Nomen non est omen

Mittwoch, 25. März 2009

Heute: "sozial"
"Sozial ist, was Arbeit schafft – diese Maxime ist oberste Richtschnur unseres Handelns."
- gemeinsamer Beschluss der Präsidien von CDU und CSU vom 4. Mai 2003 -

"Die üblen Tricks der Hartz IV-Schmarotzer."
- Aufmacher der BILD-Zeitung, von BILDblog analysiert -

Sozial bedeutet im eigentlichen Sinne des Wortes das Wohl anderer im Auge zu behalten und steht im Gegensatz zum Egoismus. Fürsorglichkeit, Altruismus und Hilfsbereitschaft kennzeichnen eine soziale Einstellung. Das kleine Adjektiv "sozial" wird im heutigen politischen Sprachgebrauch in vielerlei Hinsicht sprachlich normiert, um eigene Ziele und Interessen durchzusetzen. Die vielseitige Sprachmanipulation des Begriffes offenbart eine mehrdimensionale Zielsetzung.

Mindestens drei Methoden sind hierbei offensichtlich:

1.) Umdeutung: Der Slogan "Sozial ist, was Arbeit schafft" beinhaltet den Versuch den Begriff "sozial" umzudeuten, sodass alles als sozial gelte, was Arbeit bringe, unabhängig davon, ob die Tat selbst sozial oder ethisch vertretbar ist. Die Formulierung der "sozial schwachen" Menschen beinhaltet ebenfalls den Versuch der Umdeutung, schließlich werden bei dieser Wortkonstruktion finanziell schwachen Menschen mangelnde soziale Fertigkeiten zugeschrieben, was jedoch keine zwingende Kausalität ist.

2.) Euphemismus: Die "soziale Marktwirtschaft" soll suggerieren, dass der Kapitalismus gezähmt werden könne und beschönigt eindeutige Ausbeutungsverhältnisse. Auch "sozial verträglicher" Stellenabbau ist eine Verharmlosung für die eben gekündigten Menschen, die dann ohne eigenes Einkommen dastehen.

3.) Verunglimpfung: Da die neoliberale Ideologie den Sozialstaat am liebsten abschaffen will, um eine marktradikale Ordnung etablieren zu können sowie zur Legitimation von Ungleichheit, werden soziale Leistungen und der Sozialstaat selbst, seit längerer Zeit systematisch verunglimpft. Sei es "die soziale Hängematte", "Sozialschmarotzer", "Sozialneid", "der Sozialmissbrauch" oder "der ausufernde Sozialstaat" – staatliche Solidarität wird bekämpft und als Grundübel betrachtet. Der tatsächliche Missbrauch sozialer Leistungen ist jedoch minimal. Steuerhinterziehung hingegen kostet den Staat zweistellige Milliardenbeträge.

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

8 Kommentare:

klaus baum 25. März 2009 um 13:46  

@markus: zu punkt 1: "Sozial ist, was Arbeit schafft." Dieser Slogan beinhaltet ja, Hauptsache Arbeit, auch wenn für die Arbeitsleistung kaum noch etwas bezahlt wird. Wer also Löhne fordert, von denen man auch leben kann, der ist dann vielleicht schon asozial, weil "zu hohe" Löhne Arbeitsplätze vernichten.

Talilah 25. März 2009 um 14:51  

@ Klaus Baum

Das soll suggieren, Sozial ist, WER Arbeit schafft - und damit die Rechtfertigung für Umverteilung auf "Leistungsträger", denn das ist ja ihre Riesenleistung.

Anonym 25. März 2009 um 16:32  

Hallo ihr beiden,

ich will ja nicht immer den vorletzten Krieg (=II. Weltkrieg) zitieren, aber gab es nicht auch einen Nazi-Slogan der ähnlich wie "Sozial ist, was Arbeit schafft" klang? Wen ich gemein wäre könnte ich die zynische Parole von Auschwitz, und diversen anderen KZs und Vernichtungslagern, wählen, die Neoliberale in ihrem Sozialrassismus wohl völlig in ihrer Ähnlichkeit übersehen haben:

"Arbeit macht frei!"

Die Form der Freiheit war dann nach 1945 erst einmal erledigt, bis Milton Friedman und Hayek im nazistischen Chile Pinoquets zum ersten Mal wieder in der Praxis diesen Sozialrassismus namens Neoliberalismus erproben durften.

Es würde mich nicht wundern, wenn es ähnliche Parolen geben würde - aus dem nazistischen Chile - wie "Arbeit macht frei!" oder "Sozial ist, was Arbeit schafft".

In diesem Sinne sagt die Globalisierungskritikerin Naomi Klein, dass der Marktradikalismus bzw. Neoliberalismus nichts anderes wie globaler Faschismus ist....in ihrem neuesten Buch....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

romano 25. März 2009 um 18:12  

Ein Problem ist, dass es keine Alternative gibt zur heutigen Arbeitsgeber-Ideologie. Sie sind heutzutage bald das vergemeinschaftende Prinzip (bei Hegel war es noch der Staat). Diese Ideologie durchdringt alles, an ihr hängt alles: Die Arbeitgeber sind die Ursache des Sozialen, so wird mitunter getan. Ihre Leistung besteht darin, es irgendwie geschafft zu haben, im globalen Wettbewerbschaos oder im evolutionären Überlebenskampf Mehrwert schaffende Strukturen aufgebaut zu haben (Schumpeter grüßt). Das ist die Grundlage von allem: Menschen können arbeiten gehen, etwas verdienen und sich schöne Sachen kaufen. Zugleich fließt Geld in die Staatskassen für Allgemeingüter. Zugleich fallen aus diesen mysteriösen Einheiten unzählige Güter heraus. Diese Mehrwert schaffenden Strukturen werden heute als das eigentlich knappste Gut gehandelt. Dazu prägt sie auch noch die Wahrnehmung im Miteinander der Menschen. Entweder gibt es Arbeitsplatzkonkurrenten oder konkurrierende Unternehmen. Immer gibt es nur Sieg oder Verlust. The Winner takes it all. Eine politische Gemeinschaft bzw. eine Gesellschaft oder eine Menschenmasse hat sich um diese Strukturen zu kümmern. Sie sind wie Pflanzen. Sie können auch eingehen. Wird der oder die Eigentümer dieser Strukturen schlecht behandelt, suchen sie sich entweder einen anderen Boden, auf dem sie wachsen können oder sie gehen ein. Solche Strukturen müssen also gehegt und gepflegt werden. Was sie wünschen, sollte ihnen gewährt werden. Denn, wenn nicht, dann tut sich der Abgrund der Anomie auf. Dann scheinen Massen orientierungsloser Menschen umher zu irren, die sich nur mehr im Wolfsmodus begegnen können und kein vergemeinschaftendes Prinzip mehr haben oder finden.
Das Soziale scheint überhaupt als Relikt eines nunmehr vergangenen vergemeinschaftenden Prinzips zu gelten. Weil halt doch so viele das möchten, muss es den lebens- und sinnerhaltenden Unternehmerstrukturen vorerst abgezwackt werden. Die Zeit scheint aber knapp zu werden, die Geduld nicht ewig zu währen (das Gesundheitsystem soll ja schon zu wackeln beginnen und es ist unklar, dass der Medienjargon applaudierend die Tat der Abschaffung durch Westerwelle begleiten würde. Endlich finanzielle Luft zum Atmen in Deutschland). Wer sich vergemeinschaften will, muss sich auf dem Globus eine Unternehmerstruktur suchen. Wer das nicht kann, hängt am Tropf des Schicksals und der milden Gaben. Die anomische Masse der unternehmenslosen Menschen (früher Staatenlose, Migranten usw.) scheint keine Brücke mehr zu finden zwischen menschlicher Arbeit und Entlastung durch irgendwie geartete intersubjektive Vergemeinschaftungsstrukturen. Solange es solche nicht gibt, werden sich auch 97 % der Menschen in Unternehmensstrukturen auspressen lassen. Beim Staat weiß man zur Zeit ja nicht, ob er als solche Struktur weiterhin Bestand haben wird. Es schaut so aus, als würde die Krise Wind aus den Segeln des unternehmerischen Vergemeinschaftungsprinzips nehmen, als müsste irgendwann ein klares, lösendes Stopp irgendwo in die Medienwelt hallen und Gerechtigkeit herstellen. Hoffentlich. Man muss aber auch konstatieren, dass die Welt nicht mehr so idemisch ist, wie sie es in den besten Jahren der Dominanz des Staatsprinzips war. Sie ist brüchig geworden. Die verächtlichen Äußerungen von Leuten wie Sarazzin deuten doch auch auf faktische Brüche in der Welt hin. Die Menschen sind sich fremd geworden, verstehen einander nicht mehr, leben in verschiedenen Welten. Sozialwissenschaftler gehen distanziert mit ihren Instrumentarien auf die neuen Menschenschichten los und möchten sie beforschen. Sie alle bewegen sich in anderen Sinnwelten. Lokal wie regional kann man sozialästhetische Differenzen wahrnehmen, hier die werbekonformen Hochglanzmenschen a la Guttenberg, dort die Gesichter mit Ringen unter den Augen, fettigen Haaren und laschen Kopieklamotten und -frisuren. Das Sensorium der Sarazzins ist über die Jahre geglättet geworden. Sie sind auch nur Menschen mit endlichen Horizonten. Weitsichtige, reflexive und verständnisvolle Menschen sind selten. Bürokratiearbeiter leiten ihre Energien in die angebotenen Bewegungsmöglichkeiten innerhalb der Bürokratie. Mehr interessiert sie nicht. Ein eventuell nötiger Energieverschleiß in der Öffentlichkeit muss darüber hinaus durch starke psychische Prinzipien gestützt werden. Diese tendieren leider kaum zu Vernunft und Reflexion, kommen sie einmal in Fahrt. Deswegen wären ja verbindliche partizipative Strukturen so wichtig. So hätten auch weniger reißerische Psychen ihre verbindliche Stimme. Es kann dabei freilich auch ein Blödsinn herauskommen, aber immerhin kann sich jeder einmal überlegen, wie er betroffen sein möchte. Besonders in divergierenden und fragmentarischen Welten, wie sie die Moderne hervorbringt, wäre das ein gemeinschaftspolitisches Desiderat. Bislang dürfen sich diese Welten nur im Privaten hinter dem Ofen nach getaner Arbeit kundtun. Die Ideologie der Arbeit ist derweilen sehr robust und unangetastet.

Wolfgang 25. März 2009 um 18:52  

Der Slogan "Sozial ist, was Arbeit schafft." hat mich im ersten Augenblick als ich ihn von Frau Merkel hörte sofort an einen anderen Slogan erinnert: "Arbeit macht frei." In dem einen Fall wird der soziale Gedanke durch die Arbeit ersetzt, im anderen Fall wird die Freiheit durch die Arbeit ersetzt. Beides sind fatale geistige Kurzschlüsse, die einer sehr oberflächlich kaschierten menschenfeindlichen Demagogie folgen ... nicht umsonst war Frau Merkel "damals" ja Sekretärin für Propaganda und Demagogie in der FDJ. Gelernt ist halt gelernt.

Talilah 25. März 2009 um 23:29  

@ Anonym 25. März 2009 16:32

Das ist mir nicht entgangen, im Gegenteil - ich wollte mir aber auch nicht vorwerfen lassen, nun immer gleich den großen Dieb hinter dem Busch zu sehen. Das fliegt mir dann nämlich oft als "Totschlagsargument" entgegen, der Gegenüber hat sein Stichwort bei dem er automatisch dichtmacht und nicht mehr gewillt ist zuzuhören, geschweige denn mitzudenken.

Dieses "Sozial ist, WER Arbeit schafft" zeigt aber, so finde ich, Herrschaftsstrukturen auf. Bringt vielleicht mehr und eher Menschen darauf, daß da ja wohl keine "von Gott gewollten" sitzen. Und, was diese Herrschaften sich eigentlich anmaßen und und inweiweit sie/wir/ich uns eigentlich gefallen lassen sollen/wollen.

Wenn ich auch in der Schule gelernt habe, daß Faschismus keine Gesetzmäßigkeit des Kapitalismus ist - habe ich nie verstanden, weshalb nicht - diese Gefahr sehe ich. Warum eigentlich (nur)Gefahr... Früher sollte die Welt an einem Wesen genesen, heute an einer bestimmten Demokratie (!!!) als Repräsentant des Marktradikalismus/Neoliberalismus.

@Wolfgang 25. März 2009 18:52

Sorry, das hat sie (Angela Merkel) ganz bestimmt nicht als FDJ-Sekretär sondern wenn schon, dann als Pastorenkind gelernt, denn in der DDR wurde mir immer erklärt, wir brauchen keinen Rhethorik-Unterricht, wir haben eh die besten Argumente... (Auch eine Arroganz der Macht)

Nichtdestotrotz...Mir ist (fast) jedes Mittel recht, wenn es darum geht, Mitmenschen ihre Wirklichkeit/Stellung in diesem System klar zu machen und sie wenigstens zum nachdenken darüber zu bringen, ob das so bleiben soll.

Margitta 27. März 2009 um 19:03  

@ Talilah,

ganz besonders freue ich mich immer, wenn ich einen Kommentar von Ihnen entdecke. So auch diesesmal. Ihre Anmerkungen entsprechen in vielem meiner Sichtweise.

Wenn ich darf, möchte ich Ihnen gerne einen Tipp zum so genannten "zuhören" geben.

Vor einiger Zeit las ich in einem Buch, dass es besser wäre "hinhören" statt "zuhören" zu sagen.

"Zuhören" erklärte mir die Autorin, bedeutet eigentlich "das Ohr zumachen". Während "Hinhören" dazu animiert das Ohr zu öffnen.

Leider ist mir entfallen wo ich dies gelesen habe und kann somit nicht die komplette Ausführung wiedergeben.

Also, mir leuchtete dies sofort ein und nachdem ich es mit viel Übung umgesetzt hatte, merkte ich, das ICH dadurch mehr von dem Gesprochenen aufnahm als zuvor. Als nächstes stellte ich fest, dass ich sehr schnell merkte ob mein Gegenüber auch aufnahm, was ich sagte. Und was mich ganz besonders freute, ICH falle dem Anderen seither nicht mehr so oft ins Wort.

Ich hoffe, Ihnen damit nicht zu nahe getreten zu sein.

Liebe Grüße
Margitta Lamers

PS.: Ist es nicht so, dass wir alle aus den Erfahrungen Anderer lernen, wenn diese uns zugänglich gemacht werden?

Talilah 27. März 2009 um 19:41  

@Margitta Lamers

Schön, Sie wieder zu lesen...

Ich hoffe, Ihnen damit nicht zu nahe getreten zu sein.

Weil Sie mir einen Rat/Tip gaben? Nein, ich bedanke mich dafür ;-)

Ist es nicht so, dass wir alle aus den Erfahrungen Anderer lernen, wenn diese uns zugänglich gemacht werden?

So ist wenigstens zu hoffen - "Erfahrungsaustausch ist schon immer die billigste (günstigste) Investition"

Zur Zugänglichkeit der Erfahrung anderer wäre meinerseits nur anzumerken, daß
a) es toll ist, diese zu finden und zu verstehen
und
b) wenn es um das Verstehen anderer in puncto Erfahrung geht, es schön wäre, wenn ich nicht noch eine 3.,4. oder 5. Fremdsprache lernen müßte oder mich so lange mit der Begriffsbestimmung/Kategorien-Klärung aufhalten müßte.

(da war jetzt aber nix mit "hin", trotz "zu" ^^)

LG - Tali

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