Nomen non est omen

Mittwoch, 11. Februar 2009

Heute: "Flexibilität"
"Bundespräsident Köhler forderte die Bürger Ostdeutschlands zu mehr Flexibilität bei der Suche nach einem Arbeitsplatz auf - Gleiche Lebensverhältnisse in Ost und West nicht machbar."
- Wirtschaftswoche vom 11. September 2004 -


"Wir müssen erkennen, dass wir denen, die Arbeit haben, eine sehr viel größere Flexibilität zumuten müssen, um im Land insgesamt eine stärkere wirtschaftliche Dynamik auszulösen."
- Klaus von Dohnanyi in einem Spiegel-Interview, 16. Oktober 2006 -

Das aus dem lateinischen kommende Wort "flexibel" bedeutet übersetzt zunächst so etwas wie biegsam, elastisch und anpassungsfähig. Flexible Arbeitszeiten können Wochenendarbeit, Nachtarbeit, Teilzeitarbeit, Feiertagsarbeit usw. sein. Unternehmer fordern heute von ihren Arbeitskräften eine hohe Anpassungsfähigkeit – bei der Bezahlung, dem Arbeitsplatz sowie den Arbeitszeiten. Flexibel im Sinne, wie der Unternehmer es gerade braucht, um den größtmöglichen Profit herauszuschlagen. Nicht euphemistisch ausgesprochen bedeutet demnach eine hohe Flexibilität eine hohe Ausbeutbarkeit des Arbeiters. Dabei ist die Flexibilität von Arbeiter und Unternehmer nicht gleichberechtigt: der Unternehmer kann sein Hauptbüro in einer Steueroase errichten oder gleich eine ganze Fabrik in ein Billiglohnland verlagern, der Lohnempfänger ist heimatgebunden. Die geforderte Flexibilität ist also in der Regel einseitig zugunsten des Unternehmers und zum Nachteil des Lohnarbeiters.

Die Arbeiter können so ihre Freizeit immer schwerer bewußt planen. Jederzeit abrufbar und verfügbar zu sein sowie Überstunden zu leisten macht es Menschen zunehmend unmöglich, ein intaktes Familienleben zu führen und soziale Bindungen aufrecht zu erhalten. Der Soziologe Richard Sennett beschrieb in "der flexible Mensch" wie ein hohes Maß an geforderter Flexibilität den Menschen kaputt macht. Er werde zunehmend von Angst, Hilflosigkeit, Instabilität und Verunsicherung beherrscht. Dieses Schlagwort ist außerdem eine neoliberale Formel, welche für die Abschaffung sozialer Errungenschaften einsteht. Lebensrisiken der Lohnarbeiter sollen privatisiert werden, damit das Unternehmen eben flexibler sei, sprich: mehr Profit machen kann. Die geforderte Biegsamkeit besitzt somit einen weitestgehend totalitären Charakter, da sie Auswirkungen auf viele Lebensbereiche zeitigt.

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

4 Kommentare:

Arbo Moosberg 11. Februar 2009 um 10:35  

Diese Kritik ist berechtigt, greift aber leider zu kurz. In dem, wie "Flexibilität" heute praktiziert wird, zeigt sich nämlich die ganze Widersprüchlichkeit sogenannter "Wirtschaftsliberaler". Was die Unternehmen hier machen, ist, unternehmerisches Risiko auszulagern - auf ArbeitnehmerInnen. Und zwar ohne finanzellen Ausgleich für das Tragen dieser Risiken. Obwohl jedes Wirtschaftslehrbuch darüber fabuliert, dass einem just dafür ein Entgelt zusteht!

Da wird also mit zweierlei Maß gemessen.

Arbo

klaus baum 11. Februar 2009 um 14:45  

Flexibilität als Zwang, Flexibilität als eine Dynamik, die nur dem Profitprinzip folgt, anstatt dafür zu sorgen, das es ein ausgewogenes Verhältnis von Löhnen und Preisen gibt, also Flexibilität als Zwang ist das gegenteil von Flexibilität, ist Statik. Sehr zu empfehlen als Leküre zwecks Begriffsgenauigkeit: Statik und Dynamik als soziologische Kategorien in Adornos Soziologische Schriften.

klaus baum 11. Februar 2009 um 15:03  

@arbo, ich kann mich noch an eine diskussion aus dem jahre 1962/63 erinnern. ort war eine kaufmännische berufsschule. dort wurde gesagt, der unernehmer trage das risiko, also müsse er auch mehr verdienen.

ben gunn 12. Februar 2009 um 09:30  

Man kann es gar nicht scharf genug formulieren, denn diese Flexibilität ist der Widerspruch schlechthin. Entweder ich bin flexibel oder ich gründe eine Familie, entweder ich bin flexibel oder baue/kaufe ein Haus... wenn ich nicht weiß, ob ich in 6 Monaten noch Arbeit habe kaufe ich mir kein (neues) Auto...

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