Alle lieben die KPCh

Montag, 28. Juli 2008

Es wird wieder von Schlächtern gesprochen. Von solchen, die die Menschenrechte mißachteten und wahllos töten ließen, ohne eine Spur von Humanität gezeigt zu haben. Schlächter, die Zehntausende in den Tod führten, die Hunderttausende ihrer Lebensgrundlage beraubten. Es wird wieder von Schlächtern geschrieben. Mit all ihren unmenschlichen Zügen und ihrer egozentrischen Sichtweise und der Angst, die sie befiel, als sie sich selbst einer unmenschlichen Situation ausgesetzt fühlten. Das Paradoxe wird in Buchstaben gefaßt, wird dem Leser vor Augen geführt: Der Schlächter, der nicht geschlachtet werden, der Blutsäufer, der sein eigenes Blut nicht getrunken wissen will.

Nein: Es geht nicht um China! Auch wenn wir so kurz vor den Olympischen Spielen stehen. Denn Radovan Karadzic hat es der internationalen Presse angetan! Er nimmt in jenen Tagen die Position ein, die China zukommen müßte - gerade jetzt, wo man sich aufmacht, im Reich der autoritären Mitte ein Sportspektakel zu veranstalten. Stattdessen rückt ein Schlächter ins Rampenlicht, der sein Werk schon vor Jahren vollbracht hat, während die Schlächter in den Gremien der KPCh nun die Hände internationaler Staatsmänner schütteln, das an ihnen haftende Blut an die Hände dieser Welt weiterreichen dürfen. Beinahe könnte man meinen, dass nur jene Schlächter zur Diskussion stehen, die ihr unheilige Aufgabe bereits erledigt haben, während noch aktive Schlächter, die außerdem anonym in Form einer angeblichen Kommunistischen Partei auftreten, ungeniert ihr Tun fortsetzen dürften.

Natürlich ist es müßig - in diesem Falle genauso, wie im Falle des Iraks oder Afghanistans - mit eurozentristischem Blickwinkel gen Osten zu moralisieren. Tradition, Philosophie und Geschichte Chinas (nicht nur die neuere Geschichte) haben kein Demokratieverständnis hervorgebracht, wie es der westlichen Welt entsprang - und wie es übrigens immer mehr in Vergessenheit gerät und quasi als Irrtum westlicher Geschichte umgedeutet werden soll. Aber mit einem Land in Verhandlungen stehen, welches wegen kleinster Delikte tödliche Genickschüsse verteilt, entbehrt jeder demokratischen Grundlage. Wenn man schon dreist genug ist - und schon immer war, siehe z.B. den "Boxeraufstand" -, den Menschen Chinas den westlichen Lebensstil aufzuzwingen - nicht nur denen! -, warum dann nicht auch eine Art "demokratischen Gewissens"? Warum bietet dieser Teil der Welt nur seine Produktionsweisen an, die über kurz oder lang ganze Gesellschaftsgefüge umwerfen? Warum nur Lohnmodelle, Arbeitsabläufe, Profitmaximierungen? Warum nur gigantische Produktionshallen, Technisierung jeglichen Lebensbereiches, riesige Wohnanlagen für Arbeiterheere ohne Recht und Mitsprache? Warum wird diesen Menschen nur eine Art "ökonomische Philosophie" mit auf ihren Weg gegeben - der ja unser Weg gleichermaßen ist -, während eine "Philosophie der Emanzipation" nicht nur verschwiegen, sondern geradezu unterdrückt wird?
Man kann Gesellschaftsstrukturen, die sich über Jahrhunderte, im Falle Chinas: über Jahrtausende entwickelt haben, nicht einfach vom Tisch wischen. Man macht aus der chinesischen Gesellschaft freilich keine grunddemokratische, wird dort immer auch mit autoritären Strömungen zu ringen haben. Das Hineinpfuschen in solche Strukturen zerstört mehr als er schafft. Aber wenn man schon pfuscht, wenn man schon dazwischenschlägt und mitmischt, warum dann nur auf ökonomischer Ebene?

Anstatt dieser Einsicht, die ja nolens volens zum Rückzug des Westens in anderen Weltregionen führen müßte, liefern die Medien dieser Tage einen kleinen, zwar kritisch wirkenden, aber doch abwiegelnden, fast idyllischen Hochgesang auf China. In diesem - Hochgesang - werden die Unterschiede in der chinesischen Gesellschaft aufgegriffen, indem man Chinas Freude an Prada und Gucci den jährlich zehntausend Hinrichtungen gegenübergestellt; indem erläutert wird, in welch finanzieller Armut Chinas Landbevölkerung lebt - wobei man die Armut in diesen Gebieten nicht am Geld messen kann, was uns im Westen, mit unserer Zahlentreue und Statistikliebe, wieder einmal entgeht -, während man im gleichem Atemzug mitteilt: "Ihr seid auf dem richtigen Weg." Und natürlich vergißt man bei diesem notwendigen Lobgesang auch nicht, die eurozentristische Verkrustung etwas bröckeln zu lassen, indem man Erfindungen, die man eigentlich in Europa angesiedelt hatte, den alten Chinesen zurückgibt. Ja, schreckt nicht einmal davor zurück, Kong Zi zum Erfinder der Menschenrechte zu machen!
Und Alt-Bundespräsident Weizsäcker gibt sich ganz weltmännisch - er darf ja auch nicht fehlen, wenn es darum geht, mit vielen Worten nichts zu sagen -, indem er den oben aufgegriffenen Gedanken von der Sinnlosigkeit der Einmischung aufgreift: "Dieses wachsende Selbstbewusstsein im chinesischen Volk ist der Motor für den Fortschritt – auch in der Frage der Menschenrechte. Jede Einmischung von außen wäre ausgemachter Blödsinn." - Soso, da wäre es also Blödsinn, während der westliche Einfluß in Wirtschaft und damit Politik freilich kein Blödsinn ist, sondern dringende Notwendigkeit, die ja den sogenannten "Motor für den Fortschritt" darstellt.

Überhaupt dieser Irrsinn von der neuen Weltmacht China, wie ihn Alt-Kanzler Helmut Schmidt seit Jahrzehnten predigt. Wer die Geschichte Chinas nur ein wenig kennt, sei es auch nur bruchstückhaft, der weiß gewiss, dass es das Verlangen des Reiches der Mitte nie war, eine räumliche oder geistige Expansion zu betreiben. Freilich ließ sich der Kaiser den Respekt bekunden, ließ sich Geschenke aus jenen Ländern bringen, mit denen er in Handel zu treten gedachte. Er war ja immerhin auch der Sohn des Himmels! Als dann die Briten kamen und ihm so recht keinen Respekt zollen wollten - nicht mal den Kotau wollten sie vollziehen -, da weigerte er sich zunächst auch, mit diesem Barbarenvolk in Handel treten. Das britische, bzw. europäische Selbstbewußtsein und die damit verbundene Selbstgerechtigkeit hat er damals unterschätzt oder gar nicht erst wahrgenommen. Aber Expansion in dem Sinne, den Ländern an der Peripherie des Reiches der Mitte einen neuen ideologischen, theologischen oder philosophischen Überzug zu verpassen, war unbekannt und dominiert die chinesische Mentalität bis heute. Im Gegenteil: China nahm fremde Herrscherdynastien in die eigene Kultur auf und gewann dadurch an Vielschichtigkeit. Was wir heute als chinesische Kultur betrachten und was es, genau besehen, nicht als einheitliche Kultur, sondern als viele regionale Kulturen mit einem gemeinsamen Nenner gibt, ist ein Sammelsurium fernöstlicher Traditionen und Überlieferungen. Obwohl sich das Reich der Mitte als Zentrum der Welt und deren Kaiser als Sohn des Himmels wahrnahmen, exportierte man nicht Kultur, sondern importierte und war - gemäß dem Daoismus - auf Ausgleich bedacht. Der Sinologe Helwig Schmitz-Glintzer schreibt dazu:
"In ihren Grundmustern folgt die Vorstellung von Chinas Geschichte den chinesischen Selbstauslegungstraditionen und deren früher Spiegelung in den Berichten europäischer Missionare und Reisender. Bis in die Gegenwart wird China als der "Schlafende Riese" und als aufkommende Weltmacht gesehen und zumeist gefürchtet. Dabei ist sich China seiner Identität weniger gewiss, als dies solche Bilder nahelegen. Das hängt mit den vielen Facetten der Geschichte und der Kultur des "Reichs der Mitte" zusammen."
Hier wird zudem auch deutlich, dass die Einsichten Helmut Schmidts, die er gerne weitsichtig und mit diplomatischer Vision an seine Zuhörer und Leser vermittelt, uralte westliche Ängste sind. Der "schlafende Riese" ist nicht der "neueste Schrei der Geschichte", sondern von jeher der Furor des Westens. Bisher schläft er immer noch und die eigene Identität ist in China (noch) nicht gefunden. Es würde aber der chinesischen Mentalität, die ja ein Produkt aus der Historie und den Lebensbedingungen ist, gänzlich widersprechen, nun nach einer Art Weltherrschaft zu trachten, auch wenn sich diese "nur" ökonomisch ausnehmen würde.

Das schlachtende China, so heißt es also aus dem Munde der westlichen Vernunftträger, sei auf einem guten Wege, Einmischung käme einer Dummheit gleich. Und damit ja keine oppositionelle Stimme laut wird, die die Olympischen Spiele in China schlechtmacht, politisch nutzbar macht, wird langsam und dezent eine Berichterstattung aufgezogen, die China als Land der Fortschritts und der Emanzipation verklärt - auch wenn man zugibt, dass es noch nicht an allen Fronten danach aussieht. Die Zeit der Olympischen Spiele soll keine Zeit der Kritik sein, sondern eine solche, die den Zuseher im politischen Dämmerzustand halten soll. Wenn schon von Schlachtfesten und deren Protagonisten gesprochen werden soll, dann eben von Karadzic - er nimmt die Rolle des Retters Chinas an, wird die roten Flecken auf der weißen Weste der Chinesen kaschieren, vom Schauplatz Beijing ablenken. Wenn schon über Mord und Unmenschlichkeit berichtet werden soll, dann wird er auflaufen, nicht die Führungsriege der KPCh. Aus den fernöstlichen Schlächtern wird in den nächsten Wochen eine Runde weiser Staatslenker stilisiert, die man ihres Mordens nicht moralisch verurteilen darf, weil sie doch dem Fortschritt zugewandt gen Westen marschieren.

Die Tragik Karadzic' ist es, dass er keine Olympischen Spiele veranstaltet, dass er nicht nutzvoll verwertbar ist...

2 Kommentare:

epikur 28. Juli 2008 um 14:34  

die menschenrechte sind in den augen vieler profitmaximierer eben nur ein "nebenprodukt" des gewinns und als solcher auch nicht primär anzustreben.

die frage stellt sich für mich eher, ob der liberale glaube, mit dem wirtschaftlichen fortschritt käme zugleich auch immer ein emanzipatorischer fortschritt, wirklich berechtigt ist?

Inge 28. Juli 2008 um 18:05  

Kriegsgemetzel, Menschen foltern und schlachten ist doch wieder hoffähig in der Welt. Da können wir schlecht die Chinesen rügen, und zur Ordnung rufen (zu welcher eigentlich noch?), denn wir beteiligen uns ja immerhin auch an Kriegen.
Und unsere neuesten Unterjochungs- und Kontrollgesetze sind ja auch heftig. Wir nähern uns an die Schlächter an, da können wir nicht von denen verlangen, dass sie sich plötzlich wieder anders orientieren sollen.
Geld heiligt inzwischen fast alles.

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