Von wegen „höhere Bildung“: Die schöne neue Welt der Hochschulmedien

Freitag, 5. Dezember 2008

Montagmorgens, im Uni-Hauptgebäude. Eigentlich wollte ich mir vor der Vorlesung ja nur noch ein belegtes Brötchen in der Mensa abholen. Schon am Eingang kommen mir Studenten mit bunt bedruckten Papiertüten entgegen, und es dauert nicht lange, bis ich ebenfalls eine in die Hand gedrückt bekomme. Diese enthält neben diversen Werbezetteln auch eine Flasche Fanta zero, Gleitgel und eine Unicum-Extraausgabe für Mädchen. Meine männlichen Kommilitonen erwartet in der Wundertüte ihrerseits eine andere, auf die männliche Zielgruppe zugeschnittene, Werbeartikelauswahl (statt Fanta zero z.B. Rasierklingen) und die „Uniking“ für Jungs.

Es handelt sich um die neueste Werbeaktion der „unabhängigen Zeitschrift für Studierende“ aus Bochum. Auf Seite 6 der 25-Jahre-Jubiläumsausgabe fällt mir ein Grußwort unserer Bundeskanzlerin ins Auge. „Meine Glückwünsche zum Verlagsjubiläum verbinde ich mit der Hoffnung, dass sich viele Studentinnen und Studenten von diesem unternehmerischen Geist anstecken lassen“ steht dort, und: „Für sie ist die Ausgangslage zur beruflichen Verwirklichung heute so günstig wie lange nicht mehr.“ Ganz davon abgesehen, dass ich Frau Merkel in dieser letzten Aussage nicht zustimme, hat mich ihre Formulierung stutzig gemacht.

Ist es nun der Sinn und Zweck des Studentendaseins, unternehmerisch zu denken?
Und was genau bedeutet "unternehmerisch" hier; bedeutet es etwa, sich in Zeiten des Bachelor und der Studiengebühren, möglichst mit einem makellosen, geradlinigen Lebenslauf, der neben einer kurzen Studienzeit auch diverse unbezahlte Praktika beinhaltet, an den zukünftigen Arbeitgeber zu verkaufen?
Liest man die „Unicum“, und ähnliche Magazine wie etwa „Audimax“, so bekommt man in der Tat diesen Eindruck vermittelt.

Die Zeiten, in der Studenten so politisiert waren wie kaum eine andere Bevölkerungsgruppe, und stets bereit, für ihre Überzeugungen auf die Barrikaden zu gehen, sind wohl vorbei. Der heutige Durchschnittsstudent ist mehr oder weniger systemkonform, trägt H&M-Kleidung aus Bangladesh, er geht zwischen BWL-Vorlesung und Nebenjob zu Starbucks, um bei einem Coffee to go in der „Unicum“ zu schmökern.
Die Studentenschaft ist somit auch zu einer großen Verbraucherzielgruppe geworden, welche es nun mit Werbung zu bombadieren gilt.
Von den 89 Seiten der November-Unicum Ausgabe sind über 30 mit Werbung bedruckt, der Rest besteht aus Schleichwerbung. So werden, als informative Artikel getarnt, Deutschlands „führende Unternehmen“ vorgestellt und die neuesten Videospiele präsentiert. In einem pseudokritischen Interview antwortet Herr Brachtendorf von der CMA auf die Frage, ob denn die Bioprodukte in Supermärkten auch wirklich ökologisch seien, ganz plakativ „Wo Bio draufsteht, ist auch Bio drin."
Seltsam, da hatte man in den vergangenen Tagen einen ganz anderen Eindruck...
Mit einer Auflage von 400.000 Exemplaren, die an bundesweit 175 Hochschulen, meist in Kooperation mit den Studentenwerken, kostenlos an die Studenten verteilt werden, versucht der Unicum Verlag Inserenten anzulocken. Was daran denn so außergewöhnlich sei, mag man nun fragen. Werbung gibt es (leider) schließlich überall.

Die Antwort ist, dass diese Art der Manipulation und Meinungsmache nicht nur als informative, „unabhängige Zeitschrift“ getarnt ist, sondern gerade an Hochschulen ganz besonders unangemessen ist.
Erstens: Vertreten die Studentenwerke wirklich die Interessen der Studierenden, wenn sie Unicum und Konsorten verteilen?
Zweitens: Ist es im Interesse der Gesellschaft, dass die Studenten mit solchen Werbezeitschriften eingedeckt werden?
Geht man davon aus, dass das Studium unter anderem der Persönlichkeitsentfaltung dient, dass man auch um der Bildung willen studiert, und dass die nächste Generation deutscher Akademiker mündig und scharfsinnig sein soll, damit sie bestehende Missstände kritisch wahrnehmen und verbessern kann, dann ist es unvertretbar, der Werbeindustrie an den Hochschulen einen derartigen Freiraum zu lassen.
So sieht aber die traurige Realität aus. Fakt ist, dass an den Universitäten hemmungslos geworben wird, und so bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als schlusszufolgern, dass das oben genannte nicht mehr zutrifft.
Das Studium dient nicht mehr der Bildung, sondern lediglich noch der Ausbildung; es dient nicht dazu, kritische junge Leute zu fördern, sondern dazu, eine Generation konsumwilliger, systemkonformer Arbeitssklaven heranzuzüchten.

Wir Studenten sollen also lernen, um für unsere zukünftigen Arbeitgeber, die wir selbstverständlich in der Unicum nachschlagen können, einen höheren Nutzen zu haben.
Wir sollen lernen, damit wir das Geld, was wir haben oder verdienen, für die richtigen Sachen ausgeben.
Wir sollen lernen, um nicht auf blödsinnige Gedanken zu kommen, wie etwa darauf, das System zu hinterfragen.
Schön, dass wir das einmal geklärt haben.

Dies ist ein Gastbeitrag von Helen V.

9 Kommentare:

Thomas 5. Dezember 2008 um 11:44  

"Die Zeiten, in der Studenten so politisiert waren wie kaum eine andere Bevölkerungsgruppe, und stets bereit, für ihre Überzeugungen auf die Barrikaden zu gehen, sind wohl vorbei."

Die Zeiten, in denen an Universitäten noch wissenschaftlich gearbeitet und gelehrt wurde, offensichtlich auch. Heutzutage wird unternehmerisch gearbeitet... und am Ende wundern sich unsere Bildungspolitiker, warum es in Deutschland keinen wissenschaftlichen Nachwuchs und keine Forschung mehr gibt. Forschung, für die Deutschland einst berühmt war. Forschung, deren Ergebnisse einst dazu beigetragen haben, daß wir zu unserem jetzigen Wohlstand gekommen sind.
Wenn eine gelernte Wissenschaftlerin solch einen Quark von sich gibt, dann... ach was, an der Zurechnungsfähigkeit unserer jetzigen Regierung zweifel ich ohnehin.

epikur 5. Dezember 2008 um 12:32  

Sehr schöner Artikel. Ich teile Deine Einschätzung.

Unicum und co. werden wohl nur deswegen gelesen, weil sie eben umsonst so rumliegen und man als Student in langweiligen Vorlesungen Beschäftigung hat.

Der aufgeklärte und kritische Student wird aber schnell merken, dass diese Zeitungen reine Wirtschaftspropaganda sind. Unternehmen suchen neues, frisches Humankapital. Ein rein ökonomisches "Ware Mensch" Bild wird übermittelt.

Einmal las ich im Studentenmagazin "Bus" Bewerbungstipps für Studenten. Der "Fachmann" hat Studenten dabei mit einer Klobürste verglichen. Derart penetrant den Studenten als "Ding" und "Ware" für Unternehmen zu beschreiben fand ich sowas von widerlich, dass ich es nur noch sarkastisch zuspitzen konnte. Hier nachzulesen!

Ich finde es auch zum kotzen, dass an den Unis sich mehr und mehr Werbeleute tummeln. Krankenversicherungen, Reiseunternehmen und andere speziell auf Studenten zugeschnittene "Produkte". Als mir vor einiger Zeit einer dieser Herren etwas "anbieten" wollte, brummte ich in seine Richtung:"Ich bin Student und KEIN Kunde".

Die Kolonisierung der Lebenswelten durch die Unternehmen, wie es Habermas gut beschrieben hat, ist an den Unis unübersehbar.

klaus baum 5. Dezember 2008 um 12:46  

Liebe Helen,

ich finde diese Ökonomisierung aller Lebensbereiche schlicht zum Kotzen. Ich weiß, das ist nicht sehr fein ausgedrückt, aber mit dieser Ökonomisierung geht auch ein Totalitarismus einher, der, verbindet man ihn mit den Worten der Kanzlerin, auch ein Totalitarismus der Dummheit ist. Was weiß diese Frau schon über die Berufschancen in der Geschichte der Bundesrepublik? Wir, die wir Mitte der sechziger Jahre begannen, auf dem 2. Bildungsweg das Abitur nachzuholen, haben fast ausnahmslos eine Stelle gefunden. Die Chancen dazu ließen dann peu a peu schon ab Mitte der siebziger Jahre nach und wurden von da an kontinuierlich schlechter.

Anonym 5. Dezember 2008 um 12:53  

Es ist leider wahr. Heute sind die Campus voll mit aggressiver Werbung. Während in früheren Zeiten das Betreten eines Campus wohl mit dem Gefühl einherging, dem werbeintensiven städtischen Raum für eine Weile zu entfliehen, in einen nüchternen, sich der (kritischen) Bildung verschworenen Bereich, habe ich heute, wenn ich meinen Campus an der Uni in Frankfurt am Main betrete, das Gefühl, die sonst schon überall in der Stadt betriebene lästige Werbung, blüht hier erst noch mal so richtig auf. Auf dem Campus wird heute jeder erdenkliche Raum für Werbemöglichkeiten genutzt. Es zieht sich von den schon standartmäßigen Flyern in den Hörsaalbänken, über die beschriebenen vermeintlich unabhängigen Studentenmagazine, den zahlreichen als Promoter angeheurten Studenten für Versicherungen, Computerhändler und dergleichen, bis hin zu den Guerilla-Werbeaktionen, wie z.B. Werbeschriftzügen auf dem Hofasphalt. Es ist enttäuschend, dass offenbar nicht einmal die Studierendenvertretung diese Entwicklungen kritisiert, stattdessen sogar mitträgt.

persiana 5. Dezember 2008 um 13:30  

Berufsaussichten für Studenten:
Besonders schlecht sind die Berufsaussichten für Studenten aus finanziell schlechter gestellten Elternhäusern, die vielleicht noch den Mund mit Amalgamplomben vollgeschmiert kriegen, und daraufhin chronisch erkranken, natürlich ohne Hoffnung dass einem ein Arzt hilft, weil Amalgam angeblich ja gar nicht schädlich ist - und das obwohl Amalgam schon seit seiner Einführung anfang des letzten Jahrhunderts aufgrund der gesundheitlichen Folgen heftig umstritten war.
Der letzte Dreck ist für den "Pöbel" gerade noch gut genug.

Gesundheitliche Beschwerden können dann nicht behandelt werden, ja werden erst gar nicht anerkannt..

So ging es nämlich mir. Das ganze Studium fertig, und an der Diplomarbeit scheiterte es dann.

So funktioniert Selektion. Immense Schulden sind natürlich trotzdem abzutragen...

demokratie-ist-wichtig.de 6. Dezember 2008 um 00:19  

Ich hab' die Unicum damals immer nur wegen der Jamiri-Comics gelesen.

Anonym 8. Dezember 2008 um 21:56  

Der Beitrag und die Kommentare fangen den Zustand an Hochschulen treffend ein. Wie interessant die Studentenschaft als Zielgruppe für Unternehmen sind, sieht man an der Werbung - der direkten und indirekten.

Ich möchte noch etwas hinzufügen. Mittlerweile werden potenzielle Werbeplätze uniweit von einer deutschlandweit tätigen Agentur (CAMPUSdirekt Direktwerbung GmbH) verwaltet und vermietet. Dies natürlich nur, wenn die Hochschule einen Vertrag mit denen geschlossen hat. Dadurch lässt sich ein fester Beitrag jährlich einplanen - wie praktisch.

Als Mitglied eines studentischen Vereins bekam ich das direkt mit. Früher durften Einladungsflyer etc. kostenlos ausgelegt werden. Nun muss man dem Medienpartner der Hochschule schon nachweisen, dass man eine studentische Initiative ohne Gewinnabsicht ist und sich das Verteilen erlauben lassen. Gleichzeitig sind nun die Wände mit Plakaten kommerzieller Angebote gesäumt. Schöne neue Welt...

Zum Schluß noch eine Textstelle, die zum Schluss des Beitrags passt:
"Der moderne Kapitalismus braucht Menschen, die in großer Zahl reibungslos funktionieren, die immer mehr konsumieren wollen, deren Geschmack standardisiert ist und leicht vorausgesehen und beeinflußt werden kann. Er braucht Menschen, die sich frei und unabhängig vorkommen und meinen, für sie gebe es keine Autorität, keine Prinzipien und kein Gewissen - und die trotzdem bereit sind, sich kommandieren zu lassen, zu tun, was man von ihnen erwartet, und sich reibungslos in die Gesellschaftsmaschinerie einzufügen; Menschen, die sich führen lassen, ohne daß man Gewalt anwenden müßte, die sich ohne Führer führen lassen und die kein eigentliches Ziel haben außer dem, den Erwartungen zu entsprechen, in Bewegung zu bleiben, zu funktionieren und voranzukommen. [...] Jeder glaubt sich dann in Sicherheit, wenn er möglichst dicht bei der Herde bleibt und sich in seinem Denken, Fühlen und Handeln nicht von den anderen unterscheidet.
(Erich Fromm: Die Kunst des Liebens, 8. Auflage, S. 100f.)

m.ro

Turambar 10. Dezember 2008 um 16:31  

Danke für eure Meinungen und Kommentare, es ist gut, zu lesen, dass nicht nur ich das so sehe.

Mit Handzetteln oder Flugblättern, die von Studenten verteilt werden, nicht nur dem Profit dienen und vielleicht noch politisch sind (aber das gibt es ja längst nicht mehr) hätte ich auch keine Probleme...
Heute versuchte man wieder, mir ein Schnupperabo vom "Spiegel" in Kombination mit einem Traubenzuckerlolli aufzuschwatzen. Das ist krank.

Das Fromm-Zitat gefällt mir wirklich gut und trifft es auch ziemlich gut... das werde ich mir jedenfalls merken, danke!

Gruß
Helen

Manfred Baldschus 23. Dezember 2008 um 12:40  

Hallo Helen, hallo Roberto,

als Gründer von UNICUM freue ich mich, dass ihr euch mit unserer Arbeit auseinandersetzt. Dazu einige Anmerkungen:

- Ist es nicht ein wenig banal, einer Zeitschrift, die in einer marktwirtschaftlichen, meinetwegen kapitalistischen Gesellschaftsordnung erscheint, vorzuwerfen, dass sie nach den Bedingungen dieser Gesellschaft funktioniert?

- Ich denke nicht, dass jemand UNICUM liest, "nur" weil das Magazin kostenlos ausliegt. Der Mühe des Lesens unterwirft man sich wohl nicht, ohne etwas zurück zu erhalten. Dafür sorgt unsere unabhängige Redaktion mit viel Engagement.

- Es gibt heute an den Hochschulen viel weniger Werbung als früher. Zu meiner Studentenzeit waren die Plakatwände zugepflastert und die Zigaretten-Promoter liefen ungestört über den Campus. Heute kontrollieren die Hochschulen den Zugang für Werbung, weil sie dadurch Einnahmen erzielen.

- Ein Praktikum ohne Bezahlung sollte man nicht antreten. Es gibt viele Firmen, die Wert auf faire Praktikumsbedingungen legen, auch UNICUM.

- "Die Linke" unterschätzt, welches Maß an persönlicher Freiheit das Unternehmertum und die private Wirtschaft in einer liberalen Gesellschaft gerade denjenigen bietet, die sich mitteilen wollen. Als Mitglied von "Reporter ohne Grenzen" engagiere ich mich deshalb für Journalisten und Blogger, die in rechten oder linken Diktaturen mundtot (oder schlimmer) gemacht werden.

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