Trau, schau, wem!

Mittwoch, 8. Oktober 2008

Im jenem Moment, da der Präsident eines Fußball-Bundesligisten vor die TV-Kameras tritt, um das uneingeschränkte Vertrauen dem seit Wochen sieglosen Trainer auszusprechen, um klar und unmißverständlich zum Ausdruck zu bringen, dass man trotz der langen Durststrecke und des drohenden Abstieges, im derzeitigen Trainer genau den richtigen Mann unter Vertrag weiß, sollten dem Vielgelobten alle Lichter aufgehen. Denn immer dann, wenn Verantwortliche eines Fußballvereines von Vertrauen sprechen, sich symbolisch hinter den Erfolglosen stellen, ist es mit dem Vertrauen als Basis für weitere Zusammenarbeit nicht weit her. Dabei ist die Sprache auch hier wieder verräterisch, deckt sie doch auf, wes Geistes Kind eine solche Vertrauensduselei ist und sollte spätestens jetzt ermöglichen, dem Betroffenen die Gefahrenlage vor Augen zu führen. Denn wenn man sich erstmal hinter seinen Trainer gestellt hat, dann steht man genau an der richtigen Stelle, um ihm hinterrücks einen Dolch in den Körper zu treiben.

Wenn sich Politiker vertrauensvoll an "ihr" Volk wenden, um ihnen zu versichern, dass keine Mauer quer durch die Stadt gezogen werden soll; wenn vormalige Exemplare dieser traurigen Zunft sich das Vertrauen des Volkes sichern wollten, indem sie kundtaten keinen zweiten großen Weltenbrand mehr entfesseln zu wollen; wenn andere, der neuere Typus dieser eigenartigen Berufsgruppe sich Vertrauen durch Wahlversprechen erschleichen, dann sollte eigentlich sichtbar werden, dass immer dann, wenn man um das Vertrauen ringen muß, wenn es nicht von alleine entsteht, wenn es also nicht still und leise quasi von selbst geschieht, sondern erzwungen werden muß, etwas im Argen liegt. Verliert man das Vertrauen zu einem Menschen, so kann dieser noch so darum kämpfen, noch so sehr Vertrauen erflehen, noch so viele Zwangsmaßnahmen zur Wiedererlangung einleiten: das Vertrauen entsteht erst nach und nach wieder - wenn überhaupt. Den Vorgang des Sichanvertrauens, der niemals von jetzt auf gleich geschieht, sondern ein langsamer, manchmal sogar quälender Prozess ist, kann nicht angeschoben werden, kennt kein beflügeltes Vorpreschen.

Das "Vertrauen" entstammt der Wortgruppe um "treu", was einst soviel wie "stark", "fest" oder "dick" bedeutete. Das "Vertrauen" beinhaltet folglich Stärke und Festigkeit, und am salopp dahingesagten "Ich bin dicke mit dem oder dem", wird erkennbar, dass Vertrauen, zumindest aber Vertrautheit, ein Zustand ist, in dem zwei Parteien fest und dicht beieinanderstehend sind - sich eben treu ergeben sind. Solch ein Zusammenwachsen ist freilich nicht ohne weiteres umsetzbar, nicht durch ein Paar Worte der Vertrauensschaffung zu erwirken. Das Vertrauen ist ein bedächtiger Akt, die Zurückgewinnung oftmals ein noch viel langwierigere Prozedur.

Die Kanzlerin aber will nun das Vertrauen in die Wirtschaft - ins Finanzwesen konkret - sichern. Ihre Botschaft zur Finanzkrise bleibt im schwammigen Bereich der Vertrauensbildung, beinhaltete nichts über Mittel und Wege. (Sie spricht lediglich davon, dass das Vertrauen erhalten bleiben muß, wie das geschehen soll, bleibt aber schleierhaft. Sie spricht daher wie in Hebräer 10, 35: "Darum werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.") Daher bleibt es zunächst bei Worten ohne Taten. Finanzexperten hegen seitdem die Hoffnung, dass durch Merkels Vertrauensarbeit auch wirklich Vertrauen zurückgewonnen werden kann - dass Merkels schöne Worte wichtig, ja existenziell sind, um das Mißtrauen zu überwinden. Dass durch die Maßlosigkeit und die lebensverachtende Profitgier Vertrauen zerstört wurde, dass das Treueverhältnis zwischen zwei Parteien - wir erinnern uns: Vertrauen kommt aus der Wortgruppe um "treu" - einseitig aufgekündigt wurde, dies schon seit Jahrzehnten, scheinen die Hoffenden vergessen zu haben. Für sie, gleichermaßen wie für die Kanzlerin, ist Vertrauen eine Ware, die man mit wohlfeilen Worten erkaufen kann. Aber das deutsche "Vertrauen", anders als z.B. das spanische "confianza", beinhaltet eben die "Treue", macht also einen steten, intensiven und langen Prozess zur Grundlage eines Verhältnisses, während es im Spanischen wesentlich geschäftlicher zugeht, da dort die Bürgschaft (fianza) im Raume steht, die auch zwischen zwei gänzlich fremden Parteien, durch Sicherheiten und Kaution, erwirkt werden kann - bezeichnenderweise spricht man im Spanischen auch bei einer Kaution von fianza.

In Augenblicken also, in denen mit ein Paar losen Worten Vertrauen erwirkt werden will, ist der Vorgang der Schaffung des Vertrauens schon gescheitert. Denn durch einen Schnellschuss kann es nicht zur vertrauten Basis kommen, dazu bedarf es der Ausdauer - Zeit, die der freie Markt sich nie nehmen wollte, sich nie nehmen kann, wenn er weiterhin nach seinem Selbstverständnis weiteragieren soll. Wenn ein fremder Versicherungsagent an der Türe klingelt, um ein Vertragsverhältnis durchzusetzen, wird er viel von Vertrauen fabulieren, welches man als Kunde in das Unternehmen setzen sollte. Aber sein feiner Duktus, das Säuseln schöner Worte und sein modischer Strick um den Hals, werden nicht bezwecken, dass sich der Vorgang des Sichanvertrauens verschnellert. Hier ist die fehlende Zeit des entfesselten Marktes goldwert - würde man sich Zeit nehmen, wäre es mit der gemeinsamen Basis - wenn man erkennt, wie wenig dem Unternehmen am Kunden liegt, lediglich an seinem Geldbeutel - schnell vorbei.

Für Merkel und jene, die vom neuen Vertrauen schwärmen, kommt natürlich erschwerend hinzu, dass sie in Zeiten, in denen die eine Partei die Treue mit Füßen trat, in der sie maß- und verantwortungslos war - den Kunden und dem Gemeinwesen gegenüber -, geschwiegen haben. Damals hat kaum einer von Habgier und Vertrauensbruch gesprochen, wenn dann nur zögerlich und mit Bedacht, ja keine Taten den Worten folgen zu lassen. Sich also jetzt dazu hinreißen zu lassen, Vertrauen zu erzwingen, ist weder glaubhaft noch wahrhaft. Denn das Sichanvertrauen ist ein langwieriger Vorgang, aber die Beibehaltung des einmal gewonnen Vertrauens, ist eine Lebensaufgabe. Einmal gewonnenes Vertrauen sichert man sich am besten dadurch, das Vertrauen nicht zu mißbrauchen - so hätte man in diesem Lande das Vertrauen in die Wirtschaft sichern können: indem man erst gar nicht einen Bruch begangen, sondern das Vertrauensverhältnis gepflegt hätte.

Wenn also erstmal das "Vertrauen" zur Debatte steht, dann sollte man skeptisch werden. Genauso skeptisch, wie man es ist, wenn man Menschen begegnet, die es immer besonders gut mit einem meinen - letzteres endet nicht selten an der Front...

4 Kommentare:

otti 8. Oktober 2008 um 20:32  

Nicht Vertrauen herrscht in Täuschland, sondern Lug und Trug.

Klaus Baum 8. Oktober 2008 um 22:58  

@otti, vertraue den betrügern.

Anonym 9. Oktober 2008 um 15:33  

@Klaus Baum, Otti

Schon seit Jahren - bereits dem Otto Graf Lambsdorff-Papier 1984, das den brutalstmöglichen Sozialabbau heutiger Tage Punkt für Punkt vorwegnimmt spuckt mir immer wieder folgender biblischer Spruch durch den Kopf:

"Nicht an ihren Worten sollt ihr sie messen sondern an ihren Taten."

Gruß
Rosa L.

Klaus Baum 9. Oktober 2008 um 23:07  

@rosa, es ist ein altes Problem, das Verhältnis von Worten und Taten. Manchmal müssen die Worte im Sinne einer regulativen Idee den Taten vorangehen, damit wir eine Orientierung haben, wohin wir uns mit unserem Verhalten entwickeln sollten.
Entscheidend ist die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Solche Ehrlichkeit scheint bei den Politikern völlig abhanden gekommen zu sein. So hörte ich die Kritik von Westerwelle an der Bundesregierung, Kritik hinsichtlich des Verhaltens gegenüber der Finanzwirtschaft. Die Nachdenkseiten haben dieser Tage daran erinnert, daß Westerwelle vor Jahren noch ein heftiger Verfechtung der Deregulierung war. Seine kritischen Worte jetzt kommen nicht aus innerer Überzeugung, sondern aus taktischen Erwägungen - dem Gegenteil von Ehrlichkeit.
Was mich persönlich betrifft, so beschäftigt mich seit meiner Jugend ein Vers von Gottfried Benn: Hör gar nicht hin, die leisen und die lauten Beteuerungen haben ihre Frist. Das beinhaltet auch die Erkenntnis, mit dem, was man verspricht, sehr zurückhaltend zu sein, denn wir das Versprochene halten können, ist oft nicht voraussehbar. Im Falle der Politik heißt das: Karriere verändert den Menschen.

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