Ich habe versagt

Dienstag, 14. Juli 2009

Neulich beim Belauschen eines Gesprächs zwischen zwei famosen Müttern. Man hatte den Eindruck, beide wüßten haargenau wovon sie redeten, man glaubte beinahe, Kindererziehung sei eine exakte Wissenschaft, die Patentrezepte zulasse und Theoretika erlaube. Beide haben eine Handvoll Kinder, beide haben Karriere gemacht - richtige Kraftfrauen, muskulöse Amazonen, die am Midas-Komplex leiden, alles zu Gold verwandeln, wenn sie es auch nur anhauchen. Es geht ihnen alles locker von der Hand, sie erziehen zudem vorbildlich, sind Mütter par exellance. Ihre Kinder müssen glückliche Wesen sein, konnte man erahnen, bekommen stete Aufmerksamkeit, verbringen viel Zeit mit ihren Eltern, haben die Tugend der erzieherischen Weisheit direkt vor ihrer Nase sitzen.

Und da wurde es mir offenbar: Ich bin ein Versager! Ich habe als Vater versagt! Mit dieser Menge, vorallem aber mit dieser Qualität erzieherischen Sendungsbewußtseins, bin ich nicht ausgestattet. Ich bin nicht der immer souveräne, immer gelassene, immer überblickende Vater, der da zwischen den Zeilen der beiden verbrauchten Damen lümmelt. Es kommt schon vor, dass ich laut werde, auch mal richtig schreie; es kommt vor, dass ich meine Kinder ungerecht behandle; es kommt vor, dass ich meinen Kindern keine Aufmerksamkeit schenke, wenn sie wieder einmal in ein Gespräch hineinzuplatzen versuchen; es kommt vor, dass ich meinem Sohn empfehle, er möge seinen alltäglichen Schulhofpeiniger einfach mal eine verpassen, wenn dieser das nicht anders kapieren will; es kommt vor, nicht zu knapp, dass ich meinen Kindern auch das Nein gegenüber deren Obrigkeit lehre. Ich habe nicht nur versagt, ich versage täglich erneut, immer wieder, beinahe zielgerichtet. Den Eindruck, ich würde ausgewogen nach pädagogischem Plan, involviert in die exakte Lehre des Erziehens, meine Kinder durchs Leben geleiten, habe ich nicht, hatte ich nie. Stattdessen scheint es, als herrsche das Chaos.

Ich bin nicht der standfeste Vatertyp, in der Wut bestrafe ich gerne mal voreilig, nehme die Strafe aber schnell wieder zurück - die Damen hätten mich fehlender Standfestigkeit bezichtigt. Meine Kinder dürfen mich auch schief von der Seite anquatschen, solange sie nicht beleidigen, ich quatsche sie ja wohl auch oft genug schief an: verspiele ich da nicht meine gottgegebene Autorität? Erziehe ich mir da keine kleinen Anarchisten groß? Und wie erzieherisch wertvoll ist es, wenn ich in einem Moment lauthals schimpfe, um bereits drei Minuten später mit ihnen herumzublödeln? Da lauscht man zwei vornehmen Damen, beide standfest in ihre Allwissenheit vernetzt, legen dar, wie vorbildlich ihr Elterndasein verläuft, mit wieviel Gelassenheit und Ruhe sie erziehen - und dann sehe ich mich: so gar nicht perfekt, so gar nicht ausgewogen, mal der zürnende, mal der kumpelhafte Vater; oft im Irrtum, oft voreilig wütend, manchmal auch vernachlässigend wenn Schelte angebracht wäre; hier milde, dort hart - Ausgewogenheit als Fremdwort.

Was beide hier unwissentlich, als Marionette höherer Interessen, veranstalten, ist die Gleichschaltung des modernen Menschen. Unausgewogenheit ist eine Charaktereigenschaft meinerseits, ich bin nicht launisch, aber es entspricht meinem Wesen, zwischen guter Laune und Melancholie zu schwanken. Aber dann stellen sich Erziehungsritter vor die Republik und predigen einen Typus Vater oder Mutter, der in allen Facetten einem stilisiertem Ideal zu folgen habe. Alles was den Menschen, denn das Elternteil bleibt ja Mensch, ausmacht, seine Neigungen und Wesenszüge (eben auch die Unausgewogenheit), haben in den Hintergrund zu treten, um Erziehungsarbeit leisten zu können. Da wären wir schon beim Punkt: Erziehungsarbeit! Die Erziehung ist zur Arbeit degradiert, zur Leistungstat, zur Fließbandtätigkeit, die scheinbar immer den gleichen Handgriff erfordert. Dass Erziehung etwas ist, was nebenher geschieht, keine konkrete Tätigkeit, mehr ein Mitleben innerhalb einer Familie, ein unbewußter Vorgang, der nur in den seltensten Fällen bewußt wird, verschweigt die Begrifflichkeit von der Erziehungsarbeit. Denn wo gearbeitet wird, da braucht es Disziplin. Das Elternteil muß diszipliniert sein, muß sich selbst zurückstellen, muß alle Konzentration auf das Kind lenken, muß nach Plänen aus den Köpfen von Pädagogen belehren und steuern, muß liebevoll führen, aber nicht zu liebevoll an seinem eigenen Charakter, an seinen eigenen Mängeln kleben. Denn am Arbeitsplatz hat Privates fernzubleiben. Perfekte Eltern sollen herauskommen, weil in diesen Zeiten nur das Perfekte Geltung haben soll, Professionalität zum Ausdruck von Qualität umgedeutet wurde.

Bei Kleinigkeiten geht es los, wenn man den Kleinen beispielsweise erklären soll, dass dies oder jenes nicht ihnen, sondern irgendeinem Spielkameraden gehöre. Kommunitäre Eigentumsauffassungen haben in der modernen Erziehung unserer Gesellschaft nichts verloren, stattdessen wird von Kindesbeinen an antrainiert, die Eigentumsverhältnisse zu dulden, als unantastbar erscheinen zu lassen. Man lehrt ihnen immer noch, wie zu Urgroßvaters Zeiten, dass Widerworte gegen Autoritäten ein Tabu sind, wenn Lehrer, Pfarrer oder Vater spricht, soll andächtige Stille herrschen, selbst dann, wenn das Gesprochene offenbarer Unsinn ist. Man hat nach einem Masterplan zu erziehen, nach Werten dieser Gesellschaft. Und wer diese Werte nicht vertritt, zudem seinen Erziehungsauftrag nicht steril ausführt, sondern seinen elterlichen Charakter offen zuläßt, der soll sich an den Gesprächen solcher Muttertiere geradezu ernüchtert fühlen, sein Versagerdasein begreifen lernen. Es ist nicht die gute Absicht der beiden Damen, die sich in solchen Gesprächen niederschlägt - (von der Leyen weicht ja auch ziemlich plump der Frage aus, ob es denn materielle Armut gäbe, Saalfrank läßt das Schwammige unkommentiert, bestreitet zudem angeblich auch Wahlkampf für die SPD, in der sie Mitglied ist, seitdem Schröder notwendige Sozialreformen durchgepaukt hat, so ihr O-Ton kürzlich) -, es ist kühle Kalkulation. Seht her, so wird erzogen und nicht anders! Erziehung ist nicht individuell, es ist eine kollektive Tätigkeit. Die Individualität der Kinder soll ein wenig berücksichtigt sein, aber das Elternteil ist Teil eines gesellschaftlichen Kollektivs, hat zu erziehen, wie wir uns das vorstellen!

Es gibt genug Menschen, die sich den eitlen Sonnenschein dieser beiden Damen schwer zu Herzen nehmen, die dadurch ihre eigene unzulängliche Erziehungsmethode als Ausdruck ihrer Kläglichkeit erkennen. Nicht nur ihres erzieherischen Versagens, sondern des kompletten Versagens, des Versagens auf ganzer Linie, des In-den-Sand-Setzens ihres gesamten Lebens. Dabei wird vergessen, dass die Erziehungen von der Leyens und Saalfranks zu großen Teilen auf Kindermädchen beruhen, um die Karriere zu schützen, und was noch viel wichtiger ist: es wird verschwiegen, dass die beiden Damen sicherlich nicht gelassen und mit vollem Überblick über ihre Kinder regieren. Es wird auch dort Chaos herrschen, wie beinahe überall, wo Kinder leben - das macht auch den Reiz aus, mit Kindern leben zu wollen. Die Erziehungsideologie, die sich in solcherlei belanglosen Gesprächen niederschlägt, ist die Ideologie, des durchgeregelten Kindes. Als müsse alles vorab geplant und entworfen sein, Erziehung dazu da sein, das Kind möglichst bald einfügsam zu machen, damit es funktioniert.

Es ist oft sehr anstrengend, keine zu angepassten Kinder zu haben, es ist mühsam, raubt Zeit - aber man weiß, es ist so angelegt worden, damit aus ihnen einmal mündige Erwachsene entschlüpfen und keine Ja-Sager und Kopfnicker, die nichts mehr hinterfragen, weil sie bereits in der Pubertät seelisch verstorben sind, nachdem man sie jahrelang in allzu perfekten Erziehungentwürfen gefangensetzte. Ja, aus deren Sicht bin ich sicherlich ein Versager, kein endgültiger, weil ich mich ja um meine Kinder kümmere, nur eben anders als andere, charismatischer vielleicht, auch mit drastischeren Worten als andere Elternteile. Aber ein gemäßigter Versager bin ich doch - kann es ein größeres Lob geben, als jenes, nicht ins bürgerliche Erziehungsmuster zu passen?

15 Kommentare:

epikur 14. Juli 2009 um 10:36  

Ich muss zugeben, ich kann da schwer mitreden, da ich keine eigenen Kinder habe. Was mir aber dennoch oft auffällt, ist, dass es Väter auch nicht einfach haben. Sie müssen ständig "beweisen", dass sie auch anständige Väter seien können. Überall lauert das Vorurteil des schlechten Vaters: der misshandelt, schlägt, trinkt, sich verpisst, rumbrüllt, kein Unterhalt zahlt usw. Dabei gibt es genauso oft schlechte Mütter - nur das öffentlich zu sagen ist in Deutschland ein Tabu.

otti 14. Juli 2009 um 11:07  

Die Perfektion der Erziehung besteht in der Produktion von klaglos funktionierendem zukünftigem Menschenmaterial, das dann von zu Leithammeln gezüchteten Leistungsträgern ausgebeutet werden kann.
Menschliche Werte sind nicht gefragt.
Der Wert des Menschen macht sich an seiner Unmenschlichkeit fest. Je unmenschlicher, desto besser - für das neoliberale System.

antiferengi 14. Juli 2009 um 11:16  

Die Leute welche anscheinend die ganze Enzyklopädia der modernen Kindervermurksung gelesen haben, begleiten mich auch ständig. Das Bild von der formatierten, ständig ausgeglichenen, ruhigen, und über alles erhabenen Übermutter, bzw. des Übervaters, - fernsehgerecht im Kopf, wenden sie ihren Plan der pseudowissenschaftlich fundierten, besten Anpassungsstrategie für ihre Kleinsten an. Sei gegrüsst Roberto, - im Club der spontanen Väter, welche völlig planlos, aber jeden Tag aufs neue ihre Kinder erleben. Ich meine, - so wie man richtige Menschen behandelt, mit denen man ständig zusammen ist. Kein organisatorisches Darüberstehen, sondern echtes Miteinander. Statt Bücher darüber zu lesen, wie man mit seinem Nachwuchs spricht, spreche ich lieber mit ihm. Und jeden Tag ist er anders, - genau wie ich, - und jeder andere normale Mensch auch, der morgens noch nicht weiß wie der Abend aussieht.

Roberto J. De Lapuente 14. Juli 2009 um 11:26  

"Und jeden Tag ist er anders, - genau wie ich, - und jeder andere normale Mensch auch, der morgens noch nicht weiß wie der Abend aussieht."

Genau so ist es. Und sind sie dann mal launisch, meine Kinder, dann stinkt mir das auch so, wie wenn irgendein anderer Menschn launisch ist. Dann sag ich ihnen das auch, so wie man es eben tut, wenn man MITeinander kommuniziert. Wenn ich dann Tanten wie Saalfrank höre, die davon reden, dass man diese Launen akzeptieren muß, weil Erwachsene das auch haben. Ja, akzeptieren schon, aber nicht auf Rosen betten deswegen.

Ja, man erlebt seine Kinder immer wieder neu, was ja auch nicht immer schön sein muß. Denn diese Art Pädagogik, die das Erziehen zum Idyll erklärt, ist genauso blöde, wie die Alles-muß-geplant-sein-Methodik, in der das Elternteil großer Planungsvorsitzender ist. So schön ist es nicht immer, manchmal sogar ärgerlich. Aber so ist das Leben mit Menschen, man wächst am Mitmenschen, der Vater wächst am Sohn, der Sohn wächst am Vater. Man erzieht sich beiderseitig... der perfekte Vater ist daher nur Illusion, nichts weiter als der familiäre Generalbevollmächtigte herrschender Produktionsverhältnisse.

Franktireur 14. Juli 2009 um 11:52  

Ich hatte mal vor einer Weile gelesen, wie die Erziehungsmethoden im Hause Albrecht waren (CDU ehemaliger Ministerpräsident von Niedersachsen, der Vater von von der Leyen), das las sich unglaublich grauselig, beinahe faschistoid. Ich glaube, das wirkt sich wohl immer noch aus auf unsere Zensursula.

Mike 14. Juli 2009 um 12:39  

Sei froh, das Du versagt hast, denn das macht Dich menschlich. ;-)

forlorn 14. Juli 2009 um 13:17  

Da fällt mir doch ein Artikel bei Telepolis wieder ein, bei dem es um neue Vatertypen ging; inhaltlich etwas dünn, was zu gewissen Albernheiten im Forum führte.
Kostprobe:
***********************************
Dabei ist das alles ganz einfach.

Ich entwickele meine Kinder nach rein wissenschaftlichen Kriterien.
Dazu verwende ich ein System, das ich nach einer Arbeitszeit von gut
fünf Jahren aus aktueller Forschung zusammengestellt habe und das
hauptsächliche auf drei Schwerpunkten beruht:

* Neurobiologie: kognitive Entwicklung

* Medizin + Ökotrophologie: gesundheits-, bewegungs- und
ernährungsbasierte Körperentwicklung

* Sozialpsychologie: Soziale Integration, Aufstieg, Führung

Nach etwas Eingewöhnung ist das eine reine Routinearbeit, die
täglichen Statistiken anzufertigen, die Monatsprotokolle zu studieren
und daraus abgeleitete Regulationsparameter neu zu setzen. Letztlich
muß man nur das Problem erkennen und messen und verfügbare Zeiten und
Handlungsoptionen gewichten. Beispielsweise:

* Zu dick => Nahrungszusammensetzung zwei Wochen kontrollieren und
Dickmacher herausfinden und mit negativen Emotionen belegen,
eventuell Anmelden im Sportverein oder Verhaltenstherapie.

* Schlechte Noten in Physik => Nachhilfe organisieren, Hausaufgaben
besprechen, anschauliche Beispiele liefern. Gegebenenfalls
Belohnungssystem modifizieren, um Anreiz zum Lernen zu erhöhen.

* Anteil an Freunden mit niedrigem sozialen Status zu hoch => In
Segel- und Tennisclub einführen, in den Ferien ins Abenteuerlager mit
bessergestellten Kindern oder Teilnahme an Sommerschulen.

(edit)

Wenn jemand Interesse an meinem System hat, nur melden. Ich freue
mich, wenn es weitere Anwender findet. Ich baue ständig
Aktualisierungen ein und berücksichtige damit auch die (Miß-)Erfolge
und (Fehl-)Entwicklungen meiner Süßen.
***********************************
oder auch:
***********************************
Gratuliere..

so ähnlich sieht der Erzeihungsplan für meine Halbwüchsigen auch
aus. Derzeit liegen wir bei 99,5 % der vereinbarten Ziele, die wir in
einem dreimonatigen Review-Preview Intervall regelmäßig neu
aushandeln. Besonders die vierjährige ist hier ein absoluter
Overperformer, die auch in ihren Leistungsschwerpunkten Eiskunstlauf
und Crosscountry-Downhill mit zu den Highlights des Kadernachwuchses
zählt.

Ernährungstechnisch gebe ich Dir vollkommen recht, auf eventuelle
Dickmacher zu verzichten, allerdings geht nix über eine ständige
Blut- und Urinkontrolle, um die Lactatwerte im Griff zu halten und
die Verbrennung zu optimieren.

Sollte jemand noch Tipps parat haben, wie ich meinem Zweijährigen
endlich dazu bringe, den Einkilometersprint ohne Zwischenpause zu
machnen, bitte im Anschluss posten....
***********************************

erz 14. Juli 2009 um 13:21  

Beide Heldinnen des Fernsehens sollten dank ihrer umfassenden Kenntnis der kindlichen Entwicklungspsychologie doch gut wissen, dass der wichtigste Faktor für den Reifeprozess des Nachwuchses immer noch das Vorbild der eigenen Person darstellt. An ihren Taten sollt ihr sie messen: Kinder zumindest ahmen in erster Linie das Verhalten ihrer Bezugspersonen nach. Der Mensch ist der bessere Affe!

Über seine Rolle als Vorbild also sollte sich der pflichtbewusste Elter noch viel mehr Gedanken machen, als über funktionalistische Erziehungsmethoden. Und da steht es zumindest bei einer der genannten Personen kaum zum Besten - jedenfalls nicht, wenn man Aufrichtigkeit als Tugend von seinen Kindern erwartet.

Frau von der Leyen hat ein sehr interessantes Verhältnis zur Wahrheit. Welche Schlüsse sich daraus über unsere Medienlandschaft schließen lassen, habe ich in einem Artikel erörtert, den ich mir erlaube vorzustellen: Zensursula und Medienschelte

Ich hätte mir ein mächtigeres Korrektiv zur wahrheitsverachtenden Showveranstaltung, das die Politik geworden ist, gewünscht. Vielleicht lernen manche Beteiligten des Medienversagens ja aus der Zensurdebatte. Dum spiro spero.

Lesefuchs 14. Juli 2009 um 16:39  

Zu dem Thema fällt mir immer wieder mein Lieblingsspruch ein, den ich mal irgendwo gelesen habe:
"Kinder erziehen ist nicht schwer - schwer ist nur das Ergebnis zu lieben"
Das ist so verdammt wahr - ich habe 2 davon!

Robert Reich 14. Juli 2009 um 21:28  

DAS sagt sehr viel:
http://www3.ndr.de/sendungen/zapp/media/zapp3290.html

Grüße von Robert

Anonym 14. Juli 2009 um 22:48  

In jedem Fluss gibt es Stromschnellen, wild und voller Gischt, und ruhige seichte Gebiete.

Über die Wasser-eigenen Fähigkeiten zur Sauerstoffaufnahme braucht man nicht streiten

Lada 15. Juli 2009 um 08:36  

Im Übrigens gab es schon mal ein Treffen zwischen der Ministerin und der "Super Nanny":

http://www.youtube.com/watch?v=3kAU_CYfFLs

;)

Anonym 15. Juli 2009 um 13:57  

Die lieben Kinder. Wir erziehen sie nach einem schlechten Kommunismus. Wir schalten sie gleich in Erziehungsanstalten. Schon mit wenigen Jahren gehts ab in die Erziehungsanstalten und dort verbleiben die lieben Kinder bis zu ihrem 15., oft 20. oft 30. Lebensjahr. Ihre Seelen werden in diesem halben Leben ordentlich zerstampft und die Suche nach sich selbst, wenn sie denn überhaupt einmal diese glitzernde Sonne am Horizont ihres Erlebens leuchten sehen, ist für das restliche Leben aufbewahrt. Irgendwie mag es nicht anders gehen, aber anders geht es doch.
Und anders ist es auch schon gegangen. Nur wer eine Zwangsaversion gegen alles Frühere hat und die Konservativenkeule schwingt, wenn die Menschenrechtserklärung der 50er Jahre oder gar die Ideale der franz. Revolution genannt werden, nur der muss blind bleiben.
Ich erinnere mich noch lebendig an die bauernhöfischen Charaktere kleinere Orte in den Bergen. Die kleine Seele lernte familiär tradierte Erlebensweisen über Jahre hinweg in aller Ruhe. In der dörflichen Polis prallten diese echten Individuen, die zwar auch alle irgendwie gleich waren, auf einander und verlebten ihr Leben. Es ist richtig frische Geistluft, daran zu denken, Kinder im teilautarken Rahmen einer Familie zu erziehen und zwar ohne schlechtes Gewissen und im vollen Bewußtsein, es gut zu machen. Was für ein Wagnis, der Schwindel der Freiheit überkommt mich. Der moderne Ideologe sieht dort freilich nur paternale Zuchtmethoden und expanoptische Geheimsniskrämereien am Werk, wo alle möglichen Perversionen und Ausbeutungen am hellichten Tag vollzogen werden konnten, ohne dass sich wer gerührt hätte, ohne dass der befreiende Impetus der wissenschaftlichen Erziehung diesem privaten Eitergeschwür schon die erste Inzision gemacht hätte (Herr Adorno war diesbezüglich komplett desinformiert: er kannte wohl nur Gutsherren. Pasolini sei zur Gegenlektüre empfohlen).
Und die Eltern hatten niemals eine wissenschaftliche Unterweisung zur Kindererziehung an sich ergehen lassen müssen. Man müsste sich heute ja überhaupt einmal fragen, wie das Menschengeschlecht es überhaupt geschafft hat, zu überleben. Aus der heutigen Sicht muss es schlichter Zufall gewesen sein, nicht minder, dass überhaupt ein Tier überlebt ohne die Beraterarmee, die sich in die panoptischen Ämter eingenistet hat und Parameterzensor spielt. Die Menschheit muss ein schwarzer Sumpf gewesen sein. Erst die wissenschaftliche Erziehung riss die wenigen Lichtadern in die präzise Herrlichkeit einer gesteuerten Erziehung und rettete uns alle. Alle Leben aller Menschen müssen überhaupt nur ein opakes Treiben gewesen sein, wo Glück und Unglück, Schmerz, Leid und Freude einerlei gewesen sein müssen, noch geplagt von der Zerrissenheit der Freiheit. Nur die perfekte Mutter von heute blickt gelassen in die eigene Wonne der Erziehungskunst: jeder Griff ist theoretisch vormodelliert und im nächsten Moment nachevaluiert. Die Zensoren erheben im Idealfall blanke Korrespondenz zwischen Modell und Exemplar. Zwar selten, aber das gibt nur Grund die Effizienz der Erziehung anzukurbeln.
War das schön, ja die richtig langsame, oft harsche, meist klare, auch autoritäre bäuerliche Individualerziehung, die unterschiedlichste Charaktere hervorbrachte, die am anderen gar nichts anderes als Individualität erwarten konnten. Und ich wünsche allen Kindern, ein solches freies Wachsen in Zukunft wieder einmal erfahren zu können. Ich wünsche ihnen die Freiheit von einem zertifzierten Erziehungsregime wie insgesamt Lebensstilregime. Wir erfahren alle Freiheiten nur mehr im Abschied.

Anonym 17. Juli 2009 um 23:21  

menschlichkeit und individualität, darum sollte es doch gehen, denkt sich e beim lesen dieses textes...

was habe ich meiner patentochter immer wieder gepredigt:
frage nach wenn du etwas nicht verstehst,
frage dich warum jemand etwas macht,
frage nach wer von was profitiert und frage dich selber warum du dies machst, warum du dieses denkst, warum du jenes unterlässt ...

sorry, aber allein schon der begriff "erziehung" lößt bei mir angstschweiss und roboterbefürchtungen aus, gut ausgedrückt durch den text den ich grade laß ...

wenn ich auf etwas stolz sein kann, dann ist es das ich diesem inzwischen erwachsenem mädchen ein wenig bei ihrer persönlichkeits entwicklung helfen konnte, aber auch bei ihrer lebensplanung, bei ihren hausaufgaben, und das obwohl ich leider zwischen emotionalen hoch's und tief's herumstolper, ohne das sie mir vorwirft manchmal ungerecht gewesen zu sein ...

natürlich habe ich viele fehler gemacht, so wie jeder andere mensch der eben ein mensch ist, aber entschuldigen und diese handlungen erklären kann sehr helfen, und vor allem verständniss erzeugen, nicht umbedingt nur für mich, sondern im besten sinne weit darüber hinaus, für kommende beziehungen usw ...

wenn fehler innerhalb einer familie stattfinden, streitereinen zum beispiel, dennoch allen beteiligten klar ist das sie gemocht, bestenfalls sogar geliebt werden, so ist dies doch die beste basis zum lernen in einer vertrauensseligen umgebung, über positives und negatives, was menschen halt ausmacht ...

eine welt in der diese wesen irgentwann auf sich mehr und mehr gestellt sein müssen und hoffentlich wollen, glücklich werden wollen, kann ein nicht perfektes familienleben wirklich ein gutes testscenario sein,
hoffe ich zumindest ...

lg,
e

Anonym 17. Juli 2009 um 23:22  

Du machst das schon richtig, Roberto. (Will dich einfach auch etwas ermutigen). Wichtig ist Mitgefühl und das man(n) sich selbst halbwegs darüber bewußt ist, was man tut und auch nicht tut. Schlimm bis katastrophal ist es, wenn einem die Kinder und die eigenen (unreflektierten)Reaktionen egal sind - wenn der Faden zu den Kindern gerissen ist.

Ich war nicht Zeuge des Gesprächs, aber wenn ich es gewesen wäre, hätte ich den Supermüttern unterstellt, gar keinen Faden zu ihren durch und durch realen Kindern zu haben sondern nur zu der Abstraktion eines idealen Kinderprototypes. Grausig. Mir kommen die Bilder des Jungen von Steven Spielbergs A.I. hoch einerseits und andererseit von einer (weiteren) unverstandenen Generation voller Neurotiker und schlimmeren, von Kindern, die in Ihrer Kinderheit nicht so funktioniert haben, wie es Ihre Eltern gerne gehabt hätten und die deshalb ein grundauf gestörtes Verhältnis zum menschlichen Miteinander haben.

Roberto, wie gesagt, ich glaube ehrlich, dass du das richtig machst. Ich kann leider nicht aus direkter eigener Erfahrung sprechen, aber mein Bruder macht es ganz genau so wie du und seine Kinder kommen gerade in die Pubertät. Sie sind großartig, intelligent, kritisch, lassen sich keinen Blödsinn erzählen, sind herrlich frech und lebendig. Und mein Bruder ist wirklich "bekloppt", er hat auch eine ziemliche eigene Art, aber die Kinder vergöttern ihn fast.

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