Gegenöffentlichkeit hetzt Öffentlichkeit

Samstag, 20. September 2008

Vor einigen Tagen kamen die NachDenkSeiten - namentlich Albrecht Müller - zu der Einsicht, dass der Widerstand gegen den Einheitsbrei anwachse und die Gegenöffentlichkeit langsam aber sicher immer mehr Menschen erreiche. Anzumerken sei aber auch, dass die Stärkung einer Gegenöffentlichkeit nicht alleine den NachDenkSeiten angerechnet werden darf. Auch wenn der Großteil dieser "anderen Öffentlichkeit" durchaus auf deren Konto geht, so muß man doch all die kleinen, oft geradezu winzigen und solche, die mittlerweile als mittelgroße Blogs gelten dürfen, erwähnen. Jene ringen täglich mit dem Wahnsinn der Massenmedien, um eine andere Sichtweise des Vorgekauten und Vorgegebenen zu ermöglichen. Dabei spielt es auch gar keine Rolle, ob die einzelnen Akteure lediglich "journalistische Kostbarkeiten" aus den Massenmedien - die Ausnahme, die die Regel bestätigt! - aufgreifen und verlinken, Positionen der NachDenkSeiten heranziehen und weiterspinnen oder kommentieren, oder aus ihrem direkten und indirekten Umfeld Zustände herauspicken, um sie zu dokumentieren - jede dieser und weiterer Formen der Gegenöffentlichkeit hat ihre Berechtigung und trägt dazu bei, einer kleinen Schar von Lesern zum Umdenken, wenigstens aber zum Nachdenken, zu verhelfen.

Obwohl seit nun geraumer Zeit gegen die LINKE gehetzt wird, obwohl die Massenmedien versuchen, Lafontaine und Gysi als Wölfe im Schafspelz zu verunglimpfen, wächst deren Wählerpotenzial. Prognosen zur bayerischen Landtagswahl schließen nicht aus, dass der LINKEN am 28. September die Sensation gelingen könnte - und dies in einer Zeit, da gegen die LINKE mit aller Vehemenz angeschrieben und berichtet wird. Als man sich zur LINKEN ausschwieg, als die Massenmedien und die etablierten Parteien - richtig müßte es wohl heißen: "die Massenmedien und ihre Parteien", denn man bedenke, wie die Haderthauers und Scholzes auf alles reagieren, was in den Redaktion so zusammengeschrieben wird - dazu noch nichts oder wenig äußern wollten, da war von einem prognostizierten Einzug in den bayerischen Landtag noch gar keine Rede. Dieser paradoxe Zustand darf durchaus der Gegenöffentlichkeit zugeschrieben werden - der großen und relativ bekannten gleichermaßen, wie der kleinen und nur einer begrenzten Leserschaft erreichenden. Weil nämlich die zur Normalität gewordene Propaganda von BILD, Stern, Spiegel, Focus etc. in Blogs und Projekten erläutert, auseinandergenommen, sprachlich analysiert, polemisch durchdacht wird, wird dem nach Informationen suchenden Menschen ermöglicht, eine neue Sichtweise zu erlangen.

Dies alles hat aber nichts damit zu tun, verkappte Wahlwerbung für die LINKE zu machen, wie man das vielleicht fehlinterpretieren könnte - es ist eher Werbung für die Demokratie, Werbung für den Pluralismus und für eine Vielfalt an Sichtweisen. Es ist eine gegenöffentliche Hetze gegen den Einheitsbrei der Massenmedien, denn die Gegenöffentlichkeit hetzt den Irrtümern, Halbwahrheiten und Verdummungen der etablierten Medien hinterher, hetzt sich dann ab im Formulieren von Gegenschriften, Aufdecken, Aufklären, um nachher die Legionen von Lesern gegen den Einheitsbrei der üblichen Medieninstitutionen aufzuhetzen. Freilich sind es (noch) keine Legionen, die sich gegen die ehemaligen Informanten von BILD und Spiegel wenden, aber die Sensibilisierung scheint kleinen Schrittes voranzugehen, der Skeptizismus neuen Nährboden zu erhalten.

Wenn sich ein etablierter Journalist wie Tichy so rüpelhaft in einem Studio benimmt, wenn ein Moderator wie Herres wie ein Voyeur zusieht, wie andersdenkende Journalisten überfahren werden, wenn Diekmann aus seinem Blatt heraus hetzen läßt und von Seiten der Politik noch nicht einmal gescholten wird, dann ist das nicht Anzeichen dafür, dass der Kurs der Neoliberalen fruchtet und unproblematisch vonstatten geht, sondern ganz im Gegenteil: Hier findet sich der Beleg dafür, dass dort die Angst herrscht, der Zeitgeist könnte sich wandeln. Denn säßen sie sicher auf ihren Rößern, so müßten sie nicht laut werden, polemisch, beleidigend, unverblümt menschenverachtend, müßten Andersdenkende nicht als Spinner und Phantasten neben sich stehen lassen. All diese Ausuferungen der Meinungsmache, die wir in den letzten Monaten mehr und mehr in unverhüllter Stumpfsinnigkeit und Geistlosigkeit in die Wohnstuben geliefert bekommen, sind doch klare Symptome, dass die etablierten Hetzer ein möglicher Zeitgeistwechsel ängstigt - was nicht heißen soll, dass eine Umkehr des Zeitgeistes schon vor der Türe steht, aber zumindest meinen es die Tichys dieser Republik zu glauben.

Als der besagte Herr im letzten Presseclub sein Platzhirsch-Gehabe mit einer unbeschreiblichen Selbstherrlichkeit an den Tag legte, da waren nicht nur die Reaktionen darauf, die eindimensionalen Einträge im dortigen Gästebuch - die laut eines Leser der NachDenkSeiten übrigens zur Gänze kritisierend waren, keinerlei Beipflichtungen oder Lobpreisungen boten -, ein Werk der NachDenkSeiten und der gesamten Gegenöffentlichkeit. Vielmehr ist das ganze Auftreten Tichys darauf zurückzuführen, dass die Gegenöffentlichkeit Schritt für Schritt die Menschen erreicht, womit die gesellschaftliche Stellung eines solchen Agenda-Jüngers nicht mehr sakrosankt ist. Es ist eine Mischung aus voller Hose und todeszuckenden Beißreflexen, die solche Gestalten bar jeglicher kaschierender Maske auftreten läßt.

Die Gegenöffentlichkeit in Gesamtheit greift also nicht nur tichyianische Auswüchse auf, um sie zu kommentieren und klarzustellen - sie ist auch schuld daran, dass hin und wieder Zeitgenossen in dieser Weise Amok laufen. Denn gäbe es sie nicht, hätte der Einheitsbrei schon lange eine rundherum homogene Bürgermasse geknetet, die keinerlei kritisches Denken mehr formulieren würde. Kurzum: Die Gegenöffentlichkeit, wir, sollten uns freuen, dass gelegentlich einige dieser Herrschaften ausrasten und maßlos überziehen! Täten sie das nicht, dann müßten wir uns sorgen, dann wären sie mit ihrem Irrsinn auf dem besten aller möglichen Wege. Und würden die Massenmedien nicht derart gegen die LINKE wettern, wären unsere Sorgen noch größer, als sie schon sind - solange gewettert und ausgerastet wird, solange keine enthobene Gleichgültigkeit praktiziert wird, ist vielleicht noch nicht alles verloren.

14 Kommentare:

Anonym 20. September 2008 um 17:10  

Nachdenkseiten-Leser:

Wieder einmal danke für den guten Artikel,

Was die Nachdenkseiten angeht, es stimmt, dass es nicht alleine die Nachdenkseiten sind, die Gegenöffentlichkeit herstellen.

Albrecht Müller & Team bekommen ja auch tatkräftige Unterstützung von anderen Internetusern - die gesammelten Hinweise, Artikel etc. - auch aus neoliberalismusverdächtigen Medien - werden bei Nachdenkseiten kommentiert wiedergegeben. Das finde ich ja gerade gut daran, dass Albrecht Müller - seit Anfang an - nicht seine eigenen Worte, sondern die gesammelten ketzerischen Werke, und natürlich auch die kommentierten Werke entlarvter Neoliberaler, veröffentlicht. Ich interessiere mich auch für einen anderen Bereich, von dem Albrecht Müller wohl gelernt haben könnte, den der Religionskritik - der Neoliberalismus ist ja quasi eine Alltagsreligion für KapitalistInnen. Auch bei Religionskritik wird der ideologische Müll den kirchliche Vertreter von sich geben kommentiert, und atheistische Positionen wiedergegeben - nichts anderes macht Albrecht Müller. Ergo ist er auch ein "Ketzer" - nur eben der Alltagsreligion des Marktradikalismus. Was die Linke angeht, da las ich erst vor kurzem ein Buch zum generellen Thema "Feindbilder" vom Autor Reinhard Kreissl. Die Lektüre würde z.B. Herrn Westerwelle (FDP) auch gut tun - Im Kapitel über längst vergangene Feindbilder, die bei unseren Mitbürgern ad acta gelegt sind kommt der "Kommunismus/Sozialismus" an 1. Stelle vor. Ergo prügeln die Mainstream-Medien, und Herr Westerwelle (FDP) auf einer - bei der Jugend für historisch erklärten - Feindbildkonstruktion herum. Der Kommunismus ist tot. Die Linke ist sozialdemokratisch.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

PS: Die Sozialdemokratie von Münte/Steinmeier ist die der CDU/CSU - ergo lt. Kabarettist im TV zu vereinigen, da kein Unterschied mehr vorhanden.

Klaus Baum 20. September 2008 um 18:39  

Glückwunsch zu diesen klaren Worten. Vielleicht komme ich noch dazu, mich zu Deinem obigen Beitrag ausführlicher zu äußern.
Grüße
Klaus Baum

Klaus Baum 20. September 2008 um 19:20  

kleine ergänzung: zur gegenöffentlichkeit gehören auch einige kabarettisten wie schramm, priol und pispers, um nur drei von mehreren zu nennen.

Anonym 20. September 2008 um 19:36  

So wie die alte - namentliche - Sozialdemokratie wird auch die neue wegfaulen. Vor ca. 100 Jahren stand der Marxismus schonmal zur Disposition. Und dann....?!
Die Menschen warten auf politische Lösungen und nicht auf Mogelpackungen, egal welche Hülle sich die Sozialdemokratie auch geben mag.
Grüßle

Anonym 20. September 2008 um 19:50  

Noch was:

Da etwas irrtümlich - ich meine nicht, dass Münte/Steinmeier/Merkel "sozialdemokratisch" sind - eher im Gegenteil, die sind alle neoliberal-erzkonservativ-ewiggestrig, was auch Rückkehrgerüchte um Ex-Kanzler Schröder in die Politik nährt -

Eine Rückkehr die m.E. der absolute Supergau für die SPD (rechte und angeblich "Linke" in der SPD) wäre, da Schröder der korrupteste Kanzler war, und Ex-Kanzler ist - seit langem.

Nicht einmal Helmut Kohl hat so dreist aus Deutschland eine Bananenrepublik gemacht wie Schröder im Verein mit Fischer, trotz CDU-Spendenskandal.

Und wenn die beiden auf das Kurzzeitgedächtnis und die Moralverdrossenheit der Mitbürger hoffen, dann könnte die SPD eine böse Überraschung erleben.

Ich vermute einmal stark, dass die Kanzlerschaft Merkels, für so abartig ich die auch halte, für die nächsten Jahre gesichert ist - bei so einer SPD-Spitze, die Schröder/Müntefering/Clement, also abgehalfterte Politiker längst vergangener Zeiten, nun vertreten.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

PS: Dank Nachdenkseiten durfte man auch erfahren, dass HartzIV noch einen Schöpfer hat, und eigentlich Steinmeier IV heißen müßte. Der und Kanzler? Sind wir ein Volk von Masochisten, die sich ständig selbst quälen???

Frank 20. September 2008 um 23:26  

Steinmeier hat als Kanzleramtschef unter Schröder Hartz IV mit auf den Weg gebracht und im Nachhinein die zuvor willkürlich festgelegten Regelsätze "errechnet", damit die nicht vom Verfassungsgericht kassiert werden. So einer ist dieser Steinmeier.

Markus 20. September 2008 um 23:47  

Es ist wie der Kampf "David gegen Goliath", den die kritische Gegenöffentlichkeit via Internet gegen den überaus zähen und massiert auftretenden Meinungs-Mainstream zu führen hat. Manchmal gewinnt aber auch der Schwächere...

Jedenfalls sind die Blogs der Anders- und Selbstdenkenden in ihrer Gesamtheit für eine demokratische Gesellschaft unverzichtbar geworden.

Anonym 20. September 2008 um 23:49  

@frank

Dank Nachdenkseiten wissen wir jetzt mehr, und ich hoffe, dass die Gegenöffentlichkeit das weit verbreitet...

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 20. September 2008 um 23:53  

"[...]Die Menschen warten auf politische Lösungen und nicht auf Mogelpackungen, egal welche Hülle sich die Sozialdemokratie auch geben mag.[...)"

Das Problem mit den Mobelpackungen kennt man ja eher von den Konservativen. Oder wer hat damals 1933 Adolf Hitler an die Macht geputscht als Sozialdemokraten und Kommunisten in KZs verreckten? Waren es nicht die Konservativen, die nun CDU/CSU/FDP spielen - als Urenkel dieser Verräter?

Was "politische Lösungen" angeht, dank der Bankenkrise und dem Geldverschenken sieht man ja mittlerweile, dass die Rechtsneoliberalen um Steinmeier/Merkel eben keine Lösung sind.

Ich denke die kommt eher von der Linkspartei, die - im Gegensatz zu den anderen Parteien - nicht nur aus PolitikerInnen besteht sondern auch namhafte Volkswirtschafler in ihren Reihen hat....

Die Zeit der Betriebswirtschafslehre als Volkswirtschaftslehre ist letzte Woche abgelaufen, der "Neoliberalismus ist eine Irrlehre".

Wann begreifst du das endlich?

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 20. September 2008 um 23:56  

Mehr über das "Scheitern der neoliberalen Irrlehre" erfährt man demnächst von Albrecht Müller - auf Nachdenkseiten:

http://www.nachdenkseiten.de/?p=3469#more-3469

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Frank 21. September 2008 um 15:21  

Ich möchte ja nicht kleingeistig erscheinen, aber das Thema Steinmeier und seine Rolle verfolge ich schon seit 2005. Ich ahbe sogar das entsprechende Dokument vorliegen, in dem Steinmeier willkürlich die Sätze der Einkommens- und Verbraucherstichprobe zusammenstrich, um auf den damnalig anvisierten Regelsatz von 345 Euro zu kommen. Es ist also nicht so, dass ich dazu die nachdenkseiten brauchte. Ich finde es gut, dass diese da auch drauf eingehen. Aber sie sind nicht immer die ersten. Nur mal so zur Info.

Anonym 21. September 2008 um 19:24  

@frank

Danke für den Hinweis - ich denke, die bei Nachdenkseiten sind eben auf Hinweise von Lesern angewiesen, und deswegen "nicht immer die ersten".

Vielleicht sendest Du die Hinweise einfach mal an redaktion@nachdenkseiten.de, Albrecht Müller.

Übrigens, Albrecht Müller, sagt ja selbst, dass die Nachdenkseiten nur ein Teil der Gegenöffentlichkeit sind, und verweist auch auf ad sinistram sowie andere kritische Seiten im Netz.

Nur mal so zur Info ;-)

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 23. September 2008 um 18:05  

Heute noch ein Hinweis aus Bild-Blog: Steinmeier darf "Bild" kritisieren. Was daraus geworden ist? Lest selbst:

http://www.bildblog.de

Mein Fazit:

Wenn das neuerdings "Kritik" heißt, dann wundert mich bei der SPD gar nichts mehr!

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 13. August 2009 um 21:14  

Wunderbar endlich noch ein Blog für meine Favoritenliste.
Ich habe lange nach ähnlichen Seiten wie die NDS gesucht, und habe jetzt endlich was gefunden.
Respekt für ihre Seite super gut gemacht.
Ich hätte da noch eine Info für euch, Angela Merkels Sünden ! lesen, gibt es kostenlos bei BookRix, einfach mal Googeln.

Wenn ihr dann über das Buch berichten solltet, dann freue ich mich jetzt schon auf die Kommentare.
Gruß Gegenöffentlichkeit

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