De dicto

Donnerstag, 5. Juni 2008

"Diese Fotomontage ist ein einziger Skandal, absulut unterirdisch. Ich hoffe, dass die polnische Regierung angemessen darauf reagiert."
- Diverse Medien, Peter Danckert am 5. Juni 2008 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Groß ist der Aufschrei nach der Fotomontage der polnischen Zeitung "Super Express". Da wurde Polens Nationaltrainer Beenhakker als Henker dargestellt, der die abgetrennten Köpfe von Ballack und Löw durch die Gegend trägt. "Leo, bring uns ihre Köpfe", titelt es darüber. Es ist durchaus legitim, wenn man so eine Abbildung für geschmacklos hält und darüber seinen Unmut bekundet. Soweit kann man Danckert und denen, die vom Stammtisch aus gen Osten wettern noch zustimmen. Doch werden solcherlei Ausuferungen hierzulande gerne einseitig betrachtet und ähnliche Fälle "aus dem eigenen Nest" ignoriert.

Ausuferungen, die der polnischen Guillotine in nichts nachstehen, gab es am Wochenende. Diesmal diesseits der Oder. Und wo sonst, wenn nicht in der BILD? In großen Lettern motzt sie: "Zu viele Deutsche im Hotel - Brite kriegt Schadensersatz!" Und dann leitet man den faden Artikel, indem man die Briten so anspricht, wie einst der Landser: "Liebe Tommies,..."! Was dann folgt ist eine erlogene Geschichte, in der man die Wahrheit extrem dehnt und so zurechtrückt, dass das Skandälchen geboren ist: Einem Briten wurde demnach von einem Gericht Schadensersatz zugesprochen, weil in seinem Urlaubshotel zuviele deutsche Touristen wohnten. Richtig hätte man diesen banalen und wenig berichtenswerten Fall mit kurzen Worten so erklärt: Eine britische Familie buchte einen Urlaub in Griechenland. Im Reiseprospekt wurde mit Angeboten geworben, die die Touristen vor Ort besuchen könnten. Dumm nur, dass der Reiseveranstalter nicht in sein Prospekt schrieb, dass diese Angebote vornehmlich in deutscher Sprache stattfinden, weil die Mehrzahl aller Touristen dort eben Deutsche sind. Dagegen, dass diese Information vorenthalten wurde, klagte die britische Familie und bekam vor Gericht recht. Ein Fall, wie er sich hierzulande tausendfach finden läßt.

Doch die BILD-Zeitung stellt den Fall anders dar und legt nach mit einer wahren Kanonade von Ausuferungen, wie sie sich keine Tageszeitung leisten dürfte, die sich ernsthaftem Journalismus verschrieben hätte. Aber wenn man die Volksseele zu Kochen bringen will, dann ist bekanntermaßen alles erlaubt. Dort heißt es unter anderem: "Knallrotes Gesicht, wabblig-weiße Bierbäuche, raspelkurze Haare - der britische Standardtourist ist meilenweit zu erkennen und wahrlich kein schöner Anblick." Oder: "Saufen, grölen, pöbeln - wer das Pech hat, in einer britischen Urlaubshochburg zu landen, wähnt sich schnell in der Hölle." Eingeleitet werden diese Frechheiten folgendermaßen: "Liebe Briten, listen carefully: Wir Deutschen erklären euch jetzt mal, warum wir nicht nur Schadenersatz, sondern sogar Schmerzensgeld verdient haben, wenn wir die kostbarste Zeit des Jahres ausgerechnet mit euch teilen müssen." Nachher ergießt sich BILD auch noch in den ewigen Klischees um den Fußball. Spottet nach einer Reihe von unangebrachten Beleidigungen der Nicht-Teilnahme der Engländer bei der Europameisterschaft. Wenn man sich nun vorstellt, dass diese Ausuferungen zudem auf einer Lüge der BILD gründen, muß man sich wirklich an den Kopf fassen und sich dabei fragen, wie flach man eigentlich vorgehen muß, um die Volksseele pünktlich zur Europameisterschaft hochkochen zu lassen. Hätte Danckert, auch gerade nachdem die BILD die EM bemühte, um gegen England zu stänkern, nicht ebenso eingreifen und von "unterirdischen Skandalen" sprechen sollen? Seine Funktion als Vorsitzender des Bundestags-Sportausschusses hätte dies sicherlich gerechtfertigt. Wobei unsere Funktion als Mensch, dem ein Mindestmaß an Vernunft innewohnen sollte, schon ausgereicht hätte, um die Unverschämtheiten aus dem Hause Springer anmahnen zu müssen. Dazu muß man keine funktionslose Funktion haben, wie Danckert sie auf seinem Briefkopf stehen hat.

Bevor ich es vergesse: Der Zufall wollte es, dass ich heute zwei Beiträge verfaßt habe, die direkt oder indirekt mit der Welt des Fußballs zu tun haben. Ich lege aber größten Wert darauf zu erwähnen, dass mir die Europameisterschaft keinerlei Interesse abringen kann. Die Aufstachelungen und das Schwenken nationaler Lumpen in allerlei Staatsfarben, liegt mir wenig am Herzen. Außerdem lebe ich weniger in Deutschland als in Ingolstadt. Daher ist mir die deutsche Nationalelf gelinde gesagt gleichgültig, während ich doch noch ein Auge auf den örtlichen Verein werfe.

2 Kommentare:

BL 8. Juni 2008 um 00:35  

Auch mir ringt die Europameisterschaft kein Interesse ab, bis auf den Vorfall, dass Springer sie nutzt, um gegen Polen und Deutsche gleichermaßen zu stänkern. Oder wie viele Blogger es formulieren: Polen und Deutsche gegeneinander zu hetzen. Auch die ZEIT hat's enthüllt und ich habe den Artikel auf mein Blog gepostet, weil man sowas verbreiten muß. Hat diese Springer-Masche nur kommerzielle Gründe, wie die ZEIT vermutet. Oder will man mit solchen Methoden die konservativ-nationalistischen Kräfte, die extrem Rechten sowohl bei uns als auch in Polen stärken?

Thomas Trueten 8. Juni 2008 um 12:09  

Nichts gegen Fußball und Fankultur. Sobald es allerdings um die EM oder WM geht, wird unweigerlich ein schon nicht mehr subtil zu nennender Nationalismus lebendig, der mir gehörig auf den Geist geht. Gleichzeitig fallen entscheidende Themen unter den Teppich. Siehe auch die damalige Debatte um die Rente mit 67, wo beispielsweise in Stuttgart zwar 45000 Menschen gegen diese Angriffe der Regierung demonstrierten, kurze ZEit später es jedoch 300.000 Menschen auf den Schloßplatz zum "Public Viewing zog.

Deshalb ist bei uns auch fußballfreie Zone.

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