Nomen non est omen

Mittwoch, 17. Dezember 2008

Heute: "Lebenslanges Lernen"
"Lebenslanges Lernen –eine Herausforderung in einer Zeit des rapiden technischen, sozialen und demografischen Wandels."
- Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) auf ihrem Onlineportal -

"Damit Talent und Fähigkeiten in der neuen europäischen Wirtschaft zur Geltung gebracht werden können, muss der politische Schwerpunkt auf die zunehmende Investition in Humanressourcen und die höhere Beteiligung am lebenslangen Lernen gelegt werden."
- Anna Diamantopoulou, Mitglied der EU-Kommission für Beschäftigung und Soziales -
Man sollte annehmen, dass es in der Natur eines jeden halbwegs vernunftbegabten Menschen liege, aus seinen persönlichen Eindrücken und Erfahrungen sein Leben lang zu lernen? Warum also, dass von Politik und Wirtschaft so allseits befürwortete Konzept des "Lebenslangen Lernens"?

Es geht Politik und Wirtschaft eben nicht um den selbstbestimmten, sich-selbst-erfahrenden Menschen, sondern um die „Ware Mensch“, genauer: um das Humankapital. Wie ein Computer durch Updates, soll der Mensch so lange wie möglich für Unternehmen verwurst- und verwertbar sein. Dies soll durch zusätzliche Qualifikationen und Weiterbildungen geschehen, die der Steuerzahler am besten natürlich selbst bezahlen sollte. Im Sinne vorauseilendem Gehorsams soll sich die "Ware Mensch" stets frisch halten, um den Bedürfnissen und Ansprüchen gerecht zu werden, welche die Unternehmen fordern. So sagt das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ganz unverblümt: "Wir wollen insgesamt das Lernen im Lebenslauf für und mit Unternehmen ausbauen." Eine Online-Zeitschrift droht den Arbeitnehmern sogar: "Für eine lange Beschäftigungsfähigkeit braucht es stetige Weiterbildung." Wer sich also nicht weiterbildet, wird arbeitslos oder ausgegrenzt werden und ist demnach selbst schuld.

Ein wichtiger Aspekt ist die Soll-Funktion bei diesem Konzept und Schlagwort. Jeder Lohnempfänger hat sich weiterzubilden und soll sich den Unternehmen anpassen, sich fügen. In seiner Konsequenz schreibt der Terminus den Menschen geradezu vor, wie sie sich verhalten sollen. Auch wird dieser Begriff zur Legitimation von Arbeitslosigkeit benutzt. Wer arbeitslos ist, habe sich eben nicht darum bemüht "lebenslang zu lernen", so die Argumentation. Eine Verantwortungsumkehrung und ein neoliberales Denken der „Eigenverantwortung“ als Gegensatz zur Solidarität stehen hierbei im Vordergrund. Beim „Lebenslangen Lernen“ hat der Mensch für die Wirtschaft da zu sein und nicht die Wirtschaft für den Menschen.


Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

19 Kommentare:

Anonym 17. Dezember 2008 um 16:56  

Treffender Text nur eine Frage: Wie erklärt man sich dann, dass auch Arbeitslose zum "lebenslangen Lernen" angespornt werden, während gleichzeitig durch die Bundesagentur für Arbeit Umschulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen massiv gekürzt werden? Beißt sich da die Katze nicht von allein in den Schwanz?

Frägt einmal
Nachdenkseiten-Leser

PS: Die Qualität - sogar bei arbeitsamtsgeförderten Umschulungen - läßt sehr zu wünschen übrig, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, aber rechtfertigt dies nicht eher, dass man die Umschulung/Weiterbildung aktualisiert statt die komplett zu streichen? Na ja, meine Frage erübrigt sich wohl von alleine, wenn ich bei Nachdenkseiten heute lese, dass arbeitslose Ingenieure gefälligst als Ein-Euro-Jobber 30 h malochen sollen, wie moderne Arbeitssklaven - eben nicht ihrer Qualifikation entsprechend sondern massivst abgewertet auf "unterstes Niveau" - soviel zum neoliberalen Lügen-Märchen des angeblichen "lebenslangen Lernens". Übrigens, eigenverantwortlich kann der Arbeitslose ja selbst vorsorgen, und sich das "lebenslange Lernen" selbst finanzieren. Da hat die Sache den gewaltigen Pferdefuß, dass vielen Arbeitslosen schlicht und einfach das Geld für die teuren Weiterbildungen z.B. auf dem Beruf fehlt - aber egal man benötigt im 21. Jahrhundert keine freien Menschen mehr in Deutschland, sondern Arbeitssklaven. Irgendwie wundere ich mich bei solchen Nachrichten immer wieder, dass es hier in Deutschland - im Gegensatz zu anderen EU-Staaten - (noch) relativ ruhig zugeht. Oder ist die Repression in Deutschland mittlerweile soweit fortgeschritten, dass man sich als Demonstrant sofort in die Terroristenecke gestellt sieht? Ich meine dies natürlich nur aufgrund der anderen Meinung als der gescheiterten neoliberalen Ideologie - nicht wegen Waffenbesitz oder sonstiger Radikalität sondern einfach nur das Kritik am System üben ist kriminell - Woher kenne ich das wieder? War es nicht im totalitären System der Sowjetunion - lassen wir die komplett andere Ideologie mal aussen vor - genau so? Haben Neoliberale etwa von Stalin gelernt, wenn es darum geht die "Nicht-Eliten" ruhig zu halten - in der "Postdemokratie"?

Anonym 17. Dezember 2008 um 17:13  

Man kann's auch übertreiben. Ich möchte durchaus nicht an einen Arzt geraten, der sich seit zehn Jahren nicht weitergebildet hat. Ich möchte auch nicht, dass meine Kinder von Lehrern unterrichtet werden, die noch nie im Internet waren. Ich möchte, dass Bibliothekare auf Computersysteme umstellen, dass Fertighäuser nicht plötzlich schon vor zwanzig Jahren entdeckte Schadstoffe beinhalten und dass Angestellte, die am Computer arbeiten, endlich lernen, blind zu tippen. Und vor allem möchte ich als Ingenieurin nicht umweltschonendere Produktionsverfahren entwickeln nur um auf Totalverweigerung von unten zu stoßen, wo's halt gemacht wird wie man's in der Ausbildung gelernt hat! Denn das ist leider die Realität. Dass es durchaus mal passieren kann, dass eine englischsprachige Dokumentation Tage lang liegen gelassen wird, weil keiner im Werk Englisch kann, ist für mich kein erstrebenswerter Zustand.

Wenn es danach ginge, würden wir immernoch von Hand feilen und uns beim Heben schwerer Lasten den Rücken brechen - denn alles andere erfordert das lernen von NC-Programmierung und einen Gabelstaplerführerschein! Lernen fürs Unternehmen! Bloß nicht!

Anonym 17. Dezember 2008 um 17:17  

Mir leuchtet(e) immer als gutes Argument für (zukünftige) Einkommenserhöhungen ein, den Arbeitgeber nach den zu erlernenden Kenntnissen und Fertigkeiten zu fragen, die, bei deren Anwendung, einen höheren Lohn "rechtfertigen".
(Wenn die "Auftragslage an sich" oder die pure Unlust des A.G.s einer Gehaltserhöhung "ohne Gegenleistung" entgegensteht.)

Ich kann nur jeden Arbeitnehmer, der sich beim berühmten Rückgrat unserer Volkswirtschaft - dem sog. Mittelstand - verdingt hat, ermuntern, seine(n) Vorgesetzten mit dieser Fragestellung zu verblüffen.
Alleine die freche Vorstellung, die Ausübung einer höher qualifizierten Tätigkeit bedinge eine entsprechende Lohnerhöhung, löst bestenfalls fassungsloses Glotzen aus.
Wer mag, darf es noch mit dem Angebot, sich ggfls. in seiner Freizeit und/oder auf eigene Kosten fortzubilden auf die Spitze treiben.

Im gewerblichen Bereich erschöpft sich die "Weiterbildung" darin, sich den Arbeitnehmer dem Einsatzzweck möglichst ohne Zeitverlust buchstäblich hinzubiegen -- und nach Verschleiß "freizusetzen".
Berufliche Weiterbildung - das ist doch nur was für "Kopfarbeiter" und Angestellte...

S.M.

B. Schülke 17. Dezember 2008 um 18:23  

Man muß aber alle Hartz-Vl-ler ausnehmen.

Die zählen nämlich nichts mehr.

Sozialrassismus ersetzt einfachen Rassismus.

Anonym 17. Dezember 2008 um 18:46  

Eine sehr treffende Beschreibung, was wirklich unter dem Begriff zu verstehen ist.

Auf die folgende Aussage möchte ich näher eingehen: Beim „Lebenslangen Lernen“ hat der Mensch für die Wirtschaft da zu sein und nicht die Wirtschaft für den Menschen.

Mich beschleicht das ungute Gefühl, das es um viel mehr geht.

Ich denke da an so schreckliche Sprüche wie "Arbeit macht frei" in Verbindung mit "Es gibt einen Weg zur Freiheit. Seine Meilensteine heißen: Gehorsam, Fleiß, Ehrlichkeit, Ordnung, Sauberkeit, Nüchternheit, Wahrhaftigkeit, Opfersinn und Liebe zum Vaterland!" und die Absicht die dahintersteckt: "Vernichtung durch Arbeit".

http://de.wikipedia.org/wiki/Arbeit_macht_frei

http://de.wikipedia.org/wiki/Vernichtung_durch_Arbeit

Man könnte auch Dinge wie den damaligen Autobahnbau heranziehen. Man erzählt den Leute, wieviel tolle Arbeitsplätze man für das Volk geschaffen hat und in Wirklichkeit ging es nie um das Volk, sondern um Kriegsvorbereitungen.

Sehe ich das zu negativ oder sind wir auf dem direkten Weg in die Hölle?

Gruß G. G.

ben 17. Dezember 2008 um 18:54  

Beim „Lebenslangen Lernen“ hat der Mensch für die Wirtschaft da zu sein und nicht die Wirtschaft für den Menschen.

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Genau so sieht es in heutigen Zeiten aus, danke für die andere Sicht der Dinge.

Die interessanten Weiterbildungen sind eh den Führungskräften vorbehalten, dem Fußvolk wir 08/15 angeboten.
Dass diejenigen, die keine Karriere machen konnten oder wollten, eh oft nur als gescheiterte Existenzen angesehen werden, passt da gut ins Bild.
Auf der anderen Seite werden jedes Jahr neue technische Geräte und Programme angeschafft, die beherrscht werden müssen. Das zählt anscheinend nicht zur Weiterbildung, obwohl es jedesmal unendlich viel Zeit erfordert.

Zusätzlich sind Überstunden in höchst ungesundem Maße oft die Regel, das Recht auf eigene Meinung der Mitarbeiter verpönt (anbiedern ist da mehr in Mode).
Sozialleistungen werden gekürzt, die Gewinne nicht an die Mitarbeiter weitergegeben und und und....

Aber täglich wird einhundert Prozent von jedem Mitarbeiter gefordert, verpackt in ach so motivierende Anreizsysteme (die bei 100% noch längst nicht halt machen).
Und ein immer strahlendes Lächeln ist selbstverständlich....

klaus baum 17. Dezember 2008 um 19:03  

Nein, nein, der Mensch hat nicht für die Wirtschaft da zu sein, sondern für eine möglichste hohe Profitrate von Teilen der Wirtschaft. Ich kenne jemand, der sich unentwegt fortgebildet hat und dem man selbst beim Arbeitsamt keine Stelle gab - mit der interneen Begründung: überqualifiziert. Dieses lebenslanges Lernen gehört ebenso zu Arsenal der Dummsprüche wie die sogenannte Excellenzuniversität.

Anonym 17. Dezember 2008 um 20:52  

Nicht nur das lebenslange Lernen an sich, sondern auch die damit verbundene ausschließliche Eigen-Lern-Tätigkeit des Arbeitnehmers sind fragwürdige Ideen, die mindestens und vielleicht sogar ausschließlich der Weiterbildungs-Industrie nutzen, eine Industrie, die aber an sich nichts mit Bildung und in vielen Fällen auch nichts mit der Vermittlung neuer Kompetenzen zu tun hat.
Wie viele Weiterbildungsseminare sind reine Geldschneiderei? Fragen sie mal Lehrer, die ja gar nicht soviel Weiterbildung genehmigt kriegen, wie sinnvoll wäre, was die sich für Weiterbildungsseminare antun müssen.
Meist verdient sich irgendein gut vernetzter "Weiterbildungsseminar-Leiter" damit eine Goldene Nase und mehr nicht, oder was soll "Zen-Meditation für Führungskräfte" sonst bringen?

Irgendwie schafft es der Begriff vom lebenslangen Lernen, den Staat als Bildungsträger und den Arbeitgeber als Mitverantwortlichen für die Weiterbildung auszugrenzen. Der Arbeitnehmer selber muss sehen wo er bleibt.

Abendschulen werden finanziell zusammengekürzt, Universitäten unterfinanziert, Erwachsenenbildung schlecht.
Versuchen sie mal, sich mit über 42 an einer Uni einzuschreiben: da gibts dann ein Einschreibeverbot!!!! Wirklich wahr.

DIE Bildungsvermittlungsindustrie an sich, die Verlagsindustrie, schielt nur noch auf kurzfristige Quartalszahlen und verdienen Geld mit allem möglichem Schrott, anstatt gute Bücher herauszubringen. Und das einzige, wofür sich dieser Sektor interessiert, sind die eigenen Tantiemen und der Erhalt des Copyrights. Nicht dass ich J.K.Rowling ihre Millionen nicht gönne, aber sind die Harry-Potter-Bände wirklich Milliarden für eine Autorin wert? Sollte man einen Großteil dieses Geldes nicht anderweitig investieren?

Anonym 17. Dezember 2008 um 23:12  

Lieber Anonym,

darum geht es mir nicht sondern um die Tatsache, dass die Menschen nicht gefördert werden - hat den ein Arzt kein Recht auf Weiterbildung? Ich denke es ist alles eine Frage des Geldes, und der Sache, die man einmal in Deutschland Wohlfahrtsstaat nannte. Dort hatte nämlich jeder ein Recht auf Berufsschutz, und Weiterbildung - sofern ich den wohlfeilen Worten unser Angela zugehört habe ist die sogar für Menschenrechte. Schöne Worte, mehr nicht - auf das Menschenrecht auf ein "würdiges Leben" tappt der Angehörige der dt. Mittel- und Oberschicht rum - man gehört ja nicht "zu denen da unten". Deutschland ist eben keine Demokratie, sondern eine "Postdemokratie".

Hätte ich das Sagen, dann würde ich die Verursacher der Finanzkrise für ihre Fehler mit ihrem Privatvermögen gerade stehen lassen. Ich bin sicher, anders können die nicht mehr zu mehr Mitmenschlichkeit, und der Einhaltung des Grundgesetzes sowie der "Allgemeinen Menschenrechte" gezwungen werden....

Übertreibung? Bis jetzt vielleicht noch, aber der Tag wird kommen, wie in Griechenland, wo auch unsere "Eliten" dafür bezahlen müssen, dass die einen neuen Rassismus gegen Hartz IV -Empfänger, und sonstige "sozial Schwache" kreiirt haben.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

epikur 17. Dezember 2008 um 23:37  

Bei "Nomen non est omen" geht es mir vor allem um die Verwendung, Benutzung und Konnotation eines fragwürdigen Begriffes. Dies muss nicht immer eine Wertung implizieren.

In diesem Falle wird "Lebenslangens Lernen" als unternehmerisches und politisches Konzept oft befürwortet, genauer: gefordert! Wer sich einmal intensiv mit diesem Konzept auseinander gesetzt hat, merkt schnell worum es den Herrschaften hierbei geht: die lebenslange bestmögliche Verwurstung des Lohnempfängers bei gleichbleibend niedriger Bezahlung und möglichst geringen Kosten!

Insofern ist "Lebenslangens Lernen" in diesem Kontext ein Euphemismus für "bestmögliche lebenslange Ausbeutung" der Lohnempfänger.

Trotzdem spricht natürlich nichts dagegen, dass sich Ärzte fortbilden oder Angestellte Englisch lernen. Es kommt eben auf Motivation und Kontext an.

Anonym 18. Dezember 2008 um 08:44  

@epikur

"[...]Trotzdem spricht natürlich nichts dagegen, dass sich Ärzte fortbilden oder Angestellte Englisch lernen. Es kommt eben auf Motivation und Kontext an.[...]"

Nicht allein - mir fehlt z.B. das Geld für eine notwendige Weiterbildung, die ihren Namen zu Recht trägt. Man sollte nämlich nicht vergessen, dass es z.B. für "Englisch lernen" verschiedene Methoden gibt, wovon die örtliche Volkshochschule die unterste Schublade ist. Übrigens, ich bin auch persönlich einmal angefragt worden ob ich VHS-Kurse in Word und Excel gebe. Da ich aber meine Qualitäten kenne, d.h. ich tauge zum Dozenten eigentlich wenig, und die VHS sollte für Zahlkurse doch wirklich Profis nehmen winkte ich ab. Noch was: Ich redete mal mit einem EDV-Profi, der mir das Problem aus seiner Sicht schilderte, die VHS-Kurse wären nichts für ihn als Dozenten - er wäre auch schon gefragt worden, von der selben Stadtverwaltung wie ich - sein Grund: Die bezahlen einfach zu wenig, und in der freien Wirtschaft verdient er mehr in seiner Tätigkeit als wie wenn er Dozent für die VHS wäre. Also bleibt denen nur übrig Laien zu fragen, ob die nebenher einen auf Dozent machen.....für mich war dies nichts, da ich die Sache auch schon von anderer Seite kennengelernt habe. Ich halte es nach wie vor für eine bodenlose Frechheit, dass man so Menschen weiterbildet - keine Frage, dass VHS Kurse, hier zumindest, auch den entsprechenden negativen Ruf haben, und zwar so, dass Unternehmen abwinken, wenn man meint sich mit VHS z.B. in Englisch oder EDV um ein Zertifikat bemüht hat. Ist nichts wert, so oft die Begründung....
Die Berlitz-Kurse sind für mich unerschwinglich teuer, gerade weil hier die Qualität der Englisch-Weiterbildung erstklassig ist haben die auch erstklassig hohe Preise für die Kurse. So kann man auch einen Keil zwischen Menschen treiben, die "lebenslanges Lernen" praktizieren sollen - über den Geldbeutel.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

@klaus baum

Mir ging es selbst so beim Arbeitsamt wie die schreibst - ich habe mich 2x um ein Angestelltenverhältnis beworben, und einmal um eine Ausbildungsstelle im gehobenen nichttechnischen Dienst der Arbeitsverwaltung. Ich wurde jedes mal mit einer fadenscheinigen Absage abgespeist. Übrigens, was die Weiterbildungen durch das Arbeitsamt angeht, die kenne ich aus eigener Erfahrung nun auch zur Genüge, und sehe die nur noch als Karikatur zum "lebenslangen Lernen" - es ist reine Abzocke auf Kosten des Steuerzahlers, und die Sache ist, wie ich nach dieser Lektüre leider wieder weiß nicht besser, sondern dank Agenda2010 sogar noch schlechter geworden:

"Im Dschungel der Maßnahmen - eine Bewerbungstrainerin berichtet" von Isabel Horstmann, EWK Verlag, ISBN 978-3-938175-40-8.

Das haarsträubendste Beispiel im Buch der Bewerbungstrainerin hängt damit zusammen, dass jeder der heute in die Fänge der Arbeitsagentur zigmal hintereinander zum selben Bewerbungstraining verdonnert werden kann - bei Nichtteilnahme erfolgt Sanktion. Ging soweit, dass die Dozentin jemand unterrichten durfte, der/die einst selbst Bewerbungstrainerin war.....

Kafkaesk nicht? Eine Bewerbungstrainerin muss fürchten ihren Kurs von der anderen Seite kennen zu lernen....und Bewerbungstrainings/Trainingsmaßnahmen der Arbeitsagenturen sind oft dieselben Endlosschleifen nach dem Motto: "Und täglich grüßt das Murmeltier" - frei nach einem bekannten Kinofilm.

Damals konnte ich noch über den Film lachen, heute bleibt mir Angesichts der Realität von Hartz IV in Deutschland das Lachen im Halse stecken....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

klaus baum 18. Dezember 2008 um 13:04  

@nachdenkseiten-leser

danke für die konkreten beispiele. es bestätigt meine vermutung, daß es im bereich der arbeitslosenvermittlung, also da, wo es nichts zu vermitteln gibt, eine fülle an leerlaufenden aktionen gibt, die sich in ihrer sinnlosigkeit ständig wiederholen.
hat viel mit beckett zu tun. das theater des absurden ist gleichnishaft verwandelt, das theater der realität.

Anonym 18. Dezember 2008 um 13:43  

@klaus baum

Apropo "leerlaufende Aktionen" - Ich könnte aus meiner eigenen Erfahrung noch mehr schildern, aber das überlasse ich der Bewerbungstrainerin mit ihrem Buch - nur soviel, auch was die über Umschulungsmaßnahmen nach AFG gefördert schreibt, kann ich in einigen Punkten 1:1 bestätigen - Mein Fazit: Lieber 'ne richtige Berufsausbildung machen statt eine Umschulung vom Arbeitsamt gefördert - wird bei Bewerbungen eher anerkannt, die duale Berufsausbildung...

Es ist eben wie du schreibst:

"[...]das theater des absurden ist gleichnishaft verwandelt, das theater der realität.[...]"

Man könnte auch sagen, einmal in den Fängen der arbeitsamtseigenen Weiterbildungsindustrie befindest du dich in der ewig selben Tretmühle des "absurden".

Mein Fall ist kein Einzelfall, daher auch der Buchtipp - übrigens, dank Hartz IV und auch Änderungen beim ALG I ist die Sache für die Arbeitslosen noch schlimmer statt besser geworden - daher die obige Buchempfehlung....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 18. Dezember 2008 um 14:36  

Hat zwar nix mit lebenslangem Lernen zu tun, aber hier mal ein kleines Beispiel für überbordende Bürokratie ohne Effekte:

Seit neuestem müssen Lehramts-Studenten ihre Praktika an Schulen an einer universitären Zentralstelle melden, dem sogenannten Zentrum für Lehrerbildung.
Dieses Zentrum kontrolliert, ob alle 3 Adressen (Student, betreuender Dozent, Praktikumsschule) eingetragen sind und damit erschöpft sich deren Tätigkeit. Ach ja, und sie archivieren die Praktikumsberichte, ohne die nachzugucken.

Effekt?
Student darf zur Schule, zum Dozenten und sonst wohin rennen und das bitte 3 Monate vor Beginn des Schulpraktikums (Frist einhalten), um sich Unterschriften und Stempel auf das Formblatt eintragen zu lassen.

Sonst bleibt alles beim alten:
Praktikumsbericht wird vom Dozenten nachgeguckt.
Anzahl der Praktikumsstunden wird vom Betreuungs-Lehrer der Schule abgezeichnet - mehr Kontrolle ist da nicht.

Aber das Zentrum für Lehrerbildung sitzt wie ein Geschwür am Hintern der Uni und scheucht die Studenten durch die Gegend.
Nochmal: dieses Zentrum führt zu keiner Qualitätsverbesserung und die Anzahl der tatsächlich abgeleisteten Praktikumsstunden wird nur "geschätzt", d.h. man kann sich pro Praktikumstag maximal 4 Stunden anrechnen lassen, ob man die gemacht hat oder ob man mehr oder weniger hat, kommt nicht raus, solange der Betreuungslehrer der Schule unterschreibt.

Was das mit lebenslangem Lernen zu tun hat?
Man lernt, Bürokraten zu meiden.
Man lernt, dass "mehr" Kontrolle nicht auch höhere Qualität erzeugt.
Man lernt, nachzudenken, wie man solche Bürokratenregelungen austricksen kann - allein schon, um sich aus Frustration eine kleine, heimliche Rache zu gönnen.

Rache für den Frust.
Rache für die verschwendete Zeit.
Rache für die verschwendeten Steuergelder.
Rache für die Verblödung und Verbiegung des Volkes durch Bürokratie.

Anonym 18. Dezember 2008 um 14:48  

1989 war ich 40. Vorher hatte ich in der DDR mein Theologiestudium zu Gunsten von Kind und dem Führen von einem Arzthaushalt mit 24-Stunden-Dauerbereitschaft aufgegeben. Damals, also in der DDR kamen diverse Berufswechsel (Gemeindekrankenschwester, Arzthelferin bis hin zur Töpferin dazu).

Dann kam die Wende. Sechs Jahre konnte sich die Arztpraxis auf dem Lande noch halten - dann war Schluss - die Strukturen begannen sich aufzulösen (aber das wäre eine andere Geschichte).
Es folgten Scheidung, Praxisaufgabe und für mich ein Scherbenhaufen samt Mittellosigkeit.

Also - Sprung in die Selbstständigkeit mit dem Verkauf von Versicherungen (da wurde man natürlich eingearbeit - nur wie? Ich versuchte die Materie zu verstehen, also zu lernen. Allerdings, meine "Erkenntnisse" waren überhaupt nicht gewollt.

Also verkaufte ich Preselektion, diese tolle Segnung der Telefonanbieter. Vom Francaise-Geber dafür war nach einigen Monaten nichts mehr zu sehen - und meine Provision unauffindbar.
Wieder war ich mehr als alle Mittel los.

Dann glaubte ich einen neuen Arbeitgeber gefunden zu haben. "Ja, sind Sie denn arbeitslos gemeldet", so seine Frage. "Nein", meine Antwort, "Ich suche ja einen Job bei Ihnen."
"Na, dann gehen sie doch erstmal zum Arbeitsamt und melden sich dort. Wenn das klappt, dann können Sie sich wieder vorstellen", so seine Antwort.

Gesagt, getan - ich bekam den Job für ein Jahr - und mein Arbeitgeber bekam ein Jahr lang dafür 100prozentige Förderung!
Dann war ich wieder ohne Mittel.
Mittlerweile 48 Jahre alt.

Eine Anzeige in der Regionalzeitung brachte mir Hoffnung. Gesucht wurden vom Arbeitsamt Leute, die an einer Fortbildung teilnehmen wollen. Ich wollte! Das Ergebnis, nach zwei Jahren hatte ich einen IHK-Abschluss.

Eine Firma, bei der ich ein Praktikum absolviert hatte, wollte mich fest einstellen. Bedingung: Förderung vom Arbeitsamt! (Schließlich gehe man ja mit der "Berufsanfängerin" ein Risiko ein.
Der Witz dabei, ich habe dann dafür selbst bei Herrn Schröder (damsls BK) per Brief um die Förderung "gebettelt" - und sie kam - für meinen Arbeitgeber. 2004 gab es nichts mehr.

Bis Mitte 2005 wurde mir dann von eben diesem Arbeitgeber mitgeteilt, dass ich ja nun wohl doch etwas zu alt für das Betriebsklima wäre. ich hätte mich zwar überdurchschnittlich engagiert und wäre sehr wissbegierig, aber der Altersdurchschnitt - Sie verstehen?

Seit 2006 versuche ich als Freiberufler wenigstens einige Mittel zu erarbeiten - und dabei ist ständiges Fortbilden an der Tagesordnung - denn von irgendetwas muss ich ja existieren können.

Fazit: Jetzt, fast 60jährig, bin immer noch auf der Suche nach dem Sinn meines Weges.

Im Grunde hat mir dieser Weg eine Menge Wissen und Erkenntnisse beschert. Allerdings,machen mir eben gerade diese Erkenntnisse in letzter Zeit zunehmend zu schaffen - denn ich komme ins Grübeln darüber - ob ich erstens meine "Mittel" bis zum Erreichen meiner Altersarmutsrente noch eigenständig verdienen kann und zweitens, ob ich dieses System der freien und sozialen Marktwirtschaft nicht doch ein wenig zum "Kippen" bringen kann.

Lernen lohnt sich - vor allem für Arbeitgeber - weniger für die, die es täglich auf sich nehmen - allerdings, die Erkenntnisse, die ich dabei gewinne, sind auch nicht ohne!

Anonym 18. Dezember 2008 um 15:33  

"[...]Lernen lohnt sich - vor allem für Arbeitgeber - weniger für die, die es täglich auf sich nehmen - allerdings, die Erkenntnisse, die ich dabei gewinne, sind auch nicht ohne![...]"

Man sollte wirklich einmal schonungslos über die Abzocke mit dem "lebenslangen Lernen" - in allen Bereichen - aufklären.
Ich hab nämlich immer mehr den Verdacht, dass hier etwas gewaltig schief läuft, nicht nur für StudentInnen und Arbeitslose.

Mein trauriges Fazit ist jedoch:

Bis dort etwas geschieht, regierungssseitig, muß schon viel geschehen....

Aktuelles Beispiel gefällig?

Bei der Rente geht man regierungsseitig immer noch von einem lückenlosen Erwerbslebenslauf aus, obwohl es mittlerweile alle Spatzen von den Dächern pfeiffen, der existiert für die Mehrzahl der Deutschen nicht mehr.

Ähnlich schwarz sehe ich bei der Weiterbildungsindustrie, die dient nur zur Förderung der Weiterbildungsträger, egal ob die nun Arbeitslose, Besser- oder Normalverdiener finanzieren.

Geldmachen ist hier gefragt - Wer stoppt diesen Wahnsinn?

Merkel sicher nicht....

klaus baum 18. Dezember 2008 um 21:04  

Ich habe den Beitrag von der Dame gelesen, die einst in einer Arztpraxis gearbeitet hat. Gegenüber solchen Schicksalen kann ich nur verstummen, besser noch, still werden. An solchen Einzelbeispielen wird deutlich, wie unmenschlich unser System geworden ist.

Anonym 19. Dezember 2008 um 13:55  

Der Unmut, den ein wohlbegründeter Einwand des Arbeitnehmers gegen gewisse Maßnahmen des Arbeitgebers (Motto: "Was gut für die Firma ist - ist auch gut für Sie!") erzeugt, sollte dazu anregen, den "lebenslangen Lernprozeß" am besten gerade auf den Gebieten zu beginnen, den die Apologeten der bestmöglichen wirtschaftlichen Verwurstbarkeit gewiß nicht im Sinne haben:
Arbeitszeitgesetz, Arbeitsschutz & Gefahrstoff-Verordnung, Arbeitsvertragsgesetz, Kündigungsschutz usw., usw.
Dies wird nicht ausreichen, die Rolle des Amboß´ mit der des Hammers zu tauschen; aber wenigstens lassen sich so Maßnahmen abblocken, wo der Arbeitgeber im Glauben an die Unkenntnis seiner Arbeitnehmer versucht, bestehende Vorschriften zu "dehnen" oder außer Kraft zu setzen.

S.M.

Anonym 21. Dezember 2008 um 15:56  

@Klaus Baum

Die ehemalige Arzthelferin ist sicher kein Einzelfall - im Gebiet der ehemaligen DDR.

Die Menschen, die sich damals angestrengt haben, die gelebt haben und gearbeitet haben, die sind einfach "im falschen System" zu Hause gewesen, und gehören dafür auf alle Ewigkeit bestraft - Zynisch ich weiß, aber so sieht unsere Politik gegenüber denen aus, die die Ex-DDR nicht als Unrechtsstaat ansehen bzw. einfach nur - völlig unpolitisch - dort gelebt haben....und nicht wie "Madame No" einen auf Wendehals gemacht haben...

Das es solche Beispiele auch im Gebiet der ehemaligen BRD gibt - ich meinte damit: Trotz ständiger Weiterbildung, Arbeitsstellensuche und sonstiger "Lebenskunst" bis heute - dafür stehe ich Pate....

Ich bin in 1,5 Jahren bald 40, habe mich immer weitergebildet (bis Studiumsversuch, der mir rein ideologisch schon 1998 nicht paßte - BWL, Schwerpunktfach: Management), war in den Zwischenphasen auf Arbeitsuche (hat nie auf dem gewünschten Beruf geklappt) und bin nun im ehemals väterlichen Unternehmen - welches jetzt als relativ zerstrittene Erbengemeinschaft, die nur durch die Witwe des Verstorbenen zusammengehalten wird, unsicher angestellt - auf mickriger Gotteslohnbasis.

Ich will hier eigentlich keinem mehr "auf der Last" liegen, aber gerade jetzt ist mein Geld wieder knapp, weil ich als "guter Sohn" darauf verzichte, um meine Mutter über den Winter zu bringen (die Finanzamtshaie haben ihr nur wenig Geld zum Saisonende übrig gelassen - Ist halt nicht jeder Ackermann!).


Wovon bewerben, wenn das Geld unsicher ist?

Ich weiß auch nicht weiter, aber ich hoffe, dass ich bald etwas finde, was gut bezahlt ist, da ich hier wohl nicht so lange warten kann, bis die Witwe das Geschäft an ein anderes Mitglied der Erbengemeinschaft abgibt....d.h. eine Mietbude und sonstige Dinge zum Leben muss ich mir schon selbst leisten dürfen....

Ich will auf keinen Fall auf Hartz IV fallen, damals machte ich mit meinem Vater genau den Deal, der nun - durch seinen Tod vor 3 Jahren - hinfällig geworden ist....

Tja, wahrscheinlich wird es wohl doch so kommen....auch wenn ich nicht will....

Mfg
Junger

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