Der Preis der Zweitklassigkeit

Donnerstag, 5. Juni 2008

Die kommende Fußball-Saison wird meiner Heimatstadt Zweitligafußball bescheren. Am vergangenen Samstag war der Aufstieg vollbracht. Nach 27 Jahren der Dritt-, Viert- und Fünftklassigkeit, wird erstmals wieder ein Ingolstädter Klub im bundesweiten Fußballgeschehen mitmischen. Nach der Fusion 2004, die aus den beiden Urgesteinen - den MTV Ingolstadt und den ESV Ingolstadt - eine gemeinsame Fußballabteilung formte, ist dies sicherlich ein schneller, in Ingolstadt vorher kaum vorstellbarer Erfolg. Und tatsächlich äußerte sich dieses überraschende Abschneiden, das sicherlich auch mit der Verpflichtung von Trainer und Ex-Bayernprofi Thorsten Fink zu tun hat, in einem ausverkauften Stadion und - für Ingolstädter Verhältnisse - in einer grenzenlos euphorischen Stimmung. Doch obwohl auch ich am letzten Samstag im Stadion miterlebt habe, was ich mir als kleiner Junge und später als Jugendlicher immer erwünschte, mir aber gleichzeitig nicht vorstellen konnte - dass es nämlich in meiner Heimatstadt eines Tages bundesweit beachteten Profifußball gäbe -, wird meine Freude überschattet.

Dieser Schatten macht sich an einer Person fest - Peter Jackwerth. Diesem Mitglied des Aufsichtsrates, der seit geraumer Zeit der potente Geldgeber und damit Vater des Ingolstädter Fußballerfolges ist, wird der Aufstieg gutgeschrieben. Weil er gab, gab es Erfolg - so die einfache Schlußfolgerung, die nicht einmal falsch sein wird. Jackwerth gründete 1992 sein Unternehmen TUJA, welches er im Juni 2007 für 800 Millionen Euro an Adecco weiterreichte. TUJA beschäftigt 7000 Mitarbeiter in Deutschland und erzielte im Jahr 2006 einen Umsatz von 650 Millionen Euro. Der vollständige Name von Jackwerths mittlerweile ehemaligem Unternehmen verrät die Branche: TUJA Zeitarbeit GmbH. Freilich versteht es sich von selbst, dass die "Lichtgestalt des Ingolstädter Fußballs" auch seines Zeitarbeitsprojektes gelobt wurde. Immerhin schuf er Arbeitsplätze! Welche das genau sind, spielt für die Öffentlichkeit keine Rolle. Kein Wort über die Hungerlöhne, die er noch als großzügiges Geschenk an seine Angestellten proklamiert; auch kein Wort darüber, wie Menschen heute hier und morgen dort eingesetzt werden, wie es gerade beliebt; ebensowenig darüber, dass es Fälle gibt, in denen Arbeitnehmer aus sogenannten Normalarbeitsverträgen entlassen wurden, um danach bei einem Unternehmen wie TUJA angestellt zu werden, damit man die vorher getätigte Arbeit für weniger Geld vollbringt - nicht selten für 50 Prozent weniger Lohn! Es interessiert die Öffentlichkeit schlicht nicht, ob solche Arbeitsverhältnisse den Menschen nihilieren, weil der Entleiher keinerlei Verantwortungs- und Fürsorgepflichten mehr übernehmen muß und den Arbeitenden damit zu einem Produkt, nämlich zu einem bloßen Träger von Arbeitskraft, degradiert. Und ebensowenig, vielleicht noch weniger, interessiert es sie, ob man von einem solchen Auswuchs zeitgemäßer Sklaverei satt wird, menschliche Bedürfnisse befriedigen kann. Sie will nur sehen, dass es Arbeitsplätze gibt, die es ohne diesen Parasiten, der sich zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer schob, angeblich nicht gäbe. Schafft er denn Arbeit? Oder schafft er sich nur eine Nische, in der er für die Arbeit anderer Menschen mitkassiert?

Dies also ist das verherrlichte Räuberbaronat des Ingolstädter Helden. Und noch in jenem Moment, da ich die heimatlichen Freuden eines Kindes seiner Stadt genoß, nach Pilgerschaft zur Stätte des Aufstiegs jubelierte, den Messias selbst auf dem Spielfeld Weißbier verschütten sah, erschlug mich die Gewißheit, mich mit meiner Ausgelassenheit schuldig gemacht zu haben. Ich sah jene, die im relativen Elend ihrer schlecht bezahlten Arbeitsgelegenheit schwitzen, die sich von den Machenschaften der TUJA-Disponenten dransaliert wissen. Womöglich hat der Eintritt ins Stadion mehr gekostet, als eine dieser zur puren Arbeitskraft verwandelten Personen in einer Stunde überhaupt verdient. Meinem Jubel wohnte Selbstkritik inne und es belastete mich auch in den Folgetagen nicht schlecht. Natürlich war ich nicht so blind, vereinzelte TUJA-Banden und Werbeplakate innerhalb des Stadiongeländes nicht zu sehen. Und überhaupt war ich sicherlich nicht naiv genug, um zu glauben, großer Sport - oder das, was uns als das verkauft wird - könne aus der Kaffeekasse bezahlt und von ethisch reinen Charakteren gelenkt werden. Freilich war es die Euphorie, die mich unkritisch werden ließ. Gleichzeitig aber auch die Erfahrung und "fußballspezifische Ingolstädter Konditionierung", die mich dahingehend prägte, im FC Ingolstadt immer noch den beschaulichen, provinziellen Landesligaverein zu erblicken, an dessen Stadioneingang einst ein einsamer Kassenwart saß, der womöglich in jüngeren Tagen seines Lebens mehr Geliebte und Gespielinnen besessen hat, als er an manchen Spieltagen Zuschauer bedienen mußte. Aber bewußt ist mir auch, bei aller Freude, die ich an meinem Heimatverein festmachen muß, dass Bundesliga-Fußball nur mit Geld betrieben werden kann. Vorbei die Zeiten, in denen ein Volker Finke eine Jugendmannschaft wie den damaligen SC Freiburg in die Bundesliga führt, um dort auch noch einen dritten Platz zu belegen. Heute sind die Hoffenheims in Mode!

Ich wollte schneller zum Punkt kommen, flotter formulieren, welcher Zwiespalt in mir herrscht. Doch plagen mich hierzu zu viele Gedanken, die mich auf das zurückwerfen, was ich vor Wochen bereits schrieb. So wie der entrüstete Lidl-Kunde meinte, er würde durch Boykott und das Verlagern seines Einkaufs zu Edeka, Aldi oder wem auch immer, aufzeigen können, dass er in seiner Stellung als Kunde Wahlmöglichkeiten hat - also durchaus König ist, wie man ihm das gerne unter die Nase reibt -, so muß ich erkennen, dass man dem Kommerz und den Räuberbaronen gar nicht entkommen kann. Wir sind in eine Welt hineingeworfen, in der wir - ob als Kunden oder Angestellte, ob als Eltern oder Lehrer, ob als Regionalpatrioten oder Kosmopoliten, ob als Freund des Sports oder als trockener Geschäftsmann - immer ein verdecktes, unterschwelliges, nicht bekanntes, nicht faßbares, nicht wissendes und manchmal nicht zu wissen wollendes Verbrechen begehen. Wir sind verstrickt in die Machenschaften dieser Herrschaften, egal ob wir auf dem Weg zur Arbeit sind, im Supermarkt einkaufen oder auch nur in ein Fußballstadion marschieren. Einmal beuten wir Menschen in den Entwicklungsländern aus, morden vielleicht sogar indirekt, um zwei Stunden später unseren Nachbarn, der bei einem Zeitarbeitsparasiten schuftet, vor den Kopf zu stoßen. Und die Perversität dessen, was wir mit Adorno als das "schlecht Gegebene" bezeichnen sollten, wird erst daran meßbar, wenn dieser Nachbar es noch nicht einmal begreift, dass der Besuch eines TUJA-gesponsorten Vereins eine Brüskierung und Herabwürdigung seines Menschseins ist. Dass mit der Zelebrierung des generösen Sponsors, der durch sportlichen Erfolg zum Heiligen ernannt wurde und einen Altar gebaut bekommt, eine Verschwendung seines erwirtschafteten Gewinns - dasjenige also, was sich die Jackwerths dieser Welt einstecken, wenn andere für sie produzieren und dienstleisten - und eine Schmähung derer ist, die Tag für Tag für eine solche Kapitalismus-Kreatur schwitzen und bluten. Vielmehr hofft der durch Hungerlohn Gepeinigte noch, dass möglichst viele Menschen erscheinen, die seinem Brotgeber Jackwerth neben der Bestätigung auch noch eine vollere Brieftasche bescheren, von der sie wiederum hoffen, Standortsicherheit und Nachhaltigkeit ableiten zu können. Getreu dem irrsinnigen Motto: Wenn es den Jackwerths gut geht, geht es auch mir gut! - Eine Perversität der Massengesellschaft, die sich als absoluten Punkt die Profitgier gesetzt hat. Dies führt so weit, dass am Ende geglaubt wird, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Kapitaleigner und die von ihnen angestellten an einem gemeinsamen Strick zögen, auf ein gemeinsames und über jeden Zweifel erhabenes Ziel hinarbeiten. Partikularinteressen werden verschwunden gemacht, aus jeglicher Diskussion verbannt und in das angeblich längst vergangene Zeitalter sozialromantischen Klassenkampfes verlegt. Die Gesellschaft kommt als Vereinigung hervor, nicht mehr als Zweckgemeinschaft, in der ein Staat zu regeln und zu moderieren hat, um die verschiedenen Partikularinteressen zueinanderfinden zu lassen. Der Ausgebeutete betet seinen Ausbeuter an und sofern er sich auch noch in seinem Sport als Gönner und Mäzen erweist, wird aus dem stillen Gebet ein lautes Hallelujah.

Während man sich auch so sein Weltbild gerechtschwafeln kann, bleibt für mich die Frage offen, wie und wo man sich schadlos halten kann an der Verworrenheit amoralischer Abläufe innerhalb dieser Welt. Nicht einmal die Freude über einen Zweitligaaufstieg ist einem vergönnt. Denn hinter jeder harmlosen Freude, so lehrt uns die Erfahrung, sitzt jemand, der mit zweifelhaften Methoden der Selbstbereicherung frönt...

2 Kommentare:

Roger Beathacker 5. Juni 2008 um 17:09  

Sehr richtig was Du schreibst, aber - Du kommst gegen Ende des Textes implizit selber drauf, haettest es aber ruhig unverbluemt und deutlich schon vorher aussprechen koennen: "jene, die im relativen Elend ihrer schlecht bezahlten Arbeitsgelegenheit schwitzen, die sich von den Machenschaften der TUJA-Disponenten dransaliert wissen" sind vermutlich (trotz hoher Preise) auch im Stadion und jubeln (und das sogar dann, wenn sie die "Erfolge" nur aus der Ferne bewundern koennen) ebenso wie Du.

Markus 7. Juni 2008 um 22:42  

Auch die Ärmsten der Armen wollen sich halt mal amüsieren. Und daß sie dabei sogar ihrem "Peiniger" bisweilen zujubeln, sollte einen nicht verwundern. Dieses Phänomen ist aus dem allseits bekannten "Herr-Knecht"-Verhältnis seit Jahrhunderten in "bewährter" Manier allgemein geläufig.

Daß sich ein kritischer Zeitgenosse aber nicht für die Fußball-Europameisterschaft zu interessieren vermag, ist hingegen etwas verwunderlich. Hier läßt sich der "kollektive Wahn" einer großen Menschenmasse doch bestens beobachten. Damit soll einem echten Sportsfreund der Spaß an der Freud aber nicht vermiest werden.

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