Drei Großväter

Samstag, 13. September 2008

Es waren einmal drei Großväter. Der erste lebte Verzicht und Selbstaufgabe zugunsten seiner Enkelkinder; der zweite Großvater gab sich Mahnungen und verwirrender Zahlenmystik hin, während der dritte als Hoffnungsträger und Erneuerergestalt auftrat. Nun hatten alle drei einen braven, folgsamen Enkelsohn, der ihnen jeden Wunsch von den Augen ablas. Und da dieser vorbildliche junge Mann - rein zufällig - Journalist und Chefredakteur einer großen Tageszeitung war, bot er den Mitgliedern dieses fidelen Seniorenbundes an, sie in seinem Blatt zu erwähnen. Es war nicht nur das gute Herz eines Enkels, welches ihn zu dieser generösen Handlung trieb, sondern vielmehr die erschlagende, befreiende, aufklärerische Weisheit seiner vitalen Vorväter, die er jedem Leser nähergebracht wissen wollte.

So erteilte er dem ersten Großvater das Wort, ließ ihm davon berichten, wie dieser seine nicht gerade üppige, doch für ihn zufriedenstellende Rente beschnitt, um der Staatsverschuldung ein wenig Einhalt zu gebieten. Dem liebevollen Enkelsohn standen Tränen in den Augen, als der Weise völkisch-pathetisch erklärte, dass er dem jungen Volke nicht auf der Tasche liegen möchte und dass er dies eigentlich auch von allen älteren Menschen des Landes erwarte. Das wehleidige Klagen und Jammern, so hieß es aus diesem klugen Munde der Lebenserfahrung, könne einfach nicht mehr ertragen werden. Der Enkel griff diese Weisheiten auf, machte daraus ein kleines Heldenstück des Alltags und war sich sicher, damit das Herz seiner Leserschaft erobern zu können.

Danach widmete sich das herzensgute Kindeskind dem zweiten Großvater, der mit agiler Lebensfreude, eingehüllt im Dunste belebenden Kettenrauches, mit Zahlen um sich warf, welche ihn zu Schlußfolgerungen trieben, die - so sagt der Greis selbst - unpopulär seien. Mit staatsmännischem Stoizismus schwelgt er in Sphären uneinholbarer Weisheit, wenn er erklärt, dass flächendeckende Lohntarife die Entwicklung hemmen oder der Arbeitsmarkt immer noch zu eingeengt sei. Nach einer rituell anmutenden Inhalation an der Zigarette fährt er fort: Der Kündigungsschutz ist zu starr, das Arbeitslosengeld zu hoch und der Anreiz zur Annahme von Arbeit zu gering! Und als er dann auch noch verkündet, dass man mit Sozialhilfe und etwas Schwarzarbeit immer noch ausreichend gut leben könne, da erhob sich der brave Enkelsohn, verbeugte sich respektvoll, mußte danach gar vom Großvater ermahnt werden, sich von den Knien zu erheben. Der junge, strebsame und nun doch sehr ergriffene Mann wollte diese Weisheit aus allzulanger Lebenserfahrung belohnt wissen und ersann sich eine Trophäe, die jenem zweiten Großvater übergeben werden sollte. Zwar war ihm natürlich aufgefallen, dass die Zahlenmystik des Greises, gerade als er von Erwerbsquoten und dergleichen sprach, etwas hinkte und die Amtszeit eines ihm sehr ähnlich sehenden Senioren beschönigte, in der die Erwerbsquote deutlicher "unter 50 Prozent der Gesamtbevölkerung" lag, doch dies tat dem Elan des Enkels keinen Abbruch, seinem Großväterchen zur Schlagzeile zu verhelfen.

Es bedurfte einiger Selbstdisziplin, um sich des staatsmännischen Alten zu entziehen, sich des dritten Großvaters, der Heilandfigur, zuzuwenden. Doch auch seinem dritten Großvater brachte er jene Liebe entgegen, die zuweilen ein junger Mensch einem älteren Weisen entgegenzubringen vermag. Und da der dritte Großvater am wenigsten Substanz hatte, um eine Leserschaft zu interessieren, ermöglichte es der von allen geliebte und respektierte Enkelsohn diesem älteren Herrn, in mehreren Artikeln seines Blattes Eingang zu finden. Auch wenn das letzte Mitglied dieses Seniorenbundes kein Weiser war, nicht mit Selbstaufgabe und großväterlicher Ratgebung brillieren konnte, so wurde er doch von ganzen Herzen von seinem Enkelchen geliebt und gemäß seiner Notwendigkeit eben nicht mit einem durchschlagenden Artikel belohnt, sondern mit vielen kleinen Artikeln, die freilich nur kleine Löcher schlugen, welche aber letztendlich irgendwann einen Durchschlag erzielten. So ließ er den geschätzten Großvater zum Erlöser einer moribunden Partei ernennen; zu einem Messias, der einst die Seinen verließ, um nun zu ihnen zurückzukehren; einer Gestalt, die geradewegs von seiner himmlischen Wolke gefallen scheint. Und er wiederholte es täglich, an jeder Stelle, ließ seine Mitarbeiter diese Einsichten ebenso herunterbeten und wußte damit seinem Opa ein Stück Lebensfreude gesichert.

Es waren also einmal drei Großväter, die ihren liebevollen Enkel liebten und sich geliebt wußten. Und jener war so beeindruckt von der Weisheit der Alten, dass er sie hofierte, dass er seinen Großvätern auf ihre alten Tage hin, noch einmal eine Freude bereiten wollte. Nebenbei freut er sich selbst ebenso, denn die drei Senioren bescheren ihm ein sattes Säckel und die Gewißheit, dass es sein Blatt ist, worüber man redet in diesem Lande. Dies macht die Binsenweisheit aus dem Volksmund zur Wahrheit, wonach nur der Glück und Segen erfährt, der sich um seine Alten kümmert und sie nicht verstößt. Dies sei die Moral dieser Geschichte.

5 Kommentare:

Roger Beathacker 13. September 2008 um 11:01  

nebenbei bemerkt...

Unter Erwerbsquote versteht man, so meine ich es jedenfalls einmal gelernt zu haben, eben nicht das Verhaeltnis von Erwerbstaetigen zur Gesamtbevoelkerung, sondern das Verhaeltnis der (prinzipiell) Erwerbsfaehigen zu tatsaechlich Erwerbstaetigen. Rentner und Kinder z.b. werden also in dieser Rechnung normalerweise nicht beruecksichtigt.

Wer in der BILD schreibt, muss sich offenbar auch die entsprechenden Methoden zu eigen machen, egal ob er nun Schmidt heisst oder Mueller.

Markus 14. September 2008 um 00:10  

Wie sagt doch der Volksmund richtig:

"Alter schützt vor Torheit nicht"
und
"Dummheit und Stolz sitzen auf einem Holz".

Roberto J. De Lapuente 14. September 2008 um 09:32  

Ich muß ehrlich zugeben, dass ich dieses Sprichwort bezüglich Dummheit und Stolz nicht kannte. Was ich aber wußte ist: das Wort "Stolz" ist dem lateinischen "stultus" entlehnt, welches soviel wie "töricht" aussagt. Damit schließt sich also der Kreis und das von Dir erwähnte, mir unbekannte Sprichwort spielt auf den etymologischen Ursprung des "Stolzes" an. Man kann demnach also ableiten, dass überzogener Stolz oftmals töricht und nicht erhebend wirkt. Vor Dummheit blind - wer hat solche stolze Blinde nicht schon erlebt? Und wer war nicht selbst schon in dieser Weise blind?

Anonym 14. September 2008 um 11:20  

Eine kleine Korrektur (@markus):

Das Sprichwort über die Dummheit und den Stolz findet man im Internet in mehreren Varianten.
Richtig scheint aber die folgende Variante zu sein:

"Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz"

Siehe z.B.:
"Burundische und biblische Sprichwörter über den Frieden"
http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/446/pdf/diss.pdf
Abschnitt "Das Sprichwort im deutschsprachigen Unterricht", Seite 263, Fußnote 119.

Oder auch hier (italienisch):
http://www.abtei-waldsassen.de/i/bibliothek/details.htm

stefanolix 15. September 2008 um 08:20  

Die Wendung »wachsen auf einem Holz« kommt vermutlich aus einem ganz alten Handwerk. Beim Veredeln wird auf ein Gehölz ein Pflanzenteil aufgepfropft. Die Leute meinten damals wohl, dass Dummheit und Stolz so eng verwandt sind, dass sie auf der selben Grundlage wachsen können.

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