Ich (ver-)zweifle...

Samstag, 26. Juli 2008

In diesen Tagen begleitet mich der Zweifel. Ich frage mich, warum ich diesen Blog - korrekt: dieses Blog - betreibe; warum ich mein ganzes Herzblut hier hineinstecke und mir immer wieder die Mühe mache, mich anderen Menschen mitzuteilen. Und ich stelle mir eine ganz persönliche Frage: Wieso erschlägt mich mein politisches Interesse, mein Hang zur moralischen Gestaltung der Welt - zumindest das Herbeischreiben einer solchen Welt - derart, dass es mich zweifeln läßt an mir, an meinen Vorstellungen, an meiner Weltsicht, an meinen Mitmenschen? Dieser Zweifel ist keine Neuigkeit in meinem Leben. Immer wieder verfiel ich in tiefe Agonie, wollte am liebsten in ein Paradies flüchten, in welchem oppositionelle Sittlichkeit nicht vonnöten wäre. Ich bin davon überzeugt, dass jeder Oppositionelle - nicht jene in den Parlamenten, sondern die Kritiker und Gegner des "schlecht Gegebenen" -, egal ob er auf der Straße gegen den legitimgewordenen Wahnsinn auftritt oder "nur" mittels Schriften aller Art, früher oder später, seltener oder öfter in eine Situation des tiefen Zweifelns gerät, die sich nährt aus einem erdrückenden Gefühl des Verzweifelns.

Seit Tagen ringe ich nun mit mir, meinen Blog weiterzuführen, indem ich einen neuen Beitrag verfasse. Aber nichts animiert mich, im Gegenteil, ich bin wie gelähmt. Der Ungerechtigkeiten und Sauereien gäbe es genug - wie der Arzt immer Patienten hat, so hat der Kritiker immer Stoff zur Kritik -, aber ich schweige, weil ich nicht fähig bin zu be- und umschreiben, mir den Unmut von der Seele zu schreiben. Ich fühle mich wie auf einen dieser tristen, schwarz-weiß gehaltenen Gänge geworfen, die Kafka so niederschmetternd beschreibt. Er, der er am Anfang unserer Zeit der Massengesellschaft stand, der den anonymen Irrsinn bereits erfaßte, bevor er gänzlich ausgebrochen ist, er der vom Wandel des individuellen Menschen zur gesichtslosen Kosten-Nutzen-Biomaschine schrieb, steht mir in diesen Tagen sehr nah. Einen konkreten Grund könnte ich nicht nennen; ich könnte nicht aufzählen was mich alles niederschlägt - nicht einmal einen einzigen faßbaren Grund. Womöglich ist es meine Art, meine Natur, die Haut in der ich stecke. Vielleicht fühle ich mich so erdrückt und lustlos, so verzweifelt und ungehört, so belanglos im gesamten Spektakel unserer Zeit, so wie ein Relikt aus anderen Jahrhunderten, weil ich so bin, wie ich bin - weil ich so denke, wie ich denke. Die "Gesamtheit des Negativen", die unsere Gesellschaft befallen hat und mein Wesen, scheinen nicht miteinander kompatibel zu sein, um es im Jargon unseres Zeitalters auszudrücken.

Derzeit befasse ich mich, wenn auch nur stümperhaft und im Rahmen meiner geistigen Kapazitäten, mit der Quantenmechanik und der Allgemeinen Relativitätstheorie. Das sehr Kleine und unvorstellbar Große fasziniert mich und reduziert im gleichen Maße mein Interesse am Hier und Jetzt, welches mir meinen Oppositionellenstatus abgerungen, ja geradezu abgenötigt hat. Wenn man dieses ominöse Gitternetz so betrachtet, in welchem die Sterne und Planeten gebettet liegen, ähnlich wie in einer Hängematte - die gekrümmte Raumzeit eben -, dann fragt man sich, was dieser ganze belanglose Zirkus auf Erden eigentlich soll. Was soll das Theater um Arbeitsplätze und Profit, um menschliche Eitelkeiten und menschliches Imponiergehabe, um Fortschritt und Besitztümer? Wir sind doch am Ende sowieso nur ein kaum wahrnehmbarer Teil des Kosmos - freilich selbstverliebt genug, um uns wichtiger zu nehmen, als wir letztendlich sind. Die Beschäftigung mit dem ganz Kleinen und dem ganz Großem nihiliert Sichtweisen, zumindest teilweise. Und es erschreckt mich, denn dies sind nicht die Gedanken, die mein ganzes Leben tragen. Zwar drängen sich Gedanken auf, dass der Mensch letztendlich ein unwesentlicher Teil des Ganzen - was immer das dann sein soll - ist, doch in lichten Momenten wird mir die Arroganz und der ethische Irrtum bewußt, die in einem solchen Denken begraben liegen.

So rang ich also in den letzten Tagen um ein Thema, welches mir wieder einen Fuß in die Türe dieser zweifelnden Schreibblockade - wenn man das so nennen will - klemmen sollte. Jede mögliche Empfehlung, alles Gelesene bot sicher Stoff, aber ich wußte nichts damit anzufangen - ich weiß es so recht immer noch nicht. So berichte ich, Seelen-Striptease betreibend, von meinem verzweifelnden Zweifel oder meinem zweifelnden Verzweifeln. Und je mehr ich darüber sinniere, scheint es mir so, als wäre es ein Thema, welches in diesem Blog durchaus angebracht scheint. Immerhin bedrückt uns alle mal der Zweifel und am Verzweifeln sind wir wahrscheinlich öfter als uns lieb ist. Warum sollten wir oppositionellen Blogger uns also nur unsere Paradestücke mitteilen? Warum nur unsere Ansichten und Wünsche? Unsere Entrüstung und Polemik gegen den zur Realität gewordenen Schwachsinn?

Ich will mich nicht nur in der Herrlichkeit sonnen, die zuweilen diesen Blog prägt, wenn ich meine Weltsicht darlege und die Dummheit der Anderen umschreibe. Der heutige Oppositionelle begreift sich als Mensch, innerhalb einer Welt von Menschrobotern. Er greift die fehlende Wärme im Miteinander auf, die Frechheiten dieser oft verbeamteten Roboter, er entrüstet sich schlicht, dass in dieser Welt kaum noch Platz ist, ein freier, glücklicher, voller Visionen strotzender Mensch zu sein. Lebenswege sind vorgezeichnet, die Auswahlmöglichkeiten sind eng begrenzt und immer nur im Rahmen eines Systems wählbar, welches den Menschen nach seiner Effizienz bewertet; alles ist geregelt und in jener Ordnung erstarrt, welche man nicht müde wird, als "notwendige Ordnung" zu bezeichnen.
Der Oppositionelle von heute bemüht sich darum, wieder mehr Menschlichkeit ins Miteinander zu bekommen. Er möchte nicht mehr Teil einer gesichtslosen Masse sein, sondern Bestandteil einer Masse, in der jeder ein individuelles Aussehen hat. Wenn der Oppositionelle so denkt, so handelt, darauf hinwirkt, warum soll er dann jenen Part der conditio humana verleugnen, der ihn verzweifeln, der ihn an sich und an seiner Umwelt zweifeln, kurz: der ihn schwächeln läßt? Sinnkrisen sind kein menschlicher Makel, sondern Notwendigkeiten in der individuellen Entwicklung. Solcherlei Notwendigkeiten sollte man sich nicht schämen, vorallem dann nicht, wenn man eine Gesellschaft verwirklicht wissen will, die eben jenes Individuellsein zum einzig machbaren Maßstab erhebt.

Die Ruhe, die Abgeschiedenheit und Isoliertheit eines Klosters scheint mir in solchen Tagen verlockend. Mich schweigend, zumindest aber mit wenigen Worten, einer kleinen Aufgabe widmen, ein Stückchen Natur umsorgen und die kranke Welt vor den Toren des Klostergebäudes lassen! - Ja, das wäre in jenen Momenten eine Wohltat. Keine grauen Effizienzcharaktere mehr, keine Gestalten, die es ja "nur gut mit einem meinen", keine Wichtigtuer und eloquente Nichtwisser mehr. Nur mit dem Gott der Klosterbewohner käme ich nicht ins Gespräch, müßte mich also auch dort verbiegen, so wie es die Herrschaften außerhalb der Mauern immer und immer und immer wieder fordern.

Manche würden so einen Zustand lapidar als Depression bezeichnen und mir vielleicht das Schlucken diverser Glücklichmacher empfehlen; anderen nennen es banal "Sinnkrise" - mir ist einerlei wie man es bezeichnet. Radischtschew schrieb vor etwas mehr als zwei Jahrhunderten: "Ich blicke um mich - und meine Seele ward durch die Leiden der Menschheit verwundet." Darin liegt viel Wahrheit - meine Wahrheit. Ich verzweifle an Jahrhunderten, die den Menschen wenig vorangebracht haben. Die ihm zwar Fortbewegungsmittel, gigantische Gebäudekomplexe, rasende Nachrichtensysteme und noch vieles mehr beschert haben, aber keinerlei Mitmenschlichkeit, kein Fortschreiten im Miteinander. Noch immer fechtet der Mensch jenen Kampf aus, den er in langen und bitteren Zeiten des Mangels mit seinem Nächsten hat ausfechten müssen. Immer noch soll jener nicht essen, der nicht arbeitet, gerade so, als könne nur der Überleben, der seinen Acker bestellt hat. In modernen Zeiten lebend an anachronistischen Menschenverächtlichkeiten verhaftend! - "Nicht nur die Vernunft von Jahrtausenden - auch ihr Wahnsinn bricht an uns aus. Gefährlich ist es, Erbe zu sein." (Nietzsche)

Nein, ich werde diesen Blog nicht schließen, nur weil mich in diesen Stunden der Zweifel gepackt hat - auch wenn ich mit diesem Gedanken gespielt habe. Aber ich hielt es für wichtig, auch diesem Zweifel hier seinen berechtigten Raum zu erteilen. Oppositionell zu sein, bedeutet eben auch, an seiner Umwelt zu verzweifeln und im stillen Kämmerlein auch an sich selbst zu zweifeln. Wenn man so anders ist als die große Masse, wenn man eben - um es mit dem großen Modewort zu sagen - nicht Teil des Mainstreams ist, dann kommt man gezwungenermaßen zu der Frage: Stimmt etwas nicht mit der Welt oder stimmt mit mir etwas nicht? - Dies läßt sich höchstwahrscheinlich nicht hinreichend beantworten. Wahrscheinlich stimmt mit beiden etwas nicht, wahrscheinlich nimmt sich der Einzelne einfach nur zu wichtig, gerade so wichtig, wie die ganze Welt sich nimmt...

26 Kommentare:

aebby 26. Juli 2008 um 13:36  

Im (nach)denken ist der Zweifel fest verankert. Wer nicht zweifelt denkt auch nicht. Ich bin froh über den letzten Abschnitt, ein Zweifler bleibt, ein Gesicht mehr, das sich erkennbar aus der Masse erhebt.

wünsche ein gutes Wochenende

flatter 26. Juli 2008 um 13:46  

Ja, es ist der Blues. Ich keinne ihn nur zu gut, auch mich befällt er regelmäßig. Die "Flucht" in höhere Sphären (bei mir ist es gern der Versuch, mir eine Vorstellung davon zu machen, was "vierdimensional" wäre) ist gar keine schlechte Strategie, denn machen wir uns nichts vor: Es ist unerträglich, sich dauernd mit den Erzeugnissen einer kranken, dummen Spezties zu beschäftigen. Schon recht früh stellte ich mir die Frage, ob das alles Menschen seien oder ich vielleicht keiner. Ganz zwangsläufig landete ich bei Nietzsche. Dem hier zum Beispiel:
"...denn die Menschheit hat im Ganzen keine Ziele, folglich kann der Mensch, in Betrachtung des ganzen Verlaufes, nicht darin seinen Trost und Halt finden, sondern seine Verzweifelung. Sieht er bei Allem, was er tut, auf die letzte Ziellosigkeit der Menschen, so bekommt sein eigenes Wirken in seinen Augen den Charakter der Vergeudung. Sich aber als Menschheit (und nicht nur als Individuum) ebenso vergeudet zu fühlen, wie wir die einzelne Blüte von der Natur vergeudet sehen, ist ein Gefühl über alle Gefühle. — Wer ist aber desselben fähig? Gewiss nur ein Dichter: und Dichter wissen sich immer zu trösten."
Was bleibt uns? Rollen wir den nächsten Stein!

epikur 26. Juli 2008 um 14:09  

sehr persönlich und offen geschrieben. ich denke, du sprichst vielen aus der seele. dafür danke ich dir.

gegen den "mainstream" anzuschreiben, zu denken und zu reden ist immer wieder ein riesiger kraftaufwand. ob im alltag, im beruf oder in gesprächen mit anderen: jeder der opponiert merkt, wie oft man auf widerstand stößt und wie einfach es doch wäre mit der masse zu gehen.

der drang/der wunsch nach verbesserung, gestaltung und veränderung des denkens und der welt hin entspringt aber einer tiefen inneren überzeugung.

nicht verzagen und aufgeben, roberto! du hast viele "mitleidende", die dich sehr gut verstehen können.

denk daran:

"viele kleine menschen, die an vielen kleinen orten, viele kleine dinge tun - können das gesicht der welt verändern" (afrik. sprichwort)

Peinhard 26. Juli 2008 um 14:19  

Da fällt mir Günther Anders ein - 'Und wenn ich verzweifelt bin, was geht's mich an?' Und empfehle mal sein Hauptwerk 'Die Antiquiertheit des Menschen', vielleicht eines der am meisten unterschätzten Werke des letzten 'unschönen' Jahrhunderts. Bevor man allerdings 'am Menschen verzweifelt' vielleicht auch noch Arno Gruens 'Der Wahnsinn der Normalität - Realismus als Krankheit'. Tröstet es nicht, so erklärt es doch vielleicht einiges...

Anonym 26. Juli 2008 um 14:58  

Mhh.. das erste mal, dass ch hier nicht nur lese sondern auch kommentiere. Aber es scheint nötig, da ich diese Phasen der gefühlten Sinnlosigkeit kenne. Meine Freundin meinte gerade zu mir, das dieser Text genau auf mich passt.
Ich denke es gibt sehr viele, die sich mit diesen Gedanken quälen. Ich glaube aber, dass es für die Menschen, die sich mitten im Mainstream bewegen und zweifeln noch viel schlimmer ist. Sie können sich doch noch nicht einmal auf unserer (manchmal überhebliche) moralische Überlegenheit und unsere "Wahrheit" berufen.

Anonym 26. Juli 2008 um 15:04  

Vieleicht sich selbst nicht ganz so überhöht sehen ? Den Kampf für Transparenz und mehr Demokratie als Sache sehen, den viele verschiedene Menschen auf sehr verschiedene Weise führen ?

Hokey 26. Juli 2008 um 15:05  

Ich schiebe solche Anwandlungen meinerseits immer ganz unphilosophisch aufs Wetter und die schwüle Jahreszeit... ;-)

alexander 26. Juli 2008 um 15:15  

"Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen." (Adorno, Minima Moralia)

Daran musste ich eben spontan denken. Ich kenne solche Sinnkrisen nur zu gut.

Ob Abgeschiedenheit hilft? Ich weiß nicht. Ein paar Tage im Kloster könnten schon interessant sein. (Ich glaube sogar, dass sowas von einigen Klöstern angeboten wird, nennt sich "Tage der Stille" oder so ähnlich).

Ich hatte vor längerer Zeit einmal eine ganz schlimme Phase und beschloss, einen Selbstversuch durchzuführen. Die Grundidee des Experiments war recht simpel: Die bewusste Abkopplung vom Weltgeschehen, totale Indifferenz von früh bis spät - eben die Lebenweise, die von den meisten Zeitgenossen an den Tag gelegt wird. Nach anderthalb Wochen musste ich das Experiment abbrechen. Meine Stimmung hatte sich nicht nur weiter verschlechtert, ich kam mir zudem weichgeklopft vor und meine trägen Gedankengänge schienen mit einer klebrigen, abstumpfenden Masse überzogen zu sein.

Roberto, niemand erwartet täglich einen neuen Eintrag. Wenn du eine Auszeit benötigst, dann nimm sie dir und genieße. Aber bitte bleib uns auf lange Sicht mit deinem Blog erhalten.

Inge 26. Juli 2008 um 15:56  

Hi, Roberto. Das kenne ich auch sehr gut, es befällt mich wie eine bleierne, unwiderstehliche Müdigkeit. Wenn dies der Fall ist, bekomme ich auch nichts so richtig gebacken, und habe auch das Gefühl, dass mich die Sinnlosigkeit erschlägt.
Gerade Dein blog ist aber auch - unter einigen wenigen anderen, die ich kenne und lese - einer jener, die jedesmal Gewinn versprechen: An Anregung und Nachdenkenswertem. Und, Dein blog ist von einer sehr ureigenen Intelligenz, die anspricht. Ich hoffe, Du erholst Dich wieder von diesem Tief. Gerade Leute wie Dich, die tief denken können und nicht nur oberflächlich sind, brauchen wir alle mehr denn je.
Mit den besten Wünschen an Dich, und großem Dank für Deinen blog wünsche ich Dir gute Erholung und Seelenerfrischung.

Roger Beathacker 26. Juli 2008 um 18:17  

Danke fuer diese trostlosen Worte. Immerhin schaffst Du es noch, selbst aus der Krise noch einen Text zu bauen; etwas das mir nicht recht gelingen will.

Vielleicht sollte man ohnhin mehr darauf achten, dass man sich nicht selbst zum Sklaven macht, weder zum Sklaven einer Taetigkeit (bloggen) noch einer Haltung oder Rolle (Opposition). Wir sollten uns darueber klar sein, dass wir vor allem schreiben koennen - und dieses Vermoegen nicht in den Zwang, schreiben zu muessen konvergieren lassen. Und ebenso sollten wir nicht vergessen, dass wir Opposition sein koennen, dass es aber nicht hinreichen kann, wenn sich unser Dasein schon darin erschoepfen wuerde.

Das immerzu und zu allem und jedem "etwas sagen/berichten muessen", ist womoeglich einer der Gruende, warum die sog. Mainstreammedien immer trivialer werden. Wie so oft, scheint auch hier zu gelten: "weniger ist mehr". Und zum Glueck schreibt unsereiner nicht gegen Zeilenhonorar, so dass der Luxus des "das Schreiben gelassen sein lassen" nicht gleich zu einer existentiellen Bedohung sich auswachsen koennte.

Wenn Dich also zur Zeit die Quantenphysik und die ART mehr interessieren, als die ewig gleichen Saeue die der Mainstream durch die Medien treibt - was solls?

Scheib halt darueber - nur das, was uns (gerade) selbst wirklich bewegt, kann auch fuer andere interessant sein.

Lieben Gruss

R.B.

Anonym 26. Juli 2008 um 20:02  

Diese Zweifel sind mir bekannt. Ich überlege auch gerade, inwiefern ich meinen Blog weiterführe. Und das, obwohl mein Blog in unserem Blog-Quadranten Aufwind hat. Aber ich habe das Gefühl, wir schreiben eher für uns und Gläubige muss man bekanntlich nicht bekehren. Meine Überlegungen gehen jedoch eher in Richtung des Formatwechsels.

Im Klartext: ich stehe in Verbindung mit einem Webradio, um 1x die Woche eine musiklastige konsumentenfreundliche Sendung zu machen mit einer Bloglese. Statt selbst das bereits gesagte zu vertiefen, lieber die Bloginhalte von Dir, Fefe, F!xmbr, Feynsinn, Ad Sinistram u.a. näher an die Jugend zu bringen...

Raze 26. Juli 2008 um 22:18  

Die beschriebene Verzweiflung ist doch heutzutage vollkommen normal. Der befohlene Sprachgebrauch allerdings dichtet sie um in die "Volkskrankheit Depression". Die kann man mit einem ganzen Haufen Glücklichmacher vom Arzt bekämpfen, bis man nur noch stumpf vor der Glotze hockt und keinen klaren Gedanken mehr fassen kann.

Ich meine: (Ver-)Zweifeln ist nichts Schlimmes. Denn nur wer noch denkt, kann zweifeln. Und Denken ist doch nichts Schlechtes.

Ich kenne diese Verzweiflung auch besser als mir lieb ist. Ebenso die Fluchtmethode. Aber irgendwann muß man doch wieder hoch und weitermachen - und sei es nur aus dem Wunsch, irgendjemand vor lauter Verzweiflung unverblümt gesagt ans Bein zu schiffen...

Steffino 26. Juli 2008 um 22:21  

ich kann vieles von dem, was du schreibst, gut nachempfinden. letztlich bleibt einem tatsächlich nichts anderes übrig, als auf sisyphos' spuren zu wandeln. und manchmal schafft man es vielleicht sogar (wie camus es in seinem mythos von sisyphos sagt), die ständige revolte und das annehmen der absurdität als Lösung zu finden und dabei glücklich zu sein...

p.s. manchmal muss man aber auch nur in seinem eigenen lebensumfeld und/oder seine innenwelt ein wenig aufräumen, um zu sehen wie und wo es weiter geht

Claudia 26. Juli 2008 um 22:57  

Du schreibst:
"Oppositionell zu sein, bedeutet eben auch, an seiner Umwelt zu verzweifeln und im stillen Kämmerlein auch an sich selbst zu zweifeln. Wenn man so anders ist als die große Masse, wenn man eben - um es mit dem großen Modewort zu sagen - nicht Teil des Mainstreams ist, dann kommt man gezwungenermaßen zu der Frage: Stimmt etwas nicht mit der Welt oder stimmt mit mir etwas nicht?"
Wenn ich meine Erfahrungen als wahr nehme, dann gibt es keine große Mainstream-Masse, sondern eine von den Massenmedien hergestellte öffentliche Meinung, die den meisten Menschen zuwider ist - auch den Schweigenden. Diese Unstimmigkeit fällt immer mehr auf und es stellt sich die Frage, wer nackt ist? Das Gerücht, der/die Kaiser sei/en nackt, ist schon mehr als ein Raunen. Also zweifle nicht an dem, was Du als wahr nimmst, sondern sehe die so von Mainstreammedienmassen dargestellte Welt als die nicht wirklich wirkliche Welt. Sie verschwindet wegen Deiner, meiner, und millionenfacher anderer Zweifel. Es ist nicht mal eine große Frage der Zeit, denn der Zweifel durchdringt das RZ-Gefüge, woran mensch ja auch zweifeln kann, aber nicht verzweifeln. "Die Welt ist keine Scheibe" und die Erde dreht sich. ;-)

Franktireur 27. Juli 2008 um 13:03  

Wer das System hinterfragt, muß zwangsläufig auch seine Rolle im System hinterfragen, und somit auch letztendlich sich selbst. Mir geht es nicht selten ähnlich wie dir.
Ich weiß allerdings recht genau, warum ich zweifle, aber nicht ver-zweifle: ich fühle mich lebendig genug, gerade weil ich so bin, wie ich bin, gerade, weil ich gegen diese Menschenverachtung ankämpfe, die hier in den letzten ein, zwei Jahrzehnten wieder so unerträglich zugenommen hat.
Mancher nennt das "Gewissen", andere reden von "Empathie" oder "ethischem Empfinden". Mir sind die Begrifflichkeiten nur insofern wichtig, daß ich es hasse, wenn sie mißbräuchlich benutzt werden. Doch der Inhalt ist relevanter für mich, die Bedeutung.
Also, zweifle weiter, unbedingt - und schreibe darüber. Es war schon immer so, daß wohl lediglich ein gewisser Prozentsatz von Menschen den Mut und die Bewußtheit haben, um zu Felde zu ziehen, damit die Population Mensch sich nicht letztendlich selbst wegfegt. Vielleicht ist es der gewisse Prozentsatz, dem die Menschheit es überhaupt verdankt, daß sie noch nicht vom Antlitz der Erde verschwunden ist. Und ich mag ehrlich gesagt die Vorstellung, zu diesem gewissen Prozentsatz zu gehören...
Und ich denke, auch du gehörst zu diesem gewissen Prozentsatz der "Lebendigen", der gegen die "Maschinenmenschen" votiert.

In der Romantik nannte man das "verwandte Seelen". Die gibts zur Genüge, und mir gibt das Kraft zum Weitermachen. Ich wünsche mir für dich das gleiche.

Gruß, Frank

Markus 27. Juli 2008 um 13:05  

Als Leser Deines Blogs kann man kaum einschätzen, ob und inwieweit Dich das Zweifeln oder gar Verzweifeln wirklich gepackt hat.

Der "Erfolg" aber scheint tatsächlich (fast) nur den kapitalistischen Machern und politischen "Reformern", den wissenschaftlichen Effizienzaposteln und den journalistischen Nachbetern vergönnt zu sein.

Das alles ist zum Zweifeln angetan, taugt aber nicht zum Verzweifeln.

Andi 27. Juli 2008 um 14:02  

Der Zweifel ist oft der erste Schritt zum Wandel, Verzweiflung der Anfang der Metamorphose. Ich denke, Du entwickelst Dich gerade wieder ein Stück weiter. Wohin? Wer soll das schon wissen. Unser Leben ist nicht vorgezeichnet.

Laß Dich nicht von unerem Egoismus verleiten und meine, schreiben zu müssen. Ja, wir alle wollen mehr von Dir lesen, aber wenn die Muse einen nicht küsst, ist das, was vorher mit Leichtigkeit und Spaß von der Hand ging, eher nur noch eine Qual.

Lieber Roberto, ich wünsche Dir Frieden im Geiste aber vor allem im Herzen.

Swolf 27. Juli 2008 um 16:46  

Eine Welt voll Menschlichkeit, für wen ?

Die Nachbarn, die jedem nur Gutes wollen, solange es nichts kostet und schon gar nicht zu ihren Lasten geht.
Die barmherzigen Menschen, die zu Weihnachten bei einer Benefiz Gala anrufen um 50 Euro zu spenden.
Die Freunde, die wirklich guten Freunde, die nüchtern betrachtet auch nur (liebgewonnene) Nachbarn sind.
Menschen, die "Rücksicht" schreiben aber nicht begreifen und noch weniger leben können.
Menschen, die einem Penner keinen müden Cent geben, den er doch nur versäuft.
Menschen, die eine begrenzte Auswahl von Klingeltönen schon als Zeichen ihrer Armut deuten.

Menschen, im menschlichen Körper gefangen und damit von der Menschlichkeit ausgesperrt ?

Was ist mit mir, dem besseren Menschen. Kann ich einer Spezies angehören und doch nicht.
Ich beginne meinen Körper zu hassen, der mich zur Menschlichtheit versklavt. Gibt es einen Ausweg ?

Gott könnte herhalten, der mir mein Schicksal auferlegt und somit all dem Sinn verleiht. Ganz im Sinne der Kirche, welche ihre Schäfchen zur devoten Apathie erzieht.

Aber wenn nicht, wenn ich nur ein kurzer Hauch von Ordnung im ungeordneten Universum bin. Dann gibt es keinen Grund weiter in der Sklaverei zu leben. Wieso nicht in den Tod fliehen, weit weg von all der Menschlichkeit.

Aber mein Gefängnis hält mich fest
und so lebe ich ...

mit der Hoffnung, einen Funken Menschlichkeit in mir zu entdecken. Mich von der Anständigkeit der Menschen nicht völlig infizieren zu lassen.

Die Erkenntnis, daß dieses süße kleine Mädchen, die heute noch das lebensrettende Knochenmark erhält, morgen schon 50 Euro spendet, hinterläßt eine tiefe Leere in meinem Herzen.

Eine Leere die Raum läßt für Neues. Rekonvaleszierend von der Menschlichkeit beginne ich den Raum zu füllen ...

und völlig überraschend und unerklärlich für mich, es fühlt sich gut an eine Insel zu bauen.

42 27. Juli 2008 um 17:47  

Dazu ein Gedicht von mir:

Den Menschen einen, ihren, Spiegel vorzuhalten,
kommt auf dich zurück.
Es hat keinen Sinn,
anders zu sein,
selbst zu denken,
frei zu sein.
Denn es ist keine Freiheit mehr,
nicht das zu tun,
was man von dir erwartet.
Du enttäuschst diese Gesellschaft,
die getäuscht werden will.
Doch die Täuschung bringt Befriedigung.
Und wenn sie auch nicht von Dauer ist und du im Innern nie glücklich wirst,
spielst du das elende Spiel dieser Gesellschaft.

Den täglichen Problemen hinterherlaufen,
in der eigenen kleinen Welt,
vor der Wahrheit flüchten,
die doch die eigene Leere offenbaren könnte.

Eine leblose Hülle, die nie satt werdend, den materiellen Versprechungen hinterherläuft.

Wieviel würde ich doch manchmal geben,
auch so blind zu leben. In meiner kleinen, heilen Welt.

Gesichtslos inmitten der Masse unterzugehen um die Schmerzen zu verdecken, die mich so quälen.

Thomas Trueten 28. Juli 2008 um 00:18  

Kopf hoch, Roberto. "Die Blogger haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern."

Solange das die Antriebsfeder bleibt, ist die Puste noch nicht weg.

Roger Beathacker 28. Juli 2008 um 17:38  

Wo wir schonmal beim remixen von Zitaten sind: "Das Bloggen aber muß sich hüten, erbaulich sein zu wollen."

;-)

Thomas Trueten 29. Juli 2008 um 00:48  

@Roger: Och Mennohh... ;-)

Roberto J. De Lapuente 29. Juli 2008 um 22:02  

Ich möchte mich bei allen herzlich bedanken, die mir in den Momenten des Zweifels Mut zugesprochen haben. Ich dachte freilich ans Aufgeben, aber niemals in dem Maße aus dem Gedanken etwas Handfestes zu machen.

Es sei jedem Menschen vergönnt, an sich selbst zu zweifeln. Wieviele der verbeamteten Roboter (ob wirklich verbeamtet oder nur mit ordinären Dienstvertrag) zweifeln nicht an ihrem Tun. Es täte ihnen gut...

42 29. Juli 2008 um 22:06  

"Wieviele der verbeamteten Roboter (ob wirklich verbeamtet oder nur mit ordinären Dienstvertrag) zweifeln nicht an ihrem Tun. Es täte ihnen gut..."

Ähem.. Beschränken wir das doch nicht auf Beamte. Dieses gesellschaftliche Problem finden wir in allen beruflichen Kreisen.

Roberto J. De Lapuente 29. Juli 2008 um 22:14  

"Ähem.. Beschränken wir das doch nicht auf Beamte. Dieses gesellschaftliche Problem finden wir in allen beruflichen Kreisen."

Selbstverständlich. Deswegen setze ich die Klammer. Ich hätte auch vom Staatsbüttel oder vom Profitbüttel schreiben können, der als Ziel nur eine gewisse Gleichschaltung und Effektivität des Zusammenlebens kennt.

42 29. Juli 2008 um 22:33  

Ach so, gut ;)

Und zu deinem Blog: Ich hoffe, du findest auch weiterhin die Motivation, trotz des Zweifels, weiterzuschreiben. Deine Texte sind super geschrieben und inhaltlich ebenso qualitativ.

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