wir, die Ehrlichen, solchen Gaunereien der Unehrlichen den Kampf an.
Das Volk sind wir.

Wenn das Maß voll und die Maß (bayerisch, Bierkrug) leer ist, ist die Zeit reif, bei den Machthabern Maß zu nehmen.

Es ist Zeit, Gauner wieder Gauner, Betrug wieder Betrug und Krieg wieder Krieg zu nennen.

Die Sprache der Propaganda ist die Sprache des Terrors.
Des Terros gegen uns.
Gegen das Volk.
Gegen Freiheit.
Und Gerechtigkeit.

Übermächtig ist unser Zorn.
Auf die alles verzehrende Gier der Macht.

Die Diktatur der Macht ist der Demokratie Untergang.

Geheimrätin 11. August 2009 um 11:11  

@antiferengi

die BUILD für den Pöbel und die ZEYT für den Bildungsbürger

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