Gespaltene Persönlichkeiten

Samstag, 23. August 2008

In Wagenhofers "We feed the World" begegnet uns ein österreichischer Produktionsmanager im Diensten des Saatgutherstellers Pioneer, der seit einigen Jahren in Rumänien seiner Tätigkeit nachgeht. Dort fühlt er sich schwelgend zurückversetzt in eine Zeit, die er in Österreich vor 50 Jahren erlebt habe, als er mit seinem Großvater noch über die Felder ziehen und die Natur betrachteten konnte. Aber dieser Rückständigkeit zollt er den rumänischen Bauern mit Respekt, da diese noch im Schweiße ihres Angesichts Felder bestellen und Ernten einfahren - alles von Hand, ohne Traktoren, nur ausgestattet mit Körben und Pferdefuhrwerken. Die Naturverbundenheit und die Nähe zum eigenen Produkt, also das Nicht-Entfremdetsein der Werktätigen ringt ihm romantische Erinnerung ab. Alsdann berichtet er vom Aufgabefeld Pioneers, vom Hybridsaatgut, welches wohlgeformte, polierte Früchte wie aus einem Guss wahr macht, aber gleichzeitig den Landwirten verunmöglicht, ihre damit erzielte Ernte erneut zur Aussaat zu verwenden. Der Österreicher schwört zudem auf organische Lebensmittel, weil sie besser schmecken. Außerdem hofft er inständig, dass die rumänischen Bauern niemals reich genug werden, um sich Hybridsaatgut leisten zu können, womit sie in Abhängigkeit zu seinem Unternehmen oder einem anderen Hybridsaatguthersteller geraten würden. Der Westen habe sich schon kaputtgemacht, nun würde man dazu übergehen, auch Rumäniens Agrarkultur zu atomisieren, sprach er und fuhr fort, dass dies der Fortschritt sei. Dabei fällt es ihm nicht auf, dass der von ihm erkannte Fortschritt einen Rückschritt darstellt, den man sich resignierend zu unterwerfen hat, ob man letztendlich will oder nicht - ganz abgesehen von der grauen Aussicht, relativ geschmackloses Gemüse konsumieren zu müssen. Trotz allem, so möchte er klarstellen, tut er in seiner Stellung als Produktionsmanager bei Pioneer alles, was der Unternehmensvorstand von ihm fordert - aber als Privatperson vertritt er seine persönliche Meinung, auch wenn sie den Bereich seines beruflichen Schaffens nicht gerade schmeichelhaft umgarnt.

Ebenso in Achbars und Abbotts "The Corporation" treffen wir auf einen ähnlichen Zeitgenossen. Dieser ist Chief Executive Officer (CEO) beim Öl-Konzern Shell, tut dort all das, was die firmeninterne Logik von ihm verlangt - was ja nicht viel ist, außer der üblichen Profitmaximierung -, erklärt aber als Privatmann gleichermaßen, dass er gegen die unbeschreiblichen Belastungen unserer Umwelt ist, gibt laut eigenen Aussagen sogar eine Unmenge seines Gehaltes dafür aus, Umweltschutzprojekte und -organisationen zu unterstützen - man glaubt es ihm sogar.

CEOs und Manager im Diensten ihrer Herrn: Gestalten, die unser Leben prägen. Es sind Technokraten des Wahnsinns, die auf der einen Seite an der Verschlechterung der Lebensumstände, ja an einem Höllenszenario auf Erden arbeiten, gleichzeitig aber ihrer Tätigkeit als Handlanger eines ausufernden Apparats abschwören, dem eigenen Werkeln an der Wahnsinnigmachung der Welt den Rücken zukehren. Dabei bleibt nie die Loyalität auf der Strecke; man stellt unkritisch fest, dass Konzerne eben Konzerne seien und kein Herz besitzen - welch paradoxe Situation: eine (juristische) Person ohne Herz! Zur Überwindung dieser Diskrepanz spalten sich diese Zeitgenossen selbst auf. Sie ersinnen sich den zweigeteilten Menschen, der hier geschäftlich ist und dort privat. Der geschäftliche Mensch will hierbei säuberlichst vom privaten Menschen getrennt sein, will sich von ihm nicht beeinflußen oder moralisch belasten lassen; will nicht daran erinnert werden, dass er in diesem Moment an einer Verschlechterung des menschlichen Daseins arbeitet. Auch der private Mensch, wenn er am Feierabend zu seinem Recht kommt, will nicht mit dem Gegenpart vermengt sein. Es liegt ihm in Momenten des Privaten fern, sich daran erinnern zu müssen, dass er noch vor einer Stunde Bestandteil eines diktatorischen Mechanismus war, der ihn aufgrund von Lohnabhängigkeit zum Mittäter hat drängen können. In Augenblicken des Privaten ist der Privatmensch der Mensch an sich, wiewohl in Geschäftszeiten der Geschäftsmensch vorgibt, der wirkliche, wahrhafte, einzige Menschentypus zu sein, der in Korpus der betreffenden Person schlummert.

Diese Trennung der Person in zwei Lebensbereiche, wobei beide penibel in Einzelhaft gehalten werden, ermöglicht dem Betreffenden das Überleben, erlaubt seinem Gewissen eine Phase des Durchatmens. Es ist ein persönliches "simplify your life". Auch wenn er für eine Unternehmensdiktatur tätig ist, so kann er sich selbst vorbeten, dass er eigentlich, im Kern seines Wesens, als privater Mensch also, kein nekrophiles Wesen der puren Geschäftsrationalität ist, sondern jemand, der dem eigentlichen Folgen seines Mittuns diametral entgegensteht. Was er als Durchatmen des Gewissens erkennt, ist in Wahrheit die Narkotisierung desselbigen, wenn nicht sogar die Ermordung auf Raten. Wenn einem das eigene Tun niemals zweifelhaft, kritisch oder am Ende gar negativ vorkommt, wenn es keine schlimme Folgen zu haben scheint, niemals Eigenverantwortlichkeit heraufbeschworen wird, solange man ja nur geschäftlich zerstört und zerwirft, dann driftet man langsam aber sicher ab in einen uferlosen und tristen Nihilismus. Das Geschäft erlaubt indes diesen Nihilismus des Gewissens - verlangt es freilich sogar als Prämisse für eine hohe Position im Unternehmen - und setzt damit einen Prozess in Gang, der das Gewissen arglistig und genußvoll langsam erdrosselt. Im Angesicht des Profits ist Gewissensbändigung ein hinderliche Erscheinung, den man nicht dulden kann, sofern man in seiner Funktion als Geschäftsmensch Sprünge auf Karriereleitern und in Bürohierarchien machen will.

Der "Eichmann des Alltags" setzt Lineale an, bringt Zahlen in Rechenprogrammen an die richtige Position, vergleicht Preise und Statistiken, wägt Kosten und Nutzen ab anhand von Zahlenwerten - er geht gewissenlos, dafür aber mit der schützenden Hand seines Führers - der Unternehmensleitung - ans Werk. Die Diktatur des Unternehmens legitimiert sein Handeln, erlaubt es ihm, dass er sich selbst mehr als Opfer erkennt denn als Täter - als Opfer der Epoche, des Zeitgeistes, des Fortschritts, der Technisierung oder der Massengesellschaft. Sobald er aber den Heimweg antritt, sofern dies ohne Aktenordner unter dem Arm geschieht, den er am heimischen Schreibtisch nochmal auswerten möchte, bedient er sich seiner Lebensvereinfachung; dessen was in grauer Vorzeit sein Denken maßgeblich beeinflußt hat, damals als er noch nicht den Part des Geschäftsmenschen einnehmen mußte - eine kleines, persönliches Vergnügen namens Gewissen. Freilich ein amputiertes Gewissen, weil ein gesundes Gewissen immer spontan - d.h. im Moment der innerlichen Entrüstung oder Anteilnahme - auftritt und nicht erst dann, wenn die Feierabendglocke ertönt. Wer sein Gewissen auf diese Art bändigen, wer es wie ein Haustier dressieren, wer also ein domestiziertes Gewissen sein Eigen nennen kann, wer folglich von der Menschlichkeit spontaner Gewissensbisse befreit ist, der bemüht kein Gewissen zur abendlichen Stunde als Privatmann, sondern der reanimiert ein vielleicht früheres Entrüsten, erfindet sich Gewissensbisse, die man in seinem Umfeld von ihm erwartet, schauspielert sich selbst ein wenig Menschlichkeit vor, ist eigentlich verstümmelt an seinem Wesen - kurz: ein gebrochener Mensch.

Diese im Alltag fixierten Anleihen an das Pflicht- und Ehrgefühl des Nationalsozialismus', betrüben das gesellschaftliche Miteinander. Auch seinerzeit schimmerte hinter dem härtesten SS-Obergruppenführer ein Mensch hervor, der sich in manchen Stunden seines Privatlebens gefragt hat, warum er Juden hassen soll oder ob die Großmannssucht seiner Administration zum Heil der Welt führen kann oder nicht. Wohl hat auch er resigniert feststellen müssen, gleich den heutigen schizophrenen Charakteren, dass dies der Weg des Fortschritts sei, den man nicht mit Gewissensbissen asphaltieren dürfe. Und wer kennt die Geschichten nicht, die Adolf Hitler als netten privaten Gastgeber verklären, in denen aus dem Führer der "liebe Onkel Adolf" wurde, der charmant zu Frauen war, Anekdoten zu erzählen wußte und plötzlich, sofern er wieder "im Dienst" war, dazu überging, den Juden ihren Tod anzukündigen.
Der "Faschismus" entstammt etymologisch vom lateinischen Wort "fasces", welches für Rutenbündel steht. Mussolini bediente sich an der Symbolik des Römischen Reiches - wollte damit natürlich auch seinen historischen Auftrag zementieren, sich als Nachfolger eines Augustus proklamieren. Seine Bewegung wollte die Zersplitterung innerhalb Italiens aufheben und aus Kommunisten, Sozialisten, Klerikalen und Konservativen ein einiges Vaterland generieren - alle sollten an einem Strang ziehen, sollten ihre Kräfte bündeln, ohne Partikularinteressen zu beachten. Der Faschismus ist also eine Bündelung und eben an dieser Bündelung der Kräfte zur Herbeiführung eines Zieles, an dieser Einheitsfront demnach, macht sich der Faschismus kenntlich. Wenn also heute Menschen innere Spaltungen betreiben, um ein Teil des Bündels zu werden, welches auf die Hinwirkung des Zieles der "entfesselten Profitmaximierung auf alle Ewigkeit und Amen" abzielt, dann beschwört das die traurige Einsicht, einem faschistischen Apparat Untertan sein zu müssen. Und wenn Menschen sich in Momenten der "Nicht-Bündelung" ein Gewissen erfinden, dann zeigt sich einmal mehr, dass das System ein repressives sein muß, denn Freude am System sieht anders aus.

Im schizophrenen Menschen heutiger Prägung, in der Spaltung des Individuums in Geschäfts- und Privatmensch, wird der nicht mal mehr latente Faschismus unserer Tage erkennbar. Es ist nicht der Faschismus früherer Zeit, nicht der gänzlich uniformierte Wahnsinn - auch wenn in den Unternehmenskulturen heutzutage die Militarisierung und Uniformierung beliebt ist -, nicht das Herbeiflehen von Blut und Eisen - denn sowas machen wir mittels Geheimdienste und Medienzensuren hinterrücks -, nicht das Preisen eines ewigen Führers - wir haben nur eine ewige Führungsschicht -, sondern der Totalitarismus der Akkumulation, des "Immer effektiver" und "Immer billiger" und "Immer mehr und mehr" - der Totalitarismus der Zügellosigkeit, der keinen Halt macht vor kulturellen und sozialen Verwerfungen und der Atomisierung der Gesellschaftsstrukturen.

Der gespaltene Mensch ist Ausdruck von Resignation, aber auch von Pragmatismus im Namen des vermeintlichen Fortschritts; beschreibt gleichermaßen die Ohnmacht des stillen Betrachters, der zusehen muß, wie Menschen irre werden am Wahnsinn unserer Zeit, wenn eigentlich vernünftige Zeitgenossen von einer Minute auf die andere zum Handlager des Teufels werden, nur weil es ihre Dienstauffassung so vorschreibt. Es ist solange kein soziales Gewissen der Konzerne einforderbar, wie Menschen in Diensten dieser Konzerne dazu bereit sind, Abstriche in ihren Gewissensfragen zu dulden. Erst wenn der Geschäfts- und der Privatmensch wieder zusammengeklebt und versöhnt werden, wenn also der Mensch im Betrieb wieder der gleiche ist, wie der Mensch im Wohnzimmer, kann die Maßlosigkeit omnipotenter Konzerne gedrosselt werden und eine Welt für Menschen nicht für Konzerne umsetzbar werden. Teilzeitgewissen sind in keinster Weise Lichtblicke in dieser Welt, eher schon Anzeichen allpräsenter Ohnmacht und Sinnbild der Verzweiflung.

25 Kommentare:

Anonym 23. August 2008 19:07  

"[...]Teilzeitgewissen sind in keinster Weise Lichtblicke in dieser Welt, eher schon Anzeichen allpräsenter Ohnmacht und Sinnbild der Verzweiflung.[...]"

Volle Zustimmung, aber was den Faschismus angeht, da hat schon mancher - auch ein berühmter Held des Spanischen Bürgerkrieges, der Anarchist Durruti, etwas gesagt, dass wohl heute in Vergessenheit geraten ist, zumal "Historiker" wie Götz Aly den Nationalsozialismus neuerdings ja als "Sozialismus" verkuafen wollen. Durruti meinte, für die damalige Zeit, und auch heute wieder hochaktuell, Kapitalismus und Faschismus sind die selben Seiten der gleichen Münze. Das neoliberale Geschichtsfälscher, wie der Historiker Götz Aly dies natürlich anders verkaufen wollen ist klar, denn wer gibt schon gerne zu, dass der nationale Sozialismus eine Tarnung für den Faschismus Hitlers war, und Hitler von Großindustriellen wie Krupp & Co. hofiert wurde.

Roberto J. De Lapuente 23. August 2008 23:24  

Nicht dass ich Aly in Schutz nehmen möchte, denn verdient hat er das freilich nicht, bei seiner sonderbaren Deutung der Geschichte (siehe auch seine Deutung zu 1968). Aber so neu ist es nicht, dass ein Historiker eine sozialistische Variante im Nationalsozialismus erkennt. Bereits David Schoenbaum erläutert 1966, dass der Nationalsozialismus eine mitteleuropäische Weise sozialistischer Gesinnung ist. Schoenbaum schreibt und zitiert in "Die braune Revolution":

- Das Reichssiedlungsgesetz, so schrieb ein Doktorkandidat, bezeichne „die Änderung in der Blickrichtung des neuen Deutschlands vom liberalistisch-kapitalistischen Westen nach dem sozialistischen Osten“.

- [...] und Hermann Göring kritisierte diejenigen, die in dem Namen der Partei das Wort „sozialistisch“ zugunsten von „national“ vernachlässigten. – Hermann Göring, „Reden und Aufsätze“

- „Es ist in der Tat unmöglich, den Gegensatz zwischen Kapitalismus und Sozialismus zu formulieren, solange der Sozialismus nicht definiert worden ist; und die Partei, die alle bisher bekannten Arten von Sozialismus ablehnte, hat keine Ahnung, worin ihr eigener Sozialismus besteht. In Deutschland ist es daher ratsam, ja sogar notwendig, zugleich prokapitalistisch und prosozialistisch zu sein; und kein kluger Mensch versäumt es, zu betonen, daß er beides sei.“ – „Anti-Socialist Socialists“ in The Economist

- „Dieser Sozialismus ist kein Mitleid.“ – Robert Ley

- „Dies war der Sozialismus, den ich suchte und dem mit allen Fasern zu dienen mir eine Ehre war.“ – Goebbels’ Adjutant Schaumburg-Lippe

- „Ich will und werde zu Ihnen so sprechen, wie ich eben vor Abertausenden von Arbeitern gesprochen habe. Früher mußte sich der Redner immer einstellen auf Klassen und auf die Schichten und Berufe.“ – Robert Ley

Es läßt sich trefflich darüber streiten, was Sozialismus genau sei und ob der real existierende Sozialismus jemals das war, was man darunter hätte verstehen können. Zweifellos ist aber die Tatsache, dass sich die NSDAP als sozialistische Partei verstand - als eine Partei des deutschen Sozialismus, der mit Ley gesprochen, kein Mitleid ist, und mit anderen Worten aus "Der Angriff" beschrieben, Kampf, Kameradschaft, Ehre, Blut, Rasse und tiefernster Glaube an Gott ist. Ein Sozialismus auf Kosten anderer Völker, ein Sozialismus nicht der Gleichheit, sondern der rassischen Unterteilung.

Zudem, und der Auszug aus "The Economist" trifft es hier mit weisen Worten: Der Sozialismus deutscher Machart, der Faschismus italienischer Prägung - der ja ein Produkt eines ehemaligen Sozialisten war -, beruht auf Bündelung von Partikularinteressen, um diese einen vereinten Ziel unterzuordnen. So ist laut "The Economist" der Nationalsozialismus prokapitalistisch und prosozialistisch - vereint also zwei Gegensätze und formt daraus, wenn man das so ausdrücken will, eine Synthese.

Desweiteren beschrieb der Historiker Ernst Nolte in den Achtzigerjahren, dass Auschwitz als Reaktion auf den Archipel GULAG gesehen werden kann. 1986 erschien in der FAZ ein Artikel von ihm, in der fragte, ob nicht "der Archipel GULAG ursprünglicher als Auschwitz sei". Freilich hat er damit Aufsehen erregt und mußte sich harsche Kritik anhören. Was aber Nolte in der Gesamtheit seiner These ausdrücken wollte war, dass der Faschismus Mitteleuropas durchaus als eine Reaktion auf die Auswüchse des Bolschewismus verstanden werden müssen. Die willkürliche Morde, Enteignungen, Standgerichte, Deportierungen etc. nährten in Europa jene Stimmen, die nach Militarisierung und starker Hand schrien. Joachim Fest sieht im erstarkenden Kommunismus der Weimarer Republik eine Grundlage dafür, dass Hitlers Partei an die Macht drängen konnte - Eberhard Jäckel nennt ebenso die immer mehr erstarkende KPD als Grund für die Machtergreifung. Gerade Fest fixiert auch, dass Hitlers Partei als Entwurf einer sozialistischen Partei erdacht war. Und wenn wir einkalkulieren, dass der britische Historiker Ian Kershaw erklärt, dass die Möglichkeit bestünde, dass Anzeichen bestehen, dass Hitler in der Münchner Räterepublik eine kleine Rolle auf Seiten der Roten gespielt habe und er bald darauf einer sozialistischen Stammtischpartei (der DAP) beitrat, formell um zu spitzeln, dann liegt doch die Vermutung nahe, dass das Konzept der NSDAP durchaus einen sozialistisches Antrieb hatte - wie gesagt, eine sonderbare Form des Sozialismus, die sich aber vielleicht auch daher erklärt, ein Gegenentwurf zum Bolschewismus sein zu wollen.

Die Trennung zwischen Faschismus und Sozialismus ist meines Erachtens zweifelhaft, weil - um nur einige Punkte zu nennen -, a) der reale Sozialismus entfremdete Arbeitsverhältnisse in der Industrie, ohne oder mit mangelhaften Arbeitsschutzgesetzen Wirklichkeit werden ließ und er zudem eine Form des Staatskapitalismus darstellte, b) weil der Faschismus als mitteleuropäische Spielweise eines sozialistischen Zeitalters Anfang des 20. Jahrhunderts darstellte.

Vor einigen Monaten schrieb ich folgendes dazu.

Anonym 24. August 2008 11:56  

Hallo Roberto J. De Lapuente,

es mag ja alles so sein, wie du schreibst.

Dennoch gebe ich hierbei zu bedenken, dass du weitgehend neokonservative Historiker - zu denen eben auch Götz Aly, Nolte, Fest & Co. gehören - zitierst.

Der Historikerstreit in den 90ern zwischen diesen Neokonservativen und "linken" Historikern drehte sich nicht umsonst um die Form des Geschichtsrevisionismus bzw. der -fälschung.

Außerdem denke ich bei solchen Themen - in Zeiten des Überwiegens von neokonservativen Historikern - immer wieder an den selbst ernannten konservativ-preußischen Historiker Sebastian Haffner. Dieser soll einmal - ich glaub sogar während seines britischen Exils in der Nazizeit - geschrieben haben, dass auch Historiker nicht frei von der herrschenden Ideologie (damals eben die Nazi-Historiker in Deutschland gemeint) sind, d.h. seit einigen Jahren überwiegt in der Historikerzunft die herrschende Ideologie des Neoliberalismus, die auch vor klarer Geschichtsfälschung nicht zurückschreckt, um jegliche Alternativen zum Neoliberalismus vom Tisch zu fegen. Übrigens, was Götz Aly angeht, da kann man hier: http://www.nachdenkseiten.de/?p=3086#more-3086 eine interessante Entgegnung nachlesen.

Zu Sebstian Haffner, kann ich Wiki empfehlen, und seine Bücher, die eben aus erzkonservativ-preußischer Sicht, geschrieben sind. Was die marxistische Sicht angeht, da empfehle ich den Historiker Kurt Pätzold, der in seinen neu erschienenen Historiker-Erinnerungen den herrschenden neoliberalen Geschichtsrevisionismus angreift.

Ich selbst übrigens sehe mich als unideologisch an, und verweise genau aus diesem Grund darauf, dass eben auch Historiker "Schreibtischtäter" sein können.

Sicher bin ich mir, dass es einmal interessant wäre, die Meinungsmache der überwiegend neoliberal-unterwanderten Historikerzunft zu beschreiben.

Vielleicht gibt es das ja mal?

Gruß
Anonym

Roberto J. De Lapuente 24. August 2008 12:59  

Mir ist bewußt, wen ich zitiere, wenngleich ich z.B. Joachim Fest bei allem stocksteifen Konservatismus, den er in sich vereinte, vom Vorwurf der Rechtfertigung des Neoliberalismus freisprechen möchte. Er hat vielmehr nie dazu Stellung bezogen, bzw. unmerklich so gut wie es geht vermieden, das Hier und Jetzt historisch auszuwerten, was für einen Zeitgenossen freilich auch nicht möglich ist. Der Historiker ist kein Futurist in der Art, sich geistig in die Zukunft aufzumachen, um das Heute bewerten zu können.

Auch Raimund Pretzels - genannt Sebastian Haffner - Werke sind mir in Gänze bekannt. Außer seine gesammelten Essays und Artikel aus seiner Zeit beim "Observer", kenne ich jedes seiner Bücher. Wahr ist, dass preußisch-konservativ dachte, aber wahr ist auch, dass er liberal gesittet war, versucht war, Hitler nicht ideologisch - also ohne Bewertung darzustellen, wenngleich im das schwerfiel. Die "Anmerkungen zu Hitler" erregten Aufsehen, weil er darin ein Kapitel führt, dass sich mit den "Leistungen" Hitlers auseinandersetzt. Er schreibt darin, dass nicht alles was ab 1933 geschah auf Hitlers Mist gewachsen ist, d.h. dass viele sogenannte Besserstellungen schon von den Vorgänger-Regierungen verabschiedet wurde, aber auch, dass bis 1939 eine sozialistische Form entstand, die dem Volksgenossen zu mehr Rechten und materieller Bevorteilung verhalf. Freilich nur im Rahmen des Systems und nur denjenigen, der sich unkritisch gegenüber den Nazis verhielt. Deshalb aber Haffner zum Revisionisten zu erklären ist äußerst zweifelhaft, gerade auch, weil Haffner sich sehr kritisch zum Regime äußerte und ja auch von England aus gegen Nazi-Deutschland anschrieb.

Erkannt wurde ja schon, dass Geschichte ideologisch gefärbt ist. Und meines Erachtens war es auch wirklich Haffner, der dies so oder ähnlich schrieb. Geschichte ist zudem oft ideologisch von den Siegern der Geschichte gefärbt. So kann eine Schlacht aus dem Mittelalter einmal zum nationalen Erweckungsereignis werden - dann spielt es auch keine Rolle, dass dieses Ereignis vielleicht 700 Jahre zurückliegt; und plötzlich ist dieselbe Schlacht ein Mahnmal und ein Schandfleck der Historie.

Im Faschismus Mitteleuropas eine Antwort und Modifizierung des Bolschewismus zu sehen, kann ich aber nicht als Verfälschung der Geschichte betrachten - und hätten wir vor 1939 gelebt, hätten wahrgenommen, wie die Deutschen und Italiener ihre Sonderform des Sozialismus besehen, dann würden wir heute evtl. differenter darüber urteilen. Die angeblichen Antagonismen Faschismus-Kommunismus halte ich somit ebenso für eine Form ideologischer Geschichtsschreibung im Sinne der Sieger. Abgeleitet aus dem historischen Erleben zweier Kriegsgegner - also Deutsches Reich und SU -, läßt sich zunächst ableiten, dass zwei Ideologien gegenüberstanden, die sich unterschieden. Aber Gegensätze zögen sich, so sagt der Volksmund, eher an und wenn man sich zu ähnlich ist, verfällt man gerne in Streit. Vielleicht liegt in diesen banalen Einsichten des Volkes ein wenig Wahrheit. Die SU hatte Interesse daran, den Vaterländischen Krieg als Krieg gegen eine differente Ideologie darzustellen, weil es keinerlei sozialistischen Entwurf neben dem Stalinismus geben durfte. Man fragt sich zudem, warum die westliche Welt in Hitler und Stalin ein Zwillingspaar entdeckt glaubte.

Angemerkt sei nochmal, dass im Bolschewismus wenig verankert war, was wir als Sozialismus bezeichnen möchten. Er war repressiv, ausbeutend und mörderisch. Gleichwohl finden sich im Faschismus Mitteleuropas kaum Anzeichen für das, was wir Sozialismus nennen könnten. Wer nicht Bestandteil des Volkskörpers war, der war ausgegliedert - es war zweifelsohne eine noch sonderbarere Form mutierten Sozialismus' als es der Bolschewismus war.

All das hat nichts mit Reinwaschung des Nationalsozialismus zu tun, denn da gibt es nichts zu beschönigen. Die sozialistische Utopie - die nach Marcuse ja bereits Geschichte zu sein hätte, weil sie nicht mehr utopisch ist, sondern lebbar - hat uns nicht gelehrt, dass ein gutes Leben auf Kosten anderer Völker verwirklicht werden soll. Im Bolschewismus hat man dies bruchstückhaft aber genau so umgesetzt; im Faschismus hat man es zum notwendigen Dogma erklärt. So gesehen war der Faschismus eine Form begrenzten Sozialismus', der nicht alle Menschen befreit wissen wollte, sondern nur bestimmte Völker - sogenannte Herrenmenschen.

So wie ich es sehe, ist eine klare Trennung von Ideologien weltfremd, weil auch angeblich differente Systeme sich Ideen aus dem Feindeslager holen. Gleichwohl fühlt man sich durch "den Anderen" zum Ekel animiert und setzt gerade das Gegenteil dessen um, was der Kontrahent umsetzt. Wie sollte es denn erklärbar sein, dass in einer Welt, die seinerzeit so eng zusammengerückt war nie zuvor, eine mitteleuropäische Ideologie entstehen konnte, die sich quasi im Vakuum entwickelte, ohne gen Osten zu blicken?

Wenn der Historikerstreit seinerzeit zwei Historiker-Lager aktivierte, Nolte und seine Anhänger zu Revisionisten und ideologisch gefärbten Geschichtsonkeln erklärt wurden, waren dann jene, die sich als marxistische Historiker begriffen, nicht ebenso ideologisch verfangen?

Schreibtischtäter: Keine Frage, auch der Historiker kann das sein. Aber in der Einsicht, dass der Faschismus eine Abart des Bolschewismus und dieser ja eine Perversion sozialistischer Utopie war, hat nichts mit Täterschaft zu tun. Im Gegenteil, es zeigt uns Wege auf, wie es nicht mehr sein darf und dass man aufpassen muß, dass aus einer edlen Idee keine Hölle wird.

Roberto J. De Lapuente 24. August 2008 13:03  

Noch eine Anmerkung: Es ist mir bewußt, dass ich dem schweren Stand heutiger Sozialisten und jenen, die sich dafür halten, keinen Dienst erweise, wenn ich so eine These vertrete. Wenn der Sozialismus, der nie wirklich existiert hat, nicht nur von Lenin und Stalin pervertiert wurde, sondern auch noch als Produkt den Faschismus benennen kann, dann ergibt sich eine Angriffsfläche mehr und aus den angeblichen "Jüngern Stalins" werden dann "Jünger Stalins und Hitlers", auch wenn gerade selbsterklärte Sozialisten behaupten, dass sie mit letzterem nichts gemein haben.

Anonym 24. August 2008 13:26  

Lieber Roberto J. De Lapuente,

es mag schon sein, dass du dies so siehst, aber wie erklärst Du mir dann die blutige Gegnerschaft Hitlers zur Spanischen Republik? Wenn der Sozialismus so nahe am Faschismus gewesen wäre, wie Du schreibst: Warum ist es dann zum Spanischen Bürgerkrieg gekommen? Übrigens, als Nichtgegner von Haffner verstehe ich nicht, worauf du hinauswillst, wenn du behauptest, dass ich Haffner als Geschichtsfälscher bezeichne. Wo tue ich dies? Im Gegenteil, ich sehe Haffner als den einzigen Historiker an, der die Sache richtig beschrieb. Ich sehe mich übrigens nicht als Sozialisten, aber ich bin auch kein Anhänger der uralten weltlichen Religion des Antikommunismus. Jetzt klarer? Eigentlich wollte ich nur darauf hinweisen, dass eben auch Historiker Teil der herrschenden Mainstream-Ideologie sind, ebenso wie die weitgehend Neokonservativen in Deutschlands Presselandschaft. Auf Nachdenkseiten weise ich deswegen hin, weil diese sich mit dieser Ideologie befasst, und hoffe das demnächst auch Albrecht Müllers neuestes Buch erscheint, dass mit Gunter Haug zusammen die herrschende Ideologie als alles umspannende Meinungsmache - so auch der Titel des Buches - angreift. Ich beende das Thema, da ich denke, dass Albrecht Müller diese Sache sicher - ebenso wie in seinen Büchern "Die Reformlüge" und "Machtwahn" auf den Punkt bringt. Schönen Sonntag noch.... ;-)

Anonym 24. August 2008 13:57  

Noch eine Anmerkung an von mir:

Sebastian Haffner ist nicht ohne Grund der Meinung, dass seine Zunftkollegen auch Schreibtischtäter sind. Mehr dazu hier:

http://www.taz.de/1/leben/koepfe/artikel/1/der-analyst-der-deutschen-zustaende/?src=AR&cHash=971f019f93

Jetzt aber wirklich schönen Sonntag noch... ;-)

Roger Beathacker 24. August 2008 17:52  

Ich finde es nichteinmal angebrachte, vom Faschismus auch "nur" als einer "begrenzten Form" des Sozialismus" zu sprechen. Dazu mangelt es dieser "Weltanschauung schlicht an allem, was fuer die Idee das Sozialismus wesentlich ist.

Ich denke, das muss man nicht einmal mit Beispielen belegen. Wer freilich den Bolschewismus fuer den "realen" Sozialismus nimmt, der kann auch auf so abstruse Ideen kommen und den Verbalsozialismus im Nationalsozialismus fuer bare Muenze nehmen.

Das Wort Sozialismus war aber nie mehr als ein Koeder fuer die Arbeiter; ein Koeder, der nicht einmal besonders erfolgreich war - und andererseits wengier abschreckend (auf die "buergerliche Mitte") wirkte, als man es (von einer "sozialistischen" Partei) vielleicht haette erwarten duerfen.

Siehe auch.(pdf)

Roberto J. De Lapuente 24. August 2008 18:34  

Zunächst müßte man die Termini abklären - das trifft schon zu. Wenn ich Sozialismus sage, dann meine ich eben das, was sich als real existierender Sozialismus äußerte, was im Bolschewismus seinen Anfang nahm. Wenn also der Faschismus als Reaktion und Spielart begriffen werden soll, dann nur als Reaktion und Spielart dessen, was sich als real existierender Sozialismus manifestierte.

Wenn es sich mit Beispielen belegen läßt, wenn sich Stimmen der damaligen Zeit finden, die seinerzeit davon schrieben, dass der Nationalsozialismus die deutsche Variante des Bolschewismus ist, dann sollte man auch nicht davor zurückschrecken es beim Namen zu nennen. Das hat nichts mit Revisionismus oder Aufwertung des Faschismus zu tun, wohl aber mit der Schaffung eines Geschichtsverständnisses, das sich viel zu kategorisiert und begrenzt hält und keinerlei Übergänge kennt. Dies betrifft nicht nur die Geschichtsschreibung des "Zweiten Dreißigjährigen Krieg von 1914 bis 1945, sondern viele - man ist geneigt zu sagen alle - Bereiche der historischen Wissenschaft.

Wenn Faschismus und Bolschewismus Zeitgenossen waren, wie können sie dann abgegrenzt und jeweils im Vakuum entstanden sein? Es ist indes auch keine Glaubensfrage, im Faschismus mitteleuropäischer Prägung eine antiliberalen, nationalen, gewaltverherrlichenden Sozialismus zu sehen, der versucht jenes vom Bolschewismus zu subtrahieren (und anderes hinzuzufügen), was in den Augen der faschistischen Einheitsfronten (auf Bündelung aller Kräfte hin zu einem gesellschaftlichen Ziel) fehlerhaft daran war.

Anonym 24. August 2008 20:11  

Lieber Roberto J. De Lapuente,

ich finde die Diskussion, die sich hier entfaltet sehr interessant und bin geneigt eher Roger Beathacker zuzustimmen. Ich lernte auch noch auf der Schule, dass der Name "Nationalsozialismus" nichts anderes als ein Feigenblatt für den brutalen Faschismus der Nazis war, um die Arbeiterschaft zu täuschen. Nicht sehr erfolgreich, da die Arbeiter weitgehend nicht darauf reinfielen, was wiederrum zu Repressalien gegen die Gewerkschaften und Arbeitnehmervertreter durch die Nazis - schon kurz nach deren Machtergreifung - führte. In diesem Sinne war das Nazitum eben kein "Sozialismus", auch wenn man in konservativen Kreisen hundertmal anderer Ansicht ist. Die Tatsachen sprechen eine andere Sprache, und zum Glück ist diese Strategie damals nicht aufgegangen, und wird auch heute - bei DVU, NPD & Konsorten sowie deren rechtslastigen Verbündeten in Deutschlands Intellektuellenkreisen - nicht aufgehen. Dazu sind die Mitbürger einfach nicht dämlich genug. Historiker wie Götz Aly & Co. sollten einmal nachdenken, wem Sie hier rhetorisch die Hand reichen - siehe oben. Es scheint übrigens auch dem heutigen, neoliberalen Zeitgeist geschuldet zu sein, der jegliche soziale Errungenschaft des Wohlfahrtsstaates (siehe hierzu meine Anmerkungen zu Maggy Thatcher) als "Sozialismus" brandmarken will, dass derartige Geschichtsumschreibungen aufkommen - in neokonservativ-neoliberalen Historikerkreisen. Eigentlich müßte man dazu sagen: "Wehret den Anfängen...", aber dazu ist die Entwicklung wohl zuweit fortgeschritten....

Darauf wollte ich eigentlich hinaus, mir geht es nicht darum den gestorbenen Staatssozialismus/-kommunismus, der wirklich mausetot ist, zu verteidigen, sondern darauf hinzuweisen, dass die Neoliberalen und deren Schreibtischtäter in Historikergilden nun auch noch den letzten Rest an Wohlfahrtsstaatlichkeit beseitigen wollen, wozu diese eben auch zum Mittel des Geschichtsrevisionismus greifen....

M.E. eine sehr gefährliche Strategie, die 1. das Nazitum verharmlost und 2. finde ich fast noch schlimmer, den Neonazis und der so genannten Neuen Rechten Munition gegen unsere Form der "Demokratie" liefert.

Roger Beathacker 24. August 2008 20:22  

Es gibt noch noch ein paar "Zeitgenossen": Kapitalismus, Liberalismus, Demokratie, Nationalismus - alles das selbe?

Einen "antiliberalen, nationalen, gewaltverherrlichenden Sozialismus" kann es schon per definitionem nicht geben, denn dabei handelt es sich exakt um die Negation dessen, was unter Sozialismus urspruenglich verstanden sein sollte.

Das ist der fundamentale Unterschied: (wohlverstandener) Sozialismus ist emanzipativ und humanistisch, und eben nicht repressiv und menschenverachtend, wie das was sich als Nationalsozialismus oder Bolschewismus, gar als "real existierender Sozialismus" mit falschen Federn schmueckte. Der Inhalt ist entscheidend, nicht das (gefaelschte) Etikett.

Roberto J. De Lapuente 24. August 2008 22:10  

"Der Inhalt ist entscheidend, nicht das (gefaelschte) Etikett."

Aber wir sprechen in diesem Rahmen vom "gefälschten Etikett", welches in der Geschichte sich manifestierte. Den (wohlverstandenen) Inhalt hat noch kein Mensch auf Erden erlebt. Dann eben: Das Faschismus kann als Reaktion und Ausweitung und Relativierung bestimmter Positionen auf das "gefälschte Etikett" im Namen Lenins, später Stalins, gelten.

Lieber Anonym, alleine aufgrund von Gefahren, die daraus geschlußfolgert werden könnten, also indem man mir fernen Kreisen aus der Rechten Munition liefert, kann man mit einer Einsicht nicht zurückhalten. Ob "unsere Form der Demokratie" - die mir zu wenig demokratisch ist - sich aufgrund einer historischen These kippen läßt, wage ich zu bezweifeln.

flatter 25. August 2008 00:20  

Auch anläßlich dieses Artikels einige Gedanken zum Neoliberalismus:

http://feynsinn.org/?p=905

Anonym 25. August 2008 14:15  

Lieber Roberto J. De Lapuente,

ich unterstelle dir ja nicht rechtsextrem zu sein. Ich weise nur darauf hin, dass die, von dir beschriebenen neokonservativen Historiker eben die unfreiwilligen Steigbügelhalter von NPD & Co. sein können, wenn die nicht aufpassen mit ihrer Rumreiterei auf einer toten Ideologie (dem autoritären Staatskommunismus/-sozialismus/-bolschewismus). Tot deswegen übrigens, weil nicht einmal in den Restländern - mit Ausnahme vielleicht von Nordkorea - von echtem Staatskommunismus mehr die Rede sein kann. Ich las übrigens erst gestern zum Thema einen interessanten Artikel, den ich gerne an dich weiterleite: http://www.linksnet.de/de/artikel/20915.

Schlußfolgerungen daraus überlasse ich dir ;-)

Anonym 25. August 2008 14:20  

Hallo flatter,

danke für den Artikel, das wollte ich eigentlich sagen. Im Film "Der große Ausverkauf" von - glaube ich - Florian Opitz sagt dies die Ikone der Neoliberalen Margret Thatcher frei heraus. Unabhängig zum Thema, und Diskussions-Teilnehmern hier, ist übrigens auch eine folgende Taktik der Neoliberalen interessant, die mittlerweile als solche erkannt ist: Kritiker des Neoliberalismus sind Ideologen und man selbst ist, als bekennender ideologischer Marktradikaler, natürlich völlig ideologie- bzw. weltanschauungsfrei. Man könnte darüber lachen, wie Neoliberale sich immer wieder als Ideologen entlarven - mit eigenen Worten....

Anonym 25. August 2008 20:35  

Noch etwas, dass ich vergessen habe:

Könnte es nicht auch sein, dass die Neoliberalen - nicht nur Historiker - gerade mit dieser Debatte erreichen wollen, dass vom eigentlichen Faschismus des Neoliberalismus abgelenkt wird? Interessant ist doch gerade, dass Naomi Klein in "Die Schocktherapie" davon schreibt, dass die Geburtsstunde der neoliberalen Ideologie eben in einem faschistischen Staat - dem des Militärdiktators Pinoquet - in der Praxis begann. Ist die ganze Debatte um den Nationalsozialismus bzw. Faschismus eine Ablenkungsdebatte, um vom rechtsextremen Gehalt des Neoliberalismus abzulenken? Ist das nicht eine Frage, der man einmal mit dem Vergleich "Neoliberalismus = Markttotalitarismus = Marktfaschismus" nachgehen sollte? Nur mal so zum Überdenken in den Raum gestellt von mir - ohne auf Antworten zu warten ;-)

Klaus Baum 25. August 2008 20:43  

"die Ikone der Neoliberalen Margret Thatcher"...
Heute stand in der hiesigen Tageszeitung, daß Frau Thatcher dement ist und sich an nichts mehr erinnern kann.
Mein spontaner Gedanke dazu: Sie muß schon in ihrer Regierungszeit massiv vom Realitätsverlust befallen gewesen sein, wenn sie sagen konnte: "And, you know, there's no such thing as society."

Anonym 25. August 2008 21:32  

Lieber Klaus Baum und Mitlesende,

die Demenz scheint wohl eine seltsame Krankheit unter den Gründern des Neoliberalismus zu sein? Leidet nicht auch Ronald Reagan darunter? Übrigens, ich suchte mal im Netz nach einem Begriff und fand folgenden neuen Begriff "Marktfaschismus = Neoliberalismus". Gibt das nicht zu denken? Ist die Debatte um den angeblich nationalen Sozialismus der Nazis - der deutschen Faschisten - dann nicht doch eine Ablenkungsdebatte, wie ich weiter oben vermutet habe? Eben davon abzulenken, dass der Neoliberalismus selbst faschistische Gründungsväter hatte? Sollte man der Sache mal nicht auf den Grund gehen?

Roger Beathacker 25. August 2008 23:22  

Kleiner Tip: Der Rekurs auf die "Natur" bzw. Das "natuerliche".

Bei den Nazis ist es die "natuerliche" ueberlegenheit der arischen Rasse und aehnlicher Nonsens fuer den die arme Natur herhalten muss und bei den Neoliberalen ist es das "natuerliche" Gleichgewicht des Marktes, dass sich angeblich einstellt, sobald man aufhoert ihn regulieren zu wollen.

Jedenfalls solltest Du mal in der Richtung forschen. Die fruehen Liberalen waren (fuer ihre Verhaeltnisse) insofern fortschrittlich, als sie Gott weitgehend durch "Natur" substituiert haben. Die neueren haben anscheinend noch nicht mitgekriegt, dass auch die "Natur" erst aus der Geschichte entspringt. "Natur" kommt in der Natur selbst nicht vor, sie ist ein gesellschaftlich/geschichtliches Produkt. Mindestens seit Kant wird dieser Zusammenhang deutlich.

flatter 26. August 2008 00:26  

Zu den Begriffen "Sozialismus" und "Faschismus":
Ersteren als das, "was sich als real existierender Sozialismus äußerte, was im Bolschewismus seinen Anfang nahm" zu betrachten, halte ich für ein semantisches Massaker. Mit diesem Inhalt wäre nicht einmal der "Kommunismus" halbwegs historisch berücksichtigt, geschweige denn die diversen Spielarten des "Sozialismus". Dazu nur als Andeutung der Hinweis auf die Sozialistische Internationale, die herzlich wenig mit der Sowjetunion am Hut hat.
"Faschismus" ist im Diskurs der letzten Jahrzehnte ein derart lavierter Begriff, daß ich ganz bewußt auf ihn verzichte, es sei denn in Begleitung präzisierender Anmerkung, etwa den Faschismus Mussolinis betreffendend.
Was man dem Faschismus sicherlich nicht absprechen kann, ist eine starke Ausrichtung an nationalen Interessen. Ich bin der Ansicht, daß es den Begriff sprengen würde, ihn unter der Ägide der "Globaliserer" noch auf diese anzuwenden. Jede Ausformung eines erklärten Faschismus ist darüberhinaus beladen mit einer Ethik der Exklusion und i.d.R. dem stumpfen Appell an eine Blut-und-Boden Romantik.
Der Neoliberalismus entzieht sich dem und operiert stattdessen mit dem in meinem Artikel erwähnten pervertierten Freiheitsbegriff. Dieser bildet zwar eine Schnittstelle zum Nationalsozialismus (http://feynsinn.org/?p=812), damit sind aber die unüberbrückbaren Differenzen zwischen diesem und dem Neolibarlismus nicht beseitigt.
Es läuft in der Konsequenz auf eine äußerst repressive Gesellschaftsform hinaus, einer Diktatur nicht unähnlich, aber es wird kein Faschimus sein. M.E. ist Russland derzeit das Vorbild der neuen Gesellschaft. Ich sehe dort keinen Faschismus, sondern die brutale Herrschaft eines Konglomerats von Profiteuren über ein ausreichend konsumfähiges Volk. Der Umbau von Demokratien in eine solche Gesellschaft bedarf des Neolibealismus. Russland kommt dank seiner Geschichte ohne diesen aus.

Anonym 26. August 2008 09:41  

"[...]M.E. ist Russland derzeit das Vorbild der neuen Gesellschaft. Ich sehe dort keinen Faschismus, sondern die brutale Herrschaft eines Konglomerats von Profiteuren über ein ausreichend konsumfähiges Volk. Der Umbau von Demokratien in eine solche Gesellschaft bedarf des Neolibealismus. Russland kommt dank seiner Geschichte ohne diesen aus.[...]"

Sehe ich genauso, zumal die Globalisierungskritikerin Naomi Klein auch Rußland als Beispiel für den Marktfaschismus aufführt, den Frau Klein in "Die Schocktherapie" beschreibt.

Übrigens, ein Mitgründer der Nachdenkseiten - Wolfgang Lieb, seine Vita auf http://www.nachdenkseiten.de ist interessant, sieht das genauso wie Naomi Klein - auch wenn der Faschismusbegriff stark strapaziert sein sollte, der Neoliberalismus ist Faschismus des Marktes. Siehe "Die Schocktherapie" und der von mir erwähnte Promi, der für Deutschland "Die Schocktherapie" auch schon in Wirkung sieht.

Übrigens, noch ein Gedanke: Gab es nicht schon einmal eine selbst ernannte "Elite" in Deutschland? Und zwar von 1933 - 1945? In diesem Sinne ist das neoliberale Elite erschaffen dieser heutigen Zeit wohl auch vorbelastet?

PS: Ich geb dir ja Recht, dass der Faschismusbegriff relativ vorbelastet, und für alles mögliche verwendet wird, aber man darf den echten neoliberalen Faschismus wohl dennoch "Marktfaschismus" nennen, da er sich durch Ideologie und Durchsetzung in der Bevölkerung wohl eher faschistisch ansieht. Oder etwa nicht?

Klaus Baum 26. August 2008 11:57  

zur frage "faschismus oder doch eher keiner?" sollte man auf jeden fall die perspektive der opfer, der exkludierten heranziehen. adornos aufsatz über erziehung nach auschwitz (erziehung zur mündigkeit, sein postulat, daß auschwitz nicht wiederholen dürfe) ist da sicher sehr hilfreich.

Anonym 26. August 2008 21:40  

Hallo Klaus Baum,

tja, du sagst es, aber Adorno hatte ja mit der "Dialektik der Aufklärung" ja auch Recht, d.h. er ahnte wohl die Anfänge "Der Schocktherapie" voraus? Gibt es nicht den tollen Spruch, der dem deutschen Massenhirn - mit Ausnahme von uns hier - nicht geläufig ist: "Aufklärung ist die Befreiung aus selbst verschuldeter Unmündigkeit"? In diesem Sinne denke ich gibt es bei Deutschlands Wirtschaftsdogmatikern einiges an Denkblokaden einzureißen, leider muss man sagen. Siehe auch heutige http://www.nachdenkseiten.de zum Thema.

Anonym 26. August 2008 21:43  

Noch was: Die Perspektive der Opfer wäre heutzutage nicht mehr die der Nazi-Opfer sondern die der Opfer des modernen Faschismus, des Neoliberalismus, weltweit, d.h. in Deutschland der Arbeitslosen, der "Taliban" in Afghanistan - meist unschuldige Zivilisten wie bereits vermutet wird, der US-Soldaten - die um der Arbeitslosigkeit zu entgehen ins Militär gehen, der Kindersklaven in Indien, die für dt. Unternehmen Steine schlagen etc. etc.

Anonym 27. August 2008 23:00  

"Teilzeitgewissen sind in keinster Weise Lichtblicke in dieser Welt, eher schon Anzeichen allpräsenter Ohnmacht und Sinnbild der Verzweiflung."

Genau. Adorno klang hier schon mal an:
"Es gibt kein richtiges Leben im Falschen"
Guter Artikel.

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