Eigentum verpflichtet

Samstag, 10. Januar 2009

Sobald du an meine Seite trittst, Erblindeter, gehören meine Augen dir. Weil du nicht siehst, weil du nur tasten kannst in einer Welt der Sehenden, stehe ich dir bei, lasse meine Augen für dich sehen, führe dich mit dieser mir eigentümlichen Fähigkeit um die Hürden des Daseins, erblicke und erspähe für dich, was dir äußerstenfalls tastbar bleibt, erkenne und beschreibe dir, was dir auch mittels Tastsinn verwährt bleibt, weil es unantastbar ist, so wie mir deine Würde, dein Menschsein unantastbar ist. Meine Augen gehören mir, damit sie dir gehören können; mein Eigentum des Augenlichts, gehört in jenem Moment, in dem du neben mich trittst, auch dir. Und dies mit aller Selbstverständlichkeit - denn Eigentum verpflichtet.

Wenn dir die Beine lahmen, wenn du dich gegebenenfalls vom Hals abwärts nicht mehr bewegen kannst, so stehe ich nicht als fremder Körper an deinem Körper, sondern bin deine übertragene Körperfunktion. Ich laufe dorthin, wo du nicht mehr kannst; ich greife, was du gerne greifen würdest; ich schreibe und koche, was du schreiben und kochen würdest, wenn du es nur könntest. Aus zwei einzelnen Menschen wird eine verschworene Einheit, die sich ergänzt, weil es dem einen Bestandteil dieser Einheit an gewissen Funktionen mangelt, während der andere, der offensichtlich Funktionstüchtigere, vielleicht versteckte Mängel in sich trägt. Meine Funktionen, die ausschließlich meine Eigentümlichkeiten sind, gehören dir ebenso, weil du Teil meiner Selbst bist, weil niemand existiert, ohne mit-existieren, mit-sein zu müssen. Und so kannst du teilhaben, weil du teil an meinem Eigentum hast. Wie sonst teilhaben, wenn nicht durch das verpflichtende Eigentum?

Mit deinen wenigen Jahren kannst du noch nicht begreifen, welcher Wahnsinn diese Welt reitet. Orientierungslos gehst du durch den Tag, suchst von Natur aus Halt bei denen, die sich innerhalb des Wahnsinns schon zu orientieren vermochten. Meine Orientierung schenke ich den Kindern, damit sie möglichst an den geistigen Umnachtungen unserer Erde vorbeimarschieren, damit ihre kleinen Seelen nicht an den in Widerlichkeiten getränkten Irrsinnigkeiten Schaden nimmt. Weil ich schon länger leben konnte, war es mir möglich, Erfahrungen gesammelt, Erfahrungen in Besitz genommen zu haben. Aber dieser Besitz gehört mir nicht alleine, denn ich reiche ihn weiter, breche etwas davon ab, um es denen zu reichen, die das Los eines längeren Lebens noch nicht gezogen haben. Dieser zeitlich erfahrene Besitz bleibt nicht mein Eigentum, wird zur Pflicht an den nächsten, darauffolgenden Nächsten - auch dieses Eigentum verpflichtet.

Viele werden sagen, dass ein solcher Besitz, der nichts kostet, der einem von selbst in den Schoß gefallen ist, nichts mit einem zur Verpflichtung gewordenen Eigentum zu tun habe. Aber ich sage, dass es genau so ist, denn in einem Umfeld, welches Zeit gleichsetzt mit Geld, in dem Zeit gleich Geld ist, da ist das Zeitnehmen zum Sehen, das Zeitnehmen zum Greifen, Gehen, Tätigen, das Zeitnehmen für einen Unerfahreneren, kurz also, das Hergeben von Zeit an einen Nächsten, gleichbedeutend mit dem Öffnen des Geldbeutels, um das dort beinhaltete metallige Eigentum zu seiner Verpflichtung zu führen. Jeder gibt von seiner Habe, das was er entbehren kann, läßt seinen Nächsten teilhaben, ihm das ursprüngliche eigene Eigentum, jetzt zum Eigentum aller verwandelt, zukommen. Der eine gibt Metallstücke, der andere Zeit – so baut sich vor unserem geistigen Auge eine gerechte Solidargemeinschaft auf, wie man sie heute zunehmend moralisch verunglimpft.

Verunglimpft, weil die Metallstückchenbestückten glauben, ihr Teilhabenlassen sei die einzige Form von verpflichtendem Eigentum; weil sie nur ihr Geben als Gabe verstehen; weil sie die investierte Zeit solcher, die nicht durch Metall teilhaben lassen können, als vergeudete Investition in den Nächsten erfassen. Sie wähnen sich moralisch erhaben, weil sie ihre Teilhabe anfassen können, weil das zur Verpflichtung gewordene Eigentum derer, die für ihre Nächsten sehen, greifen, gehen, nichts Fassbares entgegenzusetzen hat. Und weil es den Letzteren daran mangelt, erklärt man Solidarität als Grundlage des gesellschaftlichen Daseins für unmoralisch, weil ungleich gegeben wird, weil die einen ja nichts geben, während die anderen alles bezahlen. Und so verpflichtet der Materiellen Eigentum in anderer Weise, verpflichtet sie dazu, es möglichst unangreifbar zu machen, damit sie sich stündlich an ihrem eingesperrten, weggepackten, für niemand zugänglichen Eigentum laben können.

Dabei berechnen sie nicht, wieviel Zeit, wieviel Maßeinheit Frei- oder Arbeitszeit investiert wurde, um dem Nächsten verpflichtend zur Seite stehen zu können. Zeit, die man nicht mit Konsum zubrachte, die man nicht für die Egoismen des Lebens ausbeutete, die man nicht zur Verfügung hatte, um auf die Jagd nach Metallstücken zu gehen. Im Jargon der Beschränkten: Welch horrendes Gehalt würde manches Konto zieren, wenn man das investierte Zeiteigentum sich ausbezahlen lassen wollte? Womöglich mehr als deren materielles, aber nur höchst ungern getätigtes Abgeben? Wann zerbräche das bisschen Gesellschaft, das man sich noch bewahrt hat, gänzlich: wenn die Materiellen nicht mehr teilhaben lassen wollen oder wenn keiner mehr seine Zeit an den Nächsten verschenken würde? Es wäre eine zeitlose Welt, in der wir unseren Mitmenschen keine Zeit mehr darbringen würden – hoffentlich so zeitlos, dass es ihr an eben dieser Zeit mangeln wird, um je zeitliche Realität zu werden.

4 Kommentare:

Anonym 10. Januar 2009 um 17:07  

"Wann zerbräche das bisschen Gesellschaft, das man sich noch bewahrt hat, gänzlich: wenn die Materiellen nicht mehr teilhaben lassen wollen oder wenn keiner mehr seine Zeit an den Nächsten verschenken würde?", schreiben Sie, verehrter Roberto.

Die Gesellschaft (oder besser, die Ansammlung von Individuen innerhalb eines Landes etc.) zerbricht nicht, weil es etwas "Gesellschaftliches", das allen gemein ist, nicht gibt.

Als Individuen leben wir ja von Anfang an "vereinzelt".

Trotz dem bleibt natürlich diese "Ursehnsucht" nach dem Angenommenwerden. Das beginnt ja bereits, wenn sich so ein kleiner "Wurm" an das Leben außerhalb des Uterus gewöhnen muss - zwangsläufig gewöhnen muss.Ihm fehlt die Geborgenheit des "Umgebenseins" durch den mütterlichen Organismus.

Es ist dieses erste Ausgestoßen werden, das wir nicht verwinden können.

Manche versuchen sich in altruistischem Egoismus, manche entwickeln die Sehnsucht nach dem Tod - und andere wiederum flüchten in die Welt der Silberlinge.

Ihre Art, die menschliche Teilhabe aneinander einzufordern, macht mir Kopfzerbrechen - denn - ist diese Art der Selbstaufgabe durch "absolute Zuwendung zum Nächsten" wirklich der "Kitt", der Menschen sich zueinander menschlich verhalten lässt?

Ist das für uns Menschlein überhaupt möglich?

Mittlerweile komme ich zu dem Schluss, das wir halt absolut unzulänglich sind. Wir sind nicht geeignet, um diese Erde zusammen zu halten ,geschweige denn sie zu tragen.

Allerdings: Ihr Anteil an Zeit, denn Sie uns "Unvollkommenen" gewähren, lässt mich etwas zweifeln an meiner These.

Danke also für diesen guten Text, er begleitet mich für eine Weile und hilft mir meine "Vereinzelung" etwas zu vergessen.

fletcher2 11. Januar 2009 um 00:30  

Zeit ist nicht Geld. Zeit ist ein Füllhorn, aus dem sich jeder die Zeit nehmen kann, die er braucht; die er braucht für sich und die er den Anderen schenken will und manchmal auch einfach geben muss.

Geld ist nicht Zeit. Geld ist ein Füllhorn, das die Menschen mit ihrer Zeit der Arbeit gefüllt haben. Aus diesem Füllhorn sollen sich alle bedienen dürfen, die die Zeit ihrer Arbeit denen geschenkt haben, die nicht arbeiten können. Denen, die Kindern Werte gegeben haben, denen, die kranke Menschen versorgen, denen, die sich um die kümmern, die sich selbst nicht kümmern können und denen, denen keine Zeit zum Arbeiten gegeben wurde.

Eigentum verpflichtet! - Durch Zeit und Geld.

Peter 11. Januar 2009 um 04:09  

Hinter jedem Cent steckt Arbeit. Alles andere ist Mumpitz. Aber genau das kapieren die Börsen-Junkies nicht.

persiana 12. Januar 2009 um 11:25  

Geld gibt es in Zukunft sowieso immer weniger, weil es sich auf den Konten der "Faulpelze mit den vollgestopften Geldbeuteln" häuft (Silvio Gesell) .
Wir arbeiten einerseits für immer weniger Geld, immer weniger Sozialversicherungsbeiträge, die dann zum Beispiel denjenigen die ihr Leben lang gearbeitet haben fehlen, oder denjenigen, die ohne vernünftige Aus- oder Schulbildung in die Zukunft gehen müssen.

In diese Lücke springen dann die, die unentgeltlich die Arbeit machen, die erst einmal getan werden muss, denn wenn sie es nicht tun, macht es niemand. Dasselbe gilt auch für Blogger, oder andere, die Filmchen für youtube zusammenschneiden oder in die Muttersprache ihres Heimatlandes übersetzen, usw.
Das könnte alles bezahlte Erwerbsarbeit sein, die derzeit unentgeltlich verrichtet wird von Voll- oder Halbzeitarbeitslosen ohne Sozialverisicherung oder Leuten, die sich nach einem stressigen Arbeitstag noch hinsetzen.

Es lebe das Ehrenamt.

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