Die erste Gelegenheit des Jahres

Donnerstag, 1. Januar 2009

Es war erst einige Minuten nach 0:00 Uhr - die Mehrzahl der Raketen war bereits verschossen, Sektgläser geleert, andere wieder aufgefüllt, Menschen die sich gerade, obwohl sie sich bis kurz vor Jahreswechsel noch gänzlich fremd waren, in den Armen lagen, wendeten sich nun voller Abscheu ob der spontanen Fraternisierung vom Nebenmann ab, gingen wieder zur Normalität über, die sich freilich noch mit Guter-Laune-Musik garnieren ließ; kurz: es war also einige Minuten nach Jahreswechsel, da die ersten medialen Einschwörungen auf einen gemeinsamen Kurs vollzogen wurden.

Nun, da die Masse noch im Freudentaumel lag, da positive Gedanken und zwischenmenschliches Sichbetatschen noch die Sinne betrübte, da wurden die ersten Botschaften verkündet - keine tiefgreifenden Einsichten freilich, nur eine Art Verhaltenskodex für das noch junge Jahr, für das, was es uns bringen wird. Ein Verhaltenskodex mit dem man in der Stunde feierlicher Ausgelassenheit auf Du und Du stand, den man als weise Erkenntnis zwischen all der oberflächlichen Hysterie wahrnehmen mußte, weil es in jenem Moment eben so sehr an Besonnenheit fehlte. Und wer da als "Weiser des Jahreseinstiegs" auftrat, waren nicht Politiker, sondern ordinäres Fernsehpersonal, welches die erstbeste Gelegenheit nutzte, um eine Positivstimmung zu erzeugen, die doch - so hoffen sie - das ganze Jahr über irgendwie anhalten möge.

So zappte man kurz durch die TV-Lande in jenen Minuten nach 0:00 Uhr, vernahm das ekelerregende Verbalerbrechen der trunkenbeglückten Moderatoren und fragte sich, was dieses künstliche Gegrinse und Sichfreuen eigentlich bezwecken sollte. Einer dieser Ewiggrinsenden meinte dann voller Elan, dass das Wort "Finanzmarktkrise" für ihn nicht mehr existiere, dass er es in 2009 nicht benutzen würde und, wenn wir es ihm alle ihm nachmachten, die Krise gar nicht Herr über uns werden könne - die Devise des Jahres lautet also: Optimismus auf Teufel komm' raus! Der drohenden Verelendung einfach grinsend begegnen! Sie ignorieren!

Kaum dass die Uhr auf Januar gesprungen ist, schon wird das Medium Fernsehen mißbraucht, um eine Botschaft in die Lande zu schicken, die für eine große Anzahl von Menschen wie blanker Hohn klingen muß. Jemand wie jener, der mit Mikrofon im Herzen Berlins steht, um über das Lallen und Gröhlen der Feiernden zu berichten, der zudem immer wieder irgendwelche belanglosen Sendungen öffentlich-rechtlicher Sendeanstalten leiten darf, kann mit beschwingter Leichtigkeit von einem Optimismus fabulieren, den viele Menschen aufgrund grassierender Bedrückung gar nicht entwickeln können. Kaum ins neue Jahr eingetreten, wird die erste Gelegenheit genutzt, um sinnfreie Phrasen, Plattitüden und "Kampfparolen von der großen Einheit" unter das Volk zu bringen. Die Minuten nach dem Silvesterabend sind die erste Gelegenheit des Jahres, die personifizierten Sprachrohre des öffentlichen Diskurses, mit allerlei unpolitisch wirkenden, aber hochgradig politischen Plattheiten in die Wohnzimmer dieser Republik hineinpalavern zu lassen: Jetzt schauen ja alle zu, jetzt müssen sie sich es anhören, jetzt, da sie vor Freude und Leutseligkeit übermannt sind, könnte sogar im Gedächtnis irgendwas davon hängenbleiben.

So war es 2006, als man drei Minuten nach 2005 anfing, die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland zu Maßstab allen Handelns zu küren. Da entblödeten sich allerlei Neujahrsberichterstatter nicht, eine Siegermentalität für jedermann einzufordern - so wie die deutsche Nationalelf mit Engagement und Kampfeswille den Titel holen würde, so müßte jeder Bürger kämpfen und sein Bestes tun; so war es auch, als das Jahr 2007 eintrat und das Elterngeld gefeiert wurde, kaum dass der Sekt ausgeschlürft war - als man aus Krankenhäusern berichtete, jubelierende Eltern erblickte, die die ökonomische Weitsicht ihres zur Welt kommenden Nachwuchses feierten, weil dieser sich entschloss, noch einige Minuten zu warten, damit die Eltern später Elterngeld anstatt des alten Erziehungsgeldes beziehen können. Dass letzteres für jemanden aus den Unterschichten sich finanziell besser rechnete, wurde damals nicht erwähnt - wird auch heute noch nicht medial dargelegt, denn das Elterngeld gilt als "moderne Einrichtung des Sozialstaates".

Kaum hat das Jahr 2009 begonnen, da war schon wieder Kampagnenjournalismus am Werk. Vielleicht nicht so wohlkalkuliert wie in Inszenierungen, die wir als politische Diskussionsrunden gereicht bekommen, aber doch im Kern ebenso dreist, ebenso auf Stimulation bürgerlicher Unbedarftheit ausgerichtet. Wer im gänzlich durchorganisierten Fernsehbetrieb glaubt, der Berichterstatter eines solchen Ereignisses würde frei verkünden dürfen was er will, der hat sich ein reines Herz, einen ungesunden Schuss Naivität bewahrt. Man wird demjenigen schon grob erklärt haben, in welche Richtung die Stimulation zu gehen habe, auf was einzuschwören sei - in eigenen Worten dürfe man das dann schon packen - man sei schließlich Teil der freien Medienlandschaft -, aber der Inhalt, die Botschaft muß erkenntlich, muß leicht zu deuten sein. Man dürfe sich ja schließlich die erste Gelegenheit des Jahres nicht entgehen lassen! Aber ob das Sprachrohr am Mikrofon etwas von dieser Gelegenheit weiß, die er als Werkzeug seines Arbeitgebers auszunutzen habe, darf bezweifelt werden...

10 Kommentare:

Anonym 1. Januar 2009 um 11:45  

So ist es in unserem demokratären Rechtsstaat. Die geistige Hygiene macht es bisweilen erforderlich daß ein Individuum, wie das diese Zeilen schreibende, sich in bestimmten Zeitphasen wie z.B. Jahreswechsel in mediale splendid isolation begibt. Ansonsten cher M.deLapuente: Der Spitze Ihrer Feder wünsche ich ein ergiebiges 2009. Man kann sich so gut an gute Texte gewöhnen!
Ciao ciao

anobo 1. Januar 2009 um 13:40  

Gottseidank habe ich meinen Fernseher schon vor Jahren abgeschafft. Ich brauche keinen Fernseher, um zu verbl*den.

Aber schon beeindruckend, wie die Medien (Fernsehen, Radio und Zeitung) an einem virtuellen neoliberalen Strang ziehen. Mit Sicherheit ist vieles Psychologie, was so auf den Maerkten abgeht, aber irgendwie merken scheinbar zu viele Leute, dass alles Schoenreden nicht mehr die Wahrheit zudecken kann. Insofern bin ich noch gespannt, was das Jahr 2009 bringen wird. Wie sagte doch mal eine heute kaum noch bekannte Moderatorin: Alles wird gut.

GWFH 1. Januar 2009 um 14:04  

Es ist gut, hoch zu halten, dass hier medial sinnarmer Optimismus wider aller Klugheit versprüht werden soll. Man muss aber auch bedenken, dass dieser Optimismus für viele zwar wie blanker Hohn klingen sollte, es aber wohl nicht tut. Viele sozial schwache Familien werden sicher in ihrem Haushaltsplan eine eigentlich zu teure Silvesterfeier eingeplant haben. Sie werden sich günstigen Sekt und Böller besorgt haben und trotz ihrer Situation ihr kulturelles Erbe (und hierzu gehört Sylvester mit Sekt und Feuerwerk kontraintuitiver weise) nicht einfach pausieren lassen. Sie werden sich vorher schon mit Obstlern in Schwung gebracht haben und um Null Uhr wird der Sekt geköpft. Das sind Augenblicke in denen man nicht hören will, dass es fortan wohl bergab gehen wird. Das sind Augenblicke, in denen - Hölle noch eins! - Party machen will. Und wie sehr sich auch "Reporter" in diesen Minuten entblöden mögen - in der Sylvesternacht glaubt man an morgen und das nächste Jahr. Vernunft und Reporter hin oder her. Ich schließe mich an:

Frohes Neues an die links herum wandelnden!

GWFH

Franktireur 1. Januar 2009 um 15:14  

Hi Roberto. Erstmal ein gutes neues Jahr. Als zweites direkt die Frage: warum tust du dir das an???

Ich meine damit das TV, unmittelbar nach dem Rutsch ins neue Jahr.

Es wird noch genug zu tun geben in 2009. In diesem Jahr habe ich bestimmt nicht vor, mich von Mediendeppen runterziehen zu lassen. Solltest du auch nicht zulassen.

Gruß
Frank

Anonym 1. Januar 2009 um 16:56  

@Roberto de Lapuente,

nur kurz ein Gedanke von mir zu deinem Text "Die erste Gelegenheit des Jahres": Wie wäre es, wenn dieser Journalist gar nicht von unsichtbaren Mächten - den neoliberalen Gescheiterten - gelenkt wird sondern sich die Ideologie so verinnerlicht hat, dass die ihm bereits in Fleisch & Blut übergegangen ist?

Nachdenklicher Gruß
Nachdenkseiten-Leser

PS: Wie ich darauf komme? Als Ex-Arbeitsloser, und Dauer-Bewerber, der nun für kurze Zeit etwas unsicheres gefunden hat, nerven mich auch Kommentare wie: "Wurde ja auch Zeit, dass du mal loslegst, du hast doch gar nicht gesucht." oder: "Du hast doch eh noch nie gerne gearbeitet", und diese Vorwürfe sind jedes Jahr die selben gewesen - nach hunderten von Bewerbungen und ebensovielen Absagen. Jeder, dem es so geht wie mir kann da sicher mitfühlen, aber bei anderen, denen der Sorte "Selbst Wein trinken, aber anderen Wasser predigen", da bin ich sicher, die sind Neoliberale weil die diese Ideologie bereits mit der Mutterlich aufgesogen haben - der Riß geht mittlerweile, zumindest bei mir, durch die komplette Familie, d.h. die Prognose, dass es vielleicht einmal einen Bürgerkrieg in Deutschland geben könnte ist daher gar nicht so abwegig, wie manche denken....

Calwer-Wildnis 1. Januar 2009 um 17:08  

Hi Roberto

Ein gesundes, gutes 2009 wünsche ich Dir.
GFWH muss ich allerdings widersprechen: Es wurde nicht optimistsch gefeiert - jedenfalls nicht bei mir, und nicht bei einigen bekannten Familien. Sie wollten nicht mit aller Gewalt vergessen, und das Elend zudecken, das auch im neuen Jahr nicht einfach weggewischt werden kann.

Eine Bekannte, der es besser geht, als den anderen, schloss sich aus Solidarität an - aus Solidarität mit jenen, die nichts zu feiern haben, und auch aus Solidarität wegen des Krieges in Gaza.

Es gibt nicht nur Hohlköpfe - auch wenn es manchmal durch einige unverbesserliche Schreihälse den Anschein hat.

Robertos Beiträge sind einfach gut. Sie treffen voll auf den Punkt, und sind dazu noch etwas, das gut zu lesen ist. Danke dafür.

Liebe Grüsse

Anonym 1. Januar 2009 um 23:43  

Das verheerende ist, dass diese neoliberalen Giftspritzen - von den Vertreibern jedoch als Medizin bezeichnet - ohne Praxisgebühr und Zuzahlung immer und überall erhältlich sind. Man wird damit regelrecht übertherapiert und auf >Teufel komm raus< behandelt. Deshalb an Alle: Lieber ein paar Macken behalten aber im Kopf gesund sein, anstatt als Ferngesteuerter gänzlich zu verblöden.

mg 2. Januar 2009 um 09:38  

Lieber Roberto!
Ein gutes und vor allem gesundes 2009!

MG

Anonym 3. Januar 2009 um 12:53  

Und wieder "güllnert" es weiter. Diese Meldung aus dem Berliner Kurier vom 3. Januar stimmt mich allerdings "heiter".

Denn, so richtig scheint das alles nicht in das allegemeine "Neujahrjahrsjubelgeplapper" zu passen:
"Fast 20 Jahre nach dem Fall der Mauer schieben die Ostdeutschen Frust: Sie sind enttäuscht von der Wiedervereinigung. Das ergab eine Umfrage des Forsa-Instituts im Auftrag der "Berliner Zeitung". Trotz aller Aufbau-Ost-Milliarden sagen heute 46 Prozent der Menschen im Osten, dass sich ihre wirtschaftliche Lage gegenüber 1989 verschlechtert hat – sozial geht es sogar 72 Prozent schlechter.

"Die Ostdeutschen sind überzeugt, sie seien nur ausgenutzt und über den Tisch gezogen worden", analysiert Forsa-Chef Manfred Güllner die niederschmetternden Ergebnisse. Die Euphorie nach dem Mauerfall sei weitgehend verflogen. Zwar erkennen die Ostdeutschen an, dass viel Geld in den Aufbau Ost geflossen ist. Doch nach ihrer Überzeugung wurde das Geld von Westlern abgegriffen, die im Osten Geschäfte machen. Weitere Faktoren, die die Stimmung vermiest haben: Sinkende Realeinkommen, gestiegene Preise und aktuell die drohende Rezession.

Besorgniserregend: 63 Prozent der Ostdeutschen glauben, dass es in unserer Gesellschaft nicht gerecht zugeht (Westen: 59), bei den Anhängern der Linken sind es sogar 81 Prozent. 67 Prozent sind unzufrieden mit dem politischen System (Westen: 53). 70 Prozent glauben, dass die Korruption sich massiv verstärkt hat.

Bleibt nur zu hoffen, dass sich die "Tendenz der nachdenklichen Unzufriedenheit" noch bis zum Wahltag steigert, dann könnte es wohl doch anders kommen, als das M. und Co-Welle glauben.

Anonym 3. Januar 2009 um 14:55  

"[...]Und wieder "güllnert" es weiter. Diese Meldung aus dem Berliner Kurier vom 3. Januar stimmt mich allerdings "heiter". [...]"

Interessant ist, dass "die Angleichung der Lebensverhältnisse ja bereits da ist - nur, dass sich Arm im Osten und Arm im Westen auf gleichem Niveau annähern, ebenso wie Reich im Osten und Westen sich annähern", d.h. lt. dem Kabarettisten Georg Schramm, bekannt aus "Neues aus der Anstalt", sind wir hier schon ein "einig Vaterland", und eigentlich müßte man "nicht vom Auseinanderdriften "Ost" und "West" reden sondern von einem immer gewaltigeren Graben zwischen Reich und Arm in Deutschland."

Das oft geschmähte Wort "Reformen" kommt mir in den Sinn, denn die neoliberalen "Reformen" waren/sind keine - wie sich jetzt zeigt - sondern der reinste Rückschritt in eine Zeit als Bismarck noch die Sozialgesetzgebung einführen mußte, um der SPD das Wasser abzugraben.

Tja, hätte der gute alte Otto Von Bismarck geahnt was für eine neoliberale Mischpoke die heutige SPD ist, der hätte sich seine ganze Sozialgesetzgebung sparen können, da bin ich mir leider immer sicherer.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

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