Nomen non est omen

Mittwoch, 18. Juni 2008

Heute: "Demographischer Wandel"
„Natürlich wissen wir, dass wir angesichts der Bevölkerungsentwicklung gerade die Jüngeren ermuntern müssen, neben der gesetzlichen Rentenversicherung private Vorsorge vorzunehmen, weil wir heute nicht mehr garantieren können, dass die Jüngeren in ihrem Rentenalter mit der gesetzlichen Rente ihren Lebensstandard aufrechterhalten können.“
- Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich des Jahreskongresses der Hessischen Landesregierung im August 2007 -

"Es gibt Probleme mit und Probleme ohne Lösung. Wir sitzen in einer demographischen Falle, in der wir ein halbes Jahrhundert bleiben werden - mindestens."
- Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg in der FAZ vom 28.08.2006 -
Der Demographische Wandel bezeichnet den Bevölkerungsrückgang in Deutschland. Die Annahme ist, dass in Deutschland immer weniger Kinder geboren werden und zugleich die Menschen, durch eine gesteigerte Lebenserwartung immer älter werden. Das statistische Bundesamt hat 2006 die 11. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung herausgebracht, nachdem die Bevölkerungszahl von 82,5 Millionen Menschen im Jahre 2005 auf bis zu 69 Millionen Menschen im Jahre 2050 abnehmen werde.
In Deutschland werden das „Demographische Problem“ sowie die „Globalisierung“ als die zwei Hauptargumente angeführt und instrumentalisiert, um marktwirtschaftliche Reformen sowie Sozialabbau, im Sinne einer neoliberalen Ideologie, zu legitimieren. Es müsse eine Rentenkürzung, eine Erhöhung des Renteneintrittsalters sowie eine Umschichtung hin zu privater Altersvorsorge stattfinden. Nutznießer einer privaten Altersvorsorge sind in erster Linie Banken und Versicherungen. Weiterhin soll damit das sogenannte „lebenslange Lernen“ sowie eine Beschäftigung im hohen Alter forciert werden. Die Reform der Rente mit 67 in Deutschland wurde z.B. mit dem demographischen Wandel gerechtfertigt. Da die Menschen länger gesund leben würden, könnten sie auch länger arbeiten, so die Begründung. Das Problem ist hierbei, dass das Arbeitsaustrittsalter und das tatsächliche Renteneintrittsalter heute kaum zusammenfallen. Viele deutsche Unternehmen beschäftigen kaum ältere Menschen, sondern entlassen sie, sobald sie können. Insofern bewirkt die Rente mit 67 nur eine Rentenkürzung der Betroffenen, da sie mit 50 oder 55 vorzeitig in Rente geschickt werden und demzufolge mit Abschlägen bei ihrer Rente rechnen müssen.
Der Konflikt zwischen alten und jungen Menschen wird bei der Debatte konstruiert, um vom wahren Konflikt, der zwischen armen und reichen Menschen in Deutschland, abzulenken. Weiterhin stellt sich die Frage, wenn die Weltbevölkerung demnächst an Überbevölkerung leiden werde, wieso Deutschland dann mehr Kinder brauche? Der Verdacht liegt nahe, dass es eben darum geht mehr „deutsche“ und von diesen am besten auch nur welche aus reichen Familien in die Welt zu setzen. Dass dieser Diskurs zunehmend nationalistisch-faschistische Züge trägt, ist äußerst bedenklich. Im Kern stützt sich das ganze Problem, auf eine Prognose des statistischen Bundesamtes über die nächsten 50 Jahre. Abgesehen davon, dass Prognosen von Annahmen ausgehen und keine Hellseherei sind, kann man der vermeintlichen Überalterung der Gesellschaft und dem Geburtenrückgang auch konstruktiv begegnen. Solange jedoch schwangere Frauen und ältere Menschen aus Unternehmen geworfen werden, Kindertagesstätten völlig überteuert sind, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sich für Frauen schwer gestaltet und die Anforderungen von Mobilität und Flexibilität an Arbeitnehmer derart hoch sind, wird sich jeder dreimal überlegen ob er oder sie eine Familie gründen möchte oder nicht.

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

1 Kommentare:

Roger Beathacker 18. Juni 2008 um 12:24  

"Der [...] "demographische Faktor" - bei dem es sich aus der Naehe besehen eigentlich um eine Verkuerzung zum bloss "geriatrischen Faktor" handelt - ist [...] m.E. eine vollkommen irrelevante Bezugsgroesse."

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