Auffassungen eines Gewalttäters

Sonntag, 14. Juni 2009

Ja, ich gebe Ihnen ja uneingeschränkt recht, ich hätte nicht zuschlagen, ich hätte es so weit nicht kommen lassen dürfen. Aber was heißt eigentlich, ich hätte es nicht so weit kommen lassen dürfen? Letztlich war sie es ja, die es bunt mit mir trieb, die es eskalieren ließ, meine letzten Reserven Contenance mit Füßen trat. Ich war nie gewalttätig, nie zuvor und ich behaupte kühn, ich werde es auch nicht mehr sein, wenn man mich nur halbwegs ordentlich behandelt. Sicher, in Gedanken habe ich schon manchen Leib ausgeweidet, mich in den Gedärmen meiner Peiniger gesuhlt; aber ich bitte Sie, im echten Leben wäre ich dazu eigentlich unfähig: wenn ich Blut sehe wird mir ganz flau im Magen und dessen Inhalt würde gerne auf dem Weg des Hereinkommens wieder an die Luft.

Neinnein, es war ein Moment der Schwäche, meine Fäuste ballten sich, ich spürte noch einen kurzen Moment der Besinnung, aber da flog die erste Faust schon Richtung Feind, prallte direkt auf die Nase der Dame, gleichzeitig sah ich die zweite Faust schon Richtung Wange heranschnellen. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich mit den Knien auf der Dame Schreibtisch aufhockte, der normalerweise ja soetwas wie eine natürliche Barriere darstellte. Für meine ununterdrückbare Wut war dieses Utensil meiner Entwürdigung, auf dem so viele Entscheidungen gegen mich, gegen meine Würde in die Wege geleitet wurden, kein Hindernis mehr. Ich kauerte auf der Schreibfläche, die mir zum Boxring geworden war, ließ einige Male die Fäuste herabschnellen, ich weiß nicht mehr wie oft, zweimal ganz sicher - aber ich denke, es war eine Schlagfolge, ich würde beinahe behaupten, die Anzahl der Schläge war zweistellig - und wusste hernach nicht sicher, was nun eigentlich geschehen war.

Einerlei wie oft. Gebrochene Nase, einige Schwellungen und Blutergüsse und ein ausgeschlagener Molar standen auf der Rechnung. Als sie da so verschwollen lag, stöhnend und heulend, versteckt hinter ihrem Koloss von Schreibtisch, da dämmerte es mir nach und nach. Das war also keine Szene aus einem schlecht inszenierten Film, kein faustrechtlicher Traum oder dergleichen, das war die Wirklichkeit; ich, eigentlich schon immer bekennender Pazifist, habe Gewalt am Nächsten praktiziert, habe meiner Arbeitsvermittlerin soeben, wie man es in der Gosse zu sagen pflegt, „gründlich die Visage poliert“. Einige Tage haderte ich mit mir selbst, nicht weil ich wegen Körperverletzung belangt werde, weil die herbeieilenden Polizisten mich wie einen Schwerkriminellen abführten, nein, weil ich etwas getan habe, von dem ich immer schwor, dass es mir nicht passieren würde. Egal wie tief ich auch sinke, egal wie sehr man mir auch zusetzt, du wirst deine Körperkräfte nicht hautaufplatzend und wundenreißend benutzen, diktierte ich mir immer wieder vor in Stunden, in denen die edle Moral Gegenstand meiner Reflexionen war.

Und ja, es war eine Dummheit, es war eine armselige Verfehlung, daran kann ich gar keinen Zweifel hegen, daran gibt es nichts zu deuteln. Und dennoch... ich habe es nicht so weit kommen, ich hätte die Wut eines Menschen niemals so weit anschwellen lassen. Der Dame machte das muntere Spiel aber große Freude, immer wieder, schon seit Jahren, seitdem ich in dieses herabsetzende Programm zur Arbeitslosenverwaltung gestolpert bin. Seit jenem Tag lebe ich am Existenzminimum, habe mich regelmäßig zu bewerben - was ich ja immer tat und auch weiterhin tue, weil ich mir ja doch noch ab und an erhoffe, noch einmal eine Lohnarbeit zu erhalten, die mir ein Leben oberhalb des Daseinsminimums erlaubt -, muß alles dafür tun, um wieder aus eigener finanzieller Kraft leben zu können. Aber meine Krankheit, dieser treue und chronische Begleiter, machte die Arbeitsplatzsuche natürlich nicht einfacher. Nichts Weltbewegendes, aber schmerzhaft und behindernd. Und so wühle ich mich seit Jahren durch verordnete Maßnahmen, gemeinnützige Arbeitsgelegenheiten und Bewerbungsmappen. Alleine dieses ständige Nein seitens potenzieller Arbeitgeber, Absage auf Absage, die immergleichen Formeln, "es tut uns leid Ihnen mitteilen zu müssen...", dazu hundserbärmlich schlechte Seminar-Leiter bei fadenscheinigen Fortbildungskursen, die einem von der Behörde zwangsverordnet werden und die Ausbeutung bei gemeinnütziger Arbeit, die ich natürlich kostenlos anbieten muß, sind ausreichend, um jemanden den guten Willen und den Glauben an eine bessere Zukunft zu ruinieren.

Man stumpft ab, wird zum Widerborst, schreibt mechanisch Bewerbungen, hofft darauf, wenigstens die teuer bezahlte Bewerbungsmappe nach zwei bis drei Wochen per Absage zurückzuerhalten. Manche Mappen gehen in den Weiten des Bewerbungskosmos unwiederbringlich verloren, Absagen sind heute kein Standard mehr, man wird oft einfach ignoriert, man ist nicht einmal ein Antwortschreiben wert. Doch bleibt immer ein Körnchen Hoffnung, vielleicht klappt es ja doch, nur um am Ende abermals, umso heftiger, enttäuscht zu werden. Optimismus kann man sich in einer solchen Lage nicht leisten, denn wer optimistisch immer wieder enttäuscht wird, erleidet tiefere Wunden als jener, der gleich vom Schlechten ausgeht. Und dann kommt zu dieser ganzen Erniedrigung auch noch so eine Person daher, mit ihrem fetten Hintern auf gut gepolsterten Sesseln sitzend, sicher festgeschnallt im Staatsboot, krisensicher natürlich, Pension inklusive, lädt gelegentlich zu Gesprächen laut Paragraph soundso ein, tut ein wenig vornehm dienstleistend, um mir am Ende zu erklären, ich sei an meiner Misere selbst schuld. Warum, wieso, weiß ich nicht – wahrscheinlich, weil ich lange arbeitslos bin und daher wohl ein notorischer Faulpelz sein muß. Eine Vermutung nur, die heutzutage als Schuld alleine schon ausreichend sein kann.

Immer wieder, immer wieder der gleiche Zirkus. Bekam ich eine dieser Einladungen, stand mir der Angstschweiß auf der Stirn, konnte ich nachts nicht mehr schlafen, hatte Stressdurchfall und hätte alles darum gegeben, diese Momente der Schmach und Erniedrigung bereits hinter mir zu haben. Dann saß man in jenem Büro, und wahrscheinlich werde ich weiterhin dort sitzen, dann jedoch wohl nicht mehr bei der besagten Dame, denn die wird erstmal psychiatrisch behandelt, wie mir ihr Anwalt gestern mitteilte – wahrscheinlich werde ich zukünftig bei einem verbeamteten Ex-Profiboxer beraten und erniedrigt werden -,wie gesagt, dann saß ich da, mußte Rechenschaft über meine Eigenbemühungen abgeben, mich süffisant fragen lassen, warum es ausgerechnet bei mir nie klappt mit einer Stelle und dass es nun mal an der Zeit sei, wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Mal indirekt, mal auch ungeniert unterstellte sie mir, ich würde die Bewerbungen so schreiben, dass sich kein Personalchef für mich interessieren müsse, sie sehe zwar von Sanktionen ab, weil sie keinen stichhaltigen Beweis dafür habe, aber ich sei durchschaut und meine Faulheit sei fortwährend Gegenstand ihrer zukünftigen Arbeit – was immer sie damit auch gemeint haben mag, ich war für sie fortan der Arbeitsverweigerer vom Dienst.

Eines Tages erhielt ich einen Vermittlungsvorschlag, wurde bei der dort erwähnten Firma auch vorstellig, wurde da dann gefragt, ob ich schwere körperliche Arbeit verrichten könne, was ich wegen meiner Krankheit verneinen mußte, und hatte bereits zwei Tage später in der Behörde anzutanzen. Was ich mir nur einbilde, mich mit Krankheiten herauszureden, wo ich mir nur diese Frechheit herhole und wie ich nun in der von ihr erlassenen Sanktionszeit zu überleben gedenke! Dabei das zynische Lächeln kultivierend, welches sie immer dann aufsetzt, wenn sie glaubt, im Namen der Gesellschaft Recht gesprochen zu haben. Von was genau ich mich indes "herauszureden" versuchte, war mir nicht schlüssig, ist mir heute noch schleierhaft. Hinweise auf Atteste, die sie von mir schon lange erhalten hat, auf mein Krankheitsbild, welches sie per Arztbrief in meinem Verwaltungsordner nachlesen könnte, wenn sie denn wollte, ließ sie nicht gelten. Natürlich, die Sanktion war hinfällig, ein kurzer Widerspruch und die Sache war vom Tisch, aber mir bereitete es schlaflose Nächte und einige entwässernde Einheiten Durchfalls. Ich fühlte mich in meiner Würde schwer verletzt, diese unterstellte Faulheit tat mir und tut mir immer noch weh - so wie mein Magen, der nun immer öfter schmerzhaft Laut von sich gab, wenn wieder einmal die Behörde, das heißt, diese Dame mit mir in Kontakt trat.

Angstzustände sollten mich zum regelmäßigen Besucher eines Psychologen werden lassen. Das heißt, ich besuchte nacheinander mehrere Psychologen, nachdem mir die zwei ersten Exemplare, ich hatte ihnen meine Geschichte und meine Angst vor dieser Frau bereits gründlich dargelegt, einen wärmenden Ratschlag gaben: Ich sollte mir das nicht zu sehr zu Herzen nehmen, die Frau mache ja schließlich auch nur ihren Job! Verdammt, aber ich nehme mir diese unwürdige Behandlung meiner Person so zu Herzen! Ich kann es nicht einfach abstellen, ich kann mich gegen diese Behandlung auch nicht wehren, das ist schon wahr, aber was man an sich heranläßt oder nicht, kann man nicht einfach rational abwägen. Es ist irrational darunter zu leiden, ohne wirklich etwas dagegen tun zu können – aber der Mensch, und ich bin einer, auch wenn ich schon seit Jahren nicht mehr wie einer behandelt wurde, neigt zur Irrationalität. Magenschmerzen, Angstzustände, Verschlechterung meines Gesundheitszustandes generell, schlechte Ernährung, soziale Ausgrenzung und daher Isolation: man hat ganze Arbeit an mir geleistet, ich bin ganz unten angekommen.

Mittendrin dann wieder Einladungen ins Büro der Arbeitsvermittlerin, ihr großkotziges Getue, Ausfragen meiner Person, „seien Sie ein bisschen optimistischer, mein Herr“ als weiser Ratschlag, „...und krank sehen Sie mir eigentlich gar nicht aus“ als freche Unterstellung, „...und Sie haben ja viel Zeit sich gesundzupflegen“ als zynische Abschlußnote dieser Veranstaltung. Irgendwann rutschte es ihr dann versehentlich – oder nicht? – heraus: Ich sähe gesund aus, nur weil man immer Schmerzen hat, muß man sowieso nicht krank sein, und überhaupt, viele Langzeitarbeitslose geben sich gerne als krank aus, weil ihre lange Vakanz von regelmäßiger Arbeit sie zu Hypochondern mache. Ich gebe zu, ich brach danach in Tränen aus. Was ist das hier eigentlich, dachte ich mir, ein großes KZ? Gelten meine gesundheitlichen Beschwerden denn gar nicht, bin ich wirklich zu einem Menschen dritter Klasse herabgewürdigt? Wann führt man mich ab, wann koste ich denen so viel, dass Erschießung zur Alternative wird? Gibt es denn niemanden mehr, der mich so nimmt wie ich bin? Ich fühlte mich alleingelassen, ich hatte ja niemanden mehr. Am Abend soff ich, heulte nochmals ausgiebig, schrieb einen Brief an die Arbeitsvermittlerin, in der ich ihr meinen Selbstmord in die Schuhe schob und... ja und... erwachte am nächsten Tag mit einer kleinen Wunde am rechten Handgelenk. Der Mut, oder die Feigheit, je nachdem, hatte mich verlassen, stattdessen schlief ich ein. Ich zerknüllte den Brief an die mörderische Dame natürlich, kaschierte meinen Suizidversuch mit Langarmhemden bei Hitzefrei-Wetter und machte weiter wie immer, nur dass ich innerlich gebrochen war, keine Lebenslust mehr verspürte, auch meine täglichen Spaziergänge in die Natur vernachlässigte und meinen Hass auf die Dame, die ich als Sinnbild der Menschenverachtung in meine Gedankenwelt erhoben hatte, vertiefte. Ich sah Bildfolgen vor meinem geistigen Auge: Stalin... Hitler... Pol Pot... Arbeitsvermittlerin. Sie war für mich dort eingeordnet, wo sie hingehört: in die Riege der Mörder. Hat sie mich denn nicht fast ermordet? War es nicht ihre Arroganz, ihre Herabwürdigung meiner Person, ihre Lust an der Erniedrigung, die mich nun mit langen Hemden durch die Hitze laufen ließ, sofern ich überhaupt noch die Wohnung verließ, versteht sich? Dies würde sie aber nie erfahren, das war mir bereits im Moment meines Wiedererwachens klar.

So ging es noch eine Weile weiter, ich bewarb mich erfolglos, durfte acht Wochen an einem Bewerbungstraining teilnehmen, weil ich ja, Originalton Arbeitsvermittlerin, „scheinbar zu doof sei, mich zu bewerben“. Indessen wurde mir bei meinen Besuchen in ihrem Büro unterstellt, ich sei ein Pessimist, den man nicht einstellen würde, weil er immer eine solche Trauermiene trüge. Ich versuchte zu erklären, wie es in mir aussähe, aber sie tat eine abfällige Handbewegung und meinte das sei Papperlapapp oder sowas in der Art, schließlich habe jeder seine Sorgen, auch sie selbst, aber sie sei doch auch immer freundlich, oder etwa nicht?, was bei mir nurmehr Sprachlosigkeit auslöste. Bei einem der letzten Gespräche unterstellte sie mir, ich habe scheinbar eiserne Reserven, weshalb ich es so lange aushalten würde mit diesen mickrigen Regelsätzen. Immerhin, sie gab wenigstens zu, dass man davon eigentlich nicht leben könne. Man würde höchstwahrscheinlich genauer überprüfen, wie ich meinen Alltag bezahle. Dann klingelte es einige Tage später an der Haustüre, ein Außendienstmitarbeiter der Behörde wollte eintreten, ich verwährte ihm den Eintritt und er plusterte sich auf, was mich aber nicht beeindruckte. Mittlerweile schämte ich mich für meinen Lebensstil bereits so sehr, dass ich nicht wollte, dass irgendwer meine Räume sieht, auch nicht dieser fast explodierende Behördenzwerg. Natürlich, wie sollte es anders sein, bekam ich prompt eine Einladung, wurde auch pünktlich vorstellig, nicht ohne vorher ausgiebigen Durchfall fabriziert zu haben und mußte mich schelten und mir unterstellen lassen, was ich wohl zu verbergen habe. Ich legte Rechtliches dar, sie bejahte zwar, aber guten Willen hätte ich dennoch nicht gezeigt, das würde sie sich merken. Raus jetzt!, war ihr letztes Wort an diesem Tage.

Mir setzte es immer mehr zu, zu meinen Angstzuständen gesellten sich Depressionen. Meine chronische Krankheit wurde akuter, ich hatte nun auch eine offizielle, das heißt vom Arzt ausgestellte Bestätigung, dass ich an einem Magengeschwür litt. Nochmal versuchte ich dem, was man mein Leben nennen könnte, ein Ende zu setzen; nochmal war ich nicht fähig dazu. Ich betrank mich nun häufiger, flüchtete mich in kleinere Räusche, um wenigstens etwas Optimismus erleben zu dürfen, wenn mich das Bier oder der Wein, je nachdem was im Sonderangebot war, von einer zweiten Chance auf dem Arbeitsmarkt und einen baldigen Urlaub in der Sonne des Südens träumen ließ. Ich litt unter Verfolgungsängsten, beim Einkaufen blickte ich mehrmals hinter mich, hoffentlich treffe ich niemanden, hoffentlich schwärzt mich niemand an, weil ich den teuereren Joghurt kaufe, was doch zweifelsohne meinen eisernen Reserven zugerechnet würde; Reserven die ich zwar nicht hatte, die man aber mit etwas Phantasie sicherlich am Einkaufsverhalten herbeivermuten könnte. Nein, ich war am Ende, ich bin es irgendwie immer noch, aber meine fliegenden Fäuste haben mir dennoch Zuversicht gegeben. Ich bin noch am Leben, ich habe noch Selbstwert. Als ihr Backenzahn durch den Raum flog, da wußte ich, dass ich noch eine Zukunft habe, dass mein Peiniger abgewirtschaftet hatte, freilich nur, um mir einen neuen Peiniger vor die Nase zu setzen. Gleichzeitig bereute ich es, denn ich habe meine politischen Überzeugungen verraten, meine Friedfertigkeit, die ich jahrzehntelang pflegte. Wer nimmt mir noch den Pazifisten ab? Obwohl, ist jener nicht ein dummer Pazifismus, der immer nur die andere Wange hinhält?

Jedenfalls hätte sie an diesem düsteren Tag nicht wieder anfangen sollen mich zu penetrieren. Als sie mich verächtlich fragte, wieviele Quadratmeter meine Wohnung eigentlich habe, da sah ich keinen Ausweg mehr. Die wollen mich ausquartieren, dachte ich, die wollen mich in ein noch kleinere Wohnung stecken, meinte ich. Dann geschah, was schon beschrieben wurde, dann fielen alle Hemmungen für einen kurzen Augenblick. Die Positionen hatten sich kurzzeitig verändert, nun saß ich oberhalb ihrer und erniedrigte sie, nun vergolt ich ihre Mordanschläge, nun riss ich dieser Justizvollzugsbeamten im Diensten der Arbeitsagentur die Maske der Verachtung vom Gesicht. Für einen Moment trafen sich unsere Blicke, nie zuvor zeigten ihre Augen diesen Respekt, den sie mir in jenem Augenblick entgegenbrachten; nie zuvor fühlte ich mich von dieser Person so wahrgenommen, wie in diesem Moment wuchtiger Schläge; jetzt sah sie, dass ich noch da war, ein Mensch, ein Bündel von Gefühlen und Affekten, keine Nummer, kein Stück Vieh, keine Verfügungsmasse. Ich habe sie Demut gelehrt, wie sie sie mich jahrelang ebenso gelehrt hat. Quid pro quo. Ich habe begierig von ihr gelernt, wie man Menschenverachtung praktiziert, ich habe es auf mich wirken lassen, hatte bei ihr die beste Schulung, habe am Tage des Faustkampfes mein Gesellenstück in Erniedrigung gemacht.

Mir tut es leid, trotz allem, mir tut es leid für mich selbst. Für mich, der nun ein Gewalttäter wurde, obwohl er immer an das Gute im Menschen glaubte. Wer nimmt mir noch ab, immer noch so zu denken? Ich glaube immer noch daran, es scheint ein genetischer Defekt zu sein, der mich so denken und fühlen läßt. Auch wenn ich sie verdrosch, auch wenn ich mich von ihr losriss, so glaube ich auch an das Gute in ihr, weil ich an das Gute im Menschen glaube. Jetzt muß sie doch begriffen haben, dass auch in ihr etwas Gutes ist, freivibrierte durch die Rache des Erniedrigten. Aber für sie tut es mir erstmal nicht leid, ich mußte es tun, sonst hätte sie es getan, sie hätte mich getötet, zweimal setzte sie bereits an, mehrfach tat sie alles dafür, meine Pulsadern aufgeschnitten zu sehen, nur damit die öffentlichen Kassen Entlastung erfahren. Ich bin ein Schwein, keine Frage, ich habe eine Frau geschlagen, Frauenrechtlerinnen haben bereits in der Regionalzeitung angekündigt, gleichfalls gegen mich Anzeige zu erstatten. Als wäre mir das Frausein dieser Frau Grund genug gewesen. Meine Motive interessieren niemanden, nicht mal diejenigen, die sich heute Frauenrechtlerinnen nennen und früher selbst um neue Freiheiten fochten. Ich schlug mich um meine kleine Freiheit, aber das wird nicht anerkannt, ich bin ein Frauenschläger, obwohl ich nur die Charaktermaske des Systems vermöbelte. Ein Gewalttäter, obwohl er sich nur gegen die Gewalttäterin erhoben hat.

Dieses kleine Plädoyer habe ich im Suff geschrieben, ich werde es bei der Gerichtsverhandlung nicht halten. Man wird meine Motive nicht wissen wollen und wenn doch, wird man sie nicht verstehen, denn die Dame tat nur ihren Job und ich hätte mich ja juristisch wehren können. Aber zu den langwierigen Kämpfen durch die Widerspruchsstellen der Behörden fehlte mir seit geraumer Zeit die Kraft, für ein Paar Schwinger reichte sie gerade noch aus. Nein, ich schrieb diese Rechtfertigung nur für mich, ich wollte damit schließen, dass all das mein Verhalten nicht entschuldigt, aber die Tat erklärbar macht. Ich glaube aber, dass ein Richter, der diese Binsenerkenntnis hören würde, sich mein Verhalten dennoch nicht erklären könnte, deshalb schließe ich so nicht. Unsere Gerichte brüten nur über physische Gewalt, das was mit psychisch eingeimpft wurde, damit ich schlussendlich auch physisch darunter leide, hat keinen juristischen Verhandlungswert. So lese ich mir nun selbst, nachdem ich nochmals ein, zwei Gläschen geleert habe, mein Plädoyer vor – danach entschlummere ich und träume von einem Gerichtsprozess, der mich freispricht, von einem Richter der im Namen des Volkes verkündet, dass ich Opfer meines Umfeldes war und überdies in Notwehr gehandelt habe. Für eine Nacht wird mir dieser süße Traum Zufriedenheit schenken, dieses Leben wird dies nimmermehr zu tun vermögen...

16 Kommentare:

Anonym 14. Juni 2009 um 18:58  

Um ehrlich zu sein: Ich wundere mich, warum das nicht täglich auf den Fluren der ARGEn passsiert... Es ist mir ein Rätsel! Man muss ja nicht gleich Gewalt gegen die Büttel des Systems ausleben; da gibt es ja zunächst noch andere Ziele als Fanale der Wut.

Wenn chronisch Kranken nur die Option 'Medikamente oder Essen' gelassen wird, frage ich mich: wäre es für diese de facto (nicht de jure) nicht vielleicht besser, mit Baseballschlägern die Büros ihrer Peiniger "neu einzurichten"...?

Welchen Nachteil hätten sie maximal zu fürchten? Die Einschränkung der realen Bewegungsfreiheit im Gefängnis ist nicht so viel größer als draußen unter HartzIV-Regime. Der Zwang zur Niedrigstlohn-Arbeit: drinnen wie draußen (aka 1-Euro-Jobs). Dem stehen aber im Gefängnis zumindest ausreichende Verpflegung und medizinische Versorgung gegenüber.

Wann beginnt der(die) Erste sich mit seiner oktroyierte Rolle zu identifizieren? Wann wird er(sie) akzeptieren, dass er(sie) ohnehin nur noch bis ans Ende seiner(ihrer) Tage als "Abschaum" wahrgenommen wird - und dementsprechend sein(ihr) Verhalten der Rolle anpassen?

Vielleicht liegt es aber daran, dass man die Regelsätze so angelegt hat, dass damit keine vernünftige, gesunde Ernährung möglich ist. Mangelernährung führt, wie man weiß, zu geistiger Minderleistung. Daher befürchte ich, hat die Mehrzahl der Betroffenen gar nicht mehr die Fähigkeit zur Reflektion, wie die fiktive (und doch so reale) Person in Deiner Abhandlung. Den Rest erledigen "Bild und Glotze".

Oder es liegt am Deutschtum, das sich durch Obrigkeitshörigkeit bis zur Selbstaufgabe "auszeichnet"...

Ich frage mich, wie lange es noch dauert, bis der Überdruck den Deckel absprengt! Und ich fürchte mich vor der Antwort!


Beste Grüße
Omnibus56


PS: Danke für Deine Artikel!

Anonym 14. Juni 2009 um 19:01  

Roberto, dieses System lässt sich nicht wegflüstern. Büttel, wie Du eine verprügelst hast, dienen zur Aufrechterhaltung systemimmanenter Macht- und Gewaltstrukturen.

Du hast keine Frau verprügelt, Du hast das System geschlagen. Es ist ein gewalttätiges System.

Roberto J. De Lapuente 14. Juni 2009 um 19:03  

Ich? Ich habe jemanden schlagen lassen - nur um das klarzustellen. :)

sozialamt 14. Juni 2009 um 21:53  

Weißt du, wie oft ich so oder so ähnlich schon gedacht habe? Ich frage mich, ob es ein System ist, dass die hinter dem Schreibtisch zu Zynikern und Arschlöchern werden, die mit guten Glauben einmal sagten, ich arbeite hier und es ist okay, wenn auch nicht prickelnd. Und dann sie im Laufe der Zeit zu Monstern werden, weil man sie glauben lässt, dass jeder Mensch bescheißt, ein Faultier ist und sowieso Schuld an seinem Schicksal trägt?
Ich glaube nicht daran, auch wenn ich diesem Beruf nachgehe. Mir bereitet es Bauchschmerzen, jeden Tag.
Ich kenne Kollegen, die denen, denen sie helfen sollen, schikanieren. Aber sie erkennen nicht mal den Frevel. Sie erkennen nciht die Grenzen, die den Menschen auferlegt werden, die zum Sozialamt gehen. Dass es da keine Freiheit gibt. Oh ja, es gibt sie, die Betrüger. Aber das sind nicht die, die 10 Euro unterschlagen. Im Durchschnitt wurde (im Bundestag Thema gewesen) rund 500 Euro im Jahr pro "Fall" hinterzogen. Gerechnet auf einen Monat sind das knapp 41 Euro im Monat. Eine lächerliche Summe. Eine lächerliche Summe, wenn ich sehe, um welche Summen es geht, wenn ein Herr Zumwinkel hofiert wird, ein Herr Ackermann bezahlt wird. Und wenn ich weiß, um wie viel die "normale" Sozialhilfe gekürzt wurde...
Es wird keine Besserung mehr geben. Mit dem Umbau der Sozialhilfe in SGB II und XII (Hartz IV) und der Einführung der Grundsicherung fürs Alter (hochtrabend) wurde dafür gesorgt, dass eine große Masse an Menschen für eine lange Zeit möglichst billig grundversorgt wird und gleichzeitig ein Höchstmaß ain Repression installiert wird, sowie Lebensfeindlichkeit. Kombiniert wird das mit "Beschäftigung" mit Nichtigkeiten. Papierkram, Termine, sinnfreien Fortbildungen usw. Es gibt keine Zukunft. Das ist auch gar nicht vorgesehen. Man (Herr Schröder) sprach hochtrabend von Förderung und Forderung. Es blieb bei Forderung mit dem Wissen, dass gegenbüer dem, gegen den die Forderung ausgesprochen wird, sie niemals wird erfüllen können. Es geht nur um die Schaffung einer dicken Schicht armer Leute, um die wenigen, die man noch braucht, die der sog. Mittelschicht angehören, unter Kontrolle zu halten, damit sie selbst dafür sorgen, dass der Status Quo erhalten bleibt. Die Minderheit, die stinkreiche Minderheit, ist damit bestens geschützt und hat das Optimum herausgeholt. Hartz IV ist Enteignung, Kontrolle und ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ein Verbrechen gegen die Menschen. Vor und hinter dem Schreibtisch. Nur mit unterschiedlcihen Vorzeichen.
Nur eine Idee am Rande: Hat sich eigentlich mal irgendjemand gefragt, wie man so einen Job ausführen darf, ohne dass es eine Verpflichtung zur Supervision gibt? Jeder Verein, mit so einer belastenden Arbeit ist dazu verpflichtet. Seltsam...

Calwer-Wildnis 14. Juni 2009 um 21:59  

Ich frage Dich nicht, ob Du sie verprügelt hast, weil ich Deine Wortgewalt inzwischen kenne. Stattdessen erzähle ich Reales:
Meinen Mann juckte es, als er sich arbeitslos meldete - nachdem er zuvor lange gearbeitet hatte - und gerade erst arbeitslos geworden war - und die Dame in der Arbeitsagentur sagte, dass er auch nur ein weiterer Faulenzer sei...
Er schlug aber nicht zu, rastete nur verbal kurz aus.

Mich hat es lange vorher schon gejuckt, als die Chefin einer Einrichtung für Behinderte bekannt gab, dass gekürzt wird, an den Löhnen für die Arbeit der Behinderten. Und, dass zuviel verdient worden sei, dass die Sozialarbeiter neidisch wurden sogar. Und das auf einmal in der Woche arbeiten, einen Tag lang, und da hatten alle rangeklotzt. Und dann kam der Hammer: Die Räume nicht mehr kostenlos, das Essen teurer, und die Löhne würden gekürzt, weil nicht sauber gearbeitet werde.

Ich ahnte wohin die Reise ging - dahin, wo wir heute sind, die Werkstätten arbeiten auch kurz, oder kaum noch. Das, mit den Behinderten war der Anfang, und die Chefin damals war so richtig fies zu den Betroffenen. Da spürte ich es auch - dieses Jucken - und ich mußte erst mal hinausgehen, sonst wäre es passiert.

Ich bin der friedlichste Mensch ansonsten, meine Tochter sagt auch immer, ich sei eigentlich nur lieb. Stimmt eigentlich, aber bei Ungerechtigkeiten - bei offenen Gemeinheiten - Menschen gegenüber die nichts dafür können für ihr Schicksal, die lediglich nicht so privilegiert sind wie andere, da kann es mich packen. Allerdings hat es bisher noch funktioniert, dass nichts passiert ist an Gewalt, dass ich mich beherrschen konnte.

Es ist die Realität, und mit der aufoktroierten Rolle muss man sich nicht identifizieren, es reicht auch so schon, gibt Gründe genug, um überzukochen. Ich habe hier die harmloseren Beispiele geschildert, es gibt noch schlimmere.

Das mit der fehlenden ärztlichen und sonstigen Betreuung gehört auch dazu, samt den ungeheuerlichen Sprüchen, die man sich anhören muss. Doch, Ursachen würde es genug geben, die eine gewaltsame Reaktion hervorrufen, mindestens dieses Jucken... Aber, will ich mich mit denen gemein machen? Nein...

beobachter 15. Juni 2009 um 00:24  

ich kann mich sehr gut an einige fälle erinnern, wo das opfer seinen peiniger ins krankenhaus beförderte. dummerweise saß dann aber immer das opfer ein, die täter wurden in bild betrauert.
schikane, willkür und hilflosigkeit sind nun mal an der tagesordnung für arge kunden. die grosse anzahl der falschbescheide und der oft aufgedeckte betrug der als bildungsmaßnahmen deklarierten deqúalifikationskurse sind überzeugende beweise, genau wie die schwarzen sheriffs und immer ausgklügeltertn alarmsysteme in den arbeitsagenturen.
die kunden sind sich ihrer ohnmacht bewusst und haben meiner meinung nach zu 90% einfach resigniert. erfolge erzielen sie nur dann, wenn sie massiert auftreten und massiv - aber intelligent - gegen dier peiniger vorgehen (zb. aktion zahltag o.ä.).
das grösste manko der hartzler allerdings ist das gleiche wie das der gesamten gesellschaft - vereinzelung und mangelnde solidarität.
und - mal wieder glänzend geschrieben.

Roberto J. De Lapuente 15. Juni 2009 um 08:39  

Es juckt natürlich immer wieder mal in der Faust, das ist menschlich und sicherlich nicht Ausdruck von Unzivilisation. Aber man beherrscht sich, weil man das eben so tut, weil man es von einem verlangt, weil man es gelernt bekam, weil man doch zivilisiert bleiben will, weil man nicht als Gewalttäter abqualifiziert sein möchte. Viele Besucher solcher Räumlichkeiten haben dieses Man schon mal überwunden, verloren den Kopf, haben sich dem Man entfremdet, um wieder zu sich selbst zurückzufinden. Ich weiß indes nicht, ob ich ein solches Handeln verurteilen möchte - Notwehr darf nicht moralisch verteufelt werden. Es gibt eben, wußte schon unser Brecht, viele Arten einen Mann zu töten... dagegen muß man sich doch wehren dürfen...

Anonym 15. Juni 2009 um 11:25  

In den vergangenen Monaten:

Diverse Gasexplosionen in Wohnsiedlungen zum Zwecke der Selbsttötung mit etwas Kollateralschaden. Wohlfahrtsorganisationen haben nun wieder eine Existenzberechtigung, werden scheinbar immer wichtiger. Das schafft Arbeitsplätze, wenn auch eher nur ehrenamtliche. Wenigstens die der bezahlten Hauptamtlichen bleiben so erhalten.


Ein Erwerbsarbeitsloser, der in die Parade der Königin fährt (Repräsentatin des Volkes).
Zusammenhänge werden wohl nicht erkannt, geschweige denn begriffen. Kerzen werden für seine Opfer angezündet - nicht für ihn. Er gilt als verfemt. Er hätte still und leise eingehen sollen, wie andere auch. (Keine Entschuldigung seiner Tat, aber der Versuch einer Erklärung!)
Wahrlich eine Königin, die auch den Eltern des sog. Täters einen Beileidsbesuch abstattet und versucht, das Unfassbare zu begreifen!

Aus Verzweiflung höhere Gewalt in Familien (z. B. wie vor einigen Wochen mehrere Familienauslöschungen durch den jeweils finanziell nicht mehr weiterwissenden Vater.)

Höhere Gesundheitskosten durch psychosomatische Erkrankungen, sofern diejenigen den Arztbesuch finanzieren können.

Ausgesetzte und dann dabei umgekommene Säuglinge.

Manche Kinder von Betroffenen, die in der Schule von subjektiv oder objektiv Überforderten ähnlich behandelt werden wie Vattern oder Muttern:
Anzünden von Papierkörben in Berufskollegs mit Berufsfachschulen (unbedachte HILFESCHREIE!), verbale Bedrohung der LehrerInnen, Abtauchen nach 'Exclusiv' oder in die Kriminalität, irgendwann Amokläufe - wenn die wie auch immer prekäre Gegenwart das Empfinden zentriert und neue Ziele anvisiert, weil immer wieder niemand aktiv zugehört hat.

...

Alles soziale Unruhen in ihrer individuellen Ausprägung, sog. Einzelfälle.
Und: Das alles steigert das quantitative Sozialprodukt. So what?!

Supervision für ArbeitsvermittlerInnen oder andere Angestellte? Nö, Schuldenbremse.
Und: Mensch, die Angestellten könnten ja was kapieren, dabei sollen sie doch nur kopieren!

Erfolgs- und Leistungsdruck und irgendwann Mobbing unter den Angestellten der Behörden, krankheitsbedingte Ausfälle, steigende Gesundheitskosten, ratlose, ohnmächtige und irgendwann verzweifelte Angestellte, die ihre Empfindungen nicht aufarbeiten (dürfen oder wollen), sondern stattdessen verdrängen und psycho-sozial an geeignete Opfer delegieren ... .
Ersetzen der älteren, erfahrenen und mitunter auch mal weisen Angestellten durch Junge, die mit befristeten Verträgen, Zielvorgaben oder Prämien eingenordet werden und Rhetorikschulungen erhalten - ausgebildet wurden, von Bildung längst aber selten eine Ahnung haben (können).
Die idealisierte Wirtschaft macht es ja genauso, warum also nicht auch wir?!

Auch das steigert das quantitative Bruttosozialprodukt. So what?

Und immer noch Wahlkampf: Blümchen und Luftballons verteilen, Visitenkarten in die Hand drücken, rhetorische Zauberformeln aufsagen, Vorgänger kopieren, mit dem Finger auf andere Parteien zeigen, auf Herden-Parteitagen duselige Plakate mit noch duseligeren Slogans hochhalten, damit rechnen, dass WählerInnen immer noch uninformierte BürgerInnen sind. PolitikerInnen, die hoffen, aber auch gar nichts verändern zu müssen - am wenigsten sich selber, Repräsentanten des Volkes.
Und: Dergestalt auch noch gut dotierte Pöstchen ergattern.
Individuelle Unruhe in ihrer sozialen Auswirkung.

PolitkerInnen, die bald in Pension bzw. bald ihre entsprechenden Anwartschaften gesichert haben. So what?

Anonym 15. Juni 2009 um 11:30  

@Roberto J. De Lapuente

Buchhinweis auf eine wahre Geschichte, zu der Albrecht Müller (Nachdenkseiten.de) folgendes schrieb:

"[...]Bei der Lektüre ging mir bedrückend nahe, wie schrecklich viele Parallelen es zwischen der Nazibewegung und der neoliberalen Bewegung und der in ihrem Geist geprägten Realität von heute gibt[...]"

Albrecht Müller (Planungschef im Bundeskanzleramt unter Brandt und Schmidt. Autor der Bücher "Machtwahn" und "Die Reformlüge", die beide mit den Schröderianern und den Merkelianern - eben der neoliberalen Bewegung - abrechnen wollen. Er bezieht sich auf den auf Tatsachen basierenden Roman von Gunter Haug "Dieses eine Leben - Aufrecht durch dunkle Zeiten".

Schade übrigens, dass es heute kein "Reichsheimtückegesetz" mehr gibt, denn da würden Menschen wie Unsereins sofort im Rahmen der Euthanasie umgebracht, wie eben August Voll, der Hauptdarsteller der Geschichte, der sogar zweimal ermordet wurde - einmal physisch und einmal so, dass sein Ruf noch Jahre später ruiniert war - Bis Gunter Haug die Geschichte, die - eine unheimliche Parallele - in seiner kritischen Phase in einem zur Psychiatrie umfunktionierten Militärlazarett spielt - in Winnenden spielt, seinen Schwiegergroßvater rehabilitiert hat. Die Nazis in der Geschichte, dass ist üblich in Deutschland (BRD nicht DDR) wurden nach dem Krieg alle "wieder etwas"....

Die Schattenseite der "alten BRD", die mit der Wiedervereinigung unterging, und nun - dank Springer-Konzern - so etwas wie das "heilige Gegenstück" zur "alten DDR" sein soll, mit all seinen Ex-Nazis an den Schalthebeln der Macht - sogar noch unter Helmut Kohl.

Mfg
Bildleser und Neoliberalenhasser

Geheimrätin 15. Juni 2009 um 11:43  

Gewalt in der ARGE?

Keine Einzelfall, was ist überhaupt Gewalt, und wer übt diese wie aus?

ARGE - Polizeieinsatz gegen Selbsthilfegruppe

Anonym 15. Juni 2009 um 13:34  

Gleich vorab: Danke für diesen Blog!

Als Kunde einer ARGE kann ich einen weiteren Beitrag in die lange Liste einreihen: Ich habe seit vielen Jahren MS (Multiple Sklerose) und mit / trotz der Erkrankung mein Abi gemacht, den Wehrdienst absolviert und studiert. Leichte Einschränkungen blieben mir über die Jahre leider nicht erspart, vor allem kann ich mittlerweile meinen Augen nicht mehr bedingungslos trauen, da auch Sehnerven nur Nerven sind und somit geschädigt werden können...

Ich hatte immer wieder Arbeit, leider in einer Branche, die hierzulande als "Dienstleistungsbranche" floriert(e), in schwierigeren Zeiten wird man in der Dienstleistung leider besonders leicht arbeitslos, nur kostenlos ist billig genug! Seit September 2008 stehe ich - wieder einmal - dem Arbeitsmarkt zu Verfügung, für meine Vermittlung ist eine besondere "Abteilung" innerhalb der Münchner ARGE zuständig. Diese Abteilung nennt sich REHA und nimmt eine erstaunliche Aufgabe wahr: Chroniker und Behinderte sollen auf dem regulären (= unbehinderten) Arbeitsmarkt untergebracht werden. Mich schickte man hausintern zum Ärztlichen Dienst der BA, der feststellte, daß es für meine Einschränkungen keinen Arbeitsmarkt gäbe. Gleiches wiederholte der Chef der Abteilung. Die erste Beraterin erwähnte beiläufig die Möglichkeit zur Frühverrentung, die ich jedoch nicht anstrebe. Neuerdings greift man bei mir zu einem Motivationsmittel, weil ich angeblich nicht arbeitswillig sei. Im Wortlaut einer weiteren Mitarbeiterin, die vermutlich das erste Opfer meinse Amoklaufs werden wird, klingt der Motivationsversuch so: "... Wir halten ihre Rentenuhr an, wenn sie nicht...". Die REHA-Abteilung ist mittlerweile personell aufgestockt worden, vermutlich sollen noch viel mehr Rentenuhren angehalten werden. Mal sehen, ob ich es meiner Armbanduhr gleich tue und druckfest werde!

Für Australien ist es leider zu spät, auch scheint es die heile Welt für Menschen mit meinem Background nicht mehr zu geben. Vielleicht sollte ich in den Irak auswandern? Für Deutschland hätte ich damit in doppeltem Sinne etwas getan: Die lästige Arbeitslosenzahl wäre um 1 reduziert und gleichzeitig läge ein zukünftiger Schwerbehinderter weniger auf der Tasche der Nation.

Nochmals meinen Dank für diesen Blog und die Leserreaktionen!

Oliver

romano 15. Juni 2009 um 13:52  

Tragisch. Aber so muss Wirklichkeit in Worte gefasst und aufbewahrt werden. Das gibt es heute, hier und jetzt.
Im Wesentlichen sitze ich noch immer auf der Leiter, wenn es darum geht, zu verstehen, wie der Wind die letzten 15 Jahre recht schnell und dann immer schneller drehen hat können.
Wie eine schlafende Gesellschaft, für die die emanzipativen Leitlinien schon vor längerer Zeit besiegelt worden waren und in der man nunmehr auf deren Realisierung nüchtern und behäbig zuarbeiten wollte. Als wären im Schlafe mit einem Schlag diese emanzipativen Leuchttürme ausgeschaltet worden und als wäre der nächste Morgen unbemerkt mit dem grellen Licht eines neuens Heils geflutet worden.

G. G. 15. Juni 2009 um 21:32  

Ich habe viel über das „Dritte Reich“ gelesen. So manches Buch und so manche Rede der Nazis. Ich habe viele Zeugenberichte der Opfer und Überlebenden gelesen. Eines der Dinge die ich dabei so schreckliche finde, ist die „korrekte“ Fassade hinter der die grausamsten Grausamkeiten begangen wurden.

Der „Staatsapparat“ mit seinem „Rechtsapparat“ erließ Gesetze, Anordnungen, … wie in jedem „normalen“ Staat. Es gab genug „Wissenschaftler“ und „Ärzte“ die das ganze System begeistert unterstützen. Viele Ärzte führten furchtbarste Menschenexperimente durch.

Da mußten die gefangenen Juden Gräben ausheben. Warum nur? Sie hatten ein komisches Gefühl dabei, konnten es sich aber nicht erklären. Dann erfolgte ein paar Tage später die „Aktion Erntefest“. Innerhalb von 2 Tagen wurden 42.000 Juden in den verschiedenen Lagern erschossen! Sie hatten also Tage zuvor ihr eigenes Grab ausgehoben. Doch wie ging es den 400 Juden, die man am Leben ließ, damit sie die Leichen nach z. B. Zahngold durchsuchten? Sicherlich wußten sie, das sie nach getaner Arbeit auch erschossen werden. Wie können Menschen (Deutsche) nur so grausam sein? Die „Aktion Erntefest“ war übrigens eine Reaktion der Nazis/Deutschen auf den Widerstand von Juden in anderen KZ’s.

Oder schauen wir nach Belzec: Als Juden eintrafen am „Empfangsplatz“, wurden die ängstlichen Juden gleich aussortiert, weggebracht und erschossen! Dazu mußte das jüdische Lagerorchester Musik spielen. Die anderen Juden hat man versucht zu beruhigen und sagte ihnen, sie befänden sich in einem Zwischenlager und würden weitertransportiert an Orte, wo man ihre Arbeitskraft brauchen würde. Dann schickte man sie zum „Saubermachen“ und „Desinfizieren“ - d. h. sie wurden vergast!

Ein anderes Mal kam ein Transport mit kleinen Kindern (bis zu 3 Jahren). Die wurden einfach in eine große Grube geworfen und lebendig begraben.

Wer es genau wissen will:
http://www.deathcamps.org/

Auch wenn sich etwas „Gesetz, Gerechtigkeit, …“ nennt, kann sich dahinter grausamstes morden, abschlachten und ausrotten verbergen. Diese Schrecken fanden nicht auf einem fernen Planeten, in ferner Vergangenheit statt. Diese Schrecken wurden nicht durch gruselige Tiere, Außerirdischen oder Götter angericht. Nein, es fand hier in Deutschland und Umgebung in naher Vergangenheit statt. Und die Täter waren Deutsche, Menschen die meine Nachbarn sein könnten.

Angesichts dieser ungeheuren Gewalt bin ich einfach nur sprachlos. Besonders schlimm finde ich den Mißbrauch der ´Sprache durch die Täter. Wenn die z. B. von „Desinfizieren“, „Duschen“, „Arbeit macht frei“ oder „Aktion Erntefest“ reden und damit gnadenloses töten, ausrotten, abschlachten von Menschen meinen.

Vielleicht sollten wir uns an Wackersdorf erinnern. Hier kann man sehen, nach welchen Spielregeln in unserer heutigen Gesellschaft gespielt wird. Aus Wikipedia:

„Die Situation eskalierte immer stärker, die Rechte der Anwohner der umliegenden Gemeinden, die die Atomkraftgegner unterstützten, wurden eingeschränkt. Die Polizei beklagte sich über die wachsende Solidarisierung der Einheimischen mit den auswärtigen Atomkraftgegnern. Die Worte „Besetzung“ und "Bürgerkrieg" wurden zur Schilderung der Situation in der Presse populär, zumal das Ende der 1970er Jahre erschienene Buch „Der Atomstaat“ von Robert Jungk eine solche Entwicklung prognostizierte. Von 1985 bis 1989 gehörten Demonstrationsverbote, Hausdurchsuchungen, Verhaftungen sowie der Einsatz großer Polizeiverbände aus dem gesamten Bundesgebiet sowie des Bundesgrenzschutzes zur politischen Szenerie in der Region.“

Mögen die Leser ihr eigenes Urteil fällen.

Ich habe das Gefühl, das sich die Ereignisse der Geschichte wiederholen. Und es ist so unendlich schrecklich diesem irren Treiben fast vollkommen ohnmächtig zuschauen zu müssen. Verdammt nochmal, ich will nicht von irgendwelchen eiskalten, sadistischen, selbstmörderischen Schlächtern gequält und umgebracht werden.

@Oliver:

Ich habe auch MS und mache ähnliche Erfahrungen wie du.

B. Schülke 15. Juni 2009 um 22:14  

Oliver hob ab und schrieb dann:
"Die lästige Arbeitslosenzahl wäre um 1 reduziert und gleichzeitig läge ein zukünftiger Schwerbehinderter weniger auf der Tasche der Nation."

Mein "Kommentar": Guck mal dieses Video an. Du brauchst nicht auszuwandern. Das Geschäft erledigt schon Olaf Scholz für Dich, ganz im Ernst!

Das Ticket für Australien ist also schon eingespart. Toll, gelle.

Frank F. 16. Juni 2009 um 13:39  

@ G.G.

Mir ergeht es sehr ähnlich. Auch ich erlebe beim vielen Lesen von Texten aus der bzw. über die verworrene Zeit der Weimarer Republik und dessen katastrophale Folgen einen innerlichen Dejavu-Aufschrei nach dem anderen. Die Tatsache, dass ich nicht einmal mehr meine Fantasie dazu bemühen muss, um mir ausmalen zu können, was diesem Land in der logischen Konsequenz der gegenwärtigen Entwicklungen "blühen" könnte, zeigt mir, wie spät es eigentlich schon ist ... in unserer Pseudodemokratie. Sehr spät!

Ich finde es geradezu fatal, dass die übergroße Mehrheit der Leute die hier leben nach wie vor die Zeichen der Zeit nicht erkennt oder den Willen dazu nicht aufbringt.

Nun gut, zweimal haben sich die Deutschen in den vergangenen einhundert Jahren Selbstbelehrungen der schmerzlichsten Art unterziehen müssen und dabei viel Leid auch über andere Völker gebracht, verursacht durch "nichts weiter" als blindem Vertrauen in die eigene erzreaktionäre Obrigkeit ... aus dem dann bald blinder Gehorsam wurde, bei nicht Wenigen bis hin zur Lust am Sadistischen...

Sind aller schlechten Dinge auch drei?

Anonym 17. Juni 2009 um 21:28  

@Frank F.

Unser Deutschland ist doch eigentlich noch gar nicht so alt, und der Gründungsmythos des Deutschen Reiches 1871 fängt doch schon mit einer Kriegserklärung und einer Schmach an Frankreich (Krönung eines vereinten dt. Kaisers in Versailles 1817) an.

Irgendwo las ich einmal, dass eine "junge Nation" eben zu solchen Erscheinungen wie Militarismus, Krieg, Obrigkeitshörigkeit - auch "Katzbuckeln nach oben unt Treten nach Unten" - usw. neigt.

Rechne mal nach.....

....und nun kommt eben nach zwei verlorenen Weltkriegen, leider nur militärisch, aber nicht ideologisch, der Faschismus spukt bis heute ebenso wie der Klassenkampf von Oben nach Unten in den "dt. Eliten" herum, genauso wie der mittlerweile wissenschaftlich längst wiederlegte Sozialdarwinismus, dazu, dass wir "wieder wer sind" und dazu noch "auf der richtigen Seite" stehen, was auch immer das heißen soll.

Ich denke, dies ist nur ein Anriß der Probleme warum sich so mancher aus der Mittel- und Unterschicht für den eigenen Sozialabbau noch einsetzt, und eben treu wie einst "Kaiser und Vaterland", dann dem GRÖFAZ Hitler, nun für die "Mutter der Nation Angela Merkel" stark macht.

Der dt. Größenwahn, siehe Hinweis auf "Angie als Mutter der Nation" wurde ideologisch nie besiegt.....

....leider....

Mfg
Bildleser und Neoliberalenhasser

PS: Unsere "herrschende Kaste" ist die selbe, die anno 1871 den Kaiser auf den Thron gehievt hat, und anno 1848/49 die erste dt. Revolution im Blut preußischer Stiefel ertränkt hat - Der einzige Unterschied? Heute sind es die Enkel von Bismarck/Hitler & Co. die meinen "das Sagen" in Deutschland zu haben - Wird Zeit für einen Austausch der "Eliten". Oder wollen wir die noch tausend Jahre ertragen? Noch ein "tausendjähriges Reich" unter Adolf Merkel? Nein, das Original hat mir völlig gereicht - Ya Basta! Die Devise der Zapatisten in Mexiko sollte auch unsere Devise hier sein...Wenn nicht jetzt? Wann dann?

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