Neoliberalismus - das Überlebenselixier?

Dienstag, 29. Juli 2008

Na endlich! Mittlerweile sind sogar Wirtschaftsblätter soweit, zuzugeben, daß der Neoliberalismus eine Sackgasse ist – eine ideologische Irrlehre mit fatalen Folgen. Welche Konsequenzen diese losgelassene Bestie für ein Wirtschaftssystem haben kann, ist unübersehbar. Was der Neoliberalismus jedoch beim Menschen anrichtet, darüber wird geschwiegen….

Die Schaffung struktureller Bedingungen, die ein neoliberales Wirtschaftssystem erst möglichen machten, sind wohl in etwa zur Zeit der Industrialisierung anzusiedeln. Vor der Wende zum 20. Jahrhundert lebte ein Großteil der Bevölkerung Deutschlands noch in „Großfamilien“. Mit Sicherheit liefert auch diese Form des Zusammenlebens für jede Menge Zündstoff, jedoch war Mensch eingebunden in ein familiäres System, das auf einem gesellschaftlichen Konsens, einem verantwortlichen Miteinander beruhte.

Selbstwert versus Nutzwert

Die zunehmende Verstädterung führte zu einer Zerschlagung der Großfamilien und damit zur Vereinzelung. Jeder war nun für sich selbst verantwortlich und musste auch für sich selbst sorgen. Mit einiger Verzögerung gelang es auch den Frauen, sich dieses Recht auf Vereinzelung zu erkämpfen. Mit der jungen Industrie stieß auch die calvinistische Arbeitsethik auf neuen fruchtbaren Boden – der Nutzwertgedanke prägte nicht nur Industrie und Wissenschaft, sondern auch den Menschen. Ein fast schon genialer Kniff, der auch oder gerade heute noch wirkt: dem Menschen wird ein Selbstwert abgesprochen, denn den Wert, den muss er sich, in der Regel durch Leistung, erst verdienen.

In Zeiten, die von Wirtschaftsaufschwung geprägt sind, fällt die Vereinzelung nicht gar so auf. Solange es bergauf geht, es genug Arbeit und korrekte Löhne gibt, ist jeder tatsächlich in der Lage, für sich selbst zu sorgen. Großzügigkeit und Solidarität fallen leicht, ebenso wie der Glaube daran, alles erreichen zu können, wenn man sich nur ordentlich ins Zeug legt. Der amerikanische Traum auf deutsch. Doch ein Wachstum der Wirtschaft kann nicht ewig andauern, was zwangsweise folgt ist die Stagnation.

Da Ressourcen, Arbeitsplätze und vor allem das Geld knapp werden, macht sich auch ein gewisser Vulgärdarwinismus, scheinbar aus dem Nichts, breit. Wie gesagt, scheinbar. Denn dabei handelt es sich um nichts anderes als die Kehrseite der Medaille: Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Perfide ist dabei jedoch das Festhalten an alten Glaubenssätzen wie: Wer Leistung bringt, wird dafür auch entsprechend entlohnt. Wer sich nur genügend bemüht, der erreicht auch das, was er will.

Der Neoliberalismus frisst seine Kinder ……

Dieses Festhalten führt bei denjenigen, die keinen Umgang damit finden, zu zwei Extremen. Die einen verdrängen schlichtweg jegliches gesellschaftliches Verantwortungsgefühl und schränken ihren Horizont soweit ein, bis nichts mehr übrigbleibt, als das eigene Wohl. Gleichgültigkeit gegenüber anderen und aggressive Ellenbogenmentalität unterscheiden sich dabei nur graduell.
In der Regel identifizieren sich solche Menschen mit ihren Leistungen, sie definieren sich über ihren Nutzwert und solange diese Rechnung aufgeht, gibt es keinen Grund, etwas daran zu ändern.
Einige religiöse und esoterische Bereiche stilisieren diese vulgärdarwinistische Mentalität in menschenverachtender Weise sogar hoch zu einer Heilslehre, die den Menschen bzw. dessen Ego als den omnipotenten Mittelpunkt der Welt predigt. Als Beispiele dieser Stilblüten des Neoliberalismus seien nur „The Secret“ und die nicht totzukriegenden „Bestellungen beim Universum“ von Bärbel Mohr genannt.

Diejenigen, die da nicht mithalten können oder wollen bleiben zwangsweise auf der Strecke. Da sich auch solche Individuen über ihren Nutzwert bzw. über ihre Leistung definieren, ist die Krise vorprogrammiert. Das führt soweit, daß ein Menschenleben, das sich nicht durch Arbeit in die Gesellschaft einbringen kann, als wertlos und sinnlos erachtet wird. In der Regel fehlt dann auch noch das Geld, um sich über den Konsum noch einen Rest-Nutzwert und damit eine Existenzberechtigung zu verschaffen. Wer dieses antidemokratische Elitedenken nicht schon von den eigenen Eltern eingetrichtert bekommen hat, der bekommt sie von den Medien um die Ohren gehauen.

Da jeder für sich selbst verantwortlich ist, ist auch jeder für sein Scheitern verantwortlich. Auch das sind Menschen, die leider immer noch an ein funktionierendes Leistungssystem glauben und sich durch ihren Zweifel an sich selbst regelrecht zerfleischen. Als wenn das noch nicht genug wäre, wird jeder, der „gescheitert“ ist, als Einzelfall abgestempelt wird, dessen persönliches Schicksal rein gar nichts mit den gesellschaftlichen Strukturen zu tun hat.

…… und zwar alle.

Beide Varianten haben sich im Grunde von dieser Gesellschaft verabschiedet, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß das menschliche Elend dieser beiden Extreme, ob als „Erfolgreicher“ oder „Erfolgloser“, politisch gewollt ist, angesichts des Umgangs mit den Themen Armut und Arbeitslosigkeit. Während die Vereinzelung bis vor ein, zwei Jahrzehnten noch durch ein funktionierendes Sozialsystem abgefangen wurde, sieht sich heute das Individuum einer bodenlosen materiellen sowie ideellen Vereinsamung ausgeliefert.

Überleben heißt die neue Philosophie, denn zum Leben fehlen Zeit und Geld. Und beinahe unmerklich findet eine Verschiebung vom „Arbeiten um zu leben“ hin zu „Leben um zu arbeiten“ statt. Der Mensch verkommt zum „Homo oeconomicus“, und mit ihm entsteht eine Gesellschaft von Menschen, in der Wirtschaftswachstum und Konsum zum Selbstzweck geworden sind und mit den realen Bedürfnissen des Menschen nichts mehr zu tun haben.

Es ist keine Frage, in einem vom Neoliberalismus geprägten System gibt es keine "Gewinner", es gibt nur Verlierer.

Dies ist ein Gastbeitrag von Kristina Kiehl.

2 Kommentare:

epikur 29. Juli 2008 um 18:49  

der neoliberalismus oder auch marktfundamentalismus (diese bezeichnung gefällt mir viel besser, da sie eindeutiger und für uneingeweihte weniger kryptisch daher kommt) ist eben die derzeitige ideologie der herrschenden.

wie jede ideologie gibt sie sich nicht als solche aus, sondern als naturgesetz und ist bestrebt herrschende interessen zu legitimieren.

dieser versuch der legitimation der ungleichheit, der marktradikalität und der ökonomisierung aller gesellschaftsbereiche ist in der veränderung der sprache sehr gut zu beobachten: humankapital, bildungskapital, sozialkapital, persönlichkeitsmarkt usw. - ein ökonomisches kosten/nutzen denken wird in jede kleinste pore des lebens gepresst u gezwungen. das ist für mich die wirkliche gefahr u das perverse am neoliberalismus. denn selbst wenn die ideologie sich eines tages realpolitisch überlebt hat, die veränderung der sprache und das denken dahinter werden nicht so schnell verschwinden.

Peinhard 1. August 2008 um 18:28  

Ein sehr guter Artikel, aber einen Einwand hätte ich doch:

"Es ist keine Frage, in einem vom Neoliberalismus geprägten System gibt es keine "Gewinner", es gibt nur Verlierer."

Das stimmt zweifellos, wenn man sich, wie es der Artikel ja auch tut, nur mit dem abhängig beschäftigten Teil der Bevölkerung oder mit den 'kleinen' Selbständigen (die sich noch viel verzweifelter einreden müssen, sie stünden 'auf eigenen Beinen') beschäftigt.

'Gesamtgesellschaftlich' dagegen gibt es natürlich (ökonomische) Gewinner dieser Entwicklung und dieser Ideologie. Inwieweit sie Schaden nehmen an ihrer Seele vermag ich nicht zu beurteilen. ;)

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