De dicto

Montag, 12. Mai 2008

"Linke Antisemiten zweifeln nämlich an der Demokratiefähigkeit Israels. Gleichzeitig drücken sie beide Augen zu bei den autoritären, gewalttätigen Diktaturen der arabischen Länder. Israel-Kritik, auch die lächerlichste und inhaltloseste, wird oft als Vorwand und Tarnung für primitiven Antisemitismus missbraucht. Da sind die rechten Antisemiten wenigstens ehrlicher und direkter."
- BILD-Zeitung, Michel Friedman am 10. Mai 2008 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Mit unliebsamer Kritik konfrontiert, neigen wohl die meisten Menschen dazu, den Kritiker verächtlich zu machen, ihn in das Abseits von nicht begreifen wollender Dummheit zu drängen. Zuweilen versucht man für unberechtigt gehaltene Kritik mit niederen Beweggründen des Kritikers erklärbar zu machen. So weit scheint Friedmans beschränkte Argumentationskraft noch nachvollziehbar, doch ethisch verwerflich ist es trotzdem, wenn man berechtigte Kritik - die übrigens an jedem Staat, an jeder Ideologie, an jeder Denkweise vorfindbar ist - sofort in jene Richtung stößt, die gerade in Deutschland empfindliche Konsequenzen mit sich bringen kann.

Freilich beschreibt Friedman in der Folge, wie die Demokratie innerhalb Israels blüht und gedeiht. Doch linke Kritik richtet sich auch meist nicht an die innerpolitischen Verhältnisse - an der Demokratie innerhalb des Landes, sofern man nicht gerade Muslim ist, zweifelt kaum jemand -, sondern an jene Mißstände, die den Hass potenzieren, aber auch immer wieder neu erzeugen. Ein Form von Hass, der im Nahen Osten alltäglicher Spielgefährte zu sein scheint, der kaum noch wegzudenken ist. Die Kritik richtet sich im Regelfall gegen jene Doppelmoral, die Selbstmordattentate schärfstens verurteilt - zu recht! -, aber gleichzeitig Raketenangriffe, die sogenannte Kollateralschäden mit sich bringen, frag- und kritiklos in Kauf nimmt. Gegen jene Vorgehensweise, die palästinensische Siedler aus ihren dürftigen Häusern zerrt, selbige mit Baggern niederreißt und die nun Obdachlosen hinter einem gigantischen "Schutzwall" neu ansiedelt. Gegen jene Selbstgerechtigkeit, die Atomwaffen, die in Händen einer arabischen Nation sind, zu einem Verbrechen erklärt - zu recht! -, aber eigene Atomwaffen mit dem Recht auf Selbstschutz rechtfertigt. Dies alles entbehrt eines demokratischen Verständnisses, eines aufgeklärten und humanen Denkens und muß Kritik nicht nur dulden, sondern geradewegs abverlangen.

Es ist Gebot jeden aufgeklärten Sichauseinandersetzens mit der Welt, hier die Augen nicht zu verschließen und den Mund nicht zu halten. Dabei spielt es keine Rolle, ob jene die verfehlen jüdisch oder arabisch sind, oder europäisch und amerikanisch, ob weiblich oder männlich, gar hetero- oder homosexuell. All diese Oberflächlichkeiten sind nicht Grundlage einer Kritik - dürfen auch gar keine Grundlage sein. Würde die Kritik haltmachen, in der Annahme, dass jüdisches Fehlhandeln anders zu bewerten sei, wie das Fehlhandeln anderer Religionen oder Völker, so würde sich der Kritiker eines latenten Rassismus schuldig machen. Das Verbrechen, die Dummheit, die Dreistigkeit, die Gewalt, kurz: all jene Unwerte, deren sich Israel ebenso schuldhaft macht, wie es islamische Terroristen tun - egal wie verzweifelt sie in dem Moment sind, da sie sich einen Sprengstoffgürtel um die Hüften werfen -, sind keine Unwerte, die an eine Nationalität oder Religion gebunden sind. Sie sind unabhängig, geradezu international, in jedem Winkel der Erde anzutreffen. Schon alleine darum ist es eine Frechheit, ja geradezu ein intellektuelles Armutszeugnis Friedmans, jegliche Kritik am Staate Israel - sofern sie nicht von der Rechten kommt - a priori mit dem Prädikat "Antisemitismus" zu versehen.

Soll noch angemerkt werden, dass es ebenso dreist vom Springer-Primus ist, dieserlei geistige Bankrotterklärungen - das Thema offene Diskussion, freie Meinung und Kritik betreffend - abzudrucken? Doch wahrscheinlich konnte sich der verantwortliche Redakteur nicht dagegen wehren - gestehen wir ihm zu, dass er sich gerne dagegen gewehrt hätte -, denn auch er hat wohl die Zusatzvereinbarungen unterzeichnet, die seinem Arbeitsvertrag beigelegt waren. Darin haben sich alle BILD-Mitarbeiter an die fünf Grundsätze des Verlages zu halten. Unter anderem an den, zur Aussöhnung zwischen Deutschland und dem jüdischen Volk beizutragen. Wie aber freche Unterstellung und damit konform gehendes Mundtotmachen zur Aussöhnung beitragen sollen, wissen aber einmal mehr nur die BILD-Verantwortlichen. Wahrscheinlich dachte man sich dabei, dass jedes Mittel recht ist, um eine Diskussion über den Staat Israel im Keime zu ersticken. Im Zweifelsfall ist der Kritiker eben Antisemit - so wie er in anderen Fällen eben Sozialromantiker, Gutmensch oder potenzieller Terroristensympathisant ist.

3 Kommentare:

Roger Beathacker 13. Mai 2008 um 23:15  

"Die Kritik richtet sich im Regelfall gegen jene Doppelmoral, die Selbstmordattentate schärfstens verurteilt - zu recht! -, aber gleichzeitig Raketenangriffe, die sogenannte Kollateralschäden mit sich bringen, frag- und kritiklos in Kauf nimmt.

Heute gab es einen sehr guten Beitrag mit dem Titel: "War made easy"auf Phoenix, in dem gerade dieser Punkt auch zur Sprache kam. Gegenstand war zwar nicht die israelische sondern die amerikanische Aussenpolitik und Kriegspropaganda, doch die signifikanten Aspekte sind sicher nicht auf einzelne Nationen beschraenkt.

Einer davon: seit dem ersten Weltkrieg nimmt der Anteil der zivilen Kriegsopfer staendig zu. Dem Bericht zufolge lag er im 1. Weltkrieg bei 10%, im 2. Weltkrieg bei 50%, im Vietnamkrieg bei 70% und im 2.Golfkrieg bei 90(!)%.

Vielleicht (hoffentlich) wird dieser Beitrag ja noch wiederholt gezeigt.

Roberto J. De Lapuente 14. Mai 2008 um 09:16  

Bereits der Amerikanische Bürgerkrieg spannte die Zivilbevölkerung in ihr perverses Handeln mit ein. Da wurden - vornehmlich in den Südstaaten - ganze Städte niedergebrannt. Berichte erzählen davon, wie Zivilisten ermordet wurden. Dies sicher alles noch im Rahmen, der für uns heute - zynisch genug - tolerabel wäre. Damals war diese neue Form der Kriegsführung revolutionär, so wie der Civil War generell ein gänzlich neuer Krieg war, weil er die gesamten Gesellschaften - im Norden wie im Süden - in das Kriegsgeschehen verstrickte. Hier erblühte zum erstenmal das, was später als "totaler Krieg" bezeichnet werden sollte.

Die moderne Kriegsführung tut gerne so, als wäre sie eine verfeinerte Form des Tötens geworden. Tatsache ist aber, dass die moderne Kriegsführung - aus Sicht eines Prinz Eugen z.B. - eine verkrüppelte, ja gänzlich stümperhafte Form des Krieges darstellt. Wenn von zehn Toten, nur einer Soldat war, dann kann man nicht mehr von Krieg sprechen, sondern von einer modernen Form des Abschlachtens. Unsere ach so modernen Zeiten ermöglichen es, dass man anonym töten kann und willkürlich auch Unbeteiligte mittöten darf. Man nennt dies dann Kollateralschaden. Zynisch wie eh und je, aber legitimiert durch einen Zeitgeist, der Effektivität über alles stellt.

Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die Quote ziviler Opfer immer weiter anstieg.

Übrigens: Lieber Roger, ich danke sehr für Deine beiden Kommentare. Auch Dein Blog scheint sehr interessant zu sein.

Anonym 3. Juli 2011 um 00:28  

66 Jahre nach Kriegssende ringt sich erstmals eine linke Partei in Deutschland durch, das Existenzrecht Israels als einen Grundsatzgedanken festzuhalten, wie heute geschehen.
Das muss man sich mal reinziehen...

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