De dicto

Dienstag, 18. August 2009

"Sänger Jan Delay (32) macht super Musik, redet aber Blech! Er hat Verständnis für Kriminelle, die Autos anzünden. „Jeder braucht wohl sein Ventil und muss mal Druck ablassen. Für 50 Prozent der Leute ist es Entertainment und für die anderen wirkliche Agitation“, sagte der Hip-Hop-Musiker aus Hamburg „welt.de“.

BILD meint: Gewalt gegen Menschen fängt mit Gewalt gegen Sachen an!"
- BILD-Zeitung, Verlierer des Tages vom 17. August 2009 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Bloß nicht verstehen, bloß nicht begreifen wollen! Wer versucht die Ursachen für Gewaltakte frustrierter Menschen, das Verhalten gewalttätiger Jugendlicher zu ergründen, der verbrüdert sich aus Sicht der BILD mit den Gewalttätigen selbst. Dem geht es nicht um Erkenntnis, dem geht es um Legitimation. Wer darlegt, weshalb Menschen derart die Schnauze voll haben könnten, so sehr, dass sie sogar dazu übergehen, ihre Aggressionen an Gegenständen abzureagieren, der macht den Akt der Vernichtung erklärbar, der entweiht ihn der reinen Boshaftigkeit, macht ihn verständlich.

Denn in diesen Sphären der Boshaftigkeit siedelt der Konservatismus jede Form außerstaatlicher Gewalt an. Menschen demolieren und verbrennen Autos, nicht weil sie frustriert sind, weil sie Aufmerksamkeit benötigen, sondern weil sie abgrundtief böse sind, einen Hang zur dunklen Seite menschlichen Aktionismus' haben, weil sie gerne zündeln, zerschlagen, zerdeppern. Gewalttäter aus Leidenschaft! Und wehe dem, der da auftritt und meint darlegen zu müssen, dass die Ursache nicht das sinnlos Böse ist, sondern die soziale Ausgrenzung, das Angewidertsein von einem Staat, der mehr und mehr polizeistaatliche Züge trägt. Ob das freilich sinnvoll ist, ob es Wirkung zeitigt, ob durch brennende Kraftfahrzeuge politischer Wandel bewirkt wird, wird bei der Begründung freilich nicht thematisiert und ist daher zunächst unwesentlich.

Und so schließt die BILD mit der Binsenweisheit, dass Gewalt gegen Menschen mit Gewalt gegen Sachen beginne. Aber es ist andersherum, ein Blick in französische Banlieues genügt, in denen Migrantenkinder weggesperrt werden, einer hoffnungslosen Zukunft harren, ausgegrenzt sind. Eingepfercht in Betonblockpromenaden hat die Gewalt bereits am Menschen begonnen, an den Menschen aus dem Maghreb, an den Kindern dieser Migranten aus Nordafrika. Gewalt gegen Sachen ist demnach die Reaktion auf Gewalt gegen Menschen. Einer Gewalt, die in Form gewaltiger Ausgrenzung stattfand und auch weiterhin stattfindet. Zuerst werden Menschen unterdrückt und entwürdigt, dann zerschlägt man das Ding.

An diesem finalen Satz der BILD erkennt man deutlich, von welcher Seite aus Ereignisse in diesem Blatt kommentiert werden: Für die Verständnislosen an der Zertrümmerungswut, für diejenigen, die glauben, man zertrümmere aus boshafter Passion, ist die Gewalt an der Sache Vorläufer weiterer Gewalt, die dann am Menschen begangen wird. Für denjenigen jedoch, der erkannt hat, dass man nicht aus Lust und Laune randaliert, ist die Gewalt an der Sache Reaktion auf bereits ausgeführte Gewalt am Menschen. Letztere Sichtweise entzaubert die Gewalttat der transzendenten Boshaftigkeit, holt sie auf den profanen Boden zurück, macht sie fassbar, verstehbar - erlaubt es, dass durchdacht wird, wie solcherlei Reaktionen gebannt werden können. Die erste Sichtweise erlaubt nur Reaktionen, die mit Polizeiknüppeln auf platzende Hautpartien aufgetragen werden. Wer versteht, wer das auch noch offen ausspricht, der unterbindet repressive Mittel, der unterläuft den gängigen Kurs der Eskalation, der deeskaliert und schadet damit pervertierter Gesellschaftspolitik, die zugunsten bestimmter Bevölkerungsschichten betrieben wird; wer versteht und begreift, agitiert gegen diese Bevölkerungsschichten und wird von ihnen und ihren Verlautbarungsorganen zum Mittäter geadelt.

18 Kommentare:

Rainer Thomas 18. August 2009 um 14:14  

Da steht ja gerade das Hetz- und Propagandablatt "Bild" ja in guter, alter Tradition: ich darf an das Attentat auf Rudi Dutschke erinnern welches die Bildzeitung mental mit verursacht hat.

wölkschen 18. August 2009 um 14:25  

Solange man zwischen "erklären können" und "entschuldigen wollen" differenziert, stimme ich zu.

endless.good.news 18. August 2009 um 14:36  

Es ist ja nichts neues, dass Dinge über Menschen gestellt werden. Bild reiht sich nur ein.

klaus baum 18. August 2009 um 14:39  

>>Bloß nicht verstehen, bloß nicht begreifen wollen! Wer versucht die Ursachen für Gewaltakte frustrierter Menschen, das Verhalten gewalttätiger Jugendlicher zu ergründen, der verbrüdert sich aus Sicht der BILD mit den Gewalttätigen selbst. Dem geht es nicht um Erkenntnis, dem geht es um Legitimation. Wer darlegt, weshalb Menschen derart die Schnauze voll haben könnten, so sehr, dass sie sogar dazu übergehen, ihre Aggressionen an Gegenständen abzureagieren, der macht den Akt der Vernichtung erklärbar, der entweiht ihn der reinen Boshaftigkeit, macht ihn verständlich.<<

Ich glaube, ich fange langsam an zu begreifen, dass es Menschen gibt, die so vernagelt sind, dass sie das Kleine EinmalEins der Ursache von Gewalt und Kriminalität nicht begreifen, nie begreifen werden. Wir überschätzen diese Leute, wenn man mit ihnen versucht, vernünftig zu argumentieren.
Jemand, der einigermaßen gebildet ist, weiß schon aus den Dramen der griechischen Antike, dass Gewaltakte ihre Ursache haben, die man ergründen muss, um der Gewalt den Boden zu entziehen.
Ich habe lange gebraucht, zu realisieren, dass es Menschen gibt, meist tonangebende, die nichts, aber auch gar nichts aus der Literatur lernen, ja, sie sogar für überflüssig halten.
Merkwürdig bleibt trotzdem, dass BILD im Sinne von "Wehrte den Anfängen" argumentiert. Das hätte dieses Blatt mal bei der Agenda 2010 zu tun sollen.

Das konservative Lager ist unfähig zu erkennen, dass in seiner Politik die Ursache von Gewalt mitbegründet ist. Anstatt an der Beseitigung der Ursache zu arbeiten, erhöht man die Dosis: Mehr Befugnisse für die Bundeswehr, für die Polizei, mehr Gefängnisse usw.
Ekelhaft.

Anonym 18. August 2009 um 15:16  

Na ja jeder schreibt mal einen schlechten Artikel.
Gewalt ist nichts Gutes.

Roberto J. De Lapuente 18. August 2009 um 16:08  

Und Gewalt nicht verstehbar zu machen ist nicht unbedingt besser... es ist eine andere Form der Gewalt, die Gewalt des Mundtotmachens, des Totschweigens. Eine Gewalt der Entziehung von Zusammenhängen. Und letztlich: Wer rechtfertigt Gewalt denn?

landbewohner 18. August 2009 um 16:11  

wenn ich richtig informiert bin, dann war es ja wohl so, daß am anfang nur edelkarossen angezündet wurden und auch nur da, wo man "angesagte" stadtviertel mittels luxussanierung entmieten wollte - sprich die alten bewohner vertreiben - also notwehr gewissermaßen, wenn auch zweck- und hilflose. aber was sollen die schwachen sonst tun? zettel verteilen, schweigedemos?? 100fache enttäuschung treibt zu radikaleren maßnahmen und irgendwann laufen solche sachen dann auch aus dem ruder.

Anonym 18. August 2009 um 16:37  

Gut auf den Punkt gebracht:

Ich denke auch, nicht die Gewalttäter gegen die strukturelle Gewalt des Staates gehören eingesperrt sondern der Staat selbst, der immer mehr von sich aufgibt und zum Anhängsel der neoliberalen Eliten wird, gehört einmal auf seinen Geisteszustand untersucht.

Wir leben in einer total verrückten Welt, die ihre eigene Verrücktheit eben auf "Gewalttäter"; "Arbeitslose" und andere nicht angepasste Elemente übertragen will.

Wer die dt. Geschichte von 1933 - 1945 kennt, dem kommt da einiges sehr bekannt vor - Gunter Haug z.B. hat einen tollen Tatsachenroman geschrieben wo es um einen Nazi-Kritiker ging, der von Anfang an...., der Mann wurde für verrückt erklärt und im Rahmen der Euthanasie umgebracht....

...von einem total verrückten Staat....

Soweit wollen wir es doch wieder nicht kommen lassen? Oder?

pax-japan 18. August 2009 um 19:51  

Wenn ich gefragt werde, ob es nicht unmoralisch sei, Menschen zu töten, aber Eigentum zu verschonen, dann sage ich immer: Die Menschen sind feindliche Soldaten und nur darum geht der Krieg. Eigentum, Zivileigentum zu verschonen ist sicherlich moralisch.
(Samuel T. Cohen, 1981)

Anonym 18. August 2009 um 20:29  

Die Bild heißt für mich nur noch "Der Stürmer", wie damals die Nazi-Zeitung.

Willi 18. August 2009 um 23:25  

Wichtiger Punkt Roberto. Die Aufgabe unserer Medien ist ja nicht, Zusammenhänge sichtbar zu machen. Das schließt nicht aus, dass sie nicht ab und zu mal eine Ecke des Schleiers zu lüften bereit sind um, einen raschen Blick zu tun. Bild allerdings gehört wohl zu den Organen, die nichtmal wissen, was ein Schleier ist...
Dabei wäre es eigentlich so wichtig und bitteschön auch der Job der Damen und Herren Qualitätsjournalisten, Zusammenhänge auf zu decken. Warum gibt es zum Beispiel Piraten in Afrika? Wovon haben die früher gelebt? Was haben die afrikanischen Flüchtlinge, die auf dem Atlantik ersaufen mit den Fiananzmärkten zu tun? Wieso darf nur das Kapital überall da hin gehen, wo es am lukrativsten ist - Menschen hingegen nicht? Was hat die Fiananzkrise mit der Art unseres Geldes und den Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus zu tun? etc. pp
Wir sollen und viele wollen auch gar nicht verstehen. Wir drehen uns im Kreis wie die Spielzeugroboter, die ihre Richtung ändern, wenn sie irgendwo gegen laufen. Wir stoßen überall auf gesellschaftlichen Tabus und wenden und ganz schnell ab. Das sollen wir auch.
Lustig finde ich dabei, dass auch hier in den Kommentaren einige nicht zwischen Rechtfertigung und Begründung unterscheiden können und dir vorhalten, Gewalt gut zu finden. Manchmal frage ich mich, ob das Naivität oder bezahlte Trollerei ist.
Nicht lustig finde ich, dass die Weigerung, Zusammenhänge zu sehen und verstehen zu wollen blanke Absicht ist, weil sie die Standardlösung der Mächtigen -die Repression- gerechtfertigt erscheinen lässt. Wer sich mal die Geschichten ansieht, die sich um den "Kampf gegen den Terror" - der sehr viel weiter als bis 9/11 zurückreicht- ranken ansieht, beginnt zu verstehen das wir hier in einem Meer von Dummheit und Verdummung schwimmen.
Die Aufgabe der Bild ist es, das dies so bleibt.

Wolf-Dieter 18. August 2009 um 23:29  

Dass es Dünnpfiff ist, was die Bild schreibt, ist evident.

Zwar sagen alle Bild-Leser, mit denen ich je sprach: halt sie schräg, und das Blut läuft zwischen Zeilen raus. Sprich, jeder weiß, dass sie lügt und fälscht.

Weniger wissen, dass die permanente politische Umspülung trotzdem funktioniert nach dem Prinzip steter Tropfen höhlt das Hirn.

Der vorliegende Beitrag ist sicherlich in der Sache zutreffend. Aber er wendet sich an jene, die die Bild sowieso kritisch reflektieren. Nicht an die breite Leserschaft.

Und das wäre die große Aufgabe. Aber das ist nicht ganz trivial.

Calwer-Wildnis 19. August 2009 um 00:56  

Die "Gewalttäter", "Arbeitslosen", etc., lernen dazu.Sie beissen weg, wie die Politiker, bespitzeln einander, als wären sie bei Schäuble engsagiert, mobben was das Zeug hält, und wenn einer der 1.-- Euro-Verträge, oder befristeten Verträge ausläuft, - wenn etwas schiefgeht, was eigentlich die Arbeitsagentur mit zu verantworten hätte, und allen voran unser Staat - wird der bisherige Vorgesetzte drangsaliert und bedroht, obwohl der am wenigsten etwas ändern kann.

Das ist es, was keiner wahrhaben will, wie sehr dieser Staat mit seiner Politik das vorlebt, was nachher andere ausbaden müssen, wenn der Frust zuviel wird.

Es ist nur noch zum Kotzen...

Manul 19. August 2009 um 02:42  

Das ist doch im Prinzip immer das Selbe. Man beachte nämlich in diesem Zusammenhang auch die Berichterstattung, wenn es um Demonstrationen geht. Wenn es am Rande auch nur zu den kleinsten Eskalationen kommt, dann wird dieses natürlich gross bebildert gleich berichtet und so entsteht oft der Eindruck, dass so mancheine Demonstration insgesamt sehr gewalttätig war und der Grund für die Demonstration gerät somit in den Hintergrund. Dahinter steckt die perfide Taktik Demonstranten insgesamt als kriminelle Randalierer darzustellen. Da die meisten biedere brave Bürger sind (oder es zumindest sein wollen), sinkt damit die Motivation selbst an Protesten teilzunehmen. Das könnte zumindest erklären, warum Demonstrationen, trotz der immer grösser werdenden Zumuntungen, doch eher moderate Teilnehmerzahlen haben.

P.S. Ja, ich höre schon manche sagen, dass Gewalt grundsätzlich bei Demonstrationen nichts verloren hätte... aaaber: jeder, der an einer Demonstration, wo es auch schon schon mal emotionell zuging, teilnahm, weiss, dass das manchmal sehr schnell gehen kann. Ein angetrunkener Demonstrant reicht, der auf die Idee kommt eine Bierdose in die falsche Richtung zu werfen. Naja, und manche Protestaktion erfordert einfach schon eine Portion bürgerliches Ungehorsam und da gehören Zwischenfälle mit der Staatsgewalt schlicht dazu.

Peinhard 19. August 2009 um 07:50  

"Wenn ich gefragt werde, ob es nicht unmoralisch sei, Menschen zu töten, aber Eigentum zu verschonen, dann sage ich immer: Die Menschen sind feindliche Soldaten und nur darum geht der Krieg."

Erstens werden auch diese 'erlärten' Kriege meist mit dem Hintergedanken des 'Erhalts unserer Wirtschaftordnung' und damit unseres Lebenstandrds geführt. Und was ist zweitens mit dem nicht erklärten Krieg, der sich 'struktureller Gewalt' - ich erinnere hier mal stellvertretend an Jean Zieglers Auspruch, jeder Mensch, der heute noch Hungers sterbe, würde ermordet.

Nur letztere ist übrigens auch wirklich Gewalt - 'Gewalt gegen Sachen' dagegen schon immer ein 'Kampfbegriff', um 'Sachbeschädigung' (mehr ist das nicht, so ärgerlich sie auch manchmal sein kann) auf eine höhere Stufe zu bugsieren und der Gewalt, die sich immer nur gegen Menschen richtet schon mal sprachlich gleichzustellen.

philgeland 19. August 2009 um 13:33  

Die vollkommene Unfähigkeit, befördert durch die Medien, Grautöne erkennen und Gründe aufzeigen zu wollen, die Mystifizierung der Motivationan menschlichen Handelns, ist besorgniserregend. Das "Böse" schwelt, brütet und konspiriert in den Vorstädten, den Banlieus und den Favelas. Beispiel Brasilien: Sendungen wie "Brasil Urgente" berichten im Vorabendprogramm auf sensationalistische Art und Weise über Überfälle, in Live-TV-Manier. Das Ganze wird begleitet von einem "Moderator", dessen demagogische Kommentare über "bandidos" das gesellschaftliche Klima vergiften.

Peinhard 19. August 2009 um 19:10  

Das 21. könnte leicht ('gut und gerne' wäre doch etwas geschmacklos) zum Jahrhundert der Bürgerkriege werden...

Anonym 21. August 2009 um 17:27  

@Peinhard

Schon wieder:

"[...]Das 21. könnte leicht ('gut und gerne' wäre doch etwas geschmacklos) zum Jahrhundert der Bürgerkriege werden...[...]"

...schon wieder deshalb, weil manche das 20. Jahrhundert als ein solches "Jahrhundert der Bürgerkriege" definieren ;-)

Nicht böse gemeint - Schau mal in diversen Medien nach - für manche Intellektuelle ist das 20. Jahrhundert.....

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