Privatisierung des Grundgesetzes

Freitag, 16. Januar 2009

Auch wenn der Mikrokosmos Deutschland derzeit Konjunkturpakete bespricht, so sollte man nicht aus den Augen verlieren, was manchen Unionisten noch immer umtreibt, welche nationale Süppchen da noch gekocht werden. Vor einigen Wochen wartete Peter Müller, Ministerpräsident des Saarlandes, mit dem neuesten Schrei konservativer Borniertheiten auf: Die deutsche Sprache sollte im Grundgesetz Erwähnung und damit als grundgesetzlicher Wert Vollzug finden.

Nun ist es müßig nochmals zu erwähnen, was schon allerorts in Spaßhaftigkeit oder bitterem Ernst erwähnt wurde, nämlich dass das Deutsche, wie alle anderen europäischen Sprachen auch, keine isolierte Spracherscheinung im Herzen Europas ist. Sie ist ein Sammelsurium verschiedenster Idiome, nahm als europäisches Durchgangsland - was man zwangsläufig ist, wenn man mitten in Europa liegt - viele Ausdrücke auf, hat sich nicht abgeschottet oder wie auf einem einsamen Eiland entwickelt. Die deutsche Sprache ist Produkt Europas, natürlich mit germanischen Wurzeln, die aber freilich fast unkenntlich geworden sind im Laufe der Zeit - so läßt sich der französische Einfluss in der deutschen Sprache leichter erkennen, als irgendein germanisches Urwort. Aber darum soll es hier nicht gehen, festzuhalten sei nur, dass man eben nichts festhalten kann, dass es unmöglich ist zu definieren, was nun gutdeutsch ist und was nicht.

Was aber von Belang ist, ist die Tatsache, dass es keine genormte deutsche Rechtschreibung gibt, auch wenn die Mehrzahl der Menschen hierzulande davon ausgeht, es gäbe eine verbindliche Form, mit der man seine Zeilen zu schreiben habe. Zwar wurde 1901 eine Vereinbarung sämtlicher deutscher Landesregierungen getroffen, "eine einheitliche Rechtschreibung in den Schulunterricht und in den amtlichen Gebrauch der Behörden einzuführen und von dieser Rechtschreibung nicht ohne wechselseitige Verständigung untereinander und mit Österreich abzuweichen", doch als Verpflichtung war das nicht zu verstehen, ein Gesetz diesbezüglich gab es nicht. Walter Krämer schreibt dazu: "... eine irgendwie geartete Verpflichtung für das breite Publikum oder für die Parlamente und Gerichte ergab sich daraus nicht: Sowohl unsere eigenen Briefe als auch Gesetzestexte als auch Urteile, Beschlüsse und Verfügungen der Gerichte brauchen sich im Prinzip um den Duden nicht zu kümmern (und weichen auch tatsächlich öfters von ihm ab: das Bundesverfassungsgericht schreibt „der Einzelne“, der Duden verlangt „der einzelne“, und andere Abweichungen mehr)."
Später, auf der Ständigen Konferenz der Kultusminister im Jahre 1955, erklärte man die Vereinbarung für "auch heute noch verbindlich" - so als wäre sie damals schon verbindlich gewesen - und fügte hinzu, dass in Zweifelsfällen die im Duden gebrauchten Schreibweisen und Regeln maßgebend seien. Seither wird von den Menschen geglaubt, dass der Duden das Maß aller deutschsprachigen Dinge ist, wobei er nur für den amtlichen Schriftverkehr bindend ist, nicht für Schriftstücke anderer Machart.

So besehen ist selbst das Korrigieren von Diktaten, denen als Grundlage die Regeln des Duden dienen, objektiv betrachtet nichtig, wenigstens aber zweifelhaft, weil nie eine allgemeinverbindliche Rechtschreibung fixiert wurde. Dennoch, obwohl des Dudens Sichtweisen nie offiziell legitimiert wurden, nur auf Amtswegen verbindlich, ansonsten bestenfalls eine Empfehlung sind, ist der Duden zur Institution der deutschen Sprache geworden - und damit würde der Duden, ein Privatunternehmen, indirekten Einzug ins Grundgesetz finden. Ohne "Auftrag des Volkes" ist damit der Dudenverlag Mannheim nicht nur stiller Wächter über die Sprache, sondern auch noch grundgesetzlich, wenn schon nicht direkt legitimiert, so doch mit dem im Gesetzestext enthaltenen "Deutsche Sprache", konnotiert. Das dann im Grundgesetz enthaltene Credo zur deutschen Hochsprache, teils ein Produkt der Zentralisierungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts und damit, aufgrund nationaler Zusammengehörigkeitskünsteleien, ein Kunstprodukt, welches nirgends in dieser Weise in Deutschland gesprochen wird, teils ein willkürliches Festlegen des Dudenverlages; das dort enthaltene Credo also, ist dann Produkt und Heiligtum eines Privatunternehmens, fein säuberlich in einen GG-Artikel gefaßt. Während im Ausland diverse Akademien über Sprache wachen (es ist an dieser Stelle irrelevant, ob man überhaupt Sprachkontrolleure braucht), die wenn schon nicht objektiv - der Académie française wirft man spießigen Konservatismus vor -, so doch ökonomisch relativ unbeeinflusst agieren, soll hierzulande versteckterweise ein privates Wirtschaftsunternehmen diese Stelle einnehmen. Nicht, dass man dem Dudenverlag zwangsläufig vorwerfen müßte, er würde diese Stellung mißbrauchen, würde Vorteile daraus ziehen - das tut er schon seit Jahrzehnten, indem er zum Schiedsrichter in Sprachfragen stilisiert wurde und zur Institution wurde -, doch man muß ausschließen, dass das Sprachungetüm "Hochdeutsch", dieses relativ kühle und geschäftliche - weil der regionalen Mundart, die mit Herzlichkeit, Nähe und Bodenständigkeit verbunden ist, entfremdete - Uniformierungs- und Zentralisierungsidiom, von jemanden verwaltet wird, den zumindest wirtschaftliche Interessen dazu veranlassen könnten, Schindluder damit zu treiben.

Ansonsten könnte man auch McKinsey für die Sozialstaatlichkeit verantwortlich machen, auch wenn das "Soziale" im "Sozialstaat" dann durch "Suppenküche" ersetzt werden müßte; und die Tür- und Torfabrikanten von Portas könnten die Unverletzlichkeit der Wohnung gewährleisten, während die Emma über die Gleichheitsprinzipien von Mann und Frau wacht.

3 Kommentare:

klaus baum 16. Januar 2009 um 16:02  

den duden könnte ich noch akzeptieren, die emma weniger und portas auf gar keinen fall.

Anonym 16. Januar 2009 um 20:55  

Hallo
Viele Aspekte waren mir neu und sind sehr interessant.
Auf der anderen Seite darf man nicht außer Acht lassen das in der heutigen permanent von Anglismen und Denglish, hauptsächlich durch Werbung, fast überschwemt werden. Warum nicht ein Gesetz im Grundgesetz aufnehmen wie es zb. Frankreich hat.

julian 20. Januar 2009 um 09:41  

Wer nämlich mit H schreibt ist dann nicht mehr dämlich, sondern verstößt gegen das Grundgesetzt? Herrlich.

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