Sein Körper gehört ihm!

Donnerstag, 10. Juli 2008

"Wer behauptet, man könne die Tour nur mit Mineralwasser bewältigen, ist naiv oder ein Heuchler." (Jacques Anquetil, fünfmaliger Sieger der Tour de France) - Die Tour de France und das Doping. Eigentlich müßte es ja heißen: Der Radsport und das Doping. Aber da das Verabreichen von leistungsfördernden Mittelchen im Radsport eigentlich nur während der Tour de France für die Öffentlichkeit relevant wird, ist es wohl weniger der Radsport in seiner Gesamtheit als die Grande Boucle. Und zweifelsohne leidet die Tour, läßt keinen Anquetil, Merckx, Hinault, Indurain oder Armstrong am Horizont erscheinen, hat statt "Helden der Landstraße" nurmehr ordinäre Betrüger zu bieten; geradezu kriminelle Subjekte, die oft brutaler von der Polizei behandelt werden als Gewalttäter. Die Rundfahrt mag nicht tot sein, aber tief und fest schläft sie sicherlich. Besserung ist zunächst nicht in Sicht. Und der Gedanken, der jene quält, die der Tour de France als größtes sportliches Ereignis des Jahres beigewohnt haben, lautet in etwa: Ach, wüßten wir doch nichts vom Doping! Es geht doch gar nicht darum, das Doping zu unterbinden. Ausreichend wäre, wenn die Sportler sich nur nicht mehr erwischen ließen. Dieses ewige Moralisieren bezüglich des Dopings raubt einem alle Freude, macht aus dem Sport - der ja trotz Doping immer noch eine herausragende menschliche Leistung darstellt - eine kuriose Zirkusnummer.

Ist also der Radsport, ist die Tour de France zu retten? - Ich bin der Überzeugung, dass noch nicht beerdigt werden muß. Zumindest nicht der Radsport und ebensowenig dieses härteste Etappenrennen der Welt. Beerdigt gehört die Moralapostelei und der ständig erhobene Zeigefinger, die den Anhängern eines sauberen Sports eigen sind. Die Legalisierung des Dopings geistert ja nicht erst seit gestern durch die Landschaft. Immer wieder sprachen sich Zeitgenossen dafür aus, mußten sich aber oftmals - eigentlich immer - von den Vertretern des guten Geschmacks, von den Aposteln des moralischen Credos also, abkanzeln lassen. In Erinnerung ist mir eine sonderbare ZDF-Sendung unter der Leitung von Johannes B. Kerner, in der Deutschlands beste Sportler in eine Chartliste eingeordnet wurden. Gast im Studio war unter anderem Joachim Fuchsberger, der nur dezent anklingen ließ, dass man Doping legalisieren sollte, weil der Kampf dagegen ausufernder Irrsinn sei, dem man sowieso sowieso nie gewinnen könne. Man hat ihn dafür scharf verurteilt, ich glaube es war der ehemalige Skirennfahrer Wasmeier, der sich sehr schroff gegenüber Fuchsbergers Gedankengang äußerte; nur die "Heile-Welt-Psychose" des Johannes B. Kerner konnte einen kleinen Eklat verhindern.

Die aufgezählten Gründe sind gängig. Doping sollte erlaubt werden, um die Heuchelei aus den Radsport zu vertreiben. Immerhin wollen die Zuschauer Höchstleistungen sehen und - man beachte Anquentils Ausspruch am Anfang dieser Zeilen - mit Mineralwasser alleine, wird man dies kaum bieten können. Andere meinen, man sollte diesen Kampf gegen Windmühlen aufgeben und das Doping quasi mit ins Boot holen, wenn man schon kein Torpedo stark genug ist, es zu versenken. Wieder andere weisen darauf hin, dass bestimmte Substanzen legitim sind, wenn sie z.B. in Medikamenten vorhanden sind, wenn man sich aber gezielt damit selbst behandelt, dann sei es ein Fall für einen guten Strafverteidiger. Alles gute Gründe - keine Frage. Alles ziemlich rationale, materielle, faßbare Gründe, wenn man das so ausdrücken kann. Man liefert Argumente und geht an der einzig möglichen Erklärung, warum Doping legal sein sollte, blind vorbei, einer Erklärung, die des Menschen Selbstbestimmung volle Rechnung trägt: Die Freiheit des Menschen über seinen Körper!

Wer gibt einem Sportverband das Recht, des Sportlers Körper für diverse Substanzen zu verbieten? Wie soll man es verstehen, wenn die körperliche Aufnahme einer Substanz als Vergehen eingestuft wird, obwohl der Sportler nur seinen eigenen Körper damit belangt hat? Seine Körperlichkeit, an der nur er selbst hängt, die er hegen und pflegen, aber auch ausbeuten und schinden darf? - Es gibt, wie gesagt, viele gute Gründe, jegliche Form des Dopings zu legalisieren. Aber das Fundament der Legalisierung muß immer das eigene Recht am Körper sein. Soll der vernunftlose Radsportler doch seinen Körper ausrauben und ihn mittels Doping ausbeuten. Diverse Gefahren sind bekannt und entscheidet er sich dafür, so hat er frei und mündig gehandelt. Wird sein Spritzen und Substanzaufnehmen mit einem Schlaganfall belohnt, so kann er niemanden dafür verurteilen - womit wir noch ein triftiges "materielles Argument" hätten: Der Radsportler kann seinen Rennstall nicht mehr verklagen, weil er selbst mündig ist! Dies setzt natürlich voraus, dass man Gesetze schafft, die verhindern, dass ein Sportler, der ja als Angestellter seines Vereines oder seines Rennstalls anzusehen ist, dazu gezwungen werden kann, seinen körperlichen Besitz mit Substanzen anzureichern.

Mein Körper gehört mir! Und was ich damit tue, bleibt mir überlassen. Tue ich mir Gutes, so ist es mein Recht; tue ich mir Schlechtes, so ist es ebenso mein Recht. Ich leide am schlecht Getanen, übernehme folglich die Verantwortung. Daher gibt es keine Instanz, die mir dies verbieten kann! Ich bin nicht nur, weil ich gut und vernünftig handeln kann, ich bin ebenso, weil ich schlecht und unvernünftig sein kann. Das Sein hängt nicht von der Qualität des individuellen Daseins ab. Man ist, wie man ist. In den eigenen Grenzen, d.h. im eigenen Körper, immer frei, immer ohne bestrafbare Konsequenzen. Wer mich bestraft, weil ich meinen Körper im Sinne christlicher und nächstenliebender mißbraucht habe, der erklärt mir den Krieg!
Dies bedeutet freilich nicht, dass es ein Muß ist, seinen Körper zu entweihen. Und ich gehe so weit, dass ich behaupte, ein Mensch von Vernunft täte es nicht. Aber meine Vernunft kann nicht der Maßstab für andere Individuen sein. Zumindest dann nicht, wenn meine Mitmenschen oder ich selbst von einem Unvernünftigen in dessen Machenschaften involviert werden, ohne dass wir dies wollen. Wir sprechen von der eigenen Freiheit an sich selbst, nicht von einer nicht existenten Freiheit am Nächsten, die wir ungeniert ausleben dürften. Meine Vernunft ist Maßstab, wenn ich lese, wie Manager Unternehmen ruinieren und damit Familien der Armut preisgeben, wenn ich verfolgen muß, wie Konzernpolitiker Gemeingut in Privathände verkaufen; aber nicht, wenn sich ein Radler an sich selbst betrügt, wenn er beginnt, sich mit Unnatürlichkeit vollzustopfen. Dort endet meine Vernunft und beginnt seine...

Freilich wird nun die Mehrheit einwenden, dass ein Rennen, in dem man nicht weiß, wer "sauber" und wer gedopt ist, zur allgemeinen Verwirrung beitragen könne. Als vor einigen Jahren bekannt wurde, dass Miguel Indurain womöglich gedopt war, da stellte man sich relativ schnell und ungeniert die Frage, ob er dann noch als bester Radrennfahrer der letzten Jahrzehnte angesehen werden darf - ob seine Erfolge folglich nur große Gaunereien waren. Nur der saubere Fahrer ist ein guter Fahrer! Aber machen wir uns doch nichts vor: Wenn wir uns leistungsfördernde Mittel verabreichen ließen, untrainiert und weit entfernt vom professionellen Radsport, so ist für uns spätestens nach der ersten Kehre des Aufstiegs nach L'Alpe d'Huez das Ende gekommen - trotz EPO fielen wir entkräftet vom Fahrrad. Für den Zuseher ist es belanglos, ob Fahrer sich mit Hilfsmittel zur Höchstleistung peitschen oder "sauber" ihrem Sport folgen. Wenn sich aber alle Fahrer aus freien Stücken entschlössen, dem öffentlichen Druck nicht mehr untertan sein zu wollen, folglich auf Doping verzichteten, so wäre es ein Akt der Vernunft, so wäre es ein feiner Zug. Aber nur damit aufhören, weil einige Sportmoralisten meinen, sie hätten ein Recht am Körper des Sportlers? Dies ist ein Akt der Unterdrückung, eine Zwangserrungenschaft. Einsicht der Leidtragenden ist gefordert, nicht das Einschlagen und Reinboxen in ebendiese.

Die eigentliche Sünde der Radsportler am Publikum ist, dass sie sich haben erwischen lassen. Aber warum sollte ich als Zuseher ein Anliegen am Körper des Sportlers haben, der mir ein Spektakel liefert? Welches Recht habe ich als Zuseher auf den Körper des "Helden der Landstraße"? Ich werde mich hüten, einen Fahrer zu verurteilen. Er tat das, was er tun wollte, was für ihn richtig war oder zumindest aus seinem Blickwinkel richtig erschien. Selbst wenn sein Rennstall ihn gezwungen hat, hätte er Nein sagen können. Daher war dem Zwang des Rennstalls ein gutes Stück an Freiwilligkeit immanent. Ich fühlte mich bis heute nie betrogen von einem Sportler, weil er seinen Körper mit Substanzen angereichert hat. Bei der Tour de France schon zweimal nicht, weil man dort nicht einmal Eintritt zu bezahlen hat. Wer bin ich denn, mich wegen einer Sache, die mich nichts angeht, betrogen zu fühlen? Welche Anmaßung der Apologeten des "sauberen Sports"! Wenn er aus einem Akt der Freiheit heraus dopt, so hat er meinen Segen. Und endet es in einer Tragödie, so hat er meinen Segen! Denn ich - als Zuseher - treibe niemanden zur Schnelligkeit. Die Tour de France lebt ja nicht ausschließlich von der Schnelligkeit, nicht von unschlagbaren Giganten, nicht von rasenden Kletterpartien und entfesselten Sprints. Die Tour, so einst ein Veranstalter, schafft sich jedes Jahr ihre eigenen Helden, auch wenn die ganz großen Zugpferde fernbleiben. Ich betrachte auch die Rennen, wenn das Tempo gemäßigter ist, wenn das Leistungsniveau tiefer liegt. Mein Anspruch ist gering. Bieten mir aber die entfesselten Radfahrer eine Höchstleistungsshow - warum soll ich Nein sagen? Freilich, soviel gestehe ich zu: Der Sport, der sich in ferner Zukunft einmal wahllos des Dopings bedienen darf, verliert seinen Vorbildcharakter. Aber er ist es heute schon nicht mehr. Das Verlesen einer Antirassismus-Verlautbarung am Anfang eines Fußballspiels ist kein Akt des Vorbilds, sondern eine peinliche Inszenierung. Im Sport werden Milliarden von Euro und Dollars verschoben, während die Milliarden von Zusehern vornehmlich arm sind. Sollen sie die Armen und Elenden an Millionären orientieren? Der heilige Sport ist ein Märchen unserer Zeit und die Legalisierung des Dopings würde endlich die Augen öffnen, dass der Hochleistungssport der Massen- und Mediengesellschaft kein Selbstzweck mehr ist. Da wäre also wieder ein "materielles Argument"!

"Ich betrachte die Rennen", schrieb ich. Richtig würde es heißen: Ich würde sie wieder betrachten, wenn man das Doping endlich aus der Debatte herausnimmt, es endlich legalisiert, damit jeder Fahrer zu seinem Recht kommt - und sei es noch so verantwortungslos gegen sich selbst.

7 Kommentare:

Roger Beathacker 10. Juli 2008 um 11:12  

Zum Sport gehoert, dass es Regeln gibt, und diese Regeln schraenken das, was Du "Freiheit des Menschen ueber seinen Koerper nennst" generell ein. Das gilt nicht erst in Bezug auf Doping, sondern z.B. auch fuer bestimmte Bewegungsablaeufe auf dem Spielfeld, Schrittfolgen beim Basketball, das Handspielverbot beim Fussball o.ae.

Mit anderen Worten: wer (Wettkampf) Sport treibt, hat immer schon aus freien Stuecken in die Regeln eingewilligt (und wird u.U. trotzdem immer wieder mal versuchen, aus der Nichtbeachtung dieser Regeln sich einen Vorteil zu verschaffen).

Sicherlich kann man Regeln aendern, das steht ausser Frage. Aber das kann dann nur Sport(art)immanente Gruende haben. Hier aber mit Freiheits- und Selbstbesimmungsrechten zu argumentieren, halte ich jedenfalls schon im Ansatz fuer verfehlt. Damit tut man weder dem Sport noch der Freiheit einen Gefallen.

Anonym 10. Juli 2008 um 11:30  

"Team Pfitzer gewinnt die Tour de France."
Es geht einfach um zuviel Geld und zuwenig Sport. Geb dir recht.

Anonym 10. Juli 2008 um 12:45  

Der Leistungssport ist auch nur ein Abbild unserer Leistungsgesellschaft!
Es geht nur noch um Geld und ins Besondere um Habgier, Ruhm, Macht, Reichtum! Das spiegelt sich in allem menschlichen Treiben wieder!
Die Menschheit hat zu einem sehr grossen Teil den Glauben an die hohen Lebewesen, Gottheiten, den Himmel verloren!
Wir missachten die Gestzmaesigkeiten des Kosmsos und seinem Schoepfer! Manche nennen dies auch Naturgesetze!
Die hoechsten Eigenschaften unseres Kosmos, unseres Daseins sind Wahrhaftigkeit-Barmherzigkeit-Nachsicht!
Alles was diesem zu wider laeuft richtet sich gegen das wahre Leben!
Wer sich diesen drei Eigenschaften wahrlich angleicht, wird nicht gegen Regeln verstossen, luegen, betruegen, nur seinen Vorteil suchen, nach Ruhm und Macht und Reichtum mit allen Mittel streben!
Wie weit sich die Menschen doch schon vom goettlichen Weg entfernen!
Das Dasein dreht sich doch um nichts anderes als - wo kommem wir her - wo gehen wir hin und wer sind wir?
"Das Fundament" muss immer der wahre orthodoxe Glaube, an ein wahres menschliches Dasein und die Rueckkehr ins wahre Leben sein!
Hieraus entspringt ein anderes Denken und Handeln - ohne diese Grundlage werden wir immer diskutieren ohne Ende!
Das feiwillige Fordern, an sich selbst, aus dem Glaube, mit hoeheren Masstaeben an Wahrhaftigkeit-Barmherzigkeit-Nachsicht wuerde viele Probleme einfach verschwinden lassen!
Vorrausgesetzt die Gesellschaft will das und die Menschen fordern sich selbst!
Falun Dafa Hao - Falun Dafa ist gut!
Ex-Radrennfahrer, Diplom-Trainer - Seid Wahrhaftig, Gutherzig und Tolerant - Ich versuche es und moechte dies immer besser tun.
Die Welt braucht Wahrhaftigkeit-Barmherzigkeit-Nachsicht
www.falundafa.org

Markus 11. Juli 2008 um 00:09  

Entweder Roberto hat hier eine schwarze Komödie inszeniert oder Roberto ist über Nacht zum Anarcho-Kapitalisten geworden.

Andi 11. Juli 2008 um 07:16  

Zunächst möchte ich Roger zustimmen. Es gilt in erster Linie die Regeln zu befolgen. Doch lassen wir diese einmal außer Acht und sagen, ok, Doping ist ab sofort legal. Ich kann mir schon bildlich vorstellen, was dann passiert.

Die Tour wird wieder zu einem Massenspektakel, wahrscheinlich mehr denn je. Doch wird dann keiner mehr zusehen, weil er sportliche Höchstleistungen sehen will. Nein, dann werden Wetten abgeschlossen, wer als nächster kolabiert oder plötzlich und unverhofft tot vom Rad fällt.

Mir kann keiner sagen, daß Leistungssportler verantwortungsvoll mit diesen Substanzen umgehen können/wollen. Wenn der Erzrivale ständig eine Nasenspitze voraus ist, dann zieht man eben noch ein, zwei Milliliter mehr in der Spritze auf, wird schon gutgehen ...

Nein Roberto, diesmal kann ich mich Deiner Meinung nicht anschließen. Das Recht am eigenen Körper? Ja. Das Recht sich selbst Schaden zuzufügen? Von mir aus. Aber Legalisierung von schädlichen Substanzen? Nein, niemals. Wenn man dieses Zeugs frei zugänglich macht, wird automatisch Sindluder damit getrieben. Dies liegt nun mal in der Natur des Menschen. Oder wärest Du erfreut, wenn man Deinen Kindern im Sportverein Leistungssteigerne Mittel gibt? So etwas und noch schlimmeres wären dann nämlich früher oder später die Folgen.

Roger Beathacker 11. Juli 2008 um 10:15  

Ich wuerde die Frage der (allgemeinen) "Legalisierung" strikt von der Erlaubnis zur Anwendung zu bestimmten Zwecken (oder in bestimmten Rahmen) trennen. Von mir aus soll sich jeder erwachsene und strafmuendige Mensch einpfeifen duerfen, was immer er will - aber "rein privat".
Ansonsten sollte man sich schon ueberlegen, welche Leistungen man im Sport sehen und vergleichen koennen moechte. Die von Sportlern oder die von Pharmaunternehmen?

Jochen Brücken 12. Juli 2008 um 14:32  

Solange die Sportler dopen können und nicht müssen, wäre doch alles ok.

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