Selbst zum Wolf werden

Mittwoch, 12. November 2008

Von allen Seiten hört man es, von überall her, aus jeder Ecke, jedem Winkel stöhnt es hervor: Das Klima, das Betriebsklima - es ist so schlecht, so dampfig, so unmenschlich. Zugrunde gehe man daran, Lebensfreude sei getilgt, als Produktionsfaktor ohne Lebensberechtigung fühle man sich. Nicht nur der Chef sei unausstehlich, auch die Kollegen, ambitionierte Zeitgenossen allesamt, wüßten einem das Leben zum Schweiß- und Tränenmeer zu machen. Beobachtet wähne man sich, begutachtet und selbst wittere man hinter jeder eigenen Tat einen Fehler, auf den sich die Meute dann wieder mit Denunziantenfreuden stürzen würde. Dass hinter dem Rücken getuschelt wird, wird sowieso schon als Selbstverständlichkeit begriffen, deren man wenigstens mildernd entgegentreten wolle, indem man seine Leistungen stets noch verbessere, immer noch ein wenig mehr an Einsatz investiere. Auch kenne man die Zuträger des Vorgesetzten, die dessen Türen einrennen, wenn sie - melde gehorsamst! - etwas Neues wissen über einen Kollegen. Kurzum: Das Betriebsklima sei widerlich, sei einfach nicht mehr zu ertragen und man hoffe, die Nacht vor dem neuen Arbeitstag dauere ewig an, damit der nächste Auftritt im Rudel dieser Wölfe in möglichst ferner Zukunft liegt.

Solche Aussagen sind seit Jahren zu hören, mehren sich auch weiterhin. Dieser Gesellschaft, den gestaltenden Kräften aus Politik und Wirtschaft, ist es gelungen, ein gesellschaftliches Klima der Angst zu erzeugen, welches freilich auch den Arbeitsplatz erfüllt - denn wenn nicht am Arbeitsplatz, wo sonst sollte diese Angst, als Produkt dieser Repressionsgesellschaft, überhaupt zur vollsten Blüte reifen? Dank der Pression, dank der daraus entstandenen Angst, erlauben sich sogar viele Arbeitgeber eklatante Verstöße gegen das Arbeitsrecht, ohne mit ernsthaften Konsequenzen rechnen zu müssen. Denn der Angestellte schweigt darüber, wagt nicht Widerspruch zu üben, wenn er auch weiterhin seinen Arbeitsplatz behalten will. Aus einem mündigen Bürger im Privaten wird ein geschäftsmäßiger Ja-Sager, ein devoter Abnicker vorgesetzter Willkürherrschaft. Ein tiefer Riss geht durch sein Leben, ein Spagat zwischen dem Willen mündiger Bürger sein zu wollen und der Erkenntnis, diesen Willen am Arbeitsplatz bis zur Unkenntlichkeit verleugnen zu müssen.

Und was ihm die Gesellschaft, sein direktes Umfeld, außerhalb seiner Arbeitswelt bietet, ist zumeist wenig hilfreich, bestenfalls in Binsenweisheiten gepackte Resignation. Das Ertragen eines solchen Klimas, der stete Druck der auf einem laste, sei zwar unangenehm, aber so sei es heutzutage nun mal - vielleicht müsse man sich einfach nur - ganz fatalistisch - ein dickes Fell zulegen oder gar im Strom mitschwimmen. Gut gemeinte Ratschläge, die genau besehen von Boshaftigkeit nur so strotzen. Man mahnt nicht an, dass das Schlechte sich dem Guten anzunähern habe, das Häßliche dem Schönen, das Verlogene dem Wahren - um mit Platon zu sprechen -, sondern gerade gegenteilig: Wenn der Weg vom Guten zum Schlechten leichter ist, was er zumeist ja auch ist, dann sollte man eben den Weg des geringsten Widerstandes wählen und die eigenen Werte aufgeben, zugunsten eines vermeintlich besseren Lebensgefühls. Ob sich dieses dann wirklich besser anfühlt, ob man damit wirklich glücklicher wäre, ob mein eigenes Leid durch die Gewißheit einem anderen ebenso das Leben schwer gemacht, ihm also auch Leid zugefügt zu haben, gemildert wird, darf stark bezweifelt werden. Näher betrachtet verlagert man die eigene Wut nur auf einen Unschuldigen, auf jemanden, der genauso unter dem Druck leidet, den der Arbeitgeber erzeugt - und dieser als Schuldiger des Klimas bleibt unberührt, darf sich über das nochmals verschärfte Klima in seinem Unternehmen sogar freuen, darf sich davon den heißbegehrten Wettbewerb erhoffen, eine Selektion der Angestellten, initiert von ihnen selbst.

Es sind die Mechanismen des "divide et impera", die wir jeden Tag erleben müssen. Aber es sind Mechanismen, die nicht mehr nur von denen gelehrt und vorgebetet werden, die von einer solchen Selbstzerfleischung der Unterdrückten profitieren, sondern festverankerte Strukturen im Denken der gesamten Gesellschaft. Es sind oft selbst Arbeitnehmer die durch ihre Binsenweisheit, wonach man selbst zum Wolf zu werden habe, das "Teilen und herrschen" forcieren, ja geradezu legitimieren, zum allgemeinen Grundsatz einer Gesellschaft erheben. Sie postulieren die hobbesche Ansicht - homo homini lupus -, nähren damit den Anspruch auf einen Absolutismus innerhalb der Unternehmen und machen sich, obwohl selbst Opfer, zum Streiter für Rechtlosigkeit und Unordnung am Arbeitsplatz. Sie wähnen sich in dem zynischen Glauben, man könne die Unerträglichkeit des Zustandes damit verändern, selbst zum Bestandteil dieser Unerträglichkeit zu werden - anstatt Vereinigung und Einheit gegen die Ausbeutungsprozesse, lieber Mitschwimmen und Gleichtun. Am Ende dann wird resigniert und nicht begriffen, wie es so weit hat kommen können und nochmals der Druck gegenüber Dritten verschärft, um zu kompensieren oder vielleicht doch noch das System ad absurdum zu führen.

Gerade das banale Abtun der Mißstände, das Abwinken, der selbstzufriedene Fatalismus, wie man ihn heute immer mehr hört, trägt zur Verschärfung der Situation bei. Indem einem Betriebsklima-Geschädigten geraten wird, er solle selbst kraftvoll zubeißen, regt man zur Generalmobilmachung der Unmenschlichkeit an; indem man einem Arbeitslosen nahelegt, dass es heute eben so sei, dass man als Arbeitsloser als nutzlos betrachtet werde, und sich ein Kampf gegen so einen Nihilismus nicht lohne, tut man sein Bißchen dazu, diese Ansichten auch noch salonfähig zu machen, sie zu zementieren. Was unserer Gesellschaft mehr schadet als die Kettenhunde des neoliberalen Irrsinns mitsamt ihrem verqueren Menschenbild, das sind die Nihilisten, die "Waskümmertsmichs", die Fatalisten und Hinnehmer der Mißstände - sie untergraben die Moral derer, die noch gerne aufbegehren würden und spielen damit denen in die Hände, die diese Moral ausgeschaltet wissen wollen. Es ist der zynische Nihilismus, der die Menschlichkeit aus jeder Nische dieser Gesellschaft kratzt; es sind die Uninteressierten und Mitmacher, die vollenden, was die Apologeten der Unmoral, des homo oeconomicus und einer verwettbewerbten Gesellschaft, in die Wege geleitet haben. Sie höhlen aus, beseitigen, verwerfen das letzte bißchen Miteinander, das dieser Gesellschaft dann und wann noch gegeben ist. An den Kettenhunden kann man sich reiben, am schmierigen Fatalismus nicht...

17 Kommentare:

Anonym 12. November 2008 um 12:51  

Nur 'ne kurze Anmerkung: Wölfe sind sehr soziale Tiere. Leider herscht immer noch ein anderes Bild vor.

Bemerkenswert finde ich auch folgenden Beitrag der Nachdenkseiten: Schuldnerberatung - Ein ganz normaler Vormittag. (http://www.nachdenkseiten.de/?p=3585) Was macht so 'ne Schuldnerberatung eigentlich? Den ratsuchenden klar, dass sie (etwas) schuldig sind? Das Ziel ist, sie (wieder) zu einem funktionierenden Rädchen im Getriebe zu machen?

Was für mich beide Fälle vergleichbar macht: es wird einfach immer weitergemacht. Das Problem wird nicht analysiert. Eine Änderung des Verhaltens würde schliesslich dazu führen, dass man den Bereich des "Normalen" verlässt.

Es lebe der Untertanen-Geist?

Manul 12. November 2008 um 14:18  

Die heutigen Arbeitnehmer stecken alle in einer Klemme. Sie wissen, dass es genügend Arbeitslose gibt, die sich jederzeit darüber freuen würden ihre Stelle anzunehmen. Ist man erst überhaupt arbeitslos, dann hat man gar keine Wahl mehr, die Gesetzeslage verhindert es nämlich, dass man Jobs ablehnt, die nur auf die Ausbeutung der Arbeitnehmer abzielen. Der Zwist zwischen Arbeitnehmern und Arbeitslosen wird immer mal wieder noch zusätzlich angeheizt, damit ja keine nennenswerte Solidarität unter ihnen entsteht und so fühlen sich diejenigen, die Arbeit haben, als etwas Besseres, denn sie haben ja noch einen Job mit dem sie auch für die Arbeitslosen mitzahlen. Die ständige Propaganda der Medien von den 'faulen und asozialen' Sozialhilfeempfängern liefert hierzu die richtige Begleitmusik.

So machen sich diejenigen, die schweigen, in zweierlei Hinsicht schuldig. Zum einen dadurch, dass sie das zunenehmende Unterlaufen der Arbeitsgesetze dulden. Zum anderen, weil ihre Gleichgültigkeit nur diejenigen stärkt, die die Solidarität zerstören und die legale Versklavung vieler Menschen weiter voran treiben wollen - ihre Stigmatisierung als menschlicher Abfall inklusive. Sie selbst betrifft es ja schliesslich nicht und ihre Einstellung ändert sich nur dann, wenn sie von der Misere selbst betroffen sind.

demokratie-ist-wichtig.de 12. November 2008 um 14:26  

Ich schäme mich fast, wieder einen der ersten Kommentare abzugeben, aber ich arbeite nebenbei tatsächlich , auch richtig, nur heute ist Mittwoch, ein kurzer Tag.

'Divide et impera' - genau darum geht es. Wie hat sich unsere Gesellschaft doch verändert. Ich bin ein Kind der 70er, und ich bin sicher, dass ich nicht alles von damals nur schön male. Die Klamotten waren häßlich, die Frisuren unerträglich, und die Bauten aus Beton und Glasbausteinen.

Aber das Berufsleben von heute scheint wirklich anders, und das sagen mir viele. Bei der Arbeit in Krankenhäusern habe ich es über die Jahre gut kennengelernt. Was dort an Angst und Sorge herrscht, sei es, als fauler, duckender Kollege zu gelten, obwohl man krank ist, sei es, weil man sich um das nächste Zeugnis auf der hürdenreichen Laufbahn sorgt, man glaubt es nicht, wozu Menschen bereit sind. Geschultes Personal wird durch angelerntes ersetzt. BWLer reiben sich die Hände, Ärzte schütteln den Kopf. Schweigen und Durchhalten ist die Parole.

In der Süddeutschen, glaube ich, stand neulich von einem ex-DDR-Schriftsteller etwa folgender Kommentar: "Früher konnte ich alles über meinen Chef sagen, und nichts über Honnecker. Heute kann ich alles über Merkel sagen, aber nichts über meinen Chef." Ich will Gott-bewahre keine DDR-Zustände haben, aber es stimmt doch nachdenklich.

Kein Wolf zu werden kostet sicherlich mehr Kraft. Aber es ist es wert.

aebby 12. November 2008 um 15:08  

Ich stimme dem Inhalt Deiner Analyse zu. Ich beobachte auch, dass es dem einzelnen sehr schwer fällt aus dem System auszuscheren.

Woran liegt das? Solidarität gibt es nicht mehr. Solidarität wird heute als Schwäche interpretiert, wer Solidarität in Erwägung zieht stellt sich gegen das Leistungsprinzip und wird zum Systemfeind.

Das ist so ein Punkt an dem der Begriff des "Wertewandels" konkret wird. Leider habe ich keine Idee wie dem Wert der Solidarität wieder zu mehr Gewicht verholfen werden kann.

Anonym 12. November 2008 um 16:28  

passt auch zum thema:

http://www.focus.de/kultur/kino_tv/focus-fernsehclub/arm-trotz-arbeit-wer-nicht-spurt-fliegt_aid_346877.html


interessant sind auch die kommentare! viele halten das, was sich hier entwickelt (hat) scheinbar für völlig normal und unausweichlich.

Mats 12. November 2008 um 17:10  

Anonym, 12:51, hat gesagt:
>>Wölfe sind sehr soziale Tiere. Leider herscht immer noch ein anderes Bild vor.<<

Nicht nur das, der Spruch ist auch aus dem Zusammenhang gerissen.

>>Lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit, non novit.<<
http://de.wikipedia.org/wiki/Homo_homini_lupus

Also wir sollten uns wirklich ein Beispiel an den Wölfen nehmen, die würden sich nicht gefallen lassen, was wir domestizierten Menschen uns gefallen lassen.

Und wenn einem dieser ehrabschneidende Zynismus anfällt, dann sollten wir ihn mit allergrößter Deutlichkeit von uns weisen.

Get physikal! :-)

ben 12. November 2008 um 20:13  

Der Artikel beschreibt die Zustände aus meiner Sicht treffend, aber es fehlt der Ansatz, wie die Befreiung aus dem Dilemma aussehen könnte.

Woher soll die Befreiung von diesen Zuständen kommen, wenn jeder wie ein Hamster im Rad den größten Teil seines Lebens damit beschäftigt ist, das Geld für den Lebensunterhalt und wenn es gut läuft für ein paar Extras zu verdienen?
Die Gewerkschaften sind schwach, die Solidarität der Angestellten geht nicht weit, die Betriebsräte können nur versuchen, die schlimmsten Auswüchse zu verhindern, Zeitarbeitsfirmen umgehen viele arbeitsrechtliche Regelungen, usw. .

Die meisten Menschen, die unter so einem Druck stehen, lesen am Abend keine Blogs und haben die Kraft, etwas zu gestalten und zu bewegen, sondern benötigen Unterstützung und Aufbau von außen. Sich allein zu wehren, kostet heute schneller denn je den Arbeitsplatz und für seine klare Haltung kann sich dann keiner mehr was kaufen.
Die Haltung "Jeder ist sich selbst der Nächste" wird durch die Entwicklungen der letzten Jahre extrem gefördert.

Ich weiß auch nicht genau, wie die Gegenbewegung einsetzen kann.
Vielleicht brauchen wir wieder starke Gewerkschaften, auf jeden Fall einen politischen Wechsel mehr hin zu einer sozialen Gesellschaft.
Solange aber jeder täglich um seine Existenz fürchten muss, wenn der den Mund aufmacht, passiert auf Einzelebene nicht viel. Da muss die Wirtschaft erst um fünfzig Prozent schrumpfen, dann kommt das von allein.

klaus baum 12. November 2008 um 20:54  

Ich habe im Jahre 1986 ein halbes Jahr für einen Verlag gearbeitet. Mein Freund war damals Herstellungsleiter und seit über dreißig Jahren schon im Betrieb. Die Verlagsinhaber hatten einen jungen, dynamischen Geschäftsführer eingestellt, der anfing das Jahrzehnte währende familiäre Betriebsklima zu ruinieren, in dem er versuchte, die Mitarbeiter gegeneinander aufzuhetzen und den Geist der Konkurrenz zu säen.
Von der Verschlechterung des Betriebsklimas allerorten habe ich ebenfalls gehört.
Dieses Phänomen, innerbetrieblich Kälte zu produzieren, gehört ebenfalls zur Dummheit der Neoliberalen, denn erfahrungsgemäß arbeitet man besser, wenn man sich im Betrieb zu Hause fühlt und sich mit ihm identifiziert.

epikur 12. November 2008 um 21:50  

Es ist vor allem auch der zunehmende kleinbürgerliche Egoismus gepaart mit der Angst keine Arbeit zu haben oder seine Arbeit zu verlieren, der die Menschen in Deutschland immer mehr zu Wölfen werden lässt.

Genau dieser Zustand, dieses Arbeits-und Betriebsklima, wie du es treffend analysiert hast - lässt heute auch viele Jugendliche Angst davor haben, älter und erwachsen zu werden. Alle jugendlichen, kindlichen Träume, Ideale und Selbstbestimmungs-Wünsche, werden in einem fatalistischen "ist eben so" gnadenlos zerrieben. Der Erwachsene hat sich zu fügen, Miete zu bezahlen und irgendwie Geld ranzuschaffen. Alles andere zählt eben nicht.

Genau deshalb kommt mir jedesmal mein Essen hoch, wenn ich in meinem Umfeld den Satz höre: "Werd Du erstmal erwachsen". Das ist einfach nur widerlich böse und menschenverachtend.

Anonym 12. November 2008 um 23:45  

Ich stimme meinen Herrn Lapuente und Vorrednern voll zu.
Und wir wissen auch genau, was die Zustände verschuldet:
Ungezügelter ungehemmter Wettbewerb amerikanischen Vorbilds.

Manager, Politiker und andere hohe TIERE sollten mal kapieren, dass es schlicht physische Grenzen der Leistungssteigerung von Menschen (und irgendwo auch von Maschinen) gibt.
Sie sollten mal versuchen zu verstehen, dass Profite durch Lohnkostenreduzierung nicht lange funktionieren kann, jedenfalls nicht, wenn die Industrie ihre Güter verkaufen will, ohne den Käufern Schulden aufzubürden.

Aber das käme den Neoliberalen vermutlich gerade Recht: Schuldknechtschaft durch langfristige Kredite zum Lebensunterhalt verursacht durch zu niedrige Löhne.

Wetten, das ist der nächste Schritt?

Die Privatisierung von HartzIV:

Anstelle staatlicher Sozialleistungen werden selbige als Kredite von Banken ausgezahlt und diese Kredite müssen dann abbezahlt werden, sobald jemand wieder Arbeit hat oder sonstwie Vermögen erlangt. Für Ausfälle, Todesfälle und ähnliches steht natürlich der Staat gerade.

So könnte man dann am Elend noch verdienen. Und da dann der Staat natürlich überflüssig ist - weg damit, kostet ja nur. Sozialhilfe übernimmt die Bank. Militärisches regelt die EU. Infrastruktur wird privatisiert. Judikative gleich ganz abgeschafft, Körperverletzung, Vergewaltigung und Mord sind schließlich nur Formen betriebswirtschaftlichen Wettbewerbs.

Sozialdarwinismus.
Faschismus.
1984.

Wird Zeit für ein 1789 in der BRD.

Anonym 13. November 2008 um 00:02  

Lieber Roberto,

Nicht oft gibt es Texte, wo einfach jedes Wort passend und an passender Stelle zu finden ist.
Leider. Ich hätte mir sehr gewünscht, eine Kleinigkeit zu finden, die ich triumfal als Unstimmigkeit präsentiert hätte, etwas - wie unbedeutend auch immer - das als Diskrepanz zur Realität herhalten könnte. Nicht um Dir ein Fehler aufzeigen zu können, sondern um mir sagen zu können: "Na bitte, so schlimm ist es nicht, wenn er zu einer Hyperbole zurückgreifen muss"...
Ich habe nichts gefunden. Es ist wirklich so, mit dem Unterschied, dass Du Stilmittel eingesetzt hast bei der Beschreibung. Die meisten Protagonisten könnten keinen Stil an den Tag legen, auch wenn sie - per absurdum - es wollten.

Es wurde nach Auswege gefragt.
Ich wüßte keine, ausser der Beharrlichkeit eines ungebrochenen Selbstwertgefühls. Auch genannt "aus der Reihe tanzen", "Querulant sein", "Probleme anziehen", etc...

Michael G. (MG)

Manul 13. November 2008 um 00:36  

@epikur: Ganz besonders schlimm wird es, wenn man als erwachsen gilt und einen gewissen Idealismus beibehalten hat, dann bekommt man oft den Satz an den Kopf geschmissen: 'Kümmer du dich doch um dein eigenes Zeuch' oder auch: 'das, was was du da von dir gibst ist völlig irreal' - und das ist noch böser, denn ab einem gewissen Alter fühlt man sich wie ein Ausserirdischer, wenn man sich eine gesunde Portion Menschlichkeit und Menschenwürde eingespart hat. Man spürt nicht selten eine machtlose Wut, weil es zu viele Menschen gibt, die nur sagen 'Das ist eben so' und man selbst weiss, dass es eben diese Passivität ist, die Vieles erst überhaupt möglich macht.

So schliesst sich der Kreis in dieser Gesellschaft, die nur auf Wettwerb bei Allem setzt - Angepasstheit und Charakterlosigkeit wird belohnt, alles andere gilt wahlweise als 'Unzuverlässigkeit' oder 'Querulantentum'. So neigen also die Menschen dazu das zu tun, was ihnen als eine bessere Option erscheint, sie machen was man ihnen sagt und halten ihr Maul. Diejenigen, die quer schiessen, werden dafür abgestraft, was auch schon mal ins Existenzielle gehen kann. Im Prinzip müsste man also den Menschen wieder beibringen wie wichtig eine Gemeinschaft ist und dass die Menschen nicht gegeneinander sondern miteinander arbeiten müssen, insbesondere, wenn man solche Herausforderungen hat, wie sie uns die Zukunft ganz sicher mitbringen wird. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema...

Peinhard 13. November 2008 um 10:04  

Wir müssen wieder 'sozialer' werden, sicher. Vor allem müssen wir uns aber erstmal fragen, ob das in diesem System überhaupt noch 'drin' ist. Ist es wirklich nur der 'ungezügelte' Wettbewerb, der so verheerend wirkt, oder funktioniert die Konkurrenzmaschine schon gar nicht mehr richtig, und deshalb wird der Wettbewerb notgedrungen immer ungezügelt und zum reinen Verdrängungswettbewerb.

Wir müssen uns fragen, welche Zukunft die Produktion von Wert und Mehrwert noch haben kann. Die 'entwickelten' Volkswirtschaften stehen schon geraume Zeit (etwa seit den 70ern) vor dem Problem, dass die Produktivität schneller steigt als die Produktion wächst, was als unmittelbar sichtbare Folge Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung nach sich zieht. Dazu ein Gedankenexperiment: stell Dir vor, alle Güter und Leistungen würden von Maschinen und menschenleeren Fabriken erbracht. Diese Güter hätten zwar immer noch ihre eigentlichen Gebrauchswerte, wären 'nützlich' - aber im kapitalistischen Sinne wären sie 'wertlos'. Vordergründig weil sich keine Käufer mehr finden lassen, die mit dem Verkauf ihrer Arbeitskraft Geld verdienen würden, aber etwas genauer betrachtet ist dieses Szenario tatsächlich eine Bestätigung der Theorie, dass nur 'lebendige' Arbeit Werte schaffen könne.

Nun sind wir von diesem Szenario zwar noch eine ganze Weile weg (und werden es vielleicht oder hoffentlich auch nie erreichen), aber wir bewegen uns in diese Richtung. Nur bricht die 'Verwertung des Wertes' nicht erst bei Erreichen desselben zusammen, sondern kommt schon viel früher in's Ungleichgewicht. Jeder weitere Rationalisierungsschritt kostet Nachfrage bzw verringert die geschaffenen (Tausch-) Werte ohne dass dies durch Ausweitung der Produktion noch kompensiert werden kann. Erstens weil derzeit keine neuen Produkte in Sicht sind, die derart massenhaft (lebendige) Arbeit absorbieren könnten, und zweitens weil selbst wenn wir solche fänden diese Ausweitung unseren Planeten wohl endgültig überfordern dürfte.

Und dass die reine Produktion von Geld ohne korrespondierende Sachwerte auch keine Lösung sein kann, sehen wir gerade. Wir stehen also vor der Wahl, den Kapitalismus an seinen immanenten Widersprüchen scheitern zu lassen, oder an den äusseren, stofflichen Gegebenheiten. Tatsächlich findet bereits beides statt - obwohl wir immer verzweifelter Ressourcen für immer zweifelhaftere Produkte in Müll verwandeln, können wir die innere Schranke nicht überwinden, die Arbeitslosigkeit steigt von Krise zu Krise tendenziell an.

Deshalb ist auch der Wunsch nach Rückkehr zur reinen 'Realwirtschaft' ein zwar frommer, aber offenbar nicht erfüllbarer. Um auf das Szenario zurückzukommen - wenn der Tauschkreislauf aus Arbeitskraft, Ware, Geld und Mehrwert nicht mehr funktioniert, müssen wir uns etwas anderes ausdenken.

Auf eine kurze Formel gebracht - Teilen statt Tauschen. Ende Kapitalismus...

Anonym 13. November 2008 um 15:23  

"Teilen statt Tauschen"

Erst mal was zum Teilen haben - das ist doch wohl das Hauptproblem.

Bis vor kurzem war es doch noch so, dass jemand der mehr als genug hatte vier Teile weggeben (verleihen) konnte und fünf zurück erwartet/bekommen hat.

Und jetzt? Damit er auf nichts (also auf das was er bereits verloren hat nicht) verzichten muss, müssen alle anderen zusammenlegen?

Wer das akzeptiert hat auch nichts besseres verdient. Wer das nicht akzeptieren kann sollte sich mal umsehen wem es noch so geht und ob man nicht - gemeinsam(!) - etwas ändern kann. Der Fatalismus hilft nur denen, den es zu gut geht (die mehr als genug haben und noch mehr haben wollen)

Geheimrätin 13. November 2008 um 21:33  

Ein Tatsachenbericht aus der realen Arbeitswelt meines letzten Arbeitsverhältnis:

Bevor ich mich selbstständig gemacht hatte mit einem eigenen kleinen Fair Trade business habe ich in einer xxxxL Fa der Einrichtunsbranche gearbeitet.
Eine neue Filliale war in m. gegend errichtet worden und die Arbeitsagentur subventionierte mind 20 % der Belegschaft für 6 Monate. (man muss sicher nicht erwähnen dass nach der 6-monatigenProbezeit mind. 40% der Belegschaft wieder entlassen wurde!) Wir wurden mit Musik bei Laune gehalten jeden Tag dieselbe Pladde - message der songs: Make Money, Make More Money,and Make even Much More Money!
Das allein war kaum zu ertragen. Zudem waren wir auch noch der pausenlosen Beobachtung durch die Ü- Kameras ausgesetzt. Nun ging der Wettbewerb los wer schafft die Probezeit wer macht die meisten VK Abschlüsse....Jeden Tag mussten wir den Bossen sagen welches € Ziel wir vor Augen hatten. Fazit ein Kollege der sein Ziel wieder nicht erreicht hatte, weil ihm seine werten Kollegen die Kunden immer wieder kurz vor Abschluss des KV einfach abnahmen, stürzte sich vom 5. stock in die Tiefe, mitten in die Eingangshalle. Er erlag seine Verletzungen in der selben Nacht in der Klinik und hinterließ Frau u. ein oder 2 kl Kinder.

Wachten die Kollegen endlich auf? Nein, Blumen die Angehörige an den Tatort legten wurden entsorgt, und der Kollege verunglimpft der uns ja schließlich auch alle in Lebensgefahr gebracht und zudem seine Fam im Stich gelassen hatte. Schon vor dem Selbstmord des Kollegen der immer sehr freundlich und hilfsbereit gewesen war konnte ich nicht fassen wo ich hier gelandet war - Scientology?! was lassen wir hier mit uns machen Leute! Jeder spioniert jeden aus. Soll das menschliches Leben sein? Ich wurde ernsthaft krank. Nachdem ich dann nach dem Tod des Kollegen ins Chefzimmer gerufen wurde lag da schon ein vorgfertigter Vertrag Ich hatte 30 Min Bedenkzeit und akzeptierte den Aufhebungsvertrag.
Um einen weiteren AMOKLAUF zu verhindern.

klaus baum 13. November 2008 um 23:45  

Einrichtungsbranche. Ich will ein Sofa kaufen. Da gibt es ein Angebot, die Füße vom Sofa gefallen mir nicht. Der Verkäufer fragt seinen Kollegen. Beide sagen, dazu gibt es keine anderen Füße.
Zu dem Beitrag von >geheimrätin<:
Ich rufe die Herstellerfirma an, erhalte die Auskunft: Andere Füße sind möglich. Ich lasse mir eine bebilderte Liste mit den vielen Fußvarianten zumailen. Ich drucke die Liste aus. Bringe sie zu dem Verkäufer in den Laden. Ich sage ihm, er könne sie seinem Kollegen zeigen. Er sagt mir, das mache er nicht, da er jetzt einen kleinen Vorteil, Vorsprung vor seinem Kollegen haben.

Anonym 15. November 2008 um 08:18  

@ anonym "Privatisierung von Hartz IV":

Phillip Mißfelder von der Jungen Union hat genau das in einem Interview mit der Deutschen Welle bereits zur Sprache gebracht. Man darf gespannt sein...

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